Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

83. Sechstes Buch. 1870/71.
6. Abschnitt

In immer beschleunigterer Bewegung folgen einander nun die Ereignisse. Aber nur noch kriegerische Ereignisse. Alles Andere ist aufgehoben. Rings um uns wird nichts Anderes mehr gedacht als „mort aux Prussiens“. Ein Sturm des wilden Hasses sammelt sich an; noch ist er nicht losgebrochen, aber man hört ihn rauschen. In allen offiziellen Kundgebungen, in allem Gassenlärm, in allen öffentlichen Vorkehrungen — immer nur das eine Ziel: „mort aux Prussiens“. All’ diese Truppen, regelmäßige und unregelmäßige, diese Munitionen, diese nach den Befestigungen drängenden Arbeiter mit ihren Werkzeugen und Karren, diese Waffentransporte: alles was man sieht und was man hört, das deutet in Formen und in Tönen, das blitzt und poltert, das funkelt und tost „mort aux Prussiens!“ — Oder mit anderen Worten — dann klingt es freilich wie ein Ruf der Liebe und durchglüht auch weiche Herzen — „pour la patrie!“ — aber es ist dennoch dasselbe.

Ich fragte Friedrich:

„Du bist doch preußischer Abstammung — wie berühren Dich diese von allen Seiten laut werdenden feindlichen Gesinnungen?“

„Dieselbe Frage hast Du schon im Jahre 1866 an mich gerichtet — und damals antwortete ich Dir — wie auch heute — daß ich unter diesen Hassesäußerungen nicht als Landesangehöriger, sondern als Mensch leide. Fasse ich die Gesinnungen der Leute hier vom nationalen Standpunkt auf, so kann ich ihnen nur recht geben; sie nennen es la haine sacrèe de l’ennemi — und diese Regung bildet einen wichtigen Bestandteil des kriegerischen Patriotismus. In diesem einen Gedanken gehen sie nun auf: ihr Land von dem feindlichen Einfall wieder zu befreien. Daß sie die Einfallenden durch ihre Kriegserklärung gerufen — das vergessen sie. Sie haben es ja auch nicht selber gethan, sondern ihre Regierung, welcher sie aufs Wort geglaubt, daß sie es thun mußte, und jetzt verlieren sie keine Zeit mit Vorwürfen, mit Erwägungen, wer das Unglück heraufbeschworen; es ist nun einmal da und alle Kraft, alle Begeisterung wird darauf verwendet, es wieder abzuwenden, oder mit sorglosem Opfermut vereint zu Grunde zu gehen. Glaube mir, es liegt viel edle Liebesfähigkeit in uns Menschenkindern, schade nur, daß wir sie in den alten Feindschaftsgeleisen vergeuden … Und drüben, die Gehaßten, die einfallenden, die „rothaarigen, östlichen Barbaren“ — was thun die? Sie sind herausgefordert worden und sie dringen in das Land derjenigen ein, welche das ihre zu überfallen drohten: „à Berlin, à Berlin!“ Erinnerst Du Dich noch, wie dieser Ruf die ganze Stadt durchschallte, sogar von den Dächern der Omnibusse herab?“

„Nun marschieren jene „nach Paris!“ Warum rechnen ihnen das die „à Berlin“-Rufer als Verbrechen an?“

„Weil es keine Logik und keine Gerechtigkeit geben kann in jenem Nationalgefühl, dessen oberster Grundsatz der ist: Wir sind wir — das heißt die ersten, die anderen sind Barbaren. Und jener Vormarsch der Deutschen von Sieg zu Sieg flößt mir Bewunderung ein. Ich bin doch auch Soldat gewesen und weiß, was an dem Begriffe Sieg für ein Zauber haftet, welcher Stolz, welcher Jubel da hineingelegt wird. Ist es doch das Ziel, der Lohn für alle gebrachten Opfer, für den Verzicht auf Ruhe und Glück, für das eingesetzte Leben.“

„Warum bewundern aber die überwundenen Gegner, die ja doch auch Soldaten sind und wissen, welcher Ruhm den Sieg begleitet, warum bewundern die ihre Überwinder nicht? Warum heißt es niemals in einem Schlachtbericht der verlierenden Partei: Der Feind hat einen glorreichen Sieg errungen!?“

„Weil — ich wiederhole es — der Kriegsgeist und der patriotische Egoismus die Verneinung aller Gerechtigkeit ist.“

So kam es — ich sehe es aus allen unseren in den roten Heften eingetragenen Gesprächen aus jenen Tagen —, daß wir an gar nichts anderes dachten, denken konnten, als an den Verlauf des gegenwärtigen Völkerduells.

