Als mich Doktor Bresser zu Frau Simon geführt und mich derselben als Krankenpflegerin vorstellte, nickte sie mit dem Kopfe, wandte sich aber sogleich wieder ab, um einen Befehl zu erteilen. Ihre Züge konnte ich in dem zweifelhaften Lichte nicht erkennen.
Fünf Minuten später waren wir auf der Fahrt nach Horonewos. Ein Leiterwagen, der eben von dort Verwundete gebracht, diente uns als Fahrgelegenheit. Wir saßen auf dem Stroh, das vielleicht noch blutig war von der vorigen Fracht. Der Soldat, welcher neben dem Kutscher saß, hielt eine Laterne, welche unstäten Schein auf unsere Straße warf. „Böser Traum — böser Traum“: immer mehr und mehr hatte ich den Eindruck, einen solchen durchzumachen. Das Einzige, was mich an die Wirklichkeit meiner Lage mahnte und was mir zugleich eine Beruhigung war, war Doktor Bressers Nähe. Ich hatte meine Hand in die seine gelegt und sein anderer Arm unterstützte mich:
„Lehnen Sie sich an mich, Baronin Martha — armes Kind“, sagte er sanft.
Ich lehnte mich an, so gut ich konnte, aber doch: welche Folterlage! Wenn man sein ganzes Leben lang gewohnt war, auf schwellenden Sitzen, sprungfederigen Wagen und weichen Betten zu ruhen, wie schwer fällt es da — zumal nach einer ermüdenden Tagereise, in einem schüttelnden Leiterwagen zu sitzen, dessen harter Brettergrund nur mit einer Lage blutfeuchten Strohs gepolstert ist. Und ich war doch unverletzt — wie muß erst denen zu Mute sein, die mit zerschmetterten Gliedern, mit hervorstehenden Knochensplittern auf solchem Fuhrwerk über Stock und Stein gejagt werden?
Bleischwer fielen mir die Lider zu. Ein wehthuendes Schläfrigkeitsgefühl peinigte mich. Bei der Unbequemlichkeit meiner Lage — alle Glieder schmerzten mich — bei der Erregtheit meiner Nerven war ja Schlaf unmöglich; desto grausamer wirkte das nicht zu bannende Schlafbedürfnis. Gedanken und Bilder, so verworren wie Fieberträume, wirbelten in meinem Hirn. Alle die Schauerscenen, welche der Regimentsarzt erzählt hatte, wiederholten sich vor meinem Geist, teils mit den Worten des Erzählers selbst, teils als die Gesichts- und die Gehörsvorstellungen, welche diese Worte hervorgerufen hatten: ich sah die schaufelnden Totengräber, sah die Hyänen einherschleichen, hörte die verzweifelten Opfer des in Brand geschossenen Lazareths schreien; und dazwischen fielen, als würden sie laut und in des Regimentsarztes Stimme gesprochen, Worte wie: Aaskrähen, Marketenderbude, Sanitätspatrouille. Das hinderte mich aber nicht daneben auch noch das Gespräch zu vernehmen, welches meine Wagengefährten halblaut miteinander führten: … „Ein Teil der geschlagenen Armee flüchtete nach Königgrätz“, erzählte Doktor Bresser. „Die Festung aber war verschlossen und von den Wällen wurde auf die Flüchtigen geschossen — namentlich auf die Sachsen, die man in der Dämmerung für Preußen hielt. Hunderte stürzten sich in die Wallgräben und ertranken … An der Elbe stockte die Flucht und die Verwirrung erreichte den höchsten Grad. Die Brücken waren von Pferden und Kanonen so vollgestopft, daß das Fußvolk keinen Platz mehr fand … Tausende stürzten sich in die Elbe — auch Verwundete“ …
