Die Schlacht von Königgrätz war geschlagen. Wieder eine Niederlage! Diesmal, wie es scheint, eine entscheidende … Mein Vater berichtete uns diese Nachricht in einem Tone, als hätte er den Weltuntergang verkündet.
Und kein Brief, keine Depesche von Friedrich! War er verwundet — tot? — Konrad gab seiner Braut Nachricht: er war unversehrt. Die Verlustlisten waren noch nicht angekommen; es hieß nur, bei Königgrätz gab es vierzigtausend Tote und Verwundete. Und die letzte Nachricht, die ich erhalten hatte, lautete: „Wir begeben uns heute nach Königgrätz.“
Am dritten Tage noch immer kein Zeichen. Ich weine und weine stundenlang. Eben weil mein Kummer noch nicht ganz hoffnungslos ist, kann ich weinen; wenn ich wüßte, daß Alles vorbei ist, so gäbe es für die Wucht meines Schmerzes keine Thränen mehr. Auch mein Vater ist tiefgedrückt. Und Otto, mein Bruder, tobt vor Rachsucht. Es heißt, daß jetzt in Wien Freiwilligen-Korps errichtet werden — diesen will er sich anschließen. Ferner heißt es, Benedek solle seiner Stelle entsetzt und statt seiner der siegreiche Erzherzog Albrecht nach dem Norden berufen werden, dann gäbe es vielleicht doch noch ein Aufraffen, ein Zurückschlagen des übermütigen Feindes, der jetzt uns ganz vernichten wolle, der im Vormarsch auf Wien begriffen sei … Angst, Wut, Schmerz erfüllt alle Gemüter; der Name „die Preußen“ drückt Alles aus, was es Hassenswertes gibt. Mein einziger Gedanke ist Friedrich — und keine, keine Nachricht!
Nach einigen Tagen langte ein Brief Doktor Bressers an. Er war in der Umgebung des Schlachtfeldes thätig, um zu helfen, was er helfen konnte. Die Not sei grenzenlos, schrieb er, jeder Einbildungskraft spottend. Er hatte sich einem sächsischen Arzte, Doktor Brauer, angeschlossen, der von seiner Regierung ausgesandt worden war, um nach dem Augenschein über die Lage zu berichten. In zwei Tagen sollte auch eine sächsische Dame ankommen — Frau Simon, eine neue Miß Nightingale — welche seit Ausbruch des Krieges in Dresdener Hospitälern thätig gewesen, und welche sich erboten hatte, die Reise nach den böhmischen Schlachtfeldern anzutreten, um in den umliegenden Hospitälern ihre Hilfe zu leisten. Doktor Brauer und mit ihm Doktor Bresser wollten sich an dem bestimmten Datum, sieben Uhr abends, nach Königinhof, der letzten Station vor Königgrätz, bis wohin die Eisenbahn noch verkehrte, begeben und die mutige Frau daselbst erwarten. Bresser bat uns, womöglich eine Sendung von Verbandzeug und dergleichen nach jener Station zu schicken, damit er sie dort in Empfang nehmen könne.
Kaum hatte ich diesen Brief gelesen, war mein Entschluß gefaßt: — die Kiste mit Verbandzeug würde ich selber bringen. In einem jener Spitäler, welche Frau Simon besuchen wollte, lag möglicherweise Friedrich … Ich würde mich ihr anschließen und den teuren Kranken finden, pflegen, retten … Die Idee erfaßte mich mit zwingender Gewalt, so zwingend, daß ich sie für eine magnetische Fernwirkung des sehnenden Wunsches auffaßte, mit dem der Geliebte nach mir rief.
