Der erste Zusammenstoß unserer in Böhmen befindlichen Truppen mit dem Feinde fand am 25. Juni in Liebenau statt. Diese Nachricht brachte uns mein Vater mit seiner gewohnten triumphierenden Miene:
„Das ist ein prächtiger Anfang!“ sagte er. „Man sieht es: der Himmel ist mit uns. Es hat was zu bedeuten, daß die ersten, mit welchen diese Windbeutel zu thun bekommen, die Leute unserer berühmten ‚eisernen Brigade‘ waren … ihr wißt doch: die Brigade Poschacher, welche den Königsberg in Schlesien so tapfer verteidigt hat. Die wird’s ihnen gehörig geben! (Die nächsten Nachrichten vom Kriegsschauplatze aber ergaben, daß nach fünfstündigem Gefecht diese in der Avantgarde Clam-Gallas befindliche Brigade sich nach Podol zurückzog. Daß Friedrich dabei war — ich wußte es nicht, und daß in derselben Nacht das verbarrikadierte Podol vom General Horn angegriffen und dort bei hellem Mondschein der Kampf fortgeführt ward — das hab’ ich auch erst später erfahren.) „Aber herrlicher noch als im Norden“, fuhr mein Vater fort, „gestaltet sich der Anfang im Süden. Bei Custozza ist ein Sieg errungen worden, Kinder — so glänzend wie nur einer … Ich habe es immer gesagt: die Lombardei muß unser werden! … Freut ihr euch denn nicht? Ich betrachte den Krieg als schon entschieden; denn wenn man mit den Italienern fertig geworden, welche doch ein regelmäßiges und geschultes Heer uns gegenüberstellen, da wird es uns mit den ‚Schneidergesellen‘ weiter nicht schwer fallen. Diese Landwehr — es ist eine wahre Frechheit — und es gehört nur die ganze preußische Selbstüberhebung dazu, um damit gegen richtige Armeen ausziehen zu wollen. Da werden die Leute von der Werkstatt, vom Schreibtisch hinweggerufen — sind an keinerlei Strapazen gewöhnt, können also unmöglich als blut- und eisenfeste Soldaten im Felde stehen. Da seht einmal her, was die wiener Zeitung in einer Originalkorrespondenz unterm 24. Juni schreibt. Das sind doch gute Nachrichten:
„In preußisch Schlesien ist die Rinderpest ausgebrochen und wie man vernimmt in äußerst bedrohlicher Art —“
„Rinderpest“ — „bedrohliche Art“ — „erfreuliche Nachrichten“ sagte ich mit leisem Kopfschütteln. „Hübsche Dinge, über welche man zu Kriegszeiten Vergnügen haben soll … Es ist nur gut, daß schwarzgelbe Schlagbäume an der Grenze stehen — da kann die Pest nicht herüber“ …
Aber mein Vater hörte nicht und las das erfreuliche weiter:
„Unter den preußischen Truppen aus Neiße herrscht das Fieber. Das ungesunde Sumpfland, die schlechte Verpflegung und die miserable Unterkunft der in den umliegenden Ortschaften aufgehäuften Truppen mußten solche Erscheinungen zur Folge haben. Von der Verpflegung der preußischen Soldaten macht sich der Österreicher keinen Begriff. Die Junker glauben dem „Volk“ eben Alles bieten zu können. Sechs Lot Schweinefleisch für den Mann, der an die forcierten Märsche und sonstigen Strapazen nicht gewöhnt worden, der Alles, nur kein abgehärteter Soldat ist.“
„Die Blätter sind überhaupt voll prächtiger Nachrichten. — Vor Allem die Berichte vom glorreichen Custozza-Tage — Du solltest Dir diese Zeitungen aufheben, Martha.“
Und ich habe sie aufgehoben. Das sollte man immer thun; und wenn ein neuer Völkerzwist heranzieht, dann lese man nicht die neuesten Zeitungen, sondern die, welche von vorigem Kriege datieren, und man wird sehen, was all den Prophezeiungen und Prahlereien und auch den Berichten und Nachrichten für Wahrheitswert beizumessen ist. Das ist lehrreich.
Vom nördlichen Kriegsschauplatz.