„Es soll entsetzlich sein in Horonewos“, sagte Frau Simon. „Alles von seinen Bewohnern verlassen — Dorf und Schloß. Sämtliche innere Räume zerstört und doch mit hilflosen Verwundeten angefüllt … Wie wohl wird den Unglücklichen die Labung thun, die wir ihnen bringen! Aber es wird zu wenig — zu wenig sein!“
„Und zu wenig auch unsere ärztliche Hilfe“, versetzte Doktor Bresser. „Wir müßten unserer Hundert sein, um das Erforderliche thun zu können. Es fehlt an Instrumenten und Medikamenten — und hälfen uns auch diese? Die Überfüllung dieser Ortschaften ist derart, daß der Ausbruch gefährlicher Epidemien droht. Die erste Sorge ist stets die, so viel Verwundete als möglich wegzubefördern, aber ihr Zustand ist zumeist ein so jammervoller, daß kein Gewissen den Transport auf sich nehmen kann … sie fortschaffen heißt, sie töten; sie dortlassen, heißt den Hospitalbrand herbeiführen — eine schwere Alternative! Was ich in diesen Tagen — seit der Schlacht von Königgrätz, Schauriges und Trauriges gesehen, das übersteigt alle Begriffe. Sie müssen sich auf das Schlimmste gefaßt machen, Frau Simon.“
„Ich habe langjährige Erfahrung und Mut. Je größer das Elend, desto mehr steigt meine Willenskraft.“
„Ich weiß. Dieser Ruf ist Ihnen vorausgegangen. Ich hingegen, wenn ich so viel Elend sehe, fühle allen Mut sinken und es stockt mir das Herz. Hunderte — ja tausende von Hilfsbedürftigen um Hilfe flehen hören und nicht helfen können — es ist gräßlich! In all diesen um das Schlachtfeld eiligst errichteten Ambulancen fehlte es an Erquickungsmitteln; vor allem: kein Wasser. Die meisten vorhandenen Brunnen sind von den Bewohnern unbrauchbar gemacht worden … weit und breit kein Stück Brot aufzutreiben … Alle Räume, die ein Dach tragen: Kirchen, Meierhöfe, Schlösser, Hütten, sind mit Kranken gefüllt — alles, was einem Wagen gleicht, wird mit einer Ladung Verwundeter weggeführt … Die Straßen bedecken sich nach allen Richtungen mit solchen Höllenkarren — denn wahrlich, was da an Leiden auf Rädern rollt, das ist höllisch. Da liegen sie — Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten — von Blut, Staub und Schmutz bis zur Unkenntlichkeit entstellt, mit Wunden, für die es keine menschenmögliche Hilfe gibt, Klagetöne, Schreie ausstoßend, die nichts Menschliches haben — und doch: die noch schreien können, sind die Beklagenswertesten nicht …“
„Da sterben wohl Viele unterwegs?“
„Gewiß. Oder wenn sie abgeladen worden — in irgend einem überfüllten Raum — enden sie still und unbemerkt auf dem ersten besten Bündel Stroh, auf welches sie sich fallen ließen. Manche still — manche aber auch in verzweifeltem Todeskampfe tobend und rasend, die haarsträubendsten Flüche ausstoßend … Solche Flüche mußte wohl jener Herr Twinnig aus London gehört haben, welcher bei der Genfer Konferenz folgenden Vorschlag machte: „Wenn der Zustand eines Verwundeten nicht die geringste Hoffnung der Heilung übrig läßt, wäre es in diesem Fall nicht angemessen, daß man ihm erst den Trost der Religion spende, ihm, so weit es die Umstände gestatten, einen Augenblick der Sammlung lasse und dann seiner Agonie auf die wenigst schmerzliche Weise ein Ende mache? Man verhinderte dadurch, daß er wenige Augenblicke später stirbt, das Fieber im Gehirn und vielleicht die Gotteslästerung auf der Zunge.“
„Wie unchristlich!“ rief Frau Simon.
