Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

20. Zweites Buch. Friedenszeit.
10. Abschnitt

Einige Tage später, um die Nachmittagsstunde, trat Tilling bei mir ein. Er traf mich jedoch nicht allein. Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen, und außerdem befanden sich noch Rosa und Lilli, Konrad Althaus und Minister „Allerdings“ in meinem Salon.

Ich hatte Mühe, einen Überraschungsschrei zu unterdrücken: der Besuch kam mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich. Aber mit der Freude war es bald vorüber, als Tilling, nachdem er die Anwesenden begrüßt und sich auf meine Einladung mir gegenüber niedergesetzt hatte, in kaltem Tone sagte:

„Ich bin gekommen, Ihnen meine Abschiedsaufwartung zu machen, Gräfin. Ich verlasse in den nächsten Tagen Wien.“

„Auf lange?“ „Und wohin?“ „Und warum?“ „Und wieso?“ fragten gleichzeitig und lebhaft die anderen, während ich stumm blieb.

„Vielleicht auf immer. — Nach Ungarn. — Zu einem anderen Regiment versetzen lassen. — Aus Vorliebe für die Magyaren,“ gab Tilling nach den verschiedenen Seiten Bescheid.

Indessen hatte ich mich gefaßt.

„Das war ein rascher Entschluß,“ sagte ich möglichst ruhig. „Was hat Ihnen denn unser Wien zu leid gethan, daß Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen?“

„Es ist mir zu lebhaft und zu lustig. Ich bin in einer Stimmung, welche die Sehnsucht nach einsamer Pußta mit sich bringt.“

„Ach was,“ meinte Konrad, „je trüber die Stimmung, desto mehr soll man Zerstreuung suchen. Ein Abend im Carltheater wirkt jedenfalls erfrischender, als tagelange beschauliche Einsamkeit.“

„Das beste, um Sie aufzurütteln, lieber Tilling,“ sagte mein Vater, „wäre wohl ein frischer, fröhlicher Krieg — aber leider ist jetzt gar keine Aussicht dazu vorhanden; der Friede droht sich unabsehbar auszudehnen.“

„Was das doch für sonderbare Wortzusammensetzungen sind,“ konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken: „Krieg und — fröhlich; Friede und — drohen.“

„Allerdings,“ bestätigte der Minister, „der politische Horizont zeigt vor der Hand noch keinen schwarzen Punkt; doch es steigen Wetterwolken mitunter ganz unerwartet rasch auf, und die Chance ist niemals ausgeschlossen, daß eine — wenn auch geringfügige — Differenz einen Krieg zum Ausbruch bringt. Das sage ich Ihnen zum Trost, Herr Oberstlieutenant. Was mich anbelangt, der ich kraft meines Amtes die inneren Angelegenheiten meines Landes zu verwalten habe, so müssen meine Wünsche allerdings nur nach möglichst langer Erhaltung des Friedens gerichtet sein; denn dieser allein ist geeignet, die in meinem Ressort liegenden Interessen zu fördern; doch hindert dies mich nicht, die berechtigten Wünsche derer anzuerkennen, welche vom militärischen Standpunkt allerdings —“

„Gestatten Sie mir, Excellenz,“ unterbrach Tilling, „für meine Person gegen die Zumutung mich zu verwahren, daß ich einen Krieg herbeiwünsche. Und auch gegen die Unterstellung zu protestieren, als dürfe der militärische Standpunkt ein anderer sein, als der menschliche. Wir sind da, um, wenn der Feind das Land bedroht, dasselbe zu schützen, geradeso wie die Feuerwehr da ist, um, wenn ein Brand ausbricht, denselben zu löschen. Damit ist weder der Soldat berechtigt, einen Krieg, noch der Feuerwehrmann, einen Brand herbeizuwünschen. Beides bedeutet Unglück, schweres Unglück, und als Mensch darf keiner am Unglück seiner Mitmenschen sich erfreuen.“

„Du guter, teurer Mann!“ redete ich im Stillen den Sprecher an. Dieser fuhr fort:

„Ich weiß wohl, daß die Gelegenheit zu persönlicher Auszeichnung dem einen nur bei Feuersbrünsten, dem anderen nur bei Feldzügen geboten wird; aber wie kleinherzig und enggeistig muß ein Mensch nicht sein, damit sein selbstisches Interesse ihm so riesig erscheine, daß es ihm den Ausblick auf das allgemeine Weh verrammelt. Oder wie hart und grausam, wenn er es dennoch sieht und nicht als solches mitempfindet. Der Friede ist die höchste Wohlthat — oder vielmehr die Abwesenheit der höchsten Übelthat, — er ist, wie Sie selber sagten, der einzige Zustand, in welchem die Interessen der Bevölkerung gefördert werden können, und Sie wollten einem ganzen großen Bruchteil dieser Bevölkerung — der Armee — das Recht zuerkennen, den gedeihlichen Zustand wegzuwünschen und den verderblichen zu ersehnen? Diesen „berechtigten“ Wunsch großziehen, bis er zur Forderung anwächst, und dann vielleicht sogar erfüllen? Krieg führen, damit die Armee doch beschäftigt und befriedigt werde — Häuser anzünden, damit die Löschmannschaft sich bewähren und Lob ernten könne?“