Unser Glück, unser armes Glück — wir hatten es, aber wir durften es nicht genießen. Ja, alles besaßen wir, was uns einen lieblichen Himmel auf Erden schaffen konnte: grenzenlose Liebe, Reichtum, Rang, den herrlich sich entwickelnden Knaben Rudolf, unser Herzenspüppchen Sylvia, Unabhängigkeit, reges Interesse an der Welt des Geistes … aber das alles war wie hinter einen Vorhang gestellt. Wie durften, wie konnten wir an unseren Freuden uns laben, während um uns alles litt und zitterte, schrie und tobte? Das ist, als wollte man es sich recht gütlich thun an Bord eines sturmgepeitschten Schiffes.

„Ein theatralischer Mensch, dieser Trochu,“ berichtete mir Friedrich eines Tages — es war am 25. August — „Was wurde heute für ein Effekt-Coup ausgeführt? Darauf verfällst Du nimmer.“

„Die Frauen zum Militärdienst einberufen?“ riet ich.

„Um Frauen handelt es sich wohl, aber sie sind nicht einberufen — im Gegenteil.“

„Also die Marketenderinnen abgeschafft — oder die barmherzigen Schwestern?“

„Noch immer nicht erraten. Abschaffung ist zwar dabei — und Marketenderinnen, insofern sie den Becher der Lust reichen, und barmherzig — in gewissem Sinn — sind die Abgeschafften auch; kurz — ohne weitere Charade: die Demimonde wird ausgewiesen.“

„Und das hat der Kriegsminister verfügt? Welcher Zusammenhang?“ —

„Ich finde auch keinen, aber die Leute sind über die Maßregel entzückt. Einmal sind sie immer froh, wenn etwas geschieht: von jeder neuen Verordnung erwarten sie eine Wendung, wie manche Kranke, die jedes angewandte Mittel als mögliches Heilmittel begrüßen. Wenn das Laster aus der Stadt getrieben ist — meinen die Frommen — wer weiß, ob dann der offenbar erzürnte Himmel nicht wieder seine Huld über die Bewohner ergießt? Und jetzt, da man sich auf die ernste, entbehrungsvolle Zeit der Belagerung vorbereitet, was sollen da die tollen, verschwenderischen Hetären? So erscheint den meisten — die Betroffenen ausgenommen — die Maßregel als eine würdevolle, moralische und nebstbei noch eine patriotische, da eine große Anzahl dieser Frauen Fremde sind. Engländerinnen, Südländerinnen, ja sogar Deutsche — vielleicht Spioninnen darunter! „Nein, nein, jetzt hat die Stadt nur Platz für ihre eigenen Kinder und nur für ihre tugendhaften Kinder!“

Am 28. August kam es noch schlimmer. Wieder eine Ausweisung: binnen drei Tagen hatten alle Deutsche Paris zu verlassen.

Das Gift, das tötliche, langwirkende, welches in dieser Maßregel lag, davon hatten die Rezeptschreiber wohl keine Ahnung: damit war der Deutschenhaß geweckt. Wie lange dieses Unglück noch über den Krieg hinaus furchtbare Früchte tragen sollte — das weiß ich heute. Von da ab waren Frankreich und Deutschland — diese zwei großen, blühenden, herrlichen Länder nicht mehr zwei Nationen, deren Heere einen ritterlichen Zweikampf ausfochten: in das ganze Volk drang der Haß für das ganze gegnerische Volk. Die Feindschaft ward zu einer Institution erhoben, die sich nicht auf die Dauer des Krieges beschränkt, sondern als „Erbfeindschaft“ ihren Bestand unter kommenden Geschlechtern sichert.