Aus dem Hauptquartier der Nord-Armee wird unterm 25 Juni über den Feldzugsplan (!) der Preußen geschrieben: „Nach den neuesten Nachrichten hat die preußische Armee ihr Hauptquartier nach dem östlichen Schlesien verlegt. (Folgt in dem gewöhnlichen taktischen Stile eine längere Aufzählung der von dem Feinde projektierten Bewegungen und Stellungnahmen, von welchen der Herr Berichterstatter gewiß ein klareres Bild vor Augen hatte, als Moltke und Roon). Es scheint demnach in der Absicht der Preußen zu liegen, hierdurch dem Vormarsch unserer Armee gegen Berlin durch den eigenen zuvorzukommen, was ihnen jedoch bei den getroffenen Vorkehrungen (welche „unser Spezial-Korrespondent“ ebenfalls genauer kennt, als Benedek) schwerlich gelingen dürfte. Mit vollstem Vertrauen kann man günstigen Berichten von der Nord-Armee entgegen sehen, die, wenn sie auch nicht so schnell, als die Sehnsucht des Volkes sie erwartet, einlaufen, dafür aber um so bedeutender und inhaltsreicher sein werden.“
„… Einen hübschen Zwischenfall bei dem Durchmarsch österreichischer Truppen italienischer Nationalität durch München, erzählt die Neue Frankfurter Zeitung wie folgt: Unter den durch München gekommenen Truppen befinden sich Linienbataillone, sie wurden wie die übrigen durch die bayerische Hauptstadt gekommenen Truppen, in einem dem Bahnhof nahegelegenen Wirtschaftsgarten bewirtet. Jedermann konnte sich überzeugen, daß diese Venezianer unter Jubel ihre Kampfeslust gegen die Feinde Österreichs kundgaben. (Vielleicht hätte auch „Jedermann“ denken können, daß betrunkene Soldaten sich willig für das begeistern, was ihnen zur Begeisterung angeboten wird.) In Würzburg war der Bahnhof angefüllt mit der Mannschaft eines österreichischen Linien-Infanterieregiments. So viel wahrnehmbar, bestand die ganze Mannschaft aus Venezianern. Gleichfalls freundlich aufgenommen (das heißt gleichfalls betrunken), konnten die Leute nicht Ausdruck finden, ihre Freude und ihre Absicht, gegen die Friedensbrecher (von zwei kriegführenden Parteien ist die friedensbrechende stets die andere) zu kämpfen, aufs lebhafteste kund zu geben. Die Evivas nahmen kein Ende.“ (Sollte der auf den Bahnhöfen sich herumtreibende, von Soldatengeschrei so erbaute „Herr von Jedermann“ nicht wissen, daß es nichts Ansteckenderes gibt als Vivat-Rufen; — daß tausend miteinander brüllende Stimmen nicht den Ausdruck von tausend einmütigen Gesinnungen, sondern einfach die Bethätigung des natürlichen Nachahmungstriebes bedeuten?)
In Böhmisch-Trübau hat der Feldzeugmeister Ritter von Benedek die drei Bulletins über den Sieg der Süd-Armee der Nord-Armee bekannt gegeben und daran nachstehenden Tagesbefehl geknüpft:
„Im Namen der Nord-Armee habe ich folgendes Telegramm an das Kommando der Süd-Armee abgesendet: „Feldzeugmeister Benedek und die gesamte Nord-Armee dem glorreichen durchlauchtigsten Kommandanten der tapferen Süd-Armee mit freudiger Bewunderung herzlichste Glückwünsche zum neuen ruhmvollen Tage von Custozza. Mit einem neuen glorreichen Siege unserer Waffen ist der Feldzug im Süden eröffnet. Das glorreiche Custozza prangt auf dem Ehrenschild des kaiserlichen Heeres.“ Soldaten der Nord-Armee! Mit Jubel werdet ihr die Nachricht begrüßen, mit erhöhter Begeisterung in den Kampf ziehen, daß auch wir sehr bald ruhmvolle Schlachtennamen auf jenes Schild verzeichnen und dem Kaiser auch aus dem Norden einen Sieg melden, nach dem eure Kampfbegierde brennt, den eure Tapferkeit und Hingebung erringen wird, mit dem Rufe: Es lebe der Kaiser!
Benedek.“
Auf obiges Telegramm ist folgende Antwort aus Verona telegraphisch in Böhmisch-Trübau angelangt:
„Der Süd-Armee und ihres Kommandanten gerührten Dank ihrem geliebten frühern Feldherrn und seiner braven Armee. Ueberzeugt, daß auch wir bald zu solchen Siegen werden Glück wünschen können.“
‚Überzeugt‘ — ‚überzeugt‘ …
„Lacht euch nicht das Herz im Leibe, Kinder, wenn ihr derlei Sachen leset?“ rief mein Vater entzückt. „Könnt ihr euch nicht zu genügendem patriotischen Hochgefühle aufschwingen, um angesichts solcher Triumphe eure eigenen Angelegenheiten in den Hintergrund zu drängen — um zu vergessen, Du, Martha, daß Dein Friedrich, Du, Lilli, daß Dein Konrad einigen Gefahren ausgesetzt sind? Gefahren, welchen sie wahrscheinlich heil entkommen und denen selbst zu unterliegen — ein Los, das sie mit den besten Söhnen des Vaterlandes teilen — ihnen nur zu Ruhm und Ehre gereicht. Es gibt keinen Soldaten, der mit dem Rufe ‚Für das Vaterland!‘ nicht gern stürbe.“
„Wenn einer nach verlorener Schlacht mit zerschmetterten Gliedern auf dem Felde liegen bleibt“ — entgegnete ich — „und da ungefunden durch vier oder fünf Tage und Nächte an Durst, Hunger, unter unsäglichen Schmerzen, lebendig verfaulend, zu Grunde geht — dabei wissend, daß durch seinen Tod dem besagten Vaterlande nichts geholfen, seinen Lieben aber Verzweiflung gebracht worden — ich möchte wissen, ob der die ganze Zeit über mit jenem Rufe gern stirbt.“
„Du frevelst … Du sprichst zudem in so grellen Worten — für eine Frau ganz unanständig.“
„Ja, ja, das wahre Wort — die aufgedeckte Wirklichkeit ist frevelhaft, ist schamlos … Nur die Phrase, die durch tausendfältige Wiederholung sanktionierte Phrase, ‚anständig‘. Ich aber versichere Dich, Vater — dieses naturwidrige ‚Gern-sterben‘, welches da allen Männern zugemutet wird, so heldenhaft es dem Aussprechenden auch dünken mag — mir klingt es wie gesprochener Totschlag.“