Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

77. Fünftes Buch. Friedenszeit.
7. Abschnitt

Das glänzende, von Vergnügungsmühen überbürdete Treiben erreichte seinen Höhepunkt in den Frühlingsmonaten. Da kamen noch die langen Bois-Fahrten in offenem Wagen, die verschiedenen Gemäldeausstellungen, Gartenfeste, Pferderennen, Picknick-Ausflüge hinzu — und bei alledem nicht weniger Theater, nicht weniger Visiten, nicht weniger große Diners und Soiréen, als mitten im Winter. Wir begannen schon stark, uns nach Ruhe zu sehnen. Diese Art Leben hat eigentlich nur dann den wahren Reiz, wenn Koketterie- und Liebschaftsgeschichten damit verbunden sind. Mädchen, welche eine Partie suchen, Frauen, die sich den Hof machen lassen und Männer, die Abenteuer wünschen — für solche bietet jedes neue Fest, bei welchem man den Gegenstand seiner Träume begegnen kann, ein lebhaftes Interesse — aber Friedrich und ich? … Daß ich meinem Gatten unwandelbar treu war, daß ich mit keinem Blick einem anderen gestattete, sich mir mit verwegenen Hoffnungen zu nahen — das erzähle ich ohne jeglichen Tugendstolz. Es ist doch ganz selbstverständlich. Ob ich unter anderen Verhältnissen auch all den Verlockungen widerstanden hätte, denen in solchem Vergnügungswirbel hübsche junge Frauen ausgesetzt sind — das kann ich ja nicht wissen; wenn man aber eine so tiefe und so vollbeglückte Liebe im Herzen trägt, wie ich sie für meinen Friedrich empfand, da ist man doch gegen alle Gefahr gepanzert. Und was ihn anbelangt: war er mir treu? Ich kann nur so viel sagen: ich hab’ es nie bezweifelt.

Als der Sommer ins Land gezogen kam, der „grand-prix“ vorüber war und die verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft Paris zu verlassen begannen — die einen nach Trouville und Dieppe, nach Biarritz und Vichy, die Anderen nach Baden-Baden, die Dritten auf ihre Schlösser — Prinzessin Mathilde nach St. Gratien, der Hof nach Compiègne — da wurden wir mit Aufforderungen, das gleiche Reiseziel zu wählen und mit Einladungen nach den Landsitzen bestürmt; aber wir waren durchaus nicht gesonnen, die eben durchgemachte Luxus- und Vergnügungscampagne des Winters auch noch ins Sommerliche zu übertragen. Nach Grumitz wollte ich vor der Hand nicht zurückkehren: ich fürchtete zu sehr das Wiedererwachen der schmerzlichen Erinnerungen; auch hätten wir dort — der vielen Verwandten und Nachbarschaften wegen — nicht die gewünschte Einsamkeit gefunden. So wählten wir denn abermals als Aufenthaltsort einen stillen Winkel der Schweiz. Wir versprachen unseren pariser Freunden im nächsten Winter wiederzukommen, und traten vergnügt, wie ferienreisende Schüler, unsere Sommerfahrt an.

Was nun folgte, war wirklich eine Erholungszeit. Lange Spaziergänge, lange Lesestunden, lange Spielstunden mit den Kindern und keine Eintragungen in die roten Hefte — letzteres ein Zeichen von Sorglosigkeit und Seelenruhe.

Auch Europa schien damals so ziemlich sorgenlos und ruhig zu sein. Wenigstens sah man nirgends „schwarze Punkte“. Selbst von der berühmten Revanche de Sadowa hörte man nichts mehr verlauten. Den größten Verdruß, den ich damals empfand, der war mir durch die seit einem Jahr bei uns in Österreich eingeführte allgemeine Wehrpflicht bereitet. Daß mein Rudolf einst werde Soldat sein müssen — das konnte ich nicht fassen. Und da phantasieren die Leute von Freiheit!

