Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

46. Viertes Buch. 1866.
1. Abschnitt

Und so war es denn wieder da — dieses größte alles denkbaren Unglücks — und wurde von der Bevölkerung mit dem gewohnten Jubel begrüßt. Die Regimenter marschierten aus (wie würden sie wiederkehren?) und Sieges- und Segenswünsche und schreiende Gassenjungen gaben ihnen das Geleite.

Friedrich war schon vor einiger Zeit nach Böhmen beordert worden — noch ehe der Krieg erklärt war, und gerade als die Dinge so standen, daß ich zuversichtlich hoffen konnte, der unselige, so geringfügige Herzogtümerstreit werde sich gütlich beilegen. Diesmal also war mir das herzzerreißende Abschiednehmen erspart geblieben, welches dem direkten „In den Krieg ziehen“ des Geliebten vorangeht. Als mir mein Vater triumphierend die Nachricht brachte: „Jetzt geht’s los“, war ich schon seit vierzehn Tagen allein. Und seit letzter Zeit war ich auf diese Nachricht schon gefaßt gewesen — wie ein Verbrecher in seiner Zelle auf Verlesung des Todesurteils gefaßt ist.

Ich beugte den Kopf und sagte nichts.

„Sei guten Mut’s, Kind. Der Krieg wird nicht lang dauern — über heut’ und morgen sind wir in Berlin … Und so wie er aus Schleswig-Holstein zurückgekommen, so wird Dein Mann auch aus diesem Feldzug heimkehren, aber mit viel grünerem Lorbeer bedeckt. Unangenehm mag es ihm zwar sein, da er selbst preußischen Ursprungs ist, gegen Preußen zu ziehen — aber seit er in österreichischen Diensten steht, ist er ja doch mit Leib und Seel’ einer von den unsern … Diese Preußen! Aus dem Bund wollen sie uns hinauswerfen, die arroganten Windbeutel — das werden sie schön bereuen, wenn Schlesien wieder unser ist, und wenn die Habsburger —“

Ich streckte die Hände aus:

„Vater — eine Bitte: laß mich jetzt allein.“

Er mochte glauben, daß ich das Bedürfnis fühlte, mich auszuweinen, und da er ein Feind aller Rührscenen war, so willfahrte er bereitwilligst meinem Wunsch und ging.

Ich aber weinte nicht. Es war mir, als wäre ein betäubender Schlag auf meinen Kopf gefallen. Schwer atmend, starr blickend saß ich eine Zeit regungslos da. Dann ging ich zu meinem Schreibtisch, schlug die roten Hefte auf und trug ein:

„Das Todesurteil ist gesprochen. Hunderttausend Menschen sollen hingerichtet werden. Ob Friedrich auch dabei ist? … Folglich auch ich … Wer bin ich, um nicht auch zu grunde zu gehen, wie die anderen Hunderttausend? — ich wollt’ ich wär schon tot.“

Von Friedrich erhielt ich am selben Tag einige flüchtig geschriebene Zeilen:

„Mein Weib! Sei mutig — hoch das Herz! Wir waren glücklich, das kann uns niemand nehmen, selbst wenn heute, wie für so viele andere, auch für uns das Dekret gefallen wäre: Es ist vorbei. (Derselbe Gedanke, wie ich in meinen roten Heften: die vielen anderen Verurteilten.) Heute geht’s dem „Feind“ entgegen. Vielleicht erkenne ich drüben ein paar Kampfgenossen von Düppel und Alsen — vielleicht meinen kleinen Vetter Gottfried … Wir marschieren nach Liebenau mit der Avantgarde des Grafen Clam-Gallas. Von nun an gibt’s zum Schreiben keine Zeit mehr. Erwarte Dir keine Briefe. Höchstens, wenn sich die Gelegenheit bietet, eine Zeile, zum Zeichen, daß ich lebe. Vorher möchte ich noch ein einziges Wort finden, das meine ganze Liebe in sich faßte, um es Dir — falls es das letzte wäre — hier niederzuschreiben. Ich finde nur dieses: „Martha!“ Du weißt, was mir das bedeutet.“

Konrad Althaus mußte auch ausrücken. Er war voll Feuer und Kampfeslust und von genügendem Preußenhaß beseelt, um gern hinauszuziehen: dennoch fiel ihm der Abschied schwer. Die Heiratsbewilligung war erst zwei Tage vor dem Marschbefehl eingetroffen. „O, Lilli, Lilli,“ sprach er schmerzlich, als er seiner Braut Lebewohl sagte, „warum hast Du so lang gezögert, mich zu nehmen? Wer weiß nun, ob ich wiederkomme!“

Meine arme Schwester war selbst von Reue erfüllt. Jetzt erst erwachte leidenschaftliche Liebe für den Langverschmähten. Als er fort war, sank sie weinend in meine Arme.

