Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

53. Viertes Buch. 1866.
8. Abschnitt

Das geht in den roten Heften noch seitenlang so fort. Was der Regimentsarzt von dem Gang einer Sanitätspatrouille über das Schlachtfeld erzählte, das enthält noch viele ähnliche und ärgere Dinge. So die Schilderung jener Augenblicke, da mitten in die Pflegearbeit Kugeln und Granaten fallen, neue Wunden reißend; oder wenn die Zufälligkeiten der Schlacht den Kampf und die Verbandplätze selber, knapp an die Ambulancen bringen und das ganze Sanitätspersonal, sammt den Ärzten und sammt den Kranken, mitten in das Gewühl der ringenden oder fliehenden oder verfolgenden Truppen gerät; wenn scheue, ledige Rosse des Weges gerast kommen und die Tragbahre umstürzen, auf welche man eben einen Schwerverwundeten gebettet, der jetzt zerschmettert zu Boden geschleudert wird … Oder dieses — das grauenhafteste Bild von allen —: Ein Gehöft, in welchem man hundert Verwundete untergebracht, verbunden und gelabt hat. — Die armen Teufel froh und dankbar, daß ihnen Rettung geworden — und eine Granate, die das Ganze in Brand schießt — Eine Minute und das Lazareth steht in Flammen — das Schreien, vielmehr das Geheul, welches aus dieser Stätte der Verzweiflung gellt und welches in seinem wilden Weh alles übrige Getöse übertönt, das wird wohl Jenen, die es hörten, ewig unvergeßlich bleiben … Weh mir! Auch mir, obgleich ich es nicht gehört, bleibt es unvergeßlich — denn während der Regimentsarzt erzählte, war mir wieder, als wäre mein Friedrich dabei, als hörte ich seinen Schrei aus dem brennenden Marterorte heraus …

„Ihnen wird übel, gnädige Frau,“ unterbrach sich der Erzähler — „ich habe da Ihren Nerven wirklich zu viel zugemutet.“ —

Aber ich hatte noch nicht genug. Ich versicherte, daß meine vorübergehende Schwäche nur die Folge der Hitze und einer schlechten Nacht sei und wurde nicht müde, den Andern auszuforschen. Es war mir immer noch, als hätte ich nicht genug gehört, als wären von diesen geschilderten Höllenkreisen die letzten und höllischsten noch nicht geschildert worden. Und wenn einmal der Durst nach Gräßlichem erregt ist, so ruht man nicht, bis er nicht mit dem Gräßlichsten gelöscht worden. Und richtig: es gibt noch Schauerlicheres, als ein Schlachtfeld während — das ist ein solches nach der Schlacht.

Kein Geschützdonner, kein Fanfarengeschmetter, keine Trommelwirbel mehr, nur leises schmerzliches Stöhnen und Sterberöcheln. Im zertretenen Erdboden rötlich schimmernde Pfützen, Blutlachen; — alle Feldfrucht zerstört, nur hie und da ein unberührt gebliebenes, halmenbedecktes Ackerstück; die sonst lachenden Dörfer in Trümmer und Schutt verwandelt. Die Bäume der Wälder verkohlt und geknickt; die Hecken von Kartätschen zerrissen … Und auf dieser Wahlstatt Tausende und Tausende von Toten und Sterbenden — hilflos Sterbenden! Keine Blüten noch Blumen sind auf den Wegen und Wiesen zu sehen, sondern Säbel, Bajonette, Tornister, Mäntel, umgestürzte Munitionswagen, in die Luft geflogene Pulverkarren, Geschütze mit gebrochenen Laffetten … Neben den Kanonen, deren Schlünde von Rauch geschwärzt sind, ist der Boden am blutigsten; dort liegen die meisten und verstümmelsten Toten und Halbtoten — von Kugeln buchstäblich zerrissen. Und die toten und halbtoten Pferde — solche, die auf den Füßen, welche ihnen geblieben sind, sich aufrichten, um wieder hinzusinken, wieder sich aufstellen und wieder hinfallen, bis sie die Köpfe heben, um ihren schmerzbeladenen Sterberuf hinauszuschreien … Ein Hohlweg ist mit in den Kot der Straße getretenen Körpern ganz angefüllt. Die Unglücklichen hatten sich wohl hierher geflüchtet, um geborgen zu sein — aber eine Batterie ist über sie hinweggefahren — von Pferdehufen und Rädern sind sie zermalmt … Viele darunter leben noch — eine breiige, blutige Masse, aber „leben noch“.

Und noch gibt es Höllischeres als Alles dies: es ist das Erscheinen des niederträchtigsten Abschaums der kriegführenden Menschheit — der Schlachtfeld-Hyäne. „Das schleicht herbei, das die Leichenbeute witternde Ungetüm, beugt sich über Tote und noch Lebende herab und reißt ihnen die Kleider vom Leibe. Erbarmungslos. Die Stiefeln werden vom blutenden Bein, die Ringe von der verwundeten Hand gezogen — oder um den Ring zu haben, wird der Finger einfach abgeschnitten; und wenn sich das Opfer wehren will, dann wird es von der Hyäne gemordet oder — um nicht einst wieder erkannt zu werden — sticht sie ihm die Augen aus …“

Ich schrie laut auf. Bei des Doktors letzten Worten hatte ich die ganze Scene wieder mitangesehen, und die Augen, in welche die Hyäne ihr Messer gebohrt, das waren Friedrichs blaue, sanfte, geliebte Augen …

„Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber Sie haben es gewollt …“