„Ein Jahr „Freiwilliger“ — tröstete mich Friedrich — „das ist nicht viel.“

Ich schüttelte den Kopf:

„Und wäre es nur ein Tag! Keinen Menschen sollte man zwingen können, ein bestimmtes Amt, das er vielleicht haßt, auch nur einen Tag zu bekleiden, denn an diesem Tag muß er das Gegenteil von dem, was er fühlt zur Schau tragen, muß beschwören, das mit Freuden zu thun, was er verabscheut — kurz, er muß lügen — und meinen Sohn wollte ich vor Allem zur Wahrhaftigkeit erziehen.“

„Dann hätte er um ein paar hundert Jahre später geboren werden müssen, Liebste!“ erwiderte Friedrich. „Ganz wahr kann nur ein ganz freier Mann sein: und mit diesen Beiden — Wahrheit und Freiheit — ist’s noch schlecht bestellt in unseren Tagen, das wird mir — je mehr ich mich in mein Studium vertiefe — desto klarer.“

Jetzt, in unserer Weltabgeschiedenheit, hatte Friedrich zu seinen Arbeiten doppelte Muße und er oblag denselben mit wahrem Feuereifer. So glücklich und zufrieden wir in der Einsamkeit lebten, so blieben wir doch bei dem Entschlusse, den folgenden Winter wieder in Paris zu verbringen. Diesmal aber nicht in der Absicht, uns zu belustigen, sondern um für unsere Lebensaufgabe einigermaßen praktisch zu wirken. Dabei hegten wir zwar nicht die Zuversicht, etwas zu erreichen — aber wenn einem auch nur die Möglichkeit des Schattens einer Chance geboten scheint, für eine Sache, die man als die edelste Sache der Welt erkannt hat, etwas leisten zu können, so empfindet man es als unabweisliche Pflicht, diese Chance zu versuchen. Wir hatten nämlich, wenn wir in unseren traulichen Gesprächen die pariser Erinnerungen rekapitulierten, auch jenes Planes des Kaisers Napoleon gedacht, der uns durch die Mitteilungen seiner Vertrauten zu Ohren gekommen — des Planes, den Mächten Abrüstung vorzuschlagen. Daran knüpften wir unsere Hoffnungen und unsere Projekte. Friedrichs Forschungen hatten ihm die Memoiren Sullys in die Hände gespielt, in welchen der Friedensplan Heinrichs Ⅳ. mit allen Einzelheiten verzeichnet stand. Davon wollten wir dem Kaiser der Franzosen eine Abschrift zukommen lassen; zugleich würden wir versuchen, durch unsere Verbindungen in Österreich und Preußen diese beiden Regierungen auf die Vorschläge der französischen Regierung vorzubereiten; ich konnte dies durch Minister Allerdings bewerkstelligen, und Friedrich besaß in Berlin einen Verwandten, der in einflußreicher politischer Stellung und bei Hofe sehr gut angeschrieben war.

Im Dezember, als wir nach Paris übersiedeln wollten, wurden wir jedoch daran gehindert. Unser Schatz — unsere kleine Sylvia erkrankte. Das waren bange Stunden! … Natürlich traten da Napoleon Ⅲ. und Heinrich Ⅳ. in den Hintergrund: unser Kind im Sterben!

Aber es starb nicht. Nach zwei Wochen war alle Gefahr vorbei. Nur untersagte uns der Arzt, mit der Kleinen während der ärgsten Winterkälte zu reisen. Wir verschoben demnach unsere Abfahrt auf den Monat März.

Diese Krankheit und diese Genesung — die Gefahr und die Rettung —, wie hatten die unsere Herzen erschüttert und dieselben — ich hätte dies nicht mehr für möglich gehalten — einander wieder näher gebracht! Gemeinschaftliches Zittern vor einem gräßlichen Unglück, welches man besonders wegen der Verzweiflung des andern fürchtet, und gemeinschaftlich geweinte Freudenthränen, wenn dieses Unglück abgewendet, das vermag gar mächtig zwei Seelen in eine zu verschmelzen.