Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

4. Erstes Buch. 1859.
4. Abschnitt

Am 1. April, als am dritten Monatstage seiner Geburt (nur die Jahrestage zu feiern hätte zu gar zu seltenen Festen Anlaß gegeben), rückte Ruru vom Gefreiten zum Korporal vor. An jenem Tage geschah aber auch etwas Düsteres; etwas, was mir das Herz schwer machte und mich veranlaßte, es in den roten Heften auszuschütten.

Schon längere Zeit war am politischen Horizont der gewisse „schwarze Punkt“ sichtbar, über dessen mögliches Anwachsen von allen Zeitungen und allen Salongesprächen die lebhaftesten Kommentare geliefert wurden. Ich hatte bis jetzt nicht darauf geachtet. Wenn mein Mann und mein Vater und deren militärische Freunde auch öfters vor mir gesagt hatten: „Mit Italien setzt es nächstens etwas ab“, so war das an meinem Verständnis abgeprallt. Mich um Politik zu kümmern, hatte ich gerade Zeit und Lust! Da mochte um mich herum noch so eifrig über das Verhältnis Sardiniens zu Österreich, oder über das Verhalten Napoleons Ⅲ. debattiert werden, dessen Hilfe Cavour durch die Teilnahme am Krimkriege sich zugesichert hatte: da mochte man immerhin von der Spannung reden, welche zwischen uns und den italienischen Nachbarn durch diese Allianz hervorgerufen worden — das beachtete ich nicht. Aber an jenem 1. April sagte mir mein Mann allen Ernstes:

„Weißt Du, Schatz — es wird bald losgehen.“

„Was wird losgehen, mein Liebling!“

„Der Krieg mit Sardinien.“

Ich erschrak. „Um Gotteswillen — das wäre furchtbar! Und mußt Du mit?“

„Hoffentlich.“

„Wie kannst Du so etwas sagen? Hoffentlich fort von Weib und Kind?“

„Wenn die Pflicht ruft …“

„Dann kann man sich fügen. Aber hoffen — das heißt also wünschen, daß einem solch bittere Pflicht erwachse —“

„Bitter? So ein frischer, fröhlicher Krieg muß ja was Herrliches sein. Du bist eine Soldatenfrau — vergiß das nicht —“

Ich fiel ihm um den Hals …

„O Du mein lieber Mann, sei ruhig: ich kann auch tapfer sein … Wie oft habe ich’s den Helden und Heldinnen der Geschichte nachempfunden, welch erhebendes Gefühl es sein muß, in den Kampf zu ziehen. Dürfte ich nur mit — an Deiner Seite fechten, fallen oder siegen!“

„Brav gesprochen mein Weibchen! — aber Unsinn. Dein Platz ist hier an der Wiege des Kleinen, in dem auch ein Vaterlandsverteidiger groß gezogen werden soll. Dein Platz ist an unserem häuslichen Herd. Um diesen zu schützen und vor feindlichem Überfall zu wahren, um unserm Heim und unsern Frauen den Frieden zu erhalten, ziehen wir Männer ja in den Krieg.“

Ich weiß nicht, warum mir diese Worte, welche ich in ähnlicher Fassung doch schon oft zustimmend gehört und gelesen hatte, diesmal einigermaßen als „Phrase“ klangen … Es war ja kein bedrohter Herd da, keine Barbarenhorden standen vor den Thoren — einfach politische Spannung zwischen zwei Kabinetten … Wenn also mein Mann begeistert in den Krieg ziehen wollte, so war es doch nicht so sehr das dringende Bedürfnis, Weib und Kind und Vaterland zu schützen, als vielmehr die Lust an dem abenteuerlichen, Abwechslung bietenden Hinausmarschieren — der Drang nach Auszeichnung — Beförderung … Nun ja, Ehrgeiz ist es — schloß ich diesen Gedankengang — schöner berechtigter Ehrgeiz, Lust an tapferer Pflichterfüllung!

Es war schön von ihm, daß er sich freute, wenn er zu Felde ziehen müßte; aber noch war ja nichts entschieden. Vielleicht würde der Krieg gar nicht ausbrechen, und selbst für den Fall, daß man sich schlage, wer weiß, ob gerade Arno wegkommandiert würde — es geht ja doch nicht immer die ganze Armee vor den Feind. Nein, dieses so herrliche, abgerundete Glück welches mir das Schicksal zurecht gezimmert hatte, konnte doch dieses selbe Schicksal nicht so roh zertrümmern. — O Arno, mein vielgeliebter Mann — dich in Gefahr zu wissen, es wäre entsetzlich! … Solche und ähnliche Ergüsse füllen die in jenen Tagen beschriebenen Tagebuchblätter.

Von da ab sind die roten Hefte eine Zeit lang voll Kannegießerei: Louis Napoleon ist ein Intrigant … Österreich kann nicht lange zuschauen … es kommt zum Kriege … Sardinien wird sich vor der Übermacht fürchten und nachgeben … Der Friede bleibt erhalten … Meine Wünsche — trotz aller theoretischen Bewunderung vergangener Schlachten — waren natürlich inbrünstig nach Erhaltung des Friedens gerichtet, doch der Wunsch meines Gatten rief offenbar die andere Alternative herbei. Er sagte es nicht grad’ heraus, aber Nachrichten über die Vergrößerung des „schwarzen Punktes“ teilte er immer leuchtenden Auges mit; die hier und da, leider immer spärlicher werdenden Friedensaussichten hingegen konstatierte er stets mit einer gewissen Niedergeschlagenheit.

Mein Vater war auch ganz Feuer und Flamme für den Krieg. Die Besiegung der Piemontesen würde ja nur ein Kinderspiel sein, und zur Bekräftigung dieser Behauptung regneten wieder die Radetzky-Anekdoten. Ich hörte von dem drohenden Feldzug immer nur vom strategischen Standpunkt sprechen, nämlich ein Hin- und Herwägen der Chancen, wie und wo der Feind geschlagen würde und die Vorteile, welche „uns“ daraus erwachsen mußten. Der menschliche Standpunkt — nämlich daß, ob verloren oder gewonnen, jede Schlacht unzählige Blut- und Thränenopfer fordert, — kam gar nicht in Betracht. Die hier in Frage stehenden Interessen wurden als so sehr über alle Einzelschicksale erhaben dargestellt, daß ich mich der Kleinlichkeit meiner Auffassung schämte, wenn mir bisweilen der Gedanke aufstieg: „Ach, was frommt den armen Toten, was den armen Verkrüppelten, was den armen Wittwen der Sieg?“ Doch bald stellten sich als Antwort auf diese verzagten Fragen wieder die alten Schulbuchdithyramben ein: Ersatz für alles bietet der Ruhm. Doch wie, wenn der Feind siegte? Diese Frage ließ ich einmal im Kreise meiner militärischen Freunde laut werden — wurde aber schmählich niedergezischt. Das bloße Erwähnen von der Möglichkeit eines Schattens eines Zweifels ist schon antipatriotisch. Im voraus seiner Unüberwindlichkeit sicher sein, gehört mit zu den Soldatenpflichten. Also gewissermaßen auch zu den Pflichten einer loyalen Lieutenantsfrau.