„O warum habe ich nicht längst „ja“ gesagt! Jetzt wäre ich sein Weib“ …

„Da wäre Dir der Abschied nur desto schmerzlicher geworden, meine arme Lilli.“

Sie schüttelte den Kopf. Ich verstand wohl, was in ihrem Innern vorging — vielleicht klarer, als sie es selber verstand: sich trennen müssen bei noch ungestilltem — vielleicht ewig ungestillt bleiben sollendem Liebessehnen; — den Becher von den Lippen weggerissen und möglicherweise zerschellt sehen, ehe man noch einen einzigen Trunk gethan — das mag wohl doppelt quälend sein.

Mein Vater, die Schwestern und Tante Marie übersiedelten jetzt nach Grumitz. Ich ließ mich leicht bereden, samt meinem Söhnchen mitzukommen. So lange Friedrich fort war, schien mir der eigene Herd erstorben — ich hätte es da nicht ausgehalten. Es ist sonderbar: ich fühlte mich so verwitwet, als wäre die Nachricht von dem ausgebrochenen Kriege zugleich die Nachricht von Friedrichs Tod gewesen. Manchmal, mitten in meine dumpfe Trauer, fiel ein lichter Gedanke: „Er lebt und kann ja wiederkommen“ — daneben aber stieg wieder die schreckliche Idee auf: er krümmt und windet sich in unerträglichen Schmerzen … er verschmachtet in einem Graben — schwere Wagen fahren über seine zerschossenen Glieder weg — Mücken und Ameisen wimmeln auf seinen offenen Wunden; — die Leute, welche das Schlachtfeld räumen, halten den erstarrt Daliegenden für tot und scharren ihn lebendig mit anderen Toten in die seichte Grube — hier kommt er zu sich und — — —

Mit einem lauten Schrei fuhr ich aus solchen Vorstellungen empor:

„Was hast Du nun wieder, Martha?“ schalt mein Vater. „Du wirst noch verrückt werden, wenn Du so brütest und aufschreist. Beschwörst Du Dir wieder so dumme Bilder vor die Einbildung? Das ist sündhaft.“ …

Ich hatte nämlich öfters diese meine Ideen laut werden lassen, was meinen Vater höchlichst entrüstete.

„Sündhaft,“ fuhr er fort, „und unanständig und unsinnig. Solche Fälle, wie sie Deine überspannte Phantasie ausmalt, die kommen mitunter — unter tausend Fällen einmal — bei der Mannschaft — vor, aber einen Stabsoffizier, wie Deinen Mann, lassen die Anderen nicht liegen. Überhaupt, an solche Grauendinge soll man nicht denken. Es liegt eine Art Frevel, eine Entheiligung des Krieges darin, wenn man statt der Größe des Ganzen die elenden Einzelheiten ins Auge faßt … an die denkt man nicht.“

„Ja, ja, nicht daran denken,“ antwortete ich, „das ist von jeher Menschenbrauch allem Menschenelend gegenüber … „Nicht denken“: darauf ist ohnehin alle Barbarei gestützt.“

Unser Hausarzt, Doktor Bresser, war diesmal nicht in Grumitz; er hatte sich freiwillig dem Sanitätskorps zur Verfügung gestellt und war nach dem Kriegsschauplatz abgegangen. Auch mir war der Gedanke gekommen: sollte ich nicht als Krankenpflegerin mitziehen? … Ja, wenn ich gewußt hätte, daß ich in die Nähe Friedrichs käme, daß ich bei der Hand wäre, falls er verwundet würde, da hätte ich nicht gezögert; aber für Andere? Nein, da gebrach es mir an Kraft, da fehlte der Opfermut. Sterben sehen, röcheln hören — hundert Hilfeflehenden helfen wollen und nicht helfen können, — den Schmerz, den Ekel, den Jammer auf mich laden, ohne dabei Friedrich beizustehen — im Gegenteil, dadurch die Chancen, daß wir uns wiederfinden, vermindern, denn die Pflegenden begeben sich auch in vielfache Todesgefahr … nein, ich that es nicht. Zudem belehrte mich mein Vater, daß eine Privatperson, wie ich, zur Krankenpflege in den Feldhospitälern gar nicht zugelassen würde — daß dieses Amt nur von Sanitätssoldaten oder höchstens von barmherzigen Schwestern ausgeübt werden dürfe.

