Im Mai begaben wir uns nach Paris, um die Ausstellung zu besuchen.
Ich hatte die Weltstadt noch nicht gesehen und war von der Pracht und dem Leben derselben ganz geblendet. Namentlich damals — das Kaiserreich stand auf seinem höchsten Glanzpunkte und sämtliche Kronenträger Europas hatten sich da zusammengefunden — namentlich damals bot Paris ein Bild fröhlichster und friedenssicherster Herrlichkeit. Nicht wie die Hauptstadt eines Landes, sondern wie die Hauptstadt der Internationalität erschien mir damals die — drei Jahre später von ihrem östlichen Nachbar bombardierte — Stadt. Alle Völker der Erde hatten sich in dem großen Champ de Mars-Palaste zu den friedlichen — einzig nützlichen, weil schaffenden und nicht zerstörenden —Kampf des Wettbewerbs versammelt; so viel Kunstwerke und Gewerbewunder waren hier zusammengetragen, daß sich in jedem Beschauer der Stolz regen mußte, in so vorgeschrittener, immer noch weiteren Fortschritt versprechender Zeit zu leben: und neben diesem Stolz mußte natürlich auch der Vorsatz entstehen, den Gang solcher genußspendenden Kulturentwickelung nicht mehr durch brutales Vernichtungswüten zu hemmen. Diese hier als Gäste des Kaisers und der Kaiserin versammelten Könige, Fürsten und Diplomaten konnten doch bei all’ den ausgetauschten Höflichkeiten, Freundlichkeiten, Glückwünschen nicht daran denken, nächstens mit ihren Gastgebern oder untereinander Todesgeschosse zu tauschen? … Nein: ich atmete auf. Dieses ganze blendende Ausstellungsfest schien mir die Bürgschaft, daß jetzt eine Ära von langen, langen Friedensjahren begonnen. Höchstens gegen einen Mongolenüberfall oder so etwas dergleichen konnten diese civilisierten Leute noch das Schwert ziehen, aber gegeneinander? — das erlebten wir wohl nimmermehr. Was mich in dieser Auffassung bestärkte, war die Mitteilung, die mir über einen Lieblingsplan des Kaisers gemacht wurde: allgemeine Abrüstung. Ja, das stand bei Napoleon Ⅲ. fest — ich habe es aus dem Munde seiner nächsten Verwandten und Vertrauten —: bei nächster passender Gelegenheit würde er sämtlichen europäischen Regierungen den Vorschlag unterbreiten, ihren Heeresstand auf ein Minimum herabzusetzen. Das ließ sich hören — das war wohl eine vernünftigere Idee, als diejenige einer allgemeinen Heeresverstärkung. Damit wäre die bekannte Forderung Kants erfüllt, welche in Paragraph 3 der „Präliminar-Artikel zum ewigen Frieden“ also formuliert ist:
„Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören. Dieselben bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu scheinen, reizen diese an, sich einander in Menge der Gerüsteten, die keine Grenzen kennt (o prophetischer Weisenblick!) zu übertreffen, und indem durch die darauf gewendeten Kosten der Friede endlich noch drückender wird, als ein kurzer Krieg, so sind sie selbst Ursachen von Angriffskriegen, um diese Last los zu werden.“
Welche Regierung konnte einen Vorschlag, wie der Franzose ihn plante, ablehnen, ohne sich als eroberungssüchtig zu entlarven? Welches Volk würde gegen solche Ablehnung nicht revoltieren? Der Plan mußte gelingen.
