Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

61. Viertes Buch. 1866.
16. Abschnitt

Noch am selben Tag kam der aus Wien telegraphisch gerufene Chirurg im Schlosse an und nahm Friedrichs Wunde in Behandlung. Sechs Wochen äußerste Ruhe — und die Heilung würde eine vollständige sein.

Daß mein Mann den Dienst quittieren würde, das stand nun bei uns beiden fest. Natürlich konnte dies erst nach Beendigung des Krieges ausgeführt werden. Übrigens konnte man den Krieg füglich als beendet betrachten. Nach dem Verzicht auf Venedig war der Konflikt mit Italien beseitigt, Napoleons Freundschaft war gewonnen und man würde im stande sein, mit dem nordischen Sieger einen glimpflichen Frieden abzuschließen. Unser Kaiser selbst wünschte sehnlichst, dem unglücklichen Feldzug ein Ende zu machen und wollte nicht noch seine Hauptstadt einer Belagerung aussetzen. Die preußischen Siege im übrigen Deutschland, so der am 16. Juli stattgefundene Einzug der Preußen in Frankfurt a/M., verliehen dem Gegner einen gewissen Nimbus, der — wie alle Erfolge — auch bei uns zu Lande Bewunderung erzwang und eine Art Glauben weckte, daß es eine geschichtliche Mission sein, welche da von den Preußen mittelst gewonnener Schlachten ausgeführt wurde. Das Wort „Waffenstillstand“ — „Frieden“ war nun einmal gefallen, und da konnte auf dessen Verwirklichung ebenso sicher gerechnet werden, wie man in Zeiten, wo die Drohung des Krieges einmal ausgesprochen, über kurz oder lang auf den Ausbruch des Krieges rechnen muß. Selbst mein Vater gab jetzt zu, daß unter den obwaltenden Umständen ein Aufheben der Feindseligkeiten angemessen wäre; die Armee war geschwächt, die Überlegenheit des Zündnadelgewehres mußte anerkannt werden und ein Vormarsch der feindlichen Truppen nach der Hauptstadt, die Beschießung Wiens und nebstbei auch die Zerstörung von Grumitz: das waren Eventualitäten welche auch meinem kampflustigen Herrn Papa nicht sonderlich zulächelten. Sein Vertrauen in die Unbesiegbarkeit der österreichischen Truppen war durch die Thatsachen denn doch erschüttert worden; und es ist überhaupt eine Neigung des menschlichen Geistes, von den laufenden Ereignissen abzunehmen, daß sie serienweise auftreten: daß auf Erfolg wieder Erfolg, auf Unglück wieder Unglück folgen müsse. Besser also, in der Unglücksserie innehalten — die Zeit der Genugthuung und der Rache würde schon kommen …

Rache und immer wieder Rache? Jeder Krieg muß einen Besiegten aufweisen und wenn dieser nur in einem nächsten Krieg Genugthuung finden kann, einem nächsten der natürlich wieder einen genugthuungheischenden Besiegten schaffen wird — wann nimmt das ein Ende? Wie kann Gerechtigkeit erlangt, wann altes Unrecht gesühnt werden, wenn als Sühnemittel immer wieder neues Unrecht angewendet wird? Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegputzen zu wollen — nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden!