„Charpie zupfen,“ sagte er, „und Verbandzeug für die patriotischen Hilfsvereine herrichten, das ist das einzige, was ihr für die Verwundeten leisten könnt, und das sollen denn meine Töchter auch fleißig thun — dazu geb’ ich meinen Segen.“

Und diese Beschäftigung war es nun auch, welcher meine Schwestern und ich viele Stunden des Tages widmeten. Rosa und Lilli verrichteten ihre Arbeit mit sanft gerührten und dabei fast freudigen Mienen. Wenn die feinen Fädchen sich unter unseren Fingern zu weichen Massen häuften, wenn wir die Leinwandstreifen schön ordentlich übereinander gefaltet, so brachte dies den beiden Mädchen etwas von den Empfindungen des barmherzigen Pflegeamtes: es war ihnen, als linderten sie brennende Schmerzen und verhüteten sie das Verbluten der Wunden; als hörten sie die erleichterten Seufzer und sähen die dankbaren Blicke der Gewarteten. Es war beinah ein freundliches Bild, welches ihnen da von dem Zustand des „Verwundetseins“ vorschwebte. Die beneidenswerten Soldaten, welche, den Gefahren des tobenden Kampfes entronnen, jetzt auf weichen, reinen Betten hingestreckt, da gepflegt und gehätschelt werden, bis zu ihrer Heilung, größtenteils in halb bewußtlosen, köstlich-müden Halbschlummer gelullt, zeitweise wieder zu dem angenehmen Bewußtsein erwachend, daß ihr Leben gerettet, daß sie zu den Ihren heimkehren und noch in fernen Zeiten erzählen können, wie sie in der Schlacht von X ehrenvoll blessiert worden seien.

In dieser naiven Auffassung bestärkte sie denn auch unser Vater:

„Brav, brav, Mädels — heute seid ihr wieder fleißig … da habt ihr wieder vielen unsrer tapferen Verteidiger eine Freude gemacht! Wie das wohl thut, so ein Päckchen Charpie auf der blutenden Wunde — ich weiß was davon zu erzählen: … Damals, als ich bei Palestro den Schuß ins Bein bekam — u. s. w., u. s. w.

Ich aber seufzte und sagte nichts. Ich hatte andere Geschichten von Verwundungen vernommen, als die, wie sie mein Vater zu erzählen beliebte; — Geschichten, welche sich zu den gebräuchlichen Veteranenanekdoten verhalten ungefähr wie die Wirklichkeit elenden Hirtenlebens zu den Schäferbildchen von Watteau.

Das rote Kreuz … ich wußte, durch welches auf das schmerzlichste erschütterte Völkermitleid diese Institution ins Leben gerufen ward. Seiner Zeit hatte ich den darüber in Genf geführten Verhandlungen gefolgt und die Schrift Dunants, welche den Anstoß zu dem Ganzen gegeben, hatte ich gelesen. Ein herzzerreißender Jammerruf, diese Schrift! Der edle Genfer Patrizier war auf das Schlachtfeld von Solferino geeilt, um zu helfen, was er konnte; und das, was er dort gefunden, hat er der Welt erzählt. Zahllose Verwundete, welche fünf, sechs Tage liegen geblieben — ohne Hilfe … Alle hätte er retten mögen, doch was konnte er, der Einzelne, was konnten die Anderen, Wenigen diesem Massenelend gegenüber thun? Er sah solche, welchen durch einen Tropfen Wasser, durch einen Bissen Brot das Leben hätte erhalten werden können; er sah solche, die noch atmend, in fürchterlicher Eile begraben wurden … Dann sprach er aus, was schon oft erkannt worden, was aber jetzt erst Nachhall fand: daß die Verpflegs- und Rettungsmittel der Heeresverwaltung den Anforderungen einer Schlacht nicht mehr gewachsen seien. Und das „rote Kreuz“ ward geschaffen.

Österreich hatte sich der Genfer Convention damals noch nicht angeschlossen. Warum? … Warum wird allem Neuen, wenn es noch so segensreich und einfach ist, Widerstand entgegengesetzt? — Das Gesetz der Trägheit — die Gewalt des heiligen Schlendrians … „Die Idee ist recht schön, aber unausführbar“, hieß es da — auch meinen Vater hörte ich öfters jene, während der Konferenz von 1863 von verschiedenen Delegierten vorgebrachten Zweifelargumente wiederholen, — „unausführbar, und selbst, wenn ausführbar, so doch in mancher Hinsicht sehr unzukömmlich. Die Militärbehörden könnten Privatmitwirkung auf dem Schlachtfelde nicht angemessen finden. Im Kriege müssen die taktischen Zwecke der Menschenfreundlichkeit vorangehen — und wie könnte diese Privatmitwirkung mit genügenden Bürgschaften gegen das Spionenwesen umgeben werden? Und die Auslagen! Kostet der Krieg nicht ohnehin schon genug! Die freiwilligen Krankenwärter würden durch ihre eigenen stofflichen Bedürfnisse dem Proviantamt lästig fallen; oder, wenn sie sich in dem besetzten Lande auch selber verproviantieren, entsteht da nicht eine bedauerliche Konkurrenz für die Heeresverwaltung durch den Ankauf von für die Verwaltung notwendigen Gegenständen und die unmittelbare Erhöhung ihres Preises?“

O diese Behördenweisheit! — So trocken, so gelehrt, so sachlich, so klugheitstriefend und so — bodenlos dumm.