Ausgewiesen — binnen drei Tagen die Stadt verlassen müssen —: ich hatte Gelegenheit zu sehen, wie hart, wie unmenschlich hart dieser Befehl manche brave, harmlose Familie traf. Unter den Geschäftsleuten, welche uns zu der Ausstattung unseres Heims Waren lieferten, befanden sich mehrere Deutsche: ein Wagenfabrikant, ein Tapezierer und ein Kunsttischler. Seit zehn bis zwanzig Jahren in Paris niedergelassen, wo sie einen häuslichen Herd gegründet, wo sie sich durch Heirat mit Parisern verschwägert hatten, wo sie alle ihre geschäftlichen Verbindungen besaßen — und jetzt mußten sie fort, binnen drei Tagen fort, ihr Haus verschließen; alles verlassen, was ihnen lieb und gewohnt war; ihr Vermögen, ihre Kundschaft, ihren Erwerb einbüßen — — Bestürzt kamen die armen Wichte zu uns gerannt und teilten uns das Unglück mit, das sie betroffen; auch die Arbeit, die sie eben für uns zu liefern im Begriffe waren, mußte eingestellt, die Werkstätte geschlossen werden. Händeringend und mit Thränen in den Augen klagten sie uns ihr Leid: „Ich habe einen kranken alten Vater,“ sagte der Eine, „und meine Frau sieht täglich ihrer Niederkunft entgegen und in drei Tagen müssen wir fort? — „Ich habe keinen Sou im Hause,“ jammerte der Andere, „alle meine Kunden, die mir Geld schulden, werden nicht so schnell ihre Verpflichtungen einhalten, und ich selbst kann nun meine Arbeiter, welche Franzosen sind, nicht auszahlen — noch acht Tage und ich hätte eine große Bestellung erledigt, die mich zum wohlhabenden Mann gemacht hätte — und jetzt muß ich alles im Stiche lassen …“

Und warum, warum war Alles das über die Armen hereingebrochen? Weil sie einer Nation angehörten, deren Heer erfolgreich seine Pflicht that, oder weil — um in die Ursachenkette weiter zurückzugreifen — weil ein Hohenzollern vielleicht in Zukunft einen angetragenen spanischen Thron anzunehmen sich einfallen lassen könnte … Nein, auch dieses „weil“ ist nicht bei der letzten Ursache angelangt, dasselbe deckt nur den Vorwand, nicht die Ursache zu jenem Kriege. —

Sedan! „Kaiser Napoleon hat seinen Degen übergeben.“

Die Nachricht überwältigte uns. Da war denn richtig eine große, geschichtliche Katastrophe eingetreten. Die französische Armee geschlagen — ihr Führer schwach und matt, so war die Partie denn aus — von Deutschland glänzend gewonnen. „Aus, aus!“ jubelte ich; „gäbe es schon Leute, die das Recht hätten, sich Weltbürger zu nennen, die könnten heute ihre Fenster beleuchten; gäbe es schon Tempel der Humanität, aus diesem Anlaß müßten Tedeums gesungen werden — die Schlächterei ist aus!“

„Frohlocke nicht zu früh, mein Schatz,“ mahnte Friedrich. „Dieser Krieg hat schon lange nicht mehr den Charakter einer auf dem Brette der Schlachtfelder gekämpften Partie — die ganze Nation kämpft mit. Für eine vernichtete Armee werden zehn neue aus dem Boden gestampft.“

„Wäre denn das gerecht? Es sind doch nur deutsche Soldaten ins Land gedrungen, nicht das deutsche Volk — also kann man ihnen nur wieder französische Soldaten gegenüberstellen.“

„Daß Du immer wieder an Gerechtigkeit und Vernunft appellierst — Du Unvernünftige — einem Rasenden gegenüber. Frankreich rast vor Schmerz und Zorn, und vom Standpunkt der Vaterlandsliebe ist sein Schmerz heilig, sein Zorn gerechtfertigt. Was sie nun auch verzweifeltes thun — persönliche Ichsucht ist nicht dabei, sondern höchster Opfermut. Wenn nur die Zeit schon da wäre, wo die Tugendkraft, die dem Menschenverbande innewohnt, von der Vernichtungsarbeit ab- und der Beglückungsarbeit zugewendet würde! Aber dieser unselige Krieg hat uns von diesem Ziele wieder ein gutes Stück zurückgeschleudert.“

