Näher gebracht — immer näher! Ich habe es erfahren, daß die Annäherungsfähigkeit liebender Herzen zu jenen Dingen gehört, die keine Grenzen haben — wie zum Beispiel die Teilbarkeit. Man sollte glauben, ein Partikelchen sei schon so klein, daß es nicht kleiner gedacht werden könne, und doch: es läßt sich noch in zwei Hälften spalten; und man sollte glauben, zwei Herzen seien schon so ineinander verschmolzen, daß ein innigeres Einswerden nicht mehr möglich wäre, und doch: eine äußere Einwirkung und noch fester und näher — immer näher — umschlingen und durchdringen sich die Herzensatome.
So hatte Loris ziemlich geschmackloser Aprilscherz auf uns gewirkt, und so wirkte noch ein äußeres Ereignis, welches kurz darauf eintrat. Ein heftiges Nervenfieber nämlich, das mich sechs Wochen auf das Krankenlager warf. Ein an sich zwar trübes Ereignis — und doch wie fruchtbar an glücklichen Erinnerungen für mich und wie einflußreich auf den oben geschilderten Vorgang: das „Noch-näher-bringen“ von zwei so allernahesten Herzen. War es die Furcht, mich zu verlieren, die mich dem Gatten noch teurer machte, oder war mir seine Liebe nur noch offenbarer geworden durch sein Krankenwärter-Benehmen — kurz, während dieses Nervenfiebers und nach demselben fühlte ich mich noch viel mehr und noch viel sicherer geliebt als zuvor.
Vor dem Sterben hatte ich mich auch wohl gefürchtet. Einmal, weil es mir schrecklich leid gethan hätte, ein Leben zu verlieren, das mir so reich an Schönheit und Glück schien, und meine Lieben — Friedrich, mit dem ich so gern alt geworden wäre, Rudolf, den ich so gern zum Manne auferzogen hätte, zu verlassen; zweitens auch — nicht in Selbstsucht, sondern im Hinblick auf Friedrich — war mir der Gedanke an den Tod entsetzlich, denn ich wußte, so gewiß als man nur wissen kann, daß der Schmerz, mich zu begraben, den Beraubten schier unerträglich wäre … Nein, nein: glückliche Menschen und von teuern Wesen geliebte Menschen können nicht Todesverachtung empfinden. Zu dieser gehört vor allem Lebensverachtung. Ich konnte auf meinem Lager, wo die Krankheit mit ihrer tödlichen Gewalt mich umschwirrte, wie der Krieger auf dem Schlachtfeld von Kugeln umschwirrt wird, mich so recht in die Empfindung solcher Soldaten hineindenken, welche das Leben lieben, und welche wissen, daß ihr Tod geliebte Wesen in Verzweiflung stürzen würde.
„Nur das eine hat der Soldat vor dem Fieberkranken voraus: das Bewußtsein erfüllter Pflicht,“ antwortete mir Friedrich, als ich ihm diese Gedanken mitteilte. „Doch darin gebe ich Dir recht: gleichgültig sterben, freudig sterben, — was uns allenthalben zugemutet wird — das kann kein glücklicher Mensch. Das konnten nur die aller Lebensnot Preisgegebenen in alter Zeit, die an der Friedensexistenz gar nichts zu verlieren hatten, oder solche, die sich und ihre Brüder nur durch den Tod von Schmach und unerträglichem Joch befreien können.“
Als die Gefahr überstanden war, wie genoß ich da meine Genesung, meine Wiedergeburt! Das war ein Fest — für uns beide. Ähnlich dem Glücke bei der Wiedervereinigung nach dem Schleswig-Holsteiner Kriege, aber doch anders. Dort kam die Freude mit einem Schlag und hier nach und nach — und zudem, wir waren uns ja seither wieder näher, immer näher.
Mein Vater hatte mich während meiner Krankheit täglich besucht und viel Besorgnis gezeigt; dennoch, ich wußte, daß er sich meinen Tod nicht übertrieben zu Herzen genommen hätte. Seine beiden jüngeren Töchter hatte er viel lieber als mich, und der Liebste von Allen war ihm Otto. Ich war ihm durch meine zwei Heiraten, namentlich durch die zweite, und vielleicht auch durch meine ganz verschiedene Denkungsart, einigermaßen entfremdet. Als ich vollständig hergestellt war — es war Mitte Juni —, übersiedelte er nach Grumitz und forderte mich lebhaft auf, samt meinem kleinen Rudolf mitzukommen. Ich aber zog es vor, da Friedrich diensteshalber die Stadt nicht verlassen durfte, meinen Landaufenthalt ganz in der Nähe von Wien zu nehmen, wo mein Mann mich täglich besuchen konnte, und so mietete ich eine Sommerwohnung in Hietzing.
Meine Schwestern, immer unter Tante Mariens Schutz — reisten nach Marienbad. In ihrem letzten Brief aus Prag schrieb mir Lilli unter Anderem:
„Ich muß Dir gestehen, daß Vetter Konrad anfängt, mir — gar nicht zuwider zu werden. Während so manchen Cotillons war ich in der Laune, wenn er nur die betreffende Frage gestellt hätte, „ja“ zu sagen. Er unterließ es aber, den entscheidenden Schritt im rechten Moment zu thun. Als es hieß, daß wir abreisen sollten, hat er zwar wieder einen neuen Antrag gemacht, aber da hatte ich einen neuen Anfall von Korbgeben. Das habe ich mir dem armen Konrad gegenüber schon so angewöhnt, daß, wenn er das bekannte: „Willst Du nicht doch meine Frau werden, Lilli?“ vorbringt, meine Zunge ganz von selber antwortet: „Fällt mir gar nicht ein.“ Diesmal aber habe ich hinzugefügt: „Frage in sechs Monaten nochmals an.“ Ich werde nämlich den Sommer über mein Herz prüfen. Sehne ich mich nach dem Abwesenden, verläßt mich der Gedanke an ihn — der mich jetzt so ziemlich unablässig im Wachen und Träumen verfolgt — auch in Marienbad nicht; gelingt es dort und auch in folgender Jagdsaison keinem Anderen, Eindