Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

54. Viertes Buch. 1866.
9. Abschnitt

Das war eine Reise! — Der Regimentsarzt hatte schon lange aufgehört zu sprechen, aber die Auftritte, welche er geschildert, fuhren unausgesetzt fort, vor meinem inneren Auge sich abzuspielen. Um diesem mich verfolgenden Gedankenreigen zu entgehen, schaute ich zum Wagenfenster hinaus und versuchte, im Anblick der Landschaft Zerstreuung zu finden. Aber auch hier boten sich dem Blicke Bilder des Kriegsjammers. Zwar hatte in dieser Gegend keine gewaltsame Verwüstung stattgefunden: es rauchte da kein zerschossenes Dorf, hier hatte „der Feind“ noch nicht gehaust; aber was hier nun wütete, ist vielleicht noch schlimmer: nämlich die Furcht vor dem Feinde. „Die Preußen kommen! die Preußen kommen!“ war die Schreckenslosung auf der ganzen Strecke; und wenn auch im Vorbeifahren diese Worte nicht zu hören waren, ihre Wirkung konnte man vom Wagenfenster aus deutlich erschauen. Überall auf allen Straßen und Wegen fliehende, mit Sack und Pack ihr Heim verlassende Menschen. Ganze Wagenzüge bewegten sich landeinwärts — gefüllt mit Bettzeug, Hausgerät und Vorräten. Alles sichtlich in größter Eile aufgeladen. Auf demselben Karren kleine Schweine, das jüngste Kind und ein paar Kartoffelsäcke, nebenher, zu Fuß, Mann und Weib und die größeren Kinder: — so sah ich eine auswandernde Familie auf einer nahen Straße sich fortbewegen. Wohin gingen die Armen? Das wußten sie wohl selber kaum — nur fort, fort von den „Preußen“. So flieht man das prasselnde Feuer oder die steigende Flut.

Öfters brauste auf den Nebengeleisen ein Zug an uns vorüber: — Verwundete, immer wieder Verwundete; immer wieder die aschfahlen Gesichter, die verbundenen Köpfe, die in der Binde getragenen Arme. Auf den Haltestellen besonders konnte man an diesem Anblick in allen Varianten sich sattsam erlaben. Sämtliche große und kleine Perrons, auf welchen man sonst das wartende Völklein der Reisenden fröhlich umherstehen und -gehen sieht, waren jetzt mit liegenden und kauernden Gestalten gefüllt. Das sind die aus den umgebenden Feld- und Privatlazarethen herbeigeschafften kranken Soldaten, welche den nächsten Eisenbahnzug abwarten, der einen neuen Verwundetentransport befördern kann. So müssen sie stundenlang liegen — und wer weiß, wie viel Transportierungen sie schon hinter sich haben? Vom Kampffeld zum Verbandplatz, von da zur Ambulance, von dieser in ein fliegendes Feldhospital, dann in die Ortschaft — jetzt zur Eisenbahn; und von hier steht ihnen noch die Fahrt nach Wien bevor; dort vom Bahnhof zum Spital und von da, nach so langen Leiden, vielleicht zum Regiment zurück, vielleicht zum Friedhof … Mir ward so leid, so leid, so schrecklich leid um die armen Teufel! — ich hätte zu jedem Einzelnen hinknien wollen und ihm Worte des Mitgefühls zuflüstern. Aber der Doktor ließ mich nicht. Wenn wir an einer Station ausstiegen, nahm er mich am Arm und führte mich in das Büreau des Stationschefs. Hierher brachte er mir Wein oder sonst eine Erfrischung.

Die Schwestern walteten auch schon hier ihres barmherzigen Amtes. Sie reichten den Verwundeten an Trank und Speise, was nur aufzutreiben war: aber öfters gab es nichts, die Vorräte in den Restaurationen waren zumeist erschöpft. Dieses Getriebe auf den Bahnhöfen, namentlich auf den größeren, machte mir einen sinnverwirrenden Eindruck; es schien mir wie „ein böser Traum“. Dieses Hin- und Herrennen, dieses wüste Durcheinander — abmarschbereite Truppen — Flüchtlinge — Krankenträger — Haufen blutender und wimmernder Soldaten — schluchzende, händeringende Frauen —; Geschrei, barsche Kommandorufe — überall Gedränge, nirgends ein freier Durchgang — aufgeschichtetes Gepäck, Kriegsmaterial, Kanonen, abseits Pferde und brüllendes Hornvieh — dazwischen das unausgesetzte Geläute des Telegraphen — durchfahrende Züge, welche mit aus Wien anlangender Reserve vollgefüllt — vielmehr vollgepfropft — sind … Nicht anders waren diese Soldaten in den Wagen dritter und vierter Klasse — ja in Last- und Viehwaggons — untergebracht, nicht anders wie Schlachtvieh. Und, im Grunde genommen, ich konnte den Gedanken nicht unterdrücken; was waren sie denn anderes? Wurden sie nicht auch zur „Schlacht“ — wurden sie nicht auf den großen politischen Markt geschleppt, wo mit Kanonenfutter — chair à canon — geschachert wird? Da rollten sie vorbei. Tolles Gebrüll — war es ein Kriegslied? — schallte heraus und übertönte das rasselnde Gepolter der Räder; eine Minute — und der Zug war verschwunden. Mit Windeseile trug er einen Teil seiner Fracht dem sicheren Tode entgegen. Ja — sicherem Tode … Wenn auch kein Einzelner von sich sagen kann, daß er sicher fällt, ein gewisser Prozentsatz von der Gesamtheit muß und wird fallen. Zu Felde ziehende Heere, die sich auf der Heerstraße zu Fuß oder zu Roß fortbewegen: das mag noch eine gewisse antike Poesie an sich haben; aber der moderne Schienenweg, das Symbol der nationenverbindenden Kultur, als Beförderungsmittel der losgelassenen Barbarei: — das ist gar zu widersinnig und abscheulich. Wie falsch klingt da auch das Telegraphengeklingel … dieses herrliche Siegeszeichen des menschlichen Intellekts, der es fertig gebracht hat, den Gedanken mit Blitzesschnelle von einem Land zum andern zu leiten; alle diese neuzeitlichen Erfindungen, welche bestimmt sind, den Verkehr der Völker zu fördern, das Leben zu erleichtern, zu verschönern, zu bereichern: die werden jetzt von jenem altweltlichen Prinzip mißbraucht, welches die Völker entzweien und das Leben vernichten will. „Seht unsere Eisenbahnen, seht unsere Telegraphen — wir sind civilisierte Nationen“, prahlen wir den Wilden gegenüber und benutzen diese Dinge zur verhundertfachten Entfaltung unserer Wildheit …

Daß mich lauter solche Gedanken quälen mußten, während ich an den Stationen auf das Weiterfahren unseres Zuges wartete — das vertiefte und verbitterte noch mein Leid. Ich beneidete fast Jene, die da nur in naivem Schmerze die Hände rangen und weinten, die sich nicht im Zorn aufbäumten gegen die ganze Schauerkomödie — die Niemanden anklagten, nicht einmal jenen „Herrn der Heerschaaren“, von dem sie doch glaubten, daß er es sei, der das hereingebrochene Unglück über sie verhängt …