Die in Grumitz obwaltende Stimmung war allgemein eine düstere. In der Ortschaft herrschte Panik: „die Preußen kommen, die Preußen kommen“ war auch hier — trotz den von mancher Seite gehegten Friedenshoffnungen — immer noch die ausgegebene Angstparole, und die Leute verpackten und vergruben ihre Kostbarkeiten; auch bei uns im Schlosse hatten Tante Marie und Frau Walter dafür gesorgt, daß das Familiensilber in ein geheimes Versteck gebracht werde. Lilli war in steter Sorge um Konrad, von welchem jetzt seit einigen Tagen die Nachrichten ausgeblieben waren; mein Vater fühlte sich in seiner patriotischen Ehre gekränkt und wir beide, Friedrich und ich, trotz des still in unseren Herzen ruhenden Glückes über unsere Wiedervereinigung, waren von dem miterlebten, so heftig mitempfundenen Unglück der Zeit aufs schmerzlichste erschüttert. Und von allen Seiten floß diesem Schmerze immer wieder neue Nahrung zu. In sämtlichen Zeitungsberichten, in allen Briefen aus Verwandten- und Bekanntenkreisen nichts als Klage und Trauer. Da war ein Brief von Tante Kornelie, welche ihr Unglück noch nicht kannte, worin sie in so rührenden Worten von der Furcht sprach, ihr einziges Kind etwa verlieren zu müssen — ein Brief, über den wir Zwei bittere Thränen vergossen. Und wenn wir abends im Kreise beisammen saßen, da gab es nicht heiteres, scherzgewürztes Geplauder, Musik, Kartenspiel und anregende Lektüre, sondern immer nur — gesprochen oder gelesen — Geschichten von Jammer und Tod. Wir lasen nichts anderes als Zeitungen und diese waren mit „Krieg“ und nichts als „Krieg“ gefüllt, und was wir sprachen, bezog sich meist auf die Erfahrungen, welche Friedrich und ich von den böhmischen Schlachtfeldern zurückgebracht hatten. Meine Abreise dahin wurde mir zwar von Allen sehr übel genommen, dennoch lauschten sie gespannt, wenn ich von den dortigen, teils selbsterlebten, teils mitgeteilten Ereignissen erzählte. Rosa schwärmte für Frau Simon und schwor, falls der Krieg andauern sollte, sich der sächsischen Samariterin anzuschließen. Dagegen protestierte natürlich unser Vater: „Mit Ausnahme der barmherzigen Schwestern und der Marketenderinnen, hat kein Frauenzimmer im Krieg ’was zu suchen … ihr seht ja, wie untauglich unsere Martha sich erwiesen hat. Das war ein unverzeihlicher Streich von Dir, Du tolles Kind — Dein Mann sollte Dich noch nachträglich dafür züchtigen.“ Friedrich streichelte meine Hand: „Ja, eine Thorheit war’s — aber eine schöne.“ — Wenn ich von den Schrecknissen, die ich selber gesehen, oder die mir meine Reisegefährten mitgeteilt, in gar zu unverhüllter Weise sprach, wurde ich oft von Tante Marie oder von meinem Vater rügend unterbrochen: „Wie kann man so abscheuliche Dinge wiederholen?“ Oder: „Schämst Du Dich nicht, als Frau, als zarte Dame, so häßliche Worte in den Mund zu nehmen?“ Als ich gar eines Abends von den Verstümmelten sprach und das Los derer beklagte, die im Namen des Mannesmuts, der Manneszucht und der Mannesehre in den Krieg getrieben, von dort zurückkehren müssen, ihrer Mannheit auf ewig beraubt — —

„Martha! Vor den Mädchen!!!“ stöhnte Tante Marie, im Tone der höchsten sittlichen Entrüstung.

Da riß mir die Geduld:

„O über eure Prüderie — und o über eure zimperliche Wohlanständigkeit! Geschehen dürfen alle Greuel, aber nennen darf man sie nicht. Von Blut und Unrat sollen die zarten Frauen nichts erfahren und nichts erwähnen, wohl aber die Fahnenbänder sticken, welche das Blutbad überflattern werden; davon dürfen Mädchen nichts wissen, daß ihre Verlobten unfähig gemacht werden können, den Lohn ihrer Liebe zu empfangen, aber diesen Lohn sollen sie ihnen zur Kampfesanfeuerung versprechen. Tod und Tötung hat nichts unsittliches für euch, ihr wohlerzogenen Dämchen — aber bei der bloßen Erwähnung der Dinge, welche die Quellen des fortgepflanzten Lebens sind, müßt ihr errötend wegschauen. Das ist eine grausame Moral, wißt ihr das? Grausam und feig! Dieses Wegschauen — mit dem leiblichen und mit dem geistigen Auge — das ist an dem Beharren so vielen Elends und Unrechts schuld! Wer nur erst den Mut hätte, hinzuschauen, wo Mitgeschöpfe in Leid und Elend schmachten und den Mut hätte, über das Geschaute nachzudenken —“

„Ereifere Dich nicht“, unterbrach Tante Marie, „wir können doch nicht, so viel wir auch zuschauen und nachdenken wollten, das Übel von der Erde wegschaffen — dieselbe ist nun einmal ein Jammerthal und wird es immer bleiben.“

„Das wird sie nicht“, entgegnete ich und behielt so doch das letzte Wort.