Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

55. Viertes Buch. 1866.
10. Abschnitt

Es war spät abends, als ich in Königinhof anlangte. Meine Reisegefährten hatten an einer früheren Station bleiben müssen. Ich war allein — in Furcht und Bangen. Wie, wenn Doktor Bresser verhindert worden wäre, zu kommen? Was sollte ich dann hier beginnen? Zudem war ich von der Fahrt wie gerädert, von den durchgemachten Trauer- und Schauerempfindungen ganz entnervt. Wäre nicht die Sehnsucht nach Friedrich gewesen, so hätte ich mir nur noch den Tod gewünscht. Sich hinlegen können und einschlafen und nie wieder erwachen in einer Welt, in der es so grausam und wahnsinnig zugeht! … Nur eins nicht: am Leben bleiben und Friedrich unter den Vermißten wissen!

Der Zug hielt. Mühsam und zitternd stieg ich aus und nahm mir mein Handgepäck herab. Ich führte ein Handkofferchen bei mir, mit etwas Wäsche für mich und Charpie und Verbandzeug für den Verwundeten; außerdem eine Reise-Toilettentasche. Die hatte ich so gewohnheitsmäßig mitgenommen, in dem anerzogenen Glauben, daß man gar nicht sein könne, ohne die silbernen Büchsen und Kapseln, die Seifen und Wasser, die Bürsten und Kämme. Reinlichkeit — diese Tugend des Körpers, dasselbe, was Ehrlichkeit für die Seele — diese zweite Natur des Kulturmenschen: wie mußte ich jetzt erst erfahren, daß darauf in solchen Zeiten ganz verzichtet werden muß. Nun ja — es ist ja nur folgerichtig: der Krieg ist die Verneinung der Kultur, also müssen durch ihn alle Errungenschaften der Kultur wegfallen; ein Rückschlag in die Wildheit ist er, also muß er alles Wilde im Gefolge haben — darunter auch jenes, dem Edelmenschen so furchtbar verhaßte Ding: den Schmutz.

Die Kiste mit Material für die Spitäler, die ich in Wien für Doktor Bresser besorgt hatte, war mit den anderen Kisten des Hilfskomitees aufgegeben worden — wer weiß wann und wo dieselbe abgeliefert wurde? Ich hatte nichts bei mir, als meine zwei Stück Handgepäck und ein umgehängtes Geldtäschchen, welches mit einigen Hundertgulden-Noten gefüllt war. Schwankenden Schrittes ging ich über die Schienen nach dem Perron. Dort herrschte, trotz der späten Stunde, dasselbe Gewühle, wie auf den anderen Stationen, und immer dasselbe Bild: Verwundete — Verwundete. Nein, nicht dasselbe Bild: ärger noch. Königinhof war ein Ort, der mit diesen Unglücklichen überfüllt war; es gab im ganzen Ort keinen unbelegten Raum, und nun hatte man die Kranken scharenweise zur Eisenbahn gebracht, wo sie, ganz notdürftig verbunden, überall umherlagen, auf der Erde, auf den Steinen …

Es war eine finstere, mondlose Nacht; der Schauplatz war nur durch drei oder vier an Pfählen befindliche Laternen beleuchtet. Erschöpft und schlaf-, beinahe todesschlafbedürftig, sank ich auf die freie Ecke einer Bank und legte mein Gepäck vor mir auf den Boden.

Ich hatte vorerst nicht den Mut, mich umzusehen, ob unter den vielen Menschen, die hier geschäftig hin und her schossen, auch Doktor Bresser sei. Fast war ich überzeugt, daß ich ihn nicht finden würde. Es gab ja zehn Chancen gegen eine, daß er verhindert worden zu kommen, oder daß er zu einer anderen als zur bezeichneten Stunde hier einträfe; einen regelmäßigen Verkehr gab es ja überhaupt nicht mehr: mein Zug war gewiß viel später eingetroffen, als in der Fahrordnung verzeichnet stand. Ordnung: auch ein Kulturbegriff — mit dem war ja ringsum gleichfalls gebrochen …