Ohne Jemandem aus meiner Familie meinen Vorsatz mitzuteilen — denn ich wäre nur auf allseitigen Widerspruch gestoßen — machte ich mich ein paar Stunden nach Erhalt des Bresserschen Briefes auf den Weg. Ich hatte vorgegeben, daß ich die von dem Doktor verlangten Dinge in Wien selber besorgen und expedieren wolle, und so konnte ich ohne Schwierigkeit von Grumitz fortkommen. Von Wien aus würde ich dann meinem Vater schreiben: „Bin nach dem Kriegsschauplatze abgereist.“ Wohl stiegen mir Zweifel auf meine Unfähigkeit und Unerfahrenheit, mein Abscheu vor Wunden, Blut und Tod; aber diese Zweifel verjagte ich: was ich that, ich mußte es thun. Des Gatten Blick, flehend und gebietend, war auf mich gerichtet, von seinem Schmerzenslager streckte er die Arme nach mir aus und: „Ich komme, ich komme.“ war das Einzige, was ich zu denken vermochte.
Ich fand die Stadt Wien in unsäglicher Aufregung und Bestürzung. Verstörte Gesichter ringsumher. Mein Wagen kreuzte sich mit mehreren Wagen, welche mit Verwundeten gefüllt waren. Immer spähete ich, ob nicht etwa Friedrich darunter sei … Aber nein: sein Sehnsuchtsruf, der an meinen Fibern zerrte, drang von weiter her — von Böhmen. Hätte man ihn zurücktransportiert, so wäre die Nachricht davon gleichzeitig zu uns gelangt.
Ich ließ mich in einen Gasthof führen. Von dort aus besorgte ich meine Einkäufe, expedierte den für Grumitz bestimmten Brief, warf mich in einen möglichst einfachen, strapazenfähigen Reiseanzug und fuhr nach dem Nordbahnhof. Ich wollte den nächstabgehenden Zug benutzen, um rechtzeitig an meine Bestimmung zu gelangen. Es war wie eine fixe Idee, unter deren Herrschaft ich meine Handlungen ausführte.
Auf dem Bahnhof herrschte reges — Leben — oder soll ich „reges Sterben“ sagen? Die Halle, die Säle, der Perron; Alles voll Verwundeter, Viele davon in den letzten Zügen. Und ein massenhaftes Menschengewirre: Krankenpfleger, Sanitätssoldaten, barmherzige Schwestern, Ärzte; Männer und Frauen aus allen Gesellschaftsklassen, die da kamen, um nachzusehen, ob der letzte Transport nicht einen von den Ihren gebracht; oder auch, um unter die Verwundeten Geschenke, Wein, Cigarren u. s. w. zu verteilen. Das Beamten- und das Dienstpersonal überall bemüht, das vordringende Publikum zurückzudrängen. Auch mich wollte man wieder fortschicken:
„Was wollen Sie? … Platz da! … Das Überreichen von Eß- und Trinkwaren ist verboten … wenden Sie sich an das Komitee … dort werden die Geschenke in Empfang genommen“ …
„Nein, nein“, sagte ich, „ich will abreisen. Wann fährt der nächste Zug?“
Auf diese Frage konnte ich lange keine Auskunft erhalten. Die meisten Abfahrtszüge seien eingestellt, erfuhr ich endlich, da die Linie für ankommende Züge, die eine Ladung Verwundeter nach der anderen brachte, offen bleiben mußte. Passagierzüge gingen heute überhaupt keine mehr ab. Nur einer mit nachgeschickten Reservetruppen, und ein anderer zur ausschließlichen Benutzung des patriotischen Hilfsvereins, der mehrere Ärzte und barmherzige Schwestern und eine Ladung nötigen Materials nach der Umgebung von Königgrätz abführen sollte.
„Und da könnte ich nicht mitfahren?“
„Unmöglich!“
Immer deutlicher und flehender vernahm ich Friedrichs Hilferuf — und nicht kommen können: es war zum verzweifeln!