Friedrich teilte meine Zuversicht nicht:
„Vor Allem bezweifle ich,“ sagte er, „daß Napoleon diesen Vorsatz auch aufrichtig hegt. Und wenn auch: der Druck der Kriegspartei würde ihn an der Ausführung hindern. Überhaupt werden die Throninhaber an der Bethätigung solcher, aus der Schablone fallender großer Willensmeinungen von ihrer Umgebung immer gehindert. Zweitens läßt sich einem lebenden Wesen nicht so „mir nichts, dir nichts“ befehlen, daß es aufhöre zu sein. Da setzt es sich zur Wehr.“
„Von welchem lebenden Wesen sprichst Du?“
„Von der Armee. Dieselbe ist ein Organismus und als solcher lebensentfaltungs- und selbsterhaltungskräftig. Gegenwärtig steht dieser Organismus gerade in seiner Blüte, und wie Du siehst — das allgemeine Wehrsystem soll ja auch in anderen Ländern eingeführt werden — ist er eben im Begriffe, sich mächtig auszubreiten.“ —
„Und dennoch willst Du dagegen ankämpfen?“
„Ja, aber nicht, indem ich hintrete und ihm sage: Stirb, Ungeheuer! denn auf das hin würde mir besagter Organismus kaum den Gefallen erweisen, sich tot hinzustrecken. Sondern ich kämpfe dagegen, indem ich für ein anderes, noch ganz schwach aufkeimendes Lebensgebilde eintrete, welches, indem es an Kraft und Ausdehnung zunimmt, das andere verdrängen soll. Daß ich in solchen naturwissenschaftlichen Metaphern spreche — daran bist Du ursprünglich schuld, Martha. Du warst es, welche mich zuerst verleitete, die Werke der modernen Naturforscher zu studieren. Dadurch ist mir die Einsicht aufgegangen, daß auch die Erscheinungen des sozialen Lebens nur dann in ihrer Entstehung verstanden und in ihrem künftigen Verlauf vorausgesehen werden können, wenn man sie als unter dem Einfluß ewiger Gesetze stehend auffaßt. Davon haben die meisten Politiker und hohen Würdenträger keinen blauen Dunst — das löbliche Militär schon gar nicht. Vor einigen Jahren wäre es mir auch nicht in den Sinn gekommen.“
Wir wohnten im Grand-Hôtel auf dem Boulevard des Capucines. Dasselbe war zumeist mit Engländern und Amerikanern gefüllt. Landsleute trafen wir nur wenige: der Österreicher ist nicht reiselustig. Wir suchten übrigens auch keinen Anschluß: meine Trauer war noch nicht abgelegt und wir hegten keinen Wunsch nach geselliger Unterhaltung. Meinen Sohn Rudolf hatte ich natürlich bei mir. Er war jetzt acht Jahre alt und ein wunderbar gescheites Männchen. Wir hatten einen jungen Engländer aufgenommen, der bei dem Kleinen halb Hofmeister-, halb Kindermädchenstelle vertrat. Zu unseren langen Stationen im Ausstellungspalast, sowie auch unseren zahlreichen Ausflügen in die Umgebung, konnten wir den Rudi doch nicht immer mitnehmen und die Zeit des Lernens war ja auch schon für ihn gekommen.
Neu — neu — neu war mir diese ganze hier erschlossene Welt! All’ die von den vier Himmelsgegenden zusammengekommenen Menschen, von überall her die reichsten und vornehmsten; diese Feste, dieser Aufwand, dieses Gewimmel … ich war förmlich betäubt davon. Aber so interessant und genußreich es mir auch war, diese überraschenden und überwältigenden Eindrücke in mich aufzunehmen, so sehnte ich mich im Stillen doch wieder aus dem Getöse hinaus, nach irgend einem abgelegenen, friedlichen Plätzchen, wo ich mit Friedrich und meinem Kinde — meinen Kindern, ich sah ja wieder Mutterfreuden entgegen — in ruhiger Zurückgezogenheit hätte leben können. Es ist doch sonderbar — ich finde es in den roten Heften öfters bestätigt —, wie in der Abgeschlossenheit die Sehnsucht nach Ereignissen und Thaten, nach Erlebnissen und Vergnügungen entsteht und mitten in diesen wieder die Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe.