„Was? Das Gnadenstoßgeben?“
„Nein — die Ansicht, daß eine inmitten der unerträglichsten Martern ausgestoßene Lästerung der Seele des Gemarterten gefährlich werden könne … So ungerecht ist der Gott der Christen nicht und sicher nimmt er jeden gefallenen Krieger in Gnaden auf“ …
„Mohammeds Paradies wird auch jedem Türken zugesichert, der einen Christen erschlagen hat,“ entgegnete Bresser. „Glauben Sie mir, geehrte Frau Simon, jene Gottheiten alle, welche als kriegslenkend dargestellt werden und deren Beistand und Segen die Priester und Befehlshaber den Kämpfern als Mordlohn versprechen, die sind alle für Lästerungen gleich taub wie für Bitten. Sehen Sie dort hinauf: jener Stern erster Größe, mit rötlichem Lichte — man sieht ihn nur alle zwei Jahre über unseren Häuptern flimmern — oder vielmehr leuchten, er flimmert nicht — das ist der Planet Mars — das dem Kriegsgott gewidmete Gestirn; jenem Gott, der in der alten Zeit so gefürchtet und geehrt wurde, daß er weit mehr Tempel besaß, als die Göttin der Liebe. Schon in der Schlacht bei Marathon, schon in dem engen Paß der Thermopylen hat jener Stern dem Kampf der Menschen blutfarbig vorgeleuchtet und zu ihm stiegen die Flüche der Gefallenen auf; ihn beschuldigten sie ihres Unglücks, während er ahnungslos und friedlich — damals wie heute — die Sonne umkreiste. Feindliche Gestirne? … die gibt es nicht. Der Mensch hat keinen anderen Feind, als den Menschen — der aber ist grimmig genug. — Und auch keinen anderen Freund“, setzte Bresser nach einer kleinen Pause hinzu. „Davon geben Sie selber ein Beispiel, hochherzige Frau, Sie sind —“
„O Doktor!“ unterbrach Frau Simon. „Schauen Sie — dort, der Flammenschein, am Horizont … sicherlich ein brennendes Dorf!“
Ich öffnete die Augen und sah den roten Schein.
„Nein“, sagte Doktor Bresser — „es ist der aufgehende Mond.
Ich versuchte, eine bequemere Stellung anzunehmen und setzte mich ein wenig auf. Fortan wollte ich vermeiden die Augen zu schließen: dieser Zustand des Halbschlafes mit dem Bewußtsein des Nichtschlafens, worin die entsetzlichen Phantasiebilder ihren wilden Reigen aufführten — das war gar so qualvoll … lieber an dem Gespräche der beiden teilnehmen und mich von den eigenen Gedanken losreißen.
Aber der Mann und die Frau waren verstummt. Sie blickten nach der Stelle, wo nun wirklich das Nachtgestirn emporstieg. Und nach einer Weile fielen meine Augen doch wieder zu. Diesmal war es der Schlaf. In der einen Sekunde, in der ich fühlte, daß ich einschlief, daß die Welt um mich aufhörte zu bestehen, empfand ich solche Wonne des Nichtseins, daß mir selbst der Bruder meines Beglückers — der Tod — ganz willkommen gewesen wäre.
Ich weiß nicht, wie lange Zeit ich in dieser negativ-seligen Existenzentrückung zubrachte — aber plötzlich und gewaltsam wurde ich herausgerissen. Kein Lärm, keine Erschütterung war es, was mich geweckt hatte, sondern ein Qualm unerträglich verpesteter Luft.
„Was ist das?!“
Gleichzeitig mit mir riefen auch die anderen diese Frage aus.
Unser Wagen bog um eine Ecke und am Wegrand ward uns die Antwort. Vom Monde hell beleuchtet, ragte da eine weiße Mauer empor, vermutlich eine Kirchhofmauer. Jedenfalls hatte sie als Schutzwehr gedient — am Fuße derselben, aufgeschichtet, lagen zahlreiche Leichen … Der Verwesungsgeruch, der von diesen toten Körpern aufstieg, war es, der mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Als wir vorbeifuhren, hob sich ein dichter Schwarm von Raben und Krähen kreischend von dem Leichenhaufen empor, flatterte eine Zeit lang — wie schwarzes Gewölk gegen den hellen Himmelhintergrund und ließ sich dann wieder zum Schmause nieder …
„Friedrich, mein Friedrich!!“
„Beruhigen Sie sich, Baronin Martha“, tröstete mich Bresser; „Ihr Mann konnte nicht dabei gewesen sein.“
Der kutschierende Soldat hatte sein Gespann angetrieben, um schneller aus dem Bereiche des mephitischen Dunstes hinwegzukommen; das Fuhrwerk rasselte und stolperte dahin, als wären wir auf wilder Flucht. Ich glaubte, die Pferde gingen durch … zitternde Angst erfaßte mich. Mit beiden Händen klammerte ich mich an Bressers Arm; aber den Kopf mußte ich zurück wenden, um dorthin, nach jener Mauer zu schauen und — war es das täuschende Licht des Mondes, waren es die Bewegungen der auf ihre Beute zurückgekehrten Vögel? — mir war es, als regte sich diese ganze Schar von Toten, als streckten uns diese Leichname die Arme nach, als rüsteten sie sich, uns zu verfolgen …
Ich wollte schreien, aber die furchtgepreßte Kehle versagte mir den Dienst.