Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

76. Fünftes Buch. Friedenszeit.
6. Abschnitt

Und wieder nahte meine schwere Stunde.

Aber diesmal wie so anders, als zu jener Zeit, da Friedrich mich verlassen mußte — um des Augustenburgers willen. Diesmal war er an meiner Seite, auf des Gatten richtigem Posten: durch seine Gegenwart, durch seinen Mitschmerz der Gattin Leiden mildernd. Das Gefühl, ihn da zu haben, war mir ein so beruhigendes und glückliches, daß ich darüber das physische Ungemach beinah vergaß.

Ein Mädchen! Das war unseres stillen Wunsches Erfüllung. Die Freuden, die man an einem Sohne hat, die würde uns ja der kleine Rudolf bieten; jetzt konnten wir dazu auch noch diejenigen Freuden erleben, welche so ein aufblühendes Töchterchen seinen Eltern verschafft. Daß sie ein Ausbund von Schönheit, von Anmut, von Holdseligkeit sein würde, unsere kleine Sylvia, daran zweifelten wir keinen Augenblick.

Wie wir beide nun über der Wiege dieses Kindes selber kindisch wurden, was für süße Albernheiten wir da sprachen und trieben, das will ich gar nicht versuchen zu erzählen. Andere als verliebte Eltern verständen es doch nicht, und alle solche sind wohl selber grad’ so toll gewesen.

Wie das Glück doch selbstisch macht! Es folgte jetzt eine Zeit für uns, in der wir glücklich alles Andere — was nicht unser häuslicher Himmel war — gar zu sehr vergaßen. Die Schrecken der Cholerawoche nahmen in meinem Gedächtnis immer mehr die Gestalt eines entschwundenen bösen Traumes an, und auch Friedrichs Energie in Verfolgung seines Zieles ließ einigermaßen nach. Es war aber auch entmutigend: überall, wo man mit jenen Ideen anklopfte — Achselzucken, mitleidiges Lächeln, wo nicht gar Zurechtweisung. Die Welt will, wie es scheint — nicht nur betrogen, sondern auch unglücklich gemacht werden. So wie man ihr Vorschläge unterbreiten will, das Elend und den Jammer fortzuschaffen, so heißt das „Utopie, kindischer Traum“, und sie will nichts hören.

Dennoch ließ Friedrich sein Ziel nicht gänzlich aus den Augen. Er vertiefte sich immer mehr in das Studium des Völkerrechts, setzte sich in brieflichen Verkehr mit Bluntschli und anderen Gelehrten dieses Zweiges. Gleichzeitig — und zwar mit mir in Gemeinschaft — betrieb er auch fleißig andere, namentlich naturwissenschaftliche Studien. Er plante, über den Gegenstand „Krieg und Frieden“ ein größeres Werk zu schreiben. Doch ehe er sich an die Ausführung machte, wollte er durch lange und eingehende Forschungen sich dazu rüsten und schulen. „Ich bin zwar ein alter k. k. Oberst,“ sagte er, „und die meisten meiner Alters- und Ranggenossen würden es verschmähen, sich mit Lernen abzugeben … man hält sich gewöhnlich für unbändig gescheit, wenn man ein ältlicher Mann in Amt und Würden ist — ich selber, vor einigen Jahren, hatte auch solchen Respekt vor meiner Person … Nachdem sich mir aber plötzlich ein neuer Gesichtskreis aufgethan, nachdem ich einen Einblick in den modernen Geist gewann, da überkam mich das Bewußtsein meiner Unwissenheit … Nun ja, von alledem, was jetzt auf allen Gebieten an neuer Erkenntnis gewonnen worden, davon hat man ja in meiner Jugend gar nichts — oder vielmehr das Gegenteil gelernt. Da muß ich jetzt — trotz der Silberfäden an den Schläfen — wieder von vorne anfangen.“

Den Winter nach Sylvias Geburt verbrachten wir in aller Stille in Wien. Im folgenden Frühjahr bereisten wir Italien. Weltkennenlernen gehörte ja auch zu unserm neuen Lebensprogramm. Frei und reich waren wir, nichts hinderte uns, es auszuführen. Kleine Kinder sind zwar auf Reisen ein wenig lästig, aber wenn man genügendes Personal von Bonnen und Wärterinnen mitführen kann, so läßt es sich schon machen. Ich hatte eine alte Dienerin zu mir genommen, welche einst meine und meiner Schwester Kindsfrau gewesen, dann einen Wirtschaftsbeamten geheiratet hatte und jetzt verwitwet war. Diese „Frau Anna“ war meines vollsten Vertrauens würdig und in ihren Händen konnte ich meine kleine Sylvia mit voller Beruhigung zurücklassen, wenn wir — Friedrich und ich — auf mehrere Tage unser Hauptquartier verließen, um Ausflüge zu machen. Ebensogut war Rudolf bei Mr. Foster, seinem Hofmeister aufgehoben. Doch geschah es häufig, daß wir den achtjährigen kleinen Mann mit uns nahmen.