„Ihr Vergleich hinkt, lieber Oberstlieutenant,“ entgegnete mein Vater, indem er gegen seine Gewohnheit Tilling mit seinem militärischen Titel ansprach, vielleicht um ihn zu ermahnen, daß seine Gesinnungen mit seiner Charge nicht übereinstimmten. — „Feuersbrünste bringen nur Schaden, während Kriege dem Lande Macht und Größe zuführen können. Wie anders haben sich denn die Staaten gebildet und ausgebreitet, als durch siegreiche Feldzüge? Der persönliche Ehrgeiz ist wohl nicht das einzige, was dem Soldaten Freude am Kriege macht, vor allem ist es der nationale, der vaterländische Stolz, der da seine köstliche Nahrung findet; — mit einem Wort, der Patriotismus —“

„Nämlich die Liebe zur Heimat!“ fiel Tilling ein. „Ich begreife wirklich nicht, warum gerade wir Militärs machen, als hätten wir dieses, den meisten Menschen natürliche Gefühl, allein in Pacht. Jeder liebt die Scholle, auf der er aufgewachsen; jeder wünscht die Hebung und den Wohlstand der eigenen Landsleute; aber Glück und Ruhm sind durch ganz andere Mittel zu erreichen, als durch den Krieg; stolz kann man auf ganz andere Leistungen sein, als auf Waffenthaten; ich bin zum Beispiel auf unseren Anastasius Grün stolzer, als auf diesen oder jenen Generalissimus.“

„Wie kann man einen Dichter mit einem Feldherrn nur vergleichen!“ rief mein Vater.

„Das frage ich auch. Der unblutige Lorbeer ist weitaus der schönere.“

„Aber lieber Baron,“ sagte nun meine Tante, „so habe ich noch keinen Soldaten sprechen hören. Wo bleibt da die Kampfbegeisterung, wo das kriegerische Feuer?“

„Das sind mir keine unbekannten Gefühle, meine Gnädige. Von solchen beseelt, bin ich als neunzehnjähriger Junge zum erstenmal zu Feld gezogen. Als ich aber die Wirklichkeit des Gemetzels gesehen, nachdem ich Zeuge der dabei entfesselten Bestialität gewesen, da war es mit meinem Enthusiasmus vorbei, und in die nachfolgenden Schlachten ging ich schon nicht mehr mit Lust, sondern mit Ergebung.“

„Hören Sie, Tilling, ich habe mehr Campagnen mitgemacht als Sie und auch Schauderscenen genug gesehen, aber mich hat der Eifer nicht verlassen. Als ich im Jahre 49 schon als ältlicher Mann mit Radetzky marschierte, war’s mit demselben Jubel wie das erste Mal.“

„Entschuldigen Sie, Excellenz — aber Sie gehören einer älteren Generation an, einer Generation, in welcher der kriegerische Geist noch viel lebendiger war, als in der unseren, und in welcher das Weltmitleid, das nach Abschaffung alles Elends begehrt und jetzt in immer größere Kreise dringt, noch sehr unbekannt war.“

„Was hilft’s? Elend muß es immer geben — das läßt sich nicht abschaffen, ebensowenig wie der Krieg.“ …

„Sehen Sie, Graf Althaus, mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen, jetzt schon sehr erschütterten Standpunkt, auf welchem sich die Vergangenheit allen sozialen Übeln gegenüber verhielt, nämlich den Standpunkt der Resignation, mit der man das Unvermeidliche, das Naturnotwendige betrachtet. Wenn aber einmal beim Anblick eines großen Elends die zweifelnde Frage „Mußte es sein?“ ins Herz gedrungen ist, so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben, und es steigt neben dem Mitleid zugleich eine Art Reue auf — keine persönliche Reue, sondern — wie soll ich sagen? — ein Vorwurf des Zeitgewissens.

Mein Vater zuckte die Achseln. „Das ist mir zu hoch,“ sagte er. „Ich kann Sie nur versichern, daß nicht nur wir Großväter mit Stolz und Freude an die durchgemachten Feldzüge zurückdenken, sondern daß auch die meisten von den Jungen und Jüngsten, wenn befragt, ob sie gern in den Krieg zögen, lebhaft antworten würden: Ja gern — sehr gern.“

„Die Jüngsten — gewiß. Die haben noch den in der Schule eingepflanzten Enthusiasmus im Herzen. Und von den anderen antworten viele dieses „Gern!“, weil es nach allgemeinen Begriffen als männlich und tapfer erscheint, das aufrichtige „Nicht gern“ aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden könnte.“

„Ach,“ sagte Lilli mit einem kleinen Schauder, „ich würde mich auch fürchten … Das muß ja entsetzlich sein, wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen, wenn jeden Augenblick der Tod droht —“

