Wieder bog der Wagen um eine Straßenecke.
„Hier sind wir, das ist Horonewos“, hörte ich den Doktor sagen, und er befahl dem Kutscher, zu halten.
„Was beginnen wir mit der Frau?“ klagte Frau Simon — „die wird uns eher ein Hindernis sein — statt einer Hilfe.“
Ich raffte mich auf:
„Nein, nein“, sagte ich — „es ist mir jetzt besser … Ich will Ihnen helfen, so gut ich kann.“
Wir befanden uns inmitten des Ortes, vor dem Thore eines Schlosses.
„Hier wollen wir zuerst sehen, was sich thun läßt“, sagte der Doktor. „Das Schloß, von seinen Besitzern verlassen, soll vom Keller bis zum Dache mit Verwundeten angefüllt sein.“
Wir stiegen ab. Ich konnte mich kaum auf den Füßen halten, strengte aber meine äußerste Kraft an, um dies nicht merken zu lassen.
„Vorwärts!“ sagte Frau Simon. „Haben wir alle unsere Gepäcksachen? Was ich mitführe, wird den Leuten Labung bringen.“
„Auch in meinem Kofferchen befinden sich Stärkungsmittel und Verbandszeug“, sagte ich.
„Und meine Handtasche enthält Instrumente und Arzneien“, fügte Bresser hinzu, dann gab er den uns begleitenden Soldaten die nötigen Befehle: zwei sollten bei den Pferden bleiben, die übrigen mit uns kommen.
Wir traten unter das Schloßthor. Dumpfe Klagelaute von verschiedenen Seiten … Alles finster — —
„Licht! Da macht doch vor allem Licht!“ schrie Frau Simon.
O weh, alles mögliche hatten wir mitgebracht: Chokolade und Fleischextrakt, Cigarren und Leinwandstreifen — aber an eine Kerze hatte niemand gedacht. Keine Möglichkeit, das Dunkel, das uns und die Unglücklichen umgab, aufzuhellen. Nur eine Schachtel Zündhölzer, welche der Doktor in der Tasche trug, half uns für einige Sekunden die schrecklichen Bilder zu sehen, welche diese Stätte des Elends füllten. Der Fuß glitt auf dem von Blut schlüpfrigen Boden aus, wenn man sich weiter bewegen wollte. Was nun? Zu den hundert Verzweifelten, welche hier stöhnten und seufzten, waren nur noch ein paar Verzweifelnde und Seufzende mehr hinzugekommen: „Was nun, was nun?“
„Ich will das Haus des Pfarrers aufsuchen“, sagte Frau Simon, „oder sonst im Dorfe Beistand holen. Kommen Sie, Doktor, geleiten Sie mich mit Ihren Streichhölzern zum Ausgang zurück; und Sie, Frau Martha, bleiben indessen hier —“
Hier, allein — im Finstern, inmitten dieser wimmernden Leute, in dem erstickenden Geruch? Das war eine Lage! Mir schauderte bis in das Knochenmark. Aber ich widersprach nicht.
„Ja“, sagte ich — „ich bleibe an dieser Stelle und warte, bis Sie mit Licht zurückkommen.“
„Nein“, rief Bresser, indem er meinen Arm in den seinen schob, „kommen Sie mit — Sie dürfen in diesem Fegefeuer nicht zurückbleiben — unter den vielleicht fiebertollen Menschen.“
Ich war dem Freunde für dieses Vorgehen dankbar und klammerte mich fest an seinen Arm — das Zurückbleiben in diesen Räumen hätte mich vielleicht wahnsinnig gemacht vor Angst … Ach, ich war doch ein feiges, hilfloses Geschöpf, dem Unglück und den Schrecken nicht gewachsen, in welche ich mich da begeben hatte … Warum war ich nicht zu Hause geblieben? Dennoch, wenn ich Friedrich wiederfände? Wer weiß, ob er nicht in diesen dunklen Räumen lag, die wir eben verließen? Ich rief — während des Hinausgehens — öfter seinen Namen, aber das gehoffte und gefürchtete „Hier bin ich, Martha!“ ward mir nicht zurückgerufen.
Wir traten wieder ins Freie. Der Wagen stand noch auf derselben Stelle. Doktor Bresser entschied, daß ich wieder aufsteigen solle.
„Frau Simon und ich gehen indessen im Dorfe Hilfe suchen“, sagte er, „und Sie bleiben hier.“
Ich fügte mich gern, denn meine Füße konnten mich kaum tragen. Der Doktor half mir aufsteigen und richtete mir mit dem umliegenden Stroh einen Sitz zurecht. Zwei Soldaten blieben bei dem Wagen zurück. Die übrigen wurden von Frau Simon und dem Doktor mitgenommen.
Nach einer halben Stunde ungefähr kam die ganze Expedition zurück. Erfolglos. Der Pfarrhof zerstört, wie alles Andere, und leer; sämtliche Häuser Ruinen; nirgends ein Licht aufzutreiben gewesen: — es blieb jetzt nichts Anderes übrig, als den Anbruch des Tages abzuwarten. Wie viele von den Unglücklichen, denen unser Kommen schon Hoffnung erweckt hatte und welche unsere Hilfe jetzt noch hätte retten können, würden in dieser Nacht wohl sterben?
War das eine lange, bange Nacht! Obwohl thatsächlich nur noch drei bis vier Stunden bis zu Sonnenaufgang vergingen, wie endlos mußten uns diese Stunden scheinen, deren Verlauf — statt durch die Pendelschläge einer Uhr — durch die ohnmächtigen Hilferufe leidender Mitmenschen markiert war.
Endlich dämmerte der Morgen. Jetzt konnte gehandelt werden. Frau Simon und Doktor Bresser machten sich neuerdings auf den Weg, um vielleicht doch noch einige der versteckten Dorfbewohner aufzustöbern. Es gelang. Aus den Trümmern krochen hier und da ein paar Bauern hervor — zuerst störrisch und mißtrauisch; als jedoch Doktor Bresser sie in ihrer Muttersprache anredete und Frau Simon mit ihrer sanften Stimme ihnen zusetzte, ließen sie sich herbei, ihre Dienste zu leihen. Es hieß vor Allem, noch sämtliche anderen versteckten Einwohner auftreiben, damit sie bei der Arbeit behilflich seien: die umherliegenden Toten begraben, die Brunnen in Stand setzen, um für die Lebenden Wasser zu schöpfen; die auf den Wegen zerstreuten Feldkessel zusammensuchen, um Geschirre zu schaffen; die Tornister der Gestorbenen und Gefallenen ausleeren und die darin befindliche Wäsche für die Verwundeten verwenden. Jetzt kam auch ein preußischer Stabsarzt mit Leuten und Hilfsmitteln an — und so konnte endlich mit einigem Erfolg daran gegangen werden, den Unglücklichen Hilfe zu bringen. Nun war auch für mich der Augenblick gekommen, da ich vielleicht Denjenigen finden würde, auf dessen vermeintlichen Ruf ich die unselige Fahrt unternommen; dieser Gedanke peitschte meine gebrochenen Kräfte wieder einigermaßen auf.
Frau Simon begab sich in Begleitung des preußischen Stabsarztes vorerst in das Schloß, wo die meisten Verwundeten lagen. Doktor Bresser wollte die übrigen Räume des Dorfes durchsuchen. Ich zog es vor, mich dem Freunde anzuschließen und ging mit diesem. Daß Friedrich in dem Schlosse nicht lag, hatte der Doktor bereits auf einem früheren Rundgang konstatiert.
Wir hatten kaum hundert Schritte gemacht, als laute Klagerufe an unser Ohr schlugen. Dieselben drangen aus dem offenen Thor der kleinen Dorfkirche. Wir traten ein. Über hundert Menschen lagen auf dem harten Steinboden — schwerverwundet, verstümmelt. Fiebernden und irrenden Blickes schrien und jammerten sie nach Wasser. Schon an der Schwelle war mir zum Umsinken — ich schritt aber dennoch die Reihen durch: ich suchte ja Friedrich … Er war nicht da.
Bresser mit seinen Leuten machten sich bei den Armen zu schaffen; ich stützte mich an ein Seitenaltar und blickte mit unnennbarem Schaudern auf das Jammerbild.
Und das war der Tempel des Gottes der ewigen Liebe — das waren die wunderthätigen Heiligen, welche da in den Nischen und an den Wänden fromm die Hände falteten und ihre Köpfe unter dem goldstrahlenden Glorienschein emporhoben? …
„O Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes … einen Tropfen Wasser … erbarme dich!“ hörte ich einen armen Soldaten flehen. Das hatte er zu dem buntbemalten, tauben Bilde wohl schon tagelang vergebens gebetet. — O, ihr armen Menschen, ehe ihr nicht dem Gebot der Liebe gehorcht, das ein Gott in eure Herzen gelegt hat, werdet ihr immer vergebens die Liebe Gottes anrufen — so lange unter euch die Grausamkeit nicht überwunden ist, habt ihr von himmlischem Mitleid nichts zu hoffen …