„Nein, nein — ich hoffe, der Krieg ist jetzt zu Ende.“

„Wenn auch (was ich übrigens bezweifle), es sind die Saaten zu künftigen Kriegen gestreut — und wäre es nur die Hassessaat, welche die Ausweisung der Deutschen enthält. So etwas wirkt weit über das lebende Geschlecht hinaus.“

Der 4. September. Wieder ein Gewaltakt, ein Leidenschaftsausbruch — und zugleich wieder ein Heilmittel zur Rettung des Vaterlandes: der Kaiser wird abgesetzt. Frankreich erklärt sich als Republik. Was Napoleon Ⅲ. und seine Armee gethan: es gilt nicht. Fehltritte, Verrat, Feigheit — das Alles haben einige Personen — der Kaiser und seine Generäle — verbrochen; das hat nicht Frankreich gethan, dafür ist es nicht verantwortlich. Indem der Thron gestürzt ward, hat man die Blätter, worauf Metz und Sedan verzeichnet stehen, einfach aus dem Buche von Frankreichs Geschichte herausgerissen. Jetzt erst wird das Land selber Krieg führen, wenn anders Deutschland es wagt, die verruchte Invasion fortzusetzen …

„Wie aber, wenn Napoleon gesiegt hätte?“ fragte ich, als mir Friedrich obige Mitteilungen gemacht.

„Dann hätten sie seinen Sieg und seinen Ruhm als des Landes Sieg und Ruhm aufgefaßt.“

„Ist das gerecht?“

„Kannst Du Dir diese Frage denn nicht abgewöhnen?“

Meine Hoffnung, daß die Katastrophe von Sedan den Feldzug zu seinem Ende gebracht, mußte ich bald schwinden sehen. Alles um uns geberdete sich kriegerischer als je. Die Luft war mit wildem Groll und heißer Rachgier geladen. Groll gegen den Feind und beinahe ebenso gegen die gestürzte Dynastie. Die Schmähreden, die Pamphlete, die jetzt auf Kaiser und Kaiserin und auf die unglücklichen Feldherren regneten, die Verdächtigungen und Verleumdungen, der Schimpf, der Spott —: es war ekelerregend. Damit glaubte die rohe Menge die ganze Niederlage vom Lande auf ein paar Menschen abzuwälzen; und nun diese Menschen zu Boden lagen, bewarf man sie mit Kot und Steinen — und jetzt erst würde das Land es zeigen, daß es unüberwindlich sei.

Die Vorbereitungen zur Verschanzung von Paris werden eifrig fortgesetzt. Die Gebäude in dem Gefechtsbereich der Haupt-Enceinte werden geräumt oder gar eingerissen. Die Umgebung wird zur Einöde. Truppen von Menschen ziehen von draußen mit ihrem Haushalt in die Stadt. O diesen traurigen Züge von Wagen und Packpferden und beladenen Menschen, die da die Trümmer ihrer aufgestörten Herde durch die Straßen wälzen! Das hatte ich schon einmal in Böhmen gesehen, wo das arme Landvolk vor dem siegenden Feinde floh, und nun mußte ich in der fröhlichen, glänzenden Weltstadt das gleiche Jammerbild erschauen — es waren dieselben ängstlichen, trüben Mienen, dieselbe Mühseligkeit und Hast, dasselbe Weh.

Endlich, Gottlob, wieder einmal eine gute Nachricht: Durch englische Vermittelung angeregt, wird in Ferrières eine Zusammenkunft zwischen Jules Favre und Bismarck veranstaltet. Da würde man doch zu einer Einigung, zu einem Friedensschluß gelangen!

Im Gegenteil! Die Kluft wird jetzt erst recht offenbar. Schon seit einiger Zeit wird von den deutschen Zeitungen die Besitznahme von Elsaß-Lothringen befürwortet. Man will das ehemals deutsche Land sich wieder einverleiben. Das historische Argument für den Anspruch auf diese Provinzen zeigt sich nur teilweise haltbar, daneben wird das strategische Argument vorgebracht: „als Bollwerk bei voraussichtlichen, zukünftigen Kriegen unentbehrlich.“ Und bekanntlich sind ja die strategischen Gründe die hochwichtigsten, die unumstößlichsten — daneben darf sich ein ethischer Grund erst in zweiter Linie geltend machen. — Andererseits: die Kriegspartie war von Frankreich verloren worden; war es nicht billig, daß dem Gewinner ein Preis zufiel? Hätten im Falle ihres Erfolges die Franzosen nicht die Rheinprovinzen sich aneignen wollen? Wenn der Ausgang eines Krieges nicht für den einen oder den anderen Teil Gebietserweiterung zur Folge haben soll, wozu wird dann überhaupt Krieg geführt?