Von der großen Welt hielten wir uns fern. Nur bei unserem Gesandten Metternich hatten wir einen Besuch abgestattet und dabei erwähnt, daß wir unserer Familientrauer wegen keine Einführung bei Hofe und in die Gesellschaft wünschten. Dagegen suchten wir die Bekanntschaft einiger hervorragender politischer und litterarischer Persönlichkeiten; teils aus persönlichem Interesse und zu geistiger Anregung, teils im Hinblick auf Friedrichs „Dienst“. Trotz der geringen Hoffnungen, die er auf einen greifbaren Erfolg seiner Bestrebungen hatte, verlor er diese niemals aus dem Auge, und er setzte sich mit verschiedenen einflußreichen Personen in Verkehr, von welchen er Förderung seiner Sache, oder mindestens Auskunft über deren Stand erhalten konnte. Wir haben uns damals ein eigenes Büchelchen angelegt — wir nannten es „Friedenspolitik“ — in welches sämtliche, auf diesen Gegenstand bezügliche Urkunden, Notizen, Artikel u. s. w. abschriftlich eingetragen wurden. Auch die Geschichte der Friedensidee, soweit wir von derselben Kenntnis erlangten, haben wir da zu Protokoll gebracht. Daneben die Aussprüche verschiedener Philosophen, Dichter, Juristen und Schriftsteller über „Krieg und Frieden“. Es war bald zu einem stattlichen Bändchen herangewachsen und im Lauf der Zeit — ich habe diese Buchführung bis auf den heutigen Tag fortgesetzt — sind sogar mehrere Bändchen daraus geworden. Wenn man das mit den Bibliotheken vergleicht, die mit Werken strategischen Inhalts gefüllt sind, mit den ungezählten tausenden von Bänden, welche Kriegsgeschichte, Kriegsstudium und Kriegsverherrlichung enthalten, mit den militärwissenschaftlichen und militärtechnischen Lehrbüchern und Leitfäden über Rekrutenabrichtung und Ballistik, mit den Schlachtenchroniken und Generalstabsberichten, Soldatenliedern und Kriegsgesängen: ja dann freilich könnte einen der Vergleich mit den paar Heftchen Friedenslitteratur kleinmütig machen — vorausgesetzt, daß man die Kraft und den Gehalt — namentlich den Zukunftsgehalt — eines Dinges nach dessen Ausdehnung bemessen wollte. Wenn man aber bedenkt, daß eine Samenkapsel in sich die virtuelle Möglichkeit birgt, einen Wald entstehen zu machen, der ganze, über weite Felder ausgedehnte Unkrautmassen verdrängen wird; — und ferner bedenkt, daß die Idee im Reiche des Geistes dasselbe ist, was das Samenkorn im Reiche der Pflanzen — dann braucht man um die Zukunft einer Idee nicht besorgt zu sein, weil sich bisher die Geschichte ihrer Entfaltung in einem kleinen Heftchen aufzeichnen läßt.
Ich will hier einige Stellen anführen, wie sie unser Friedensprotokoll im Jahre 1867 aufwies. Auf der ersten Seite stand ein gedrängter historischer Überblick:
Vierhundert Jahre vor Christus schrieb Aristophanes eine Komödie: „Der Frieden“, in welcher eine humanitäre Tendenz vertreten ist.
Die griechische — später nach Rom verpflanzte — Philosophie vertritt das Streben nach „menschlicher Einheit“ — von Sokrates an, welcher sich „Weltbürger“ nennt, bis zu Terenz, dem „nichts Menschliches fremd“ und zu Cicero, der die „caritas generis humani“ als den höchsten Grad der Vollkommenheit hinstellt.
Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erscheint Virgil und sein berühmtes 4. Hirtengedicht, welches der Welt den ewigen Frieden voraussagt, unter dem mythologischen Gewande des wiedererstandenen goldenen Zeitalters.
Im Mittelalter versuchten die Päpste öfters, sich als Schiedsrichter zwischen den Staaten einzusetzen, aber vergebens.
Im 15. Jahrhundert kam ein König auf die Idee, eine Friedensliga zu bilden. Es war dies Georg Podiebrad von Böhmen, der den Kämpfen von Kaiser und Papst ein Ende machen wollte: er wandte sich dieserhalb an Ludwig Ⅺ. von Frankreich, welcher auf diesen Vorschlag jedoch nicht einging.
Zum Schluß des 16. Jahrhunderts faßte König Heinrich Ⅳ. von Frankreich den Plan einer europäischen Staatenföderation. Nachdem er sein Land von den Schrecken der Religionskriege befreit, wollte er für alle Zukunft die Duldung und den Frieden gesichert sehen. Er wollte die sechzehn Staaten, welche Europa bildeten (Rußland und die Türkei zählten noch zu Asien), in einen Bund vereint wissen. Jeder dieser sechzehn Staaten hätte zwei Abgeordnete zu einem „europäischen Reichstag“ zu schicken gehabt; diesem aus 32 Mitgliedern bestehenden Reichstag wäre die Aufgabe zugefallen, den religiösen Frieden zu gewährleisten und alle internationalen Konflikte zu schlichten. Wenn nun jeder Staat sich verpflichtete, den Entschlüssen des Reichstages sich unterzuordnen, so war damit jedes Element eines zukünftigen europäischen Krieges verschwunden. Der König teilte diesen Plan seinem Minister Sully mit, der denselben begeistert aufnahm und sofort mit den anderen Staaten zu verhandeln begann. Schon war Elisabeth von England, schon der Papst und Holland und mehrere Andere gewonnen; nur das Haus Österreich würde Widerstand geleistet haben, weil ihm territoriale Konzessionen abgefordert worden wären, in die es nicht gewilligt hätte. Ein Feldzug wäre nötig gewesen, um diesen Widerstand zu brechen. Die Hauptarmee hätte Frankreich gestellt, welches von vornherein auf jede Gebietserweiterung verzichtete: einziger Zweck des Feldzugs und einzige dem Hause Österreich aufzulegende Friedensbedingung wäre der Beitritt zum Staatenbund gewesen. Schon waren die Vorbereitungen getroffen und Heinrich Ⅳ. wollte sich selber an die Spitze des Heeres stellen, als er am 13. Mai 1610 — unter der Mordwaffe eines wahnsinnigen Mönches fiel.