Schöne, schöne Zeiten! … Schade, daß ich damals die roten Hefte so stark vernachlässigte. Gerade da hätte ich so viel des Schönen, Interessanten und Heitern eintragen können: aber ich habe es unterlassen, und so sind mir die Einzelheiten jener Jahre meist aus dem Gedächtnis entschwunden: nur in großen Zügen kann ich mir noch ein Bild davon zurückrufen.

In das „Friedensprotokoll“ fand ich Gelegenheit, eine erfreuliche Eintragung zu machen. Es war dies nämlich ein Zeitungsartikel, gezeichnet B. Desmoulins, worin der französischen Regierung der Vorschlag gemacht wird, sich an die Spitze der europäischen Staaten zu stellen, indem sie das Beispiel gäbe, abzurüsten.

„So wird sich Frankreich das Bündnis und die aufrichtige Freundschaft aller Staaten sichern, welche dann aufhören würden, sich vor Frankreich zu fürchten, dessen Mithilfe sie benötigten. So würde sich die allgemeine Entwaffnung von selber einstellen, das Prinzip der Eroberung wäre auf immer aufgegeben und die Konföderation der Staaten würde ganz natürlich einen obersten Gerichtshof internationaler Gerechtigkeit bilden, welcher im stande sein wird, auf dem Wege des Schiedsrichteramtes alle Streitigkeiten zu schlichten, welche der Krieg niemals zu entscheiden vermocht. Indem es so handelte, würde Frankreich die einzige reelle und einzige dauerhafte Kraft — nämlich das Recht — auf seine Seite gebracht, und dem Menschengeschlecht auf ruhmreiche Weise eine neue Ära eröffnet haben.“ (Opinion Nationale 25. Juli 1868.)

Beachtung hat dieser Artikel natürlich wieder nicht gefunden.

Im Winter 1868 bis 1869 kehrten wir nach Paris zurück und diesmal — auch von dieser Seite wollten wir das Leben kennen lernen — stürzten wir uns in die „große Welt“.

Es war ein etwas ermüdendes, aber für einige Zeit doch recht genußreiches Treiben. Wir hatten — um ein Zuhause zu haben — uns ein kleines möbliertes Hotel im Viertel der Champs Elisées gemietet, wo wir unseren zahlreichen Bekannten, bei denen wir täglich zu irgend welchen Festen geladen waren, auch manchmal „revanche“ bieten konnten. Von unserem Gesandten beim Tuilerienhofe eingeführt, waren wir für den ganzen Winter zu den Montagen der Kaiserin vergeben; außerdem standen uns die Häuser sämtlicher Botschafter offen, so wie die Salons der Prinzessin Mathilde, der Herzogin von Mouchy, der Königin Isabella von Spanien und so weiter. Auch viele litterarische Größen lernten wir kennen — den größten freilich nicht, denn dieser, ich meine Viktor Hugo, lebte in der Verbannung; doch sind wir Renan, Dumas, Vater und Sohn, Octave Feuillet, George Sand, Arsène Houssaye und einigen Anderen begegnet. Bei dem Letztgenannten haben wir auch einen Maskenball mitgemacht. Wenn der Verfasser der „Grandes dames“ in seinem prachtvollen kleinen Hotel der Avenue Friedland eines seiner venetianischen Feste gab, so war es Gewohnheit, daß daselbst die wirklich großen Damen unter dem Schutze der Maske sich in der Nähe die „kleinen Damen“ — bekannte Schauspielerinnen u. dgl. — besahen, welche hier ihre Diamanten und ihren Witz funkeln ließen.

Wir waren auch sehr fleißige Theaterbesucher. Mindestens dreimal wöchentlich verbrachten wir die Abende entweder in der italienischen Oper, wo Adelino Patti — eben mit dem Marquis de Caux verlobt — die Zuhörerschaft entzückte, oder im Théâtre Francais, oder auch in einem der kleineren Boulevard-Theater, um Hortense Schneider als Großherzogin von Gerolstein oder andere Operetten- und Vaudeville-Berühmtheiten zu sehen.

Es ist doch sonderbar, wie, wenn man in diesen Wirbel des Glanzes und der Unterhaltungen gestürzt ist, wie einem diese kleine „große Welt“ plötzlich so schrecklich wichtig vorkommt und die darin waltenden Gesetze von Eleganz und „chic“ (damals hieß es noch „chic“) eine Art ganz ernsthaft genommener Pflichten auferlegen. Im Theater einen geringeren Platz einnehmen, als eine Prosceniumsloge: in den Bois mit einem Wagen sich zeigen, dessen Gespann nicht tadellos wäre; auf den Hofball gehen, ohne eine von Worth „unterschriebene“ 2000 Franks-Toillette zu tragen; sich zu Tische setzen (Madame la baronne est servie …) auch wenn man keine Gäste hat, ohne sich von dem würdevoll amtierenden maître d’hotel und einigen Lakaien die feinsten Gerichte und edelsten Weine auftragen zu lassen: — das wären alles arge Verstöße …