Mein Unternehmen erschien mir jetzt als ein wahnwitziges. Dieses vermeintliche Rufen Friedrichs — glaubte ich denn sonst an derlei mystische Dinge? — es entbehrte sicher aller Begründung. Wer weiß — vielleicht war Friedrich auf dem Weg nach Hause — vielleicht auch tot — warum suchte ich ihn hier? Eine andere Stimme begann jetzt nach mir zu rufen, andere Arme breiteten sich mir entgegen: Rudolf, mein Sohn — wie würde der nach der „Mama“ gefragt haben und nicht haben einschlafen können, ohne den mütterlichen Gutenachtkuß … Wohin würde ich mich hier wenden, wenn ich Bresser nicht fände? Und die Hoffnung, ihn zu finden, war mir plötzlich so gering geworden, wie unter hunderttausenden von Losen die Hoffnung auf einen Haupttreffer. Zum Glück hatte ich mein Täschchen mit dem Gelde — der Besitz von Banknoten bietet immer Auskunftsmittel. Unwillkürlich griff ich an die Stelle, wo das Täschchen hängen sollte … Großer Gott! Der Riemen, an welchem es befestigt gewesen, abgerissen — das Täschchen fort — verloren! … Welcher Schlag! Und doch, ich brachte es zu keiner Anklage gegen das Schicksal; ich vermochte nicht, zu jammern: „Zufall, wie hart triffst du mich“, denn in einer Zeit, wo rings das Unglück hagelte, über das eigene Unglückchen klagen, da hätte man vor sich selber sich seiner Selbstsucht schämen müssen. Und zudem: für mich gab es nur eine schreckliche Möglichkeit: Friedrichs Tod — alles Andere war nichts.

Ich musterte alle Anwesenden: kein Doktor Bresser.

Was nun beginnen? An wen mich wenden? Ich hielt einen Vorübergehenden an:

„Wo kann ich den Stationschef finden?“

„Sie meinen den Dirigenten der hiesigen Krankenstation, Stabsarzt S.? Dort steht er.“

Den hatte ich zwar nicht gemeint, aber vielleicht konnte er mir Auskunft über Doktor Bresser geben. Ich näherte mich der bezeichneten Stelle. Der Stabsarzt sprach eben mit einem vor ihm stehenden Herrn:

„Es ist ein Elend“, hörte ich ihn sagen. „Man hat hier und in Turnau Depots für alle Hospitäler des Kriegsschauplatzes errichtet; die Gaben strömen massenhaft zu — Wäsche, Lebensmittel, Verbandzeug so viel man will — aber was damit beginnen? Wie abladen — wie sortieren — wie weitersenden? Es fehlt uns an Händen — wir würden hundert rührige Beamte brauchen —“

Schon wollte ich den Stabsarzt ansprechen, als ich einen Mann auf ihn zueilen sah, in dem ich — o Freude — Doktor Bresser erkannte. In meiner Erregung fiel ich dem alten Hausfreund um den Hals.

„Sie? Sie, Baronin Tilling? Was machen Sie denn hier?“

„Ich bin gekommen, zu helfen, zu helfen … Ist Friedrich nicht in einem Ihrer Spitäler?“

„Ich habe ihn nicht gesehen.“

War mir diese Nachricht Enttäuschung oder Erleichterung? — Ich weiß es nicht. Er war nicht da … also entweder tot oder unversehrt … übrigens, Bresser konnte unmöglich alle Verwundeten der Umgebung erkannt haben — ich mußte selber alle Lazarethe absuchen.

„Und Frau Simon?“ fragte ich weiter.

„Die ist schon seit mehreren Stunden hier … eine herrliche Frau! Rasch entschlossen, umsichtig … Jetzt ist sie eben beschäftigt, die hier liegenden Verwundeten in leerstehende Eisenbahnwaggons unterzubringen. Sie hat erfahren, daß in einem nahen Orte — in Horonewos — die Not am größten sei. Dort will sie hinfahren und ich begleite sie.“

„Ich auch, Doktor Bresser! Lassen Sie mich mitkommen“ …

„Wo denken Sie hin, Baronin Martha? Sie, so zart und verwöhnt — derlei harte, bitterharte Arbeit — —“

„Was soll ich sonst hier thun?“ unterbrach ich. „Wenn Sie mein Freund sind, Doktor, helfen Sie mir mein Vorhaben ausführen … ich will ja Alles thun, jeden Dienst verrichten … Stellen Sie mich der Frau Simon als freiwillige Krankenpflegerin vor und nehmen Sie mich mit — aus Barmherzigkeit nehmen Sie mich mit!“

„Wohlan, Ihr Wille geschehe. Da ist die tapfere Frau — kommen Sie“ …