Unterdessen läßt das siegreiche Heer im Vormarsche sich nicht abhalten: die Deutschen sind schon vor den Thoren von Paris. Die Abtretung Elsaß-Lothringens wird offiziell verlangt. Dagegen erhebt sich der bekannte Ausspruch: „Keinen Zoll unseres Territoriums — keinen Stein unserer Festungen“ — (pas un pouce — pas une pierre).

Ja, ja — tausend Leben — nur keinen Zoll Erde. Das ist der Grundgedanke des patriotischen Geistes. „Man will uns demütigen,“ riefen die französischen Patrioten, „eher wird sich das erbitterte Paris unter seinen Trümmern begraben.“

Fort, fort!! entscheiden wir jetzt. Wozu ohne Notwendigkeit in einer belagerten fremden Stadt verbleiben, wozu unter Leuten leben, die von keinen anderen als Haß- und Rachegedanken erfüllt sind, die uns mit scheelen Blicken und oft mit geballten Fäusten betrachten, wenn sie uns deutsch reden hören? Freilich, ohne Schwierigkeiten konnten wir jetzt nicht mehr aus Paris, aus Frankreich hinaus; man hatte überall Gefechtsgebiete zu passieren, der Eisenbahnverkehr war für Privatreisende häufig verschlossen; unseren Neubau im Stiche lassen, war auch nicht angenehm, aber gleichviel: unseres Bleibens war nicht mehr. — Eigentlich waren wir schon viel zu lange dageblieben; die Erregungen die ich in letzter Zeit durchgemacht, hatten mich so stark erschüttert, daß meine Nerven darunter litten. Ich wurde häufig von Schüttelfrost und ein paarmal auch von Weinkrämpfen befallen.

Schon waren unsere Koffer verpackt und Alles zur Abfahrt bereit, als ich wieder einen Anfall bekam, diesmal so heftig, daß ich ins Bett gebracht werden mußte. Der herbeigeholte Arzt erklärte, daß ein Nervenfieber oder gar eine Gehirnentzündung im Anzug sei und man vorläufig nicht daran denken dürfe, mich den Strapazen einer Reise auszusetzen. —

Ich lag lange, lange Wochen darnieder. Nur eine sehr traumhafte Erinnerung ist mir von dieser ganzen Zeit geblieben. Und sonderbar: eine süße Erinnerung. Ich war doch schwer krank und Trauriges und Schauriges trug in dem Orte meines Aufenthaltes — eine belagerte Stadt — unaufhörlich sich zu, und dennoch, wenn ich daran zurückdenke: es war eine eigentümlich freudenvolle Zeit. Freuden, ja, so recht intensive Freuden, wie Kinder sie zu empfinden pflegen. Die Gehirnkrankheit, die ich durchgemacht, die fast immerwährende Abwesenheit oder doch nur halbe Anwesenheit des Bewußtseins machte, daß alles Denken und Urteilen, alles Erwägen und Überlegen aus meinem Kopf geschwunden war und nur ein vager Daseinsgenuß zurückblieb, wie solcher — wie gesagt — von Kindern, namentlich von zärtlich gewarteten Kindern, empfunden wird … An zärtlicher Wartung fehlte es mir nicht. Der Gatte, besorgt und liebend, unermüdlich, war Tag und Nacht um mich. Auch die Kinder brachte er häufig an mein Lager. Was mein Rudolf mir alles vorerzählte! Ich verstand es meist nicht, aber seine liebe Stimme erklang mir wie Musik; und das Zwitschern unserer kleinen Sylvia, unserer Herzenspuppe, wie süß belustigte mich erst das. Da gab es hundert kleine Scherze und Einverständnisse zwischen Friedrich und mir über das Gebahren unserer Tochter … Worin diese Scherze bestanden, das weiß ich auch nicht mehr; aber ich weiß, daß ich lachte und mich freute — ganz unbändig. Jeder der gewohnten Späße schien mir der Gipfel der Witzigkeit und je öfter wiederholt, desto witziger und köstlicher. Und mit welcher Wonne ich die gereichten Tränkchen schlürfte: da bekam ich täglich zur bestimmten Stunde eine Limonade — so etwas göttertrunkähnliches habe ich während meines ganzen gesunden Lebens nicht gekostet — und allabendlich eine opiumhaltige Arznei, deren sanfteinschläfernde, in bewußten Schlummer wiegende Wirkung mich mit einem Gefühle seliger Ruhe durchrieselte. Dabei wußte ich, daß der geliebte Mann an meiner Seite war, mich hütend und wahrend als seines Herzens teuerster Schatz. Der Krieg, der draußen vor den Thoren wütete, von dem wußte ich beinahe nichts mehr; und wenn mir doch zuweilen eine Erinnerung davon aufblitzte, so betrachtete ich das Ding als etwas so fern liegendes, so mich durchaus nicht berührendes, als spielte es sich in China oder auf einem anderen Planeten ab. Meine Welt war hier in diesem Krankenzimmer — in diesem Rekonvalescentenzimmer vielmehr, denn ich fühlte mich genesen — dem Glück entgegen.


