Metz gefallen … So lautete an jenem Tage die zwar noch verfrühte aber einige Zeit später doch zur Wahrheit gewordene Nachricht, die in der Stadt wie ein einziger großer Schreckensschrei widerhallte.
Mir ist die Nachricht von der Einnahme einer Festung eher eine Erleichterung bringende Botschaft; denn ich denke: das gibt doch eine Entscheidung. Und darnach nur — daß die blutige Partie aus sei — nur danach geht mein Sehnen. Aber nein: nichts ist noch entschieden — es sind ja noch mehr Festungen da. Nach einer Niederlage heißt es nur, sich aufraffen und doppelt kräftig entgegenhauen — das Glück der Waffen kann ja wechseln. Ja wohl, bald dort, bald hier kann der Vorteil sein; wäre dabei nur nicht auf beiden Seiten der sichere Jammer, der sichere Tod.
Trochu fühlt sich veranlaßt, den Mut der Bevölkerung durch eine neue Proklamation zu heben und beruft sich darin auf einen alten Wahlspruch der Bretagne: „Mit Gottes Hilfe für das Vaterland.“ Das klingt mir nicht eben neu — ich muß ähnlichem schon in anderen Proklamationen begegnet sein. Es verfehlt eben seine Wirkung nicht: die Leute sind begeistert. Jetzt heißt es, Paris in eine Festung umwandeln.
Paris Festung? Ich kann den Gedanken nicht fassen. Die Stadt, welche Victor Hugo „la villelumière“ genannt, welche der Anziehungspunkt der ganzen civilisierten, reichen, Kunst- und Lebensgenuß suchenden Welt ist, der Ausgangspunkt des Glanzes, der Mode, des Geistes — diese Stadt will sich nun „befestigen“, das heißt sich zum Zielpunkt feindlicher Angriffe, zur Scheibe der Beschießung machen, sich allem Verkehr abschließen und sich der Gefahr aussetzen in Brand geschossen oder ausgehungert zu werden? Und das thun diese Leute „de gaité de cœur“, mit Opfermut, mit Freudeneifer, als gelte es die Vollbringung des nützlichsten, edelsten Werkes? Mit fieberhafter Hast wird an die Arbeit geschritten. Es müssen Wälle für Aufstellung von Mannschaften gebaut werden und Schießscharten eingeschnitten; ferner vor den Thoren Gräben ausgehoben, Zugbrücken angelegt, Deckwerke neu errichtet, Kanäle überbrückt und mit Brustwehren angeschüttet, Pulvermagazine gebaut, und auf der Seine eine Flotille von Kanonenbooten aufgestellt werden. Welches Fieber von Thätigkeit, welcher Aufwand von Anstrengung und Fleiß; welche riesige Kosten von Arbeit und Geld! Wie das Alles, für Werke der Gemeinnützigkeit verwendet, erfreulich und erhebend wäre — aber für den Zweck der Schadenzufügung, der Vernichtung — welche nicht einmal Selbstzweck, sondern strategischer Schachzug ist — es ist unfaßlich!
Um einer voraussichtlich langen Belagerung widerstehen zu können, verproviantiert sich die Stadt. Bis jetzt — allen Erfahrungen gemäß — hat es noch keine uneinnehmbaren Festungen gegeben; die Kapitulation ist stets nur eine Frage der Zeit. Und immer wieder werden Festungen errichtet, immer wieder werden sie mit Vorräten versehen, trotz der mathematischen Unmöglichkeit, sich auf die Dauer vor Aushungerung zu schützen.
Die getroffenen Maßregeln sind großartig. Es werden Mühlen eingerichtet und Viehparks angelegt, aber schließlich muß der Augenblick doch kommen, wo das Korn ausgeht und das Fleisch verzehrt ist. Aber so weit denkt man nicht; bis dahin ist der Feind über die Grenze zurückgedrängt oder im Land vernichtet. Der vaterländischen Armee schließt sich ja das ganze Volk an. Alles meldet sich zum Dienst oder wird der zu herangezogen; so werden zur Besatzung von Paris sämtliche Feuerwehrleute des Landes berufen. In der Provinz mag es unterdessen brennen — was liegt daran? So kleine Unglücksfälle verschwinden, wo es sich um ein National-„desastre“ handelt. Am 17. August sind schon 60 000 Pompiers in die Hauptstadt eingerückt. Auch die Matrosen werden einberufen, und täglich bilden sich neue Truppenkörper unter verschiedenen Namen: volontaires, éclaireurs, franctireurs …