Da erblickte ich am Eingang der Halle Baron S., den Vize-Vorsteher des patriotischen Hilfsvereins, denselben, den ich schon vom Kriegsjahre 59 her kannte. Ich eilte auf ihn zu:
„Um Gotteswillen, Baron S., helfen Sie mir! Sie erkennen mich doch?“
„Baronin Tilling, Tochter des General Grafen Althaus — gewiß habe ich die Ehre … Womit kann ich Ihnen dienen?“
„Sie expedieren einen Zug nach Böhmen … lassen Sie mich mitfahren! Mein sterbender Mann verlangt nach mir … Wenn Sie ein Herz haben — und Sie beweisen ja durch Ihre Thätigkeit, wie schön und edel Ihr Herz ist — so schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab!“
Es gab noch allerlei Zweifel und Bedenken, aber schließlich wurde meinem Wunsche willfahrt. Baron S. rief einen der vom Hilfsverein entsendeten Ärzte herbei und empfahl mich, als Mitreisende, seinem Schutz.
Bis zur Abfahrt war noch eine Stunde. Ich wollte den Wartesaal aufsuchen, aber jeder verfügbare Raum war in ein Hospital verwandelt. Wo man hinblickte, überall kauernde, liegende, verbundene, bleiche Gestalten. Ich mochte nicht hinschauen. Das bischen Energie, das ich besaß, das mußte ich mir auf meine Fahrt, und auf deren Ziel aufsparen. Von aller Kraft, allem Mitgefühl, aller Hilfsleistungsfähigkeit, die mir zu Gebote stand, durfte ich hier nichts ausgeben; das gehörte nur ihm — ihm, der mich rief.
Es war indes kein Winkel zu finden, wo mir der Jammeranblick erspart geblieben wäre. Ich hatte mich auf den Perron geflüchtet und dort mußte ich gerade das Ärgste mit ansehen: die Ankunft eines langen Zuges, dessen sämtliche Waggons mit Verwundeten gefüllt waren, und die Abladung der Letzteren. Die leichter Blessierten stiegen selber aus und schleppten sich vorwärts, die Meisten mußten aber unterstützt, oder gar getragen werden. Die verfügbaren Tragbahren waren gleich besetzt und die überzähligen Patienten mußten bis zur Rückkunft der Träger einstweilen auf den Boden gelagert werden. Vor meine Füße, auf dem Platze, wo ich auf einer Kiste saß, legten sie Einen hin, der unausgesetzt ein gurgelndes Röcheln ausstieß. Ich beugte mich herab, um ihm ein teilnehmendes Wort zu sagen, aber entsetzt fuhr ich wieder zurück und verbarg mein Gesicht in beide Hände — der Eindruck war zu fürchterlich gewesen. Das war kein menschliches Angesicht mehr — der Unterkiefer weggeschossen, ein Auge herausquellend … dazu ein erstickender Qualm von Blut- und Unratgeruch … Ich hätte aufspringen und fliehen mögen, doch ward mir totenübel und mein Kopf fiel an die hinter mir liegende Mauer zurück. „O ich feiges, kraftloses Geschöpf!“ — schalt ich mich — „was suche ich hier in diesen Jammerstätten, wo ich nichts — nichts helfen kann … wo ich solchem Ekel unterliege“ … Nur der Gedanke an Friedrich raffte mich wieder empor. Ja, für ihn, auch wenn er in solchem Zustande wäre, wie der Elende zu meinen Füßen, könnte ich Alles ertragen — ich würde ihn noch umfangen und küssen, und aller Ekel, alles Grauen versänke in das eine allbesiegende Gefühl — in Liebe — „Friedrich — mein Friedrich, ich komme!“ wiederholte ich halblaut diesen einen fixen Gedanken, der mich seit der Ankunft des Bresserschen Briefes erfaßt und nicht mehr losgelassen hatte.
Eine furchtbare Idee durchflog mein Hirn: Wie wenn dieser — Friedrich wäre? Ich sammelte meine Kräfte und blickte noch einmal hin: Nein, er war es nicht.