Keiner von seinen Nachfolgern und kein sonstiger Souverän hat diesen glorreichen Plan zur Erlangung des Völkerglückes wieder aufgenommen. Die Regenten und Politiker blieben dem alten Kriegsgeist treu; aber die Denker aller Länder ließen die Friedensidee nicht mehr fallen.
Im Jahre 1647 wird die Sekte der Quäker gebildet, deren Grundlage die Verdammung des Krieges bildet. Im selben Jahre veröffentlichte William Penn sein Werk über den zukünftigen Frieden Europas, indem er sich auf den Plan Heinrichs Ⅳ. stützt.
Zu Anfang des 18. Jahrhunderts erscheint das berühmte Buch „La paix perpétuelle“ von dem Abbé de St. Pierre. Gleichzeitig entwickelt denselben Plan ein Landgraf von Hessen und Leibnitz schreibt einen günstigen Kommentar dazu.
Voltaire macht den Ausspruch: „Jeder europäische Krieg ist ein Bürgerkrieg.“ Mirabeau, in der denkwürdigen Sitzung vom 25. August 1790, sagt folgende Worte:
„Vielleicht ist der Augenblick nicht mehr entfernt, da die Freiheit, als unumschränkte Herrscherin über beide Welten, den Wunsch der Philosophen erfüllen wird: die Menschheit von dem Verbrechen des Krieges zu befreien und den ewigen Frieden zu verkünden. Dann wird das Glück der Völker das einzige Ziel des Gesetzgebers sein, der einzige Ruhm der Nationen.“
Im Jahre 1795 schreibt einer der größten Denker aller Zeit, Immanuel Kant, seine Abhandlung „Zum ewigen Frieden“. Der englische Publizist Bentham schließt sich den immer zunehmenden Reihen der Friedensvertreter — Fourrier, Saint-Simon u. a. — mit Begeisterung an; Beranger dichtet „Die heilige Allianz der Völker“; Lamartine „La Marseillaise de la Paix“. In Genf stiftete der Graf Cellon einen Friedensverein, in dessen Namen er mit allen europäischen Herrschern in propagandistische Korrespondenz tritt. Aus Amerika, Massachusetts, kommt der „gelehrte Grobschmied“, Elihu Burritt, daher und streut seine „Oliven-Blätter“ und sein „Funken vom Amboß“ in Millionen Exemplaren in die Welt und führt 1849 den Vorsitz in einer Versammlung der englischen Friedensfreunde. In dem Pariser Kongreß, welcher dem Krimkrieg ein Ende machte, hielt die Friedensidee ihren Einzug in die Diplomatie, indem dem Vertrage eine Klausel beigesetzt ward, welche bestimmt, daß die Mächte sich verpflichten, bei künftigen Konflikten sich vorangehenden Vermittelungen zu unterstellen. Diese Klausel enthält ein dem Prinzip des Schiedsgerichts dargebrachte Anerkennung, — befolgt wurde sie aber nicht.
Im Jahre 1863 schlug die französische Regierung den Mächten vor, einen Kongreß zu veranstalten, bei welchem die Grundlage zu allgemeiner Abrüstung und zu einverständlicher Verhütung künftiger Kriege gelegt werden sollte.
Recht spärlich die Eintragungen, die zu jener Zeit mein Protokoll füllten! Das ist später anders geworden. Sie beweisen aber, daß die Möglichkeit des Weltfriedens schon von altersher ins Auge gefaßt worden war. Nur vereinzelt, von großen Zwischenräumen getrennt, erhoben sich die Stimmen und verhallten — nicht nur unbeachtet, sondern zumeist auch ungehört. Mit allen Entdeckungen, allem Fortschritt, allem Wachstum geht’s nicht anders:
Naht von ferne sich der Frühling,
Zwitschert’s da und dort hervor,
Rückt er weiter in das Land ein,
Schmettert’s laut im großen Chor.
So im weiten Kreis der Zeit
Flüstert’s lang schon da und dort,
Kommt der richtige Moment
Stimmen Alle ein sofort.
(Märzrot)