„So etwas klingt aus Ihrem Mädchenmunde ganz natürlich,“ entgegnete Tilling, „aber wir müssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen … Soldaten müssen auch das Mitleid, den Mitschmerz für den auf Freund und Feind hereinbrechenden Riesenjammer verleugnen, denn nächst der Furcht wird uns jede Sentimentalität, jede Rührseligkeit am meisten verübelt.“

„Nur im Krieg, lieber Tilling,“ sagte mein Vater, „nur im Krieg; im Privatleben haben wir, Gott sei Dank, auch weiche Herzen.“

„Ja, ich weiß: das ist so eine Art Verzauberung. Nach der Kriegserklärung heißt es plötzlich von allen Schrecknissen: „Es gilt nicht“. Kinder lassen manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten. „Wenn ich dies oder jenes thue, so gilt es nicht,“ hört man sie sagen. Und im Kriegsspiel herrschen auch solche unausgesprochene Übereinkommen: Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag, Raub ist nicht Raub — sondern Requisition, brennende Dörfer stellen keine Brandunglücke, sondern „genommene Positionen“ vor. Von allen Satzungen des Gesetzbuches, des Katechismus, der Sittlichkeit heißt es da — solange die Partie dauert — „Es gilt nicht.“ Wenn aber manchmal der Spieleifer nachläßt, wenn das verabredete „Gilt nicht“ für einen Moment aus dem Bewußtsein schwindet und man die umgebenden Scenen in ihrer Wirklichkeit erfaßt und dies abgrundtiefe Unglück, das Massenverbrechen als geltend begreift, da wollte man nur noch eins, um sich aus dem unerträglichen Weh dieser Einsicht zu retten: — tot sein.“

„Eigentlich, es ist wahr,“ bemerkte Tante Marie nachdenklich, „Sätze wie: Du sollst nicht töten — sollst nicht stehlen — liebe deinen Nächsten wie dich selbst — verzeihe deinen Feinden —“

„Gilt nicht,“ wiederholte Tilling. „Und diejenigen, deren Beruf es wäre, diese Sätze zu lehren, sind die ersten, welche unsere Waffen segnen und des Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen.“

„Und mit Recht,“ sagte mein Vater. „Schon der Gott der Bibel war der Gott der Schlachten, der Herr der Heerschaaren … Er ist es, der uns befiehlt, das Schwert zu führen, er ist es —“

„Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren,“ unterbrach Tilling, „was sie gethan sehen wollen — und dem sie zumuten, ewige Gesetze der Liebe erlassen zu haben, welche er, — wenn die Kinder das große Haßspiel aufführen —, durch göttliches „Gilt nicht“ aufhebt. Genau so roh, genau so inkonsequent, genau so kindisch wie der Mensch, ist der jeweilig von ihm dargestellte Gott. Und jetzt, Gräfin,“ fügte er hinzu, indem er aufstand, „verzeihen Sie mir, daß ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen habe, und lassen Sie mich Abschied nehmen.“

Stürmische Empfindungen durchbebten mich. Alles, was er eben gesprochen, hatte mir den teuren Mann noch teurer gemacht … Und jetzt sollte ich von ihm scheiden — vielleicht auf Nimmerwiedersehen? So vor anderen Leuten ein kaltes Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen? … Es war nicht möglich: ich hätte, wenn die Thüre sich hinter ihm geschlossen, in Schluchzen ausbrechen müssen. Das durfte nicht sein. Ich stand auf:

„Einen Augenblick, Baron Tilling,“ sagte ich … „ich muß Ihnen doch noch jene Photographie zeigen, von der wir neulich gesprochen.“

Er schaute mich erstaunt an, denn es war zwischen uns niemals von einer Photographie die Rede gewesen. Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des Salons, wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und — wo man sich außer Gehörweite der anderen befand.

Ich schlug ein Album auf und Tilling beugte sich darüber. Indessen sprach ich halblaut und zitternd zu ihm:

„So lasse ich Sie nicht fort … Ich will, ich muß mit Ihnen reden.“

„Wie Sie wünschen, Gräfin — ich höre.“

„Nein, nicht jetzt. Sie müssen wiederkommen … morgen, um diese Stunde!“

Er schien zu zögern.

„Ich befehle es … bei dem Andenken Ihrer Mutter, um welche ich mit Ihnen geweint —“

„Oh Martha!“ …

Der so ausgesprochene Name durchzuckte mich wie ein Glücksstrahl.

„Also morgen,“ wiederholte ich, ihm in die Augen schauend.

„Um dieselbe Stunde.“

Wir waren einig. Ich kehrte zu den andern zurück und Tilling, nachdem er noch meine Hand an seine Lippen geführt und die übrigen mit einer Verbeugung begrüßt hatte, ging zur Thüre hinaus.

„Ein sonderbarer Mensch,“ bemerkte mein Vater kopfschüttelnd. „Was er da alles gesagt hat, würde höheren Ortes kaum Beifall finden.“