Wie leicht — wie leicht geschieht es einem, wenn man von dem Räderwerk solcher Existenz erfaßt worden, daß man alle seine Gedanken und Gefühle auf dieses im Grunde gedanken- und gefühllose Treiben verwendet; daß man darüber vergißt, Anteil zu nehmen an dem Gang der wirklichen Welt da draußen — ich meine das Universum — und an dem Bestande der eigenen Welt da drinnen — ich meine das häusliche Glück. Mir wäre es vielleicht so ergangen — aber davor schützte mich Friedrich. Er war nicht der Mann dazu, sich von dem Strudel der Pariser „haute vie“ hinreißen und verschlingen zu lassen. Er vergaß über der Welt, in der wir uns bewegten, weder das Universum, noch unseren Herd. Ein paar Vormittagsstunden blieben uns nach wie vor der Lektüre und der Familie geweiht, und so brachten wir das größte Kunststück fertig, neben dem Vergnügen auch das Glück zu pflegen.

Für uns Österreicher hegte man in Paris viel Sympathie. Oft wurde in politischen Gesprächen auf eine „Revanche de Sadowa“ angespielt, so gewiß als müßte die uns vor zwei Jahren geschehene Unbill wieder gut gemacht werden. Als ob sich überhaupt derlei wieder gut machen ließe! Wenn Schläge nicht anders zu tilgen sind, als wieder durch Schläge — dann kann das Ding ja niemals aufhören. Gerade meinem Mann und mir, weil dieser beim Militär gewesen und den böhmischen Feldzug mitgemacht, gerade uns glaubten die Leute nichts Angenehmeres und Höflicheres sagen zu können, als eine hoffnungsvolle Anspielung auf die bevorstehende Sadowa-Rache, welche bereits als ein geschichtliches, das „europäische Gleichgewicht“ sicherndes und durch politisch-diplomatische Vorkehrungen gesichertes Ereignis behandelt wurde. Eine bei nächster Gelegenheit den „Preußen“ zu gebende Schlappe war eine völkerpädagogische Notwendigkeit. Die Sache würde nicht tragisch ausfallen … nur so etwas den Übermut gewisser Leute dämpfen. Vielleicht genügte zu diesem Zwecke auch schon diese an der Wand hängende Peitsche: sollte der Übermütige etwa kecke Anwandlungen bekommen, so war er ja gewarnt, daß sie auf ihn heruntersausen werde — die Revanche de Sadowa.

Wir lehnten natürlich solche Tröstungen entschieden ab. Altes Unglück wird durch neues Unglück nicht verwischt, ebensowenig als altes Unrecht durch neues Unrecht getilgt werden kann. Wir versicherten, daß wir keinen anderen Wunsch hegten, als den nunmehrigen Frieden nicht mehr gebrochen zu sehen.

Dasselbe war — so behauptete er wenigstens — auch der Wunsch Napoleons Ⅲ. Wir verkehrten so viel mit Personen, welche dem Kaiser ganz nahe standen, daß wir genügend Gelegentheit hatten, dessen politische Gesinnungen, wie er sie in vertraulichen Aussprüchen laut werden ließ, kennen zu lernen. Nicht nur, daß er den momentanen Frieden wünschte, er hegte den Plan, den Mächten allgemeine Abrüstung vorzuschlagen. Aber um dieses auszuführen, fühlte er sich augenblicklich nicht sicher genug im Innern des Landes. Eine große Unzufriedenheit kochte und gährte unter der Bevölkerung, und in der nächsten Nähe des Thrones gab es eine Partei, welche darzustellen bemüht war, daß dieser Thron nicht anders zu festigen wäre, als durch einen auswärtigen glücklichen Krieg: so eine kleine Triumphpromenade am Rhein, und der Glanz und Bestand der napoleonischen Dynastie wäre gesichert. „Il faut faire grand“ meinten diese Ratgeber. Daß der Krieg, welcher im vorigen Jahre über die Luxemburger Frage in Aussicht stand, vereitelt worden, war jenen sehr unlieb: die beiderseitigen Rüstungen waren schon so schön gediehen, und jetzt wäre das Ding überstanden … Aber auf die Länge sei ein Kampf zwischen Frankreich und Preußen doch unvermeidlich … Unaufhörlich ward in dieser Richtung weitergehetzt. Doch nur ein schwaches Echo drang von solchen Dingen zu uns. Dergleichen ist ja man gewöhnt, in den Zeitungen anschlagen zu hören — so regelmäßig, wie die Brandung an der Küste. Dabei braucht man noch nicht an den Sturm zu denken; man lauscht ganz ruhig der Musikkapelle, die am Strande ihre lustigen Weisen spielt — die Brandung gibt nur einen leisen, unbeachteten Grundbaß dazu ab.