Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

5. Erstes Buch. 1859.
5. Abschnitt

Das Regiment meines Mannes lag in Wien. Von unserer Wohnung hatte man die Aussicht auf den Prater, und wenn man da ans Fenster trat, wehte es sommerlich verheißend herein. Es war ein wundervoller Frühling. Die Luft war lau und veilchenduftend, und zeitiger als in anderen Jahren sproßte das junge Laub hervor. Auf die im kommenden Monat bevorstehenden großen Praterfahrten freute ich mich unbändig. Wir hatten uns zu diesem Zweck ein kokettes „Zeugel“ angeschafft, nämlich einen Kutschierwagen mit einem Viererzug von ungarischen Juckern. Schon jetzt, in diesen herrlichen Apriltagen, fuhren wir beinahe täglich in den Prateralleen spazieren, aber das war nur ein Vorkosten des eigentlichen Maigenusses. Ach, wenn nur bis dahin nicht etwa der Krieg ausbräche! …

„Na, Gott sei Dank — jetzt hat die Unentschiedenheit ein Ende!“ — rief mein Mann, als er am Morgen des neunzehnten April vom Exerzieren nach Hause kam. „Das Ultimatum ist gestellt.“

Ich erschrak. „Wie — was — was heißt das?“

„Das heißt, das letzte Wort der diplomatischen Verhandlungen, welches der Kriegserklärung vorausgeht, ist gesprochen. Unser Ultimatum an Sardinien fordert, daß Sardinien entwaffne — was dieses natürlich bleiben läßt, und wir marschieren über die Grenze.“

„Großer Gott! — Vielleicht aber entwaffnen sie?“

„Nun dann wäre der Streit auch beigelegt und es bleibt Frieden.“

Ich fiel auf die Knie — ich konnte nicht anders. Lautlos und dennoch heftig wie ein Schrei, schwang sich aus meiner Seele die Bitte zum Himmel: „Frieden, Frieden!“

Arno hob mich auf: „Du närrisches Kind!“

Ich schlang meine Arme um seinen Hals und fing zu weinen an. Es war kein Schmerzensausbruch, denn noch war ja das Unglück nicht entschieden — aber die Nachricht hatte mich so erschüttert, daß meine Nerven zitterten und diesen Thränensturz verursachten.

„Martha, Martha, Du wirst mich böse machen,“ schalt Arno. „Bist Du denn mein braves Soldatenweiblein? Vergissest Du, daß Du Generalstochter, Oberstlieutenantsfrau und“ — schloß er lächelnd — „Korporalsmutter bist?“

„Nein, nein, mein Arno … Ich begreife mich selber nicht … Das war nur so ein Anfall … ich bin ja doch selber für militärischen Ruhm begeistert … aber ich weiß nicht — vorhin, als Du sagtest, alles hänge von einem Worte ab, das jetzt gesprochen werden soll — ein Ja oder Nein auf das sogenannte Ultimatum — und dieses Ja oder Nein solle entscheiden, ob Tausende bluten und sterben sollen — sterben in diesen sonnigen, seligen Frühlingstagen — da war mir, als müßte das Friedenswort fallen und ich konnte nicht anders als betend niederknieen —“

„Um dem lieben Gott die Sachlage mitzuteilen, Du Herzensnärrchen?“

Die Hausglocke ertönte. Schnell trocknete ich meine Thränen. Wer konnte das sein — so früh?

Es war mein Vater. Derselbe kam hastig hereingestürzt.

„Nun Kinder,“ rief er atemlos, indem er sich in einen Lehnsessel warf. „Wißt Ihr schon die große Nachricht — das Ultimatum …“

„Soeben habe ich’s meiner Frau erzählt.“

„Sag’ Papa, was meinst Du,“ fragte ich bange, „wird der Krieg dadurch abgewendet?“

„Ich wüßte nicht, daß ein Ultimatum jemals einen Krieg abgewendet hätte. Vernünftig wäre es wohl von diesem italienischen Jammerpack, wenn es nachgeben würde und sich keinem neuen Novara aussetzte … Ach, wäre der gute Vater Radetzky nicht voriges Jahr gestorben, ich glaube er hätte, trotz seiner neunzig Jahre, sich noch einmal an die Spitze seines Heeres gestellt und ich wäre, bei Gott, auch wieder mitmarschiert … Wir zwei haben’s ja schon gezeigt, wie man mit dem welschen Gesindel fertig wird. Sie haben aber noch nicht genug daran, die Katzelmacher — sie wollen eine zweite Lektion haben! Auch recht: unser lombardisch-venetianisches Königreich wird sich durch das piemontesische Gebiet ganz schön vergrößern lassen — ich sehe schon den Einzug unserer Truppen in Turin.“

„Aber Papa, Du sprichst ja, als wäre der Krieg schon erklärt und als wärst Du darüber froh. Doch wie, wenn Arno mitgehen muß?“ Es standen mir schon wieder die Thränen in den Augen.