Dem Glücke? Nein. Mit der Genesung kam auch das Verständnis wieder und die Auffassung des gräßlichen, das uns umgab. Wir waren in einer belagerten, hungernden, frierenden, jammererfüllten Stadt. Der Krieg wütete noch fort.

Inzwischen war der Winter hereingebrochen, eisigkalt. Jetzt erfuhr ich erst, was während meiner langen Bewußtlosigkeit alles vorgefallen. Die Hauptstadt des „Bruderlandes“, Straßburg, die „wunderschöne“, die „echt deutsche“, die „kerndeutsche Stadt“ ist beschossen worden; ihre Bibliothek zerstört, im Ganzen fielen 193 722 Schüsse — vier oder fünf in der Minute.

Straßburg ist genommen.

— Das Land gerät in wilde Verzweiflung — jene Verzweiflung, welche in Raserei und Wahnsinn ausartet. Man schlägt im Nostradamus nach, um darin Prophezeiungen der jetzigen Ereignisse zu finden, und neue Seher lassen sich mit Weissagungen vernehmen. Ärger noch: Besessene treten auf: es ist wie ein Rückfall in mittelalterliche, höllenfeuer-durchzuckte Geistesnacht …

„Könnte ich zu den Beduinen!“ rief Gustav Flaubert. „Könnte ich in das halbbewußte Traumland meiner Krankheit zurück!“ so klagte ich. Jetzt war ich wieder gesund und mußte all das erfahren und erfassen, was Grauenvolles um uns vorging. Da begannen wieder die Eintragungen in die roten Hefte und ich finde folgende Notizen vor:

1. Dezember. Trochu setzt sich auf den Höhen von Champigny fest.

2. Dezember. Hartnäckiges Gefecht um Brie und Champigny.

5. Dezember. Die Kälte wird immer strenger. Ach, die zitternden, blutenden, armen Wichte, die draußen im Schnee gebettet — sterben. Auch hier in der Stadt wird furchtbar an Kälte gelitten. Der Verdienst ist auf Null gesunken. Kein Feuerungsmaterial zu beschaffen. Was gäbe Mancher drum, wenn er nur ein paar Stückchen Holz da hätte — und wäre es der gewisse Thron von Spanien …

21. Dezember. Ausfall aus Paris.

25. Dezember. Eine kleine Abteilung preußischer Kavallerie wird aus den Häusern der Ortschaften Troo und Sougé mit Flintenschüssen begrüßt (das ist Patriotenpflicht). General Kraatz befiehlt die Züchtigung dieser Ortschaften (das ist Kommandantenpflicht) und läßt brennen. „Anzünden“ lautet das Kommandowort, und die Leute — vermutlich sanfte, gutmütige Bursche — gehorchen (das ist Soldatenpflicht) und legen den Brand an. Die Flammen schlagen zum Himmel und die armen Heimstätten stürzen krachend ein über Mann und Weib und Kind — über fliehende, weinende, brüllende und brennende Menschen und Tiere.

O du fröhliche, o du selige, o du heilige Weihnachtszeit!