„Ja, ja — ich will Alles hören. Was Sie da beschrieben haben, war die Nacht, welche auf die Schlacht folgt — diese Scenen haben sich bei Sternenschein abgespielt —“

„Und bei Fackelschein. Die vom Sieger zum Durchsuchen des Schlachtfeldes ausgeschickten Patrouillen tragen Fackeln und Laternen. Und rote Laternen ragen an Signalstangen empor, um die Orte zu bezeichnen, an welchen fliegende Hospitäler errichtet worden sind.“

„Und der nächste Morgen — wie zeigt der die Wahlstatt?“

„Beinah noch fürchterlicher. Der Gegensatz von dem helllächelnden Tagesgestirn zu der grausigen Menschenarbeit, die es beleuchtet, wirkt doppelt schmerzlich. Des Nachts hatte das ganze Schreckbild etwas gespensterhaft-phantastisches, bei Tag ist es einfach — trostlos. Jetzt erst sieht man die Massenhaftigkeit der umherliegenden Leichen: auf den Straßen, zwischen den Feldern, in den Gräben, hinter Mauertrümmern; überall, überall Tote. Geplündert, mitunter nackt. Eben so die Verwundeten. Diese, welche trotz der nächtlichen Arbeit der Sanitätsmannschaften noch immer in großer Zahl umherliegen, sehen fahl und zerstört aus, grün und gelb, mit stierem, stumpfsinnigem Blick; oder aber unter wütenden Schmerzen sich krümmend, flehen sie Jeden an, der in die Nähe kommt, daß er sie töte. Schwärme von Aaskrähen lassen sich auf die Wipfel der Bäume nieder und verkünden mit lautem Gekrächz das lockende Festmahl … Hungrige Hunde aus den Dörfern kommen herbeigerannt und lecken das Blut der Wunden. Noch sieht man einige Hyänen, welche noch immer hastig weiter arbeiten … Und jetzt kommt das große Begraben —“

„Wer thut das? — Die Sanität?“

„Wie könnte die zu solcher Massenarbeit ausreichen? Die hat bei den Verwundeten vollauf zu thun.“

„Also kommandierte Truppen?“

„Nein: herbeigeschafftes oder auch freiwillig heranlaufendes Gesindel: Landstreicher, Leute vom Troß, welche sich bei den Marketenderbuden, bei den Bagagewagen aufhielten, und welche jetzt neben den Bewohnern der Armenhäuser und der Hütten von den Militärgewalten herbeigetrieben werden, um Gräber zu graben — recht große, das heißt — weite Gräber, denn tief werden sie nicht gemacht. Dazu wäre keine Zeit. Dahinein wirft man die toten Körper — kopfüber, kopfunter, wie es gerade kommt. Oder man macht es so: über einen aus Leichen gebildeten Haufen wirft man ein bis zwei Fuß hohe Erde hinauf; das sieht dann auch aus wie ein Tumulus. Ein paar Tage darauf kommt ein Regen und spült die Hülle von den verwesenden Leichnamen weg — aber was liegt daran? Die flinken und lustigen Totengräber denken nicht so weit. Lustige und flotte Arbeiter sind sie, das muß man ihnen lassen. Es werden da Lieder gepfiffen und allerlei zweideutige Witze gemacht — ja mitunter tanzt eine Hyänenrunde um das offene Grab. Ob in manchen Körpern, die da hinabgeschleudert oder mit Erde verschüttet werden, noch Leben sich regt — darum kümmern sie sich auch nicht. Der Fall ist unvermeidlich, denn Starrkrampf tritt bei Verwundungen häufig auf. Manch zufällig Errettete haben von der Gefahr des Lebendig-begraben-werdens, der sie entronnen, erzählt. Aber wie Viele giebt es derer, die nichts erzählen konnten? Wenn man einmal ein paar Fuß Erde über dem Mund liegen hat, so muß man den Mund wohl halten.“ …

O mein Friedrich, mein Friedrich! stöhnte es in meiner Seele.

„Das ist das Bild des nächsten Morgens,“ schloß der Regimentsarzt. „Soll ich noch weiter erzählen, was den nächsten Abend geschieht? Da wird —“

„Das will ich Ihnen sagen, Herr Doktor,“ unterbrach ich. „In eine von den beiden Hauptstädten der beteiligten Reiche ist die telegraphische Nachricht des glorreichen Sieges angelangt. Da wurde vormittags — während des Hyänentanzes um die Gruben — in den Kirchen „Nun danket Alle Gott“ gesungen und abends — da stellt die Mutter, oder das Weib eines lebendig Begrabenen ein paar brennende Kerzen auf den Fenstersims, denn die Stadt wird beleuchtet.“

„Ja, gnädige Frau, diese Komödie wird zu Hause aufgeführt. Indessen, auf dem Schlachtfeld selber ist mit dem zweiten Sonnenuntergang die Tragödie noch lange nicht abgespielt. Außer Denjenigen, welche in die Lazarethe und in die Gräber untergebracht worden, gibt es noch die Ungefundenen. Hinter dichtem Gebüsch, in hohen Ährenfeldern, oder zwischen Bautrümmern verborgen, sind sie den Blicken der Krankenträger und Totengräber entgangen. Für jene Unglücklichen beginnt nun das Martyrium einer mehrere Tage und mehrere Nächte langen Agonie: in der sengenden Hitze des Mittags, in den schwarzen Schauern der Mitternacht, gebettet auf Steinen und Disteln, im scharfen Verwesungsgeruch der naheliegenden Leichen und der eigenen faulenden Wunden, den festenden Geiern zur noch zuckenden Beute …“