„Das wird er auch — der beneidenswerte Junge.“

„Aber meine Angst — die Gefahr —“

„Ach was, Gefahr! Man kommt vom Kriege auch nach Haus, wie Figura zeigt. Ich habe mehr als eine Campagne mitgemacht. Gott sei Dank, bin auch mehr als einmal verwundet worden — und bin doch am Leben, weil es mir eben bestimmt war, am Leben zu bleiben.“

Die alte fatalistische Redensart! Dieselbe, welche für Rurus künftige Berufswahl hatte herhalten müssen und die mir auch jetzt wieder als ein Stück Weisheit einleuchtete.

„Wenn etwa mein Regiment nicht beordert werden sollte —“ begann Arno.

„Ach ja,“ unterbrach ich freudig, „das ist auch noch eine Hoffnung.“

„Dann lasse ich mich versetzen, wenn möglich —“

„Es wird schon möglich sein,“ versicherte mein Vater. „Heß bekommt den Oberbefehl und der ist mein guter Freund.“

Das Herz zitterte mir, aber dennoch konnte ich nicht anders, als diese beiden Männer bewundern. Mit welch fröhlichem Gleichmut sie von einem kommenden Feldzug sprachen, als handelte es sich um einen geplanten Spaziergang. Mein tapferer Arno wollte sogar — auch wenn ihn die Pflicht nicht riefe — freiwillig vor den Feind ziehen, und mein großdenkender Vater fand das ganz einfach und natürlich. Ich raffte mich auf. Fort mit meinem kindischen, weibischen Bangen! Jetzt galt es, mich dieser meiner Lieben würdig zu zeigen, das Herz über alle egoistischen Befürchtungen erheben und nur dem schönen Bewußtsein Raum geben: Mein Gatte ist ein Held.

Ich sprang auf und hielt ihm beide Hände hin:

„Arno, ich bin stolz auf Dich!“

Er zog meine Hände an seine Lippen; dann an den Vater gewendet, mit freudestrahlender Miene:

„Das Mädel hast Du gut erzogen, Schwiegervater!“

Abgelehnt! Das Ultimatum abgelehnt! So geschehen in Turin am 26. April. Die Würfel gefallen — der Krieg „ausgebrochen“!

Seit einer Woche war ich auf die Katastrophe gefaßt, dennoch versetzte mir deren Eintreffen einen derben Schlag. Schluchzend warf ich mich auf das Sofa, den Kopf in die Kissen verbergend, als mir Arno diese Nachricht brachte.

Er setzte sich an meine Seite und tröstete mich sanft.

„Mein Liebling, Mut — Fassung! Es ist ja nicht so schlimm … in kurzer Zeit kehren wir als Sieger heim … Dann werden wir Zwei doppelt glücklich sein. Weine nicht so, es zerreißt mir das Herz … fast bereue ich, daß ich mich engagiert habe, auf jeden Fall mitzugehen … doch nein, bedenke: wenn meine Kameraden hinaus müssen, mit welchem Recht dürfte ich da zu Hause bleiben? Du selber müßtest Dich meiner schämen … Einmal muß ich ja die Feuertaufe erhalten — ehe das geschehen, fühle ich mich gar nicht recht als Mann und als Soldat. Denk’ nur, wie schön — wenn ich zurückkomme — mit einem dritten Stern am Kragen — vielleicht mit einem Kreuz auf der Brust.“

Ich lehnte meinen Kopf an seine Achsel und weinte da weiter. Wie klein ich doch wieder dachte: Sterne und Kreuze erschienen mir in diesem Augenblick als so schaler Flitter … Nicht zehn Großkreuze auf dieser teuern Brust konnten einen Ersatz bieten für die grause Möglichkeit, daß eine Kugel sie zerschmettere …

Arno küßte mir die Stirn, schob mich sanft beiseite und stand auf:

„Ich muß jetzt fortgehen, liebes Kind — zu meinem Obersten. Weine Dich aus … wenn ich wiederkomme, hoffe ich, Dich standhaft und heiter zu finden — ich brauche das, um nicht von trüben Ahnungen beschlichen zu werden. Jetzt, in so entscheidender Zeit, wird doch meine eigene kleine Frau nichts thun, mir den Mut zu benehmen, meine Thatenlust zu dämpfen? Adieu, mein Schatz.“ Und er ging.

Ich raffte mich auf. Seine letzten Worte klangen mir noch im Ohre nach. Ja offenbar: meine Pflicht war nun die, seinen Mut und seine Thatenlust — nicht nur nicht zu dämpfen, sondern nach Möglichkeit zu heben. Das ist ja die einzige Art, wie wir Frauen unsern Patriotismus bethätigen können, wie wir des Ruhmes teilhaftig werden dürfen, den unsere Männer auf den Schlachtfeldern sich holen … „Schlacht — felder“ — sonderbar, wie dieses Wort jetzt plötzlich in zwei grundverschiedenen Bedeutungen mir vor den Sinn trat. Halb in der altgewohnten, historischen, pathetischen, höchste Bewunderung erregenden Bedeutung, halb in dem Ekelschauer der blutigen, brutalen Silbe „Schlacht“ … Ja geschlachtet würden sie auf dem Felde daliegen, die armen hinausgetriebenen Menschen — mit offenen, roten Wunden — und unter ihnen vielleicht … Mit einem laut ausgestoßenen Schrei dachte ich diesen Gedanken aus.

Meine Jungfer, Betti, kam erschrocken hereingerannt. Sie hatte mich schreien gehört.

„Um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist geschehen?“ fragte sie zitternd.

Ich blickte das Mädchen an: auch sie hatte rotgeweinte Augen. Ich erriet — sie wußte schon die Nachricht, und ihr Geliebter war Soldat. Mir war’s, als müßte ich die Unglücksschwester an mein Herz drücken.

„Es ist nichts, mein Kind,“ sagte ich weich … „Die fortziehen, kommen ja wieder zurück —“

„Ach, gräfliche Gnaden, nicht alle,“ antwortete sie, von neuem in Thränen ausbrechend.

Jetzt trat meine Tante bei mir ein und Betti entfernte sich.

„Ich bin gekommen, Dir Trost zu sprechen, Martha,“ sagte die alte Frau, mich umarmend, „und Dir in dieser Prüfung Ergebung zu predigen.“

„Also weißt Du?“ —

„Die ganze Stadt weiß es … Es herrscht großer Jubel, dieser Krieg ist sehr populär.“

„Jubel, Tante Marie?“

„Nun ja, bei solchen, die kein geliebtes Familienglied mitziehen sehen. Daß Du traurig sein wirst, konnte ich mir denken, und darum bin ich hierher geeilt. Dein Papa wird auch gleich kommen; aber nicht um zu trösten, sondern zu gratulieren: er ist ganz außer sich vor Freude, daß es losgeht, und betrachtet es als eine herrliche Chance für Arno, daß er mitthun kann. Im Grunde hat er ja auch recht … für einen Soldaten gibt’s auch nichts Besseres, als den Krieg. So mußt auch Du die Sache betrachten, liebes Kind — Berufserfüllung geht doch allem voran. Was sein muß —“

„Ja, Du hast recht, Tante, was sein muß — das Unabänderliche —“

„Das von Gott gewollte“ — schaltete Tante Marie bekräftigend ein.

„Muß man mit Fassung und Ergebung ertragen.“

„Brav, Martha. Es kommt ja doch alles so, wie es von der weisen und allgütigen Vorsehung in unabänderlichem Ratschluß vorher bestimmt ist. Die Sterbestunde eines Jeden, die steht schon von der Stunde seiner Geburt an geschrieben. Und wir wollen für unsere lieben Krieger so viel und inbrünstig beten —“

Ich hielt mich nicht dabei auf, den Widerspruch, der in diesen beiden Annahmen liegt: daß der Tod zugleich bestimmt und durch Gebete abzuwenden sein könne, näher zu erörtern. Ich war mir selbst nicht klar darüber und hatte von meiner ganzen Erziehung her das vage Bewußtsein, daß man an so heilige Dinge nicht mit Vernunftfragen herantreten dürfe. Hätte ich gar der Tante gegenüber solche Skrupel laut werden lassen, so würde sie das arg verletzt haben. Nichts konnte sie mehr beleidigen, als wenn man über gewisse Dinge rationelle Zweifel anstellte. „Nicht darüber nachdenken“ ist allen Mysterien gegenüber Anstandsgebot. Wie es die Hofsitte verbietet, an einen König Fragen zu richten, so ist es auch eine Art lästerlichen Etiquettenbruchs, wenn man an einem Dogma herum forschen und prüfen will. „Nicht darüber nachdenken“ ist übrigens ein sehr leicht erfüllbares Gebot, und bei diesem Anlaß fügte ich mich bereitwillig darein; ich fing daher mit der Tante keinen Streit an, sondern klammerte mich im Gegenteil an den Trost, der in dem Hinweis auf das Beten lag. Ja — während der ganzen Abwesenheit meines Gatten wollte ich so inbrünstig um des Himmels Schutz flehn, daß dieser alle Kugeln im Fluge von Arno abwenden werde … Abwenden? — Wohin? Auf die Brust eines Andern, für den doch wahrscheinlich auch gebetet wird? … Und was war mir im physikalischen Lehrkurs demonstriert worden, von den genau zu berechnenden, unfehlbaren Wirkungen der Stoffe und ihrer Bewegung? … Wieder ein Zweifel? Fort damit.

„Ja, Tante,“ sagte ich laut, um diese in meinem Geist sich kreuzenden Widersprüche abzubrechen, „ja, wir wollen fleißig beten und Gott wird uns erhören: Arno bleibt unversehrt.“

„Siehst Du, siehst Du, Kind, wie in schweren Stunden die Seele doch zu der Religion flüchtet … Vielleicht schickt Dir der liebe Gott die Prüfung, damit Du Deine sonstige Lauheit ablegst.“

Das wollte mir wieder nicht recht einleuchten, daß die ganze, noch aus dem Krimkriege herstammende Verstimmung zwischen Österreich und Sardinien, die ganzen Verhandlungen, die Aufstellung des Ultimatums und die Ablehnung desselben nur von Gott veranstaltet worden wären, um meinen lauen Sinn zu erwärmen.

Aber auch diesen Zweifel auszudrücken, wäre unanständig gewesen. Sobald jemand den „lieben Gott“ in den Mund genommen, gibt das dem daran geknüpften Ausspruch eine gewisse salbungsvolle Immunität. Was die vorgeworfene Lauheit anbelangt, so hatte dieser Vorwurf einige Begründung. Tante Marias Religiosität kam aus tiefstem Herzen, während ich mehr äußerlich fromm war. Mein Vater war in dieser Beziehung völlig indifferent, ebenso mein Gatte, also hatte ich weder von dem Einen noch dem Andern Anregung zu besonderem Glaubenseifer erhalten. Mich in die kirchlichen Lehren mit Begeisterung zu vertiefen, hatte ich auch niemals vermocht, da ich dieselben überhaupt nur mit Anwendung des „Nichtdarübernachdenken“-Prinzips unangefochten lassen konnte. Ich ging wohl allsonntäglich zur Messe und alljährlich zur Beichte; auch war ich bei diesen Ceremonien voll Ehrfurcht und Andacht; aber das Ganze war doch mehr oder minder eine Art standesmäßiger Etiquettenbeobachtung; ich erfüllte die religiösen Anstandspflichten mit derselben Korrektheit, wie ich auf dem Kammerball die Figuren der Lanciers ausführte und die Hofreverenz machte, wenn die Kaiserin den Saal betrat. Unser Schloßkaplan in Niederösterreich und der Nuntius in Wien konnten mir nichts vorwerfen, aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung war wohl berechtigt.

„Ja, mein Kind,“ fuhr sie fort, „im Glück und im Wohlsein vergessen die Leute leicht ihren Heiland — wenn aber Krankheit oder Todesgefahr über uns und, mehr noch, über unsere Lieben hereinbricht, wenn wir niedergeschlagen und in Kümmernis sind —“

In diesem Tone wäre es noch lange fortgegangen, aber da wurde die Thüre aufgerissen und mein Vater stürzte herein!

„Hurrah, jetzt geht’s los!“ lautete seine Begrüßung „Sie wollen Prügel haben, die Katzelmacher? So sollen sie Prügel haben — sollen sie haben!“