„Die Gefahr, daß Frieden geschlossen wird, rückt immer näher“, klagte eines Tages mein Bruder Otto.
Wir saßen eben wieder um den Familientisch — Friedrich auf seinem Ruhebett daneben — und es hatte jemand aus der Zeitung die Nachricht vorgelesen, daß Benedetti in Böhmen angekommen sei — offenbar mit der Sendung betraut, Friedensvorschläge zu unterbreiten.
Nichts fürchtete mein kleiner — er war zwar schon groß, doch hatte ich die Gewohnheit ihn so zu nennen — mein kleiner Bruder so sehr, als daß der Krieg ein frühzeitiges Ende nehme und daß es ihm nicht beschieden wäre, den Feind aus dem Land zu jagen. Es war nämlich aus Wiener-Neustadt die Nachricht erfolgt, daß, falls die Feindseligkeiten wieder aufgenommen würden, dann bei der nächsten, am 18. August folgenden Ausmusterung nicht nur die Zöglinge des letzten, sondern auch mehrere des vorletzten Jahrganges sogleich in aktiven Dienst treten dürften. Diese Aussicht versetzte den jungen Helden in Entzücken. Gleich aus der Akademie in den Krieg — welche Wonne! Ähnlich freut sich eine Pensionatsschülerin hinaus in die Welt — auf den ersten Ball. Sie hat tanzen gelernt — der Neustadter Schüler lernte schießen und fechten —; sie sehnt sich, unter einem angezündeten Kronleuchter, in festlicher Toilette, bei Orchesterklang, ihre Kunst zu entfalten, und er sehnt sich nicht minder nach der schmucken Uniform und nach dem großen Kanonenkotillon.
Der Vater war über dieses soldatische Feuer seines Lieblings natürlich hoch erfreut:
„Sei ruhig, mein tapferer Junge,“ erwiderte er auf Ottos Seufzer über den drohenden Frieden, und klopfte ihm beifällig auf die Schulter; „Du hast ein langes Leben vor Dir. Wenn auch jetzt der Feldzug zu Ende wäre, in den nächsten Jahren muß es doch wieder losgehen.“
Ich sagte nichts. Seit meinem letzten Ausfall gegen Tante Marie hatte ich, auf Friedrichs Weisung, den Vorsatz gefaßt und ausgeführt, die leidigen Streitereien über das Thema Krieg möglichst zu vermeiden. Es konnte ja zu nichts führen, als zu Bitterkeiten; und seitdem ich die Spuren der grausigen Geißel mit eigenen Augen gesehen, hatte sich mein Haß und meine Verachtung des Krieges so vertieft, daß mir jede Verteidigung desselben wie eine persönliche Beleidigung in die Seele schnitt. Mit Friedrich waren wir ja einig: er würde austreten; und darüber war ich auch im klaren: mein Sohn Rudolf würde in keine militärische Anstalt gethan, wo die ganze Erziehung darauf eingerichtet ist — und folgerichtig eingerichtet sein muß — in den Jünglingen die Sehnsucht nach kriegerischen Thaten zu wecken. Ich forschte meinen Bruder einmal aus, was denn so die Ansichten seien, welche den Schülern in Bezug auf den Krieg beigebracht werden. Aus seinen Antworten ging ungefähr folgendes hervor: Der Krieg wird als ein notwendiges Übel hingestellt (also doch Übel — ein Zugeständnis dem Geiste der Zeit), zugleich aber als der vorzüglichste Erwecker der schönsten menschlichen Tugenden, die da sind: Mut, Entsagungskraft und Opferwilligkeit, als der Spender des größten Ruhmesglanzes, und schließlich als der wichtigste Faktor der Kulturentwickelung. Die gewaltigen Eroberer und Gründer der sogenannten Weltreiche — die Alexander, Cäsar, Napoleon — werden als die erhabensten Beispiele menschlicher Größe angeführt und der Bewunderung empfohlen; die Erfolge und Vortheile des Krieges werden auf das lebhafteste herausgestrichen, während man die in seinem Gefolge unabweisbar eintretenden Nachteile — Verrohung, Verarmung, moralische und physische Entartung — gänzlich mit Stillschweigen übergeht. — Nun ja; nach demselben System ward ja auch in meinem — im Mädchenunterricht vorgegangen; dadurch war in meinem kindlichen Gemüt die Bewunderung für die Kriegslorbeeren entstanden, die mich einst beseelte. War ich doch selber von Bedauern erfüllt gewesen, daß mir nicht, wie den Knaben, die Möglichkeit winkt, solche Lorbeeren zu pflücken, — konnte ich es nun einem Knaben verargen, daß ihn diese Möglichkeit mit Freude und mit Ungeduld erfüllte?
Und so antwortete ich denn nichts auf Ottos Klageruf, sondern setzte ruhig meine Lektüre fort. Ich las, wie gewöhnlich, eine Zeitung und diese war — auch wie gewöhnlich — mit Berichten von Kriegsschauplatz gefüllt.
„Da ist eine interessante Korrespondenz eines Arztes, der den Rückzug unserer Truppen mitgemacht hat … soll ich laut lesen?“ fragte ich.
„Den Rückzug?“ rief Otto. „Das möchte ich lieber nicht hören. Ja, wenn es die Geschichte vom Rückzug des verfolgten Feindes wäre —“
„Es nimmt mich überhaupt Wunder“, bemerkte Friedrich, „daß jemand etwas von einer mitgemachten Flucht erzählt; das ist eine Kriegsepisode, über welche die Beteiligten zu schweigen pflegen.“
„Ein geordneter Rückzug ist noch keine Flucht“ fiel mein Vater ein. „Da hatten wir einmal im Jahre 49 — es war unter Radetzky —“
Ich kannte die Geschichte und verhinderte deren Abrollung, indem ich unterbrach:
„Dieser Bericht war an eine medizinische Wochenschrift eingesendet, daher nicht für militärische Kreise bestimmt. Hört zu.“
Und ohne weiter um Erlaubnis zu fragen, las ich die Stelle vor:
„— — Um vier Uhr fingen unsere Truppen zu retirieren an. Wir Ärzte waren noch vollauf beschäftigt mit dem Verbinden der Verwundeten — deren Zahl einige Hundert — welche noch der Abfertigung harrten. Plötzlich sprengte Kavallerie auf uns heran und stürmte neben und hinter uns über Hügel und Felder — gleichzeitig Artillerie- und Fuhrwesenwagen — gegen Königgrätz zu. Viele Kavalleristen stürzten und wurden von den nachstürmenden Pferden völlig zerstampft. Wagen fielen um und zerdrückten die sich dazwischen drängenden Fußgänger. Wir wurden vom Verbandplatze, der plötzlich verschwand, auseinandergeworfen. Man rief uns zu ‚Rettet euch‘. Inmitten dieses Geschreies hörte man noch den Donner der Kanonen und Granatsplitter fielen in unsere Massen. So wurden wir von der Menge fortgedrückt, ohne zu wissen, wohin. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen. Meine alte Mutter … meine heißgeliebte Braut, lebt wohl! … — Plötzlich hatten wir Wasser vor uns; rechts einen Eisenbahndamm, links einen Hohlweg, vollgestopft mit schwerfälligen Requisitions- und Verwundetenwagen, und hinter uns noch eine unabsehbare Reihe von Reitern. Wir wateten durch das Wasser. Jetzt kam Befehl, die Stränge der Pferde abzuschneiden, die Pferde zu retten und die Wagen zurückzulassen. Auch die Wagen mit den Verwundeten? Ja — auch die. Wir Fußgänger waren der Verzweiflung nahe; wir wateten wiederholt bis über die Knie im Wasser, in der Angst, jeden Augenblick niedergestoßen zu werden und zu ertrinken. Endlich gelangten wir in einen Bahnhof, der wieder ganz verrammelt war. Viele durchbrachen die Verrammlung, die anderen sprangen darüber hinweg — ich lief mit Tausenden Infanteristen hinterher. Jetzt kamen wir zu einem Fluß — durchwateten ihn; dann sprangen wir über Palissaden, gingen abermals bis an den Hals über einen zweiten Fluß, kletterten über Anhöhen hinauf, sprangen über gefällte Bäume und langten um 1 Uhr nachts in einem Wäldchen an, wo wir vor Erschöpfung und Fieber niedersanken. Um 3 Uhr marschierten wir — das heißt ein Teil von uns, ein anderer Teil von uns mußte zurückbleiben, da zu sterben — marschierten wir, noch triefend vor Nässe und Kälte, weiter. Die Dörfer alle leer — keine Menschen, keine Lebensmittel, nicht einmal Trinkwasser — die Luft verpestet. Tote auf den zerstampften Getreidefeldern, kohlschwarze Körper, die Augen aus den Höhlen — — —“
„Genug, genug!“ schrieen die Mädchen.
„Solche Sachen sollte die Censur gar nicht erlauben“, bemerkte mein Vater. „Es könnte einem die Freude an dem Soldatenstand verleiden —“
„Und besonders die Freude an dem Krieg, das wäre wirklich schade,“ schaltete ich halblaut ein.
„Überhaupt“, fuhr er fort, „die Fluchtepisoden sollten diejenigen, welche dabei waren, anständigerweise verschweigen, denn es ist wahrlich keine Ehre, ein allgemeines ‚sauve qui peut‘ mitgemacht zu haben. Der Wicht, der mit dem Rufe ‚Rettet euch‘ das erste Signal zum Reißaus gibt, sollte sofort niedergeschossen werden. Ein Feiger ruft es und tausend Tapfere werden dadurch demoralisiert und müssen mitlaufen.“
„Gerade so“, entgegnete Friedrich, „wie wenn ein Tapferer ‚Vorwärts!‘ ruft, tausend Feige voranstürmen müssen, — und dabei auch wirklich von momentaner Tapferkeit durchglüht werden. Es lassen sich die Menschen überhaupt nicht so scharf in mutige und mutlose trennen; sondern ein jeder hat seine mehr oder minder kouragierten, sowie mehr oder minder feigen Augenblicke. Und besonders, wo es sich um Scharen handelt, hängt jeder einzelne von dem Zustand seiner Gefährten ab. Wir sind Herdengeschöpfe und werden von Herdengefühlen beherrscht. Wo ein Schaf hinüberspringt, springen die anderen nach; wo einer ‚Hurrah‘ schreiend voransprengt, schreien die anderen nachsprengend mit; und wo einer die Flinte ins Korn wirft, um zu laufen, laufen die anderen auch. In dem einen Fall wird die ‚tapfere Truppe‘ laut gepriesen, im zweiten wird über ihr Vorgehen — geschwiegen, und es sind doch dieselben Leute. Ja, dieselben Menschen sind es, die je nach der Masseneinwirkung mutig oder mutlos sich gebärden und fühlen. Nicht als anhaftende Eigenschaften sind Tapferkeit und Furcht zu betrachten, vielmehr als Gemütszustände, gerade so wie Fröhlichkeit und Trauer. Ich bin während meines ersten Feldzuges einmal in den Wirbel einer solchen wilden Flucht geraten. In den offiziellen Aufzeichnungen des Generalstabs wurde das Ding zwar als ‚wohlgeordneter Rückzug‘ mit einigen Worten abgethan — es war aber eine richtige Deroute. Das tobte und kollerte und raste fort, in namenloser Verwirrung: die Waffen, die Tornister, die Tschakos und die Mäntel wurden weggeschleudert — kein Kommandowort mehr zu hören — keuchend, schreiend, verzweiflungsgepeitscht stoben die aufgelösten Bataillone dahin, der nachsprengende und nachfeuernde Feind hinterher … Das ist unter den vielen grausamen Phasen des Krieges die grausamste: wenn die beiden Gegner nicht als Kämpfer, sondern als Jäger und Wild fungieren. Hier kommt für den Jäger die roheste Mordlust, für das Wild die bitterste Todesfurcht zum Vorschein. Gehetzt und furchtgespornt, geraten die Verfolgten in eine Art Delirium; all die anerzogenen Gefühle und Gesinnungen, welche den in den Kampf sich Stürzenden beleben — Vaterlandsliebe, Ehrgeiz, Thatendurst — die gingen dem Fliehenden verloren. Ihn erfüllt nur noch ein zu ganzer Gewalt entfesselter Trieb und zwar der heftigste, der ein lebendes Wesen beherrschen kann: der Selbsterhaltungstrieb. Dieser steigert sich — je näher die Gefahr — bis zum höchsten Paroxysmus der Qual. Auch wer solches niemals durchgemacht, kann — wenn anders er die Extasen der Liebeswonnen kennt — sich einen Begriff von jener Schmerzenswut machen. Was für den auf das äußerste aufgestachelten Gattungstrieb der Augenblick der Wollust ist, das ist für den Erhaltungstrieb — gleichgradig, nur auf dem anderen Ende der Skala — der Augenblick, da das erschöpfte Wild unter den Fängen der Meute zusammenbricht.“
„Aber Tilling“ kam es nun wieder in vorwurfsvollem Tone von Tante Marie — „Vor den Mädchen! Worte wie Wol—“
„Und vor einem Jüngling“, fügte mein Vater ebenso vorwurfsvoll hinzu, „vor einem angehenden Soldaten, Worte wie Todesfurcht —“
Friedrich zuckte die Achseln:
„Ich würde raten“, entgegnete er, „aus dem Lexikon vor allem das Wort Natur zu streichen.“