Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde ließ sich Tilling bei mir anmelden. Vorher hatte ich in die roten Hefte folgende Eintragung gemacht:
„Ich ahne, daß der heutige Tag über mein Schicksal entscheiden wird. Mir ist so feierlich und bang, so süß erwartungsvoll zu Mute. Diese Stimmung muß ich in diesen Blättern fixieren, damit, wenn ich einst nach langen Jahren darin blättere, ich mir recht lebhaft die Stunde ins Gedächtnis zurückrufen könne, welcher ich jetzt so bewegt entgegensehe. Vielleicht kommt es ganz anders, als ich denke — vielleicht auch genau so … jedenfalls wird es mich einst interessieren, zu sehen, wie weit Voraussicht und Wirklichkeit sich deckten. — — — Der Erwartete liebt mich — das bewies mir sein am Sterbelager der Mutter geschriebener Brief; er ist wiedergeliebt — das muß ihm das Röslein im Totenkranz verraten haben … Und nun kommen wir zusammen — ohne Zeugen — im Innersten bewegt — er trostbedürftig — ich vom Wunsche zu trösten durchdrungen: ich glaube, es wird gar nicht viel Worte geben … Thränen in unserer beiden Augen, zitternd vereinte Hände — und wir werden uns verstanden haben … Zwei liebende, zwei glückliche Menschen — ernsthaft, weihevoll, leidenschaftlich, andächtig glücklich — während in der Gesellschaft die Sache gleichgültig und trocken etwa so verkündet wird! „Wissen Sie schon? die Martha Dotzky hat sich mit Tilling verlobt — eine miserable Partie.“ … Es ist zwei Uhr und fünf Minuten — jetzt kann er jeden Augenblick eintreten. — Die Glocke … dieses Herzklopfen dieses Zittern, ich fühle, daß — —“
So weit war ich gekommen. Die letzte Zeile ist mit beinahe unleserlichen Buchstaben gekritzelt, ein Zeichen, daß „dieses Herzklopfen, dieses Zittern“ keine bloße rhetorische Figur war.
Voraussicht und Wirklichkeit deckten sich nicht. Tilling verhielt sich während seines halbstündigen Besuches ganz zurückhaltend und kalt. Er bat mich um Verzeihung für die Kühnheit, welche er gehabt, an mich zu schreiben; ich möge dieses Beiseitesetzen der Etikette der Unzurechnungsfähigkeit zu gute halten, welche einen Menschen in so schmerzlichen Augenblicken befallen kann. Dann erzählte er mir noch einiges von den letzten Tagen und aus dem Leben seiner Mutter; aber von dem, was ich erwartet hatte — kein Wort. Und so wurde auch ich immer zurückhaltender und kälter. Als er sich zum Gehen erhob, machte ich keinen Versuch, ihn zu halten und forderte ihn auch nicht auf, wiederzukommen.
Und als er draußen war, stürzte ich wieder zu den noch offen liegenden roten Heften hin und schrieb den unterbrochenen Satz weiter:
„Ich fühle, daß — alles aus ist … daß ich mich schmählich getäuscht habe, daß er mich nicht liebt und jetzt auch glauben wird, daß er mir ebenso gleichgültig ist, wie ich ihm. Beinahe abstoßend habe ich mich benommen. Ich fühle — er kommt nie wieder. Und doch enthält die Welt keinen zweiten Menschen für mich! So gut, so edel, so geistvoll ist keiner mehr — und so lieb wie ich Dich gehabt hätte, Friedrich, so lieb hat Dich keine andere, Deine Prinzessin — zu der Du zurückgekehrt zu sein scheinst — schon gewiß nicht. Mein Sohn Rudolf, Du sollst mein Trost und mein Halt sein. Fortan will ich von Frauenliebe nichts mehr wissen; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfüllen … Wenn es mir gelingt, einen solchen Mann aus Dir zu bilden, wie jener einer ist — wenn ich einst von Dir so beweint werde, Rudolf, wie jener seine Mutter beweint, so werde ich mein Ziel erreicht haben.“
Eigentlich eine thörichte Einrichtung, das Tagebuchschreiben. Diese stets wechselnden, zerfließenden und neu erstehenden Wünsche, Vorsätze und Anschauungen, welche den Lauf des Seelenlebens bilden, durch aufgeschriebene Worte verewigen zu wollen, das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem älteren nachlesenden Ich die immerhin beschämende Erkenntnis der eigenen Veränderlichkeit. Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben Datum, zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet: zuerst die zuversichtlichste Hoffnung — daneben die vollständigste Entsagung und die nächsten Blätter sollten doch wieder ganz Neues berichten …
Der Ostermontag war vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt und die an diesem Tage hergekommenermaßen stattfindende Praterfahrt — eine Art Vorfeier des großen Ersten-Mai-Corso, fiel besonders glänzend aus. Ich weiß noch, wie dieser Glanz, diese Fest- und Lenzwonne, die mich da umgab, mit der Traurigkeit kontrastierte, welche mein Gemüt erfüllte. Und doch — ich hätte meine Traurigkeit nicht hergeben wollen — nicht wieder so heiteren, dabei aber leeren Herzens sein, wie vor etwa zwei Monaten, als ich Tilling noch nicht kannte. Denn wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglückliche war, so war es doch Liebe — das heißt eine Steigerung der Lebensintensität: dieses warme, zärtliche Gefühl, welches mein Herz schwellte, so oft das teure Bild mir vor das innere Auge trat — ich hätte es nimmer missen mögen.
Daß ich den Gegenstand meiner Träume hier im Prater, mitten im Gewühle weiblicher Fröhlichkeit zu Gesicht bekommen würde, erwartete ich nicht. Und doch: als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reit-Allee schweifen ließ, sah ich von weitem, die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend, einen Offizier, in welchem ich sogleich — obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur undeutlich ausnahm — Tilling erkannte. Als er nun in die Nähe kam und, zu uns herübersalutierend, sich mit unserem Wagen kreuzte, da erwiderte ich seinen Gruß nicht nur mit einem Kopfnicken, sondern mit lebhaftem Winken. Im selben Augenblick war ich gewahr, daß ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes gethan.
„Wem hast Du solche Zeichen gemacht?“ fragte meine Schwester Lilli: „War es etwa Papa? … Ah, ich sehe,“ fügte sie hinzu, „da spaziert ja eben der unvermeidliche Konrad — dem galt Deine Handverrenkung?“
Dieses rechtzeitige Erscheinen des „unvermeidlichen Konrad“ kam mir sehr gelegen. Ich war dem treuen Vetter dankbar dafür und bethätigte diese Dankbarkeit sofort:
„Schau, Lilli,“ sagte ich, „er ist doch ein lieber Mensch und gewiß nur wieder Deinetwegen hier — Du solltest Dich seiner erbarmen, Du solltest ihm gut sein … O, wenn Du wüßtest, wie süß es ist, Jemanden lieb zu haben, Du würdest Dein Herz nicht so verschließen. Geh, mach ihn glücklich, den guten Menschen.“
Lilli schaute mich erstaunt an.
„Wenn er mir aber gleichgültig ist, Martha?“
„So liebst Du vielleicht einen anderen?“
Sie schüttelte den Kopf: „Nein, niemand.“
„O Du Arme!“
Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder. Aber denjenigen, nach welchem meine Blicke jetzt spähend umhersuchten, sah ich kein zweites Mal. Er hatte den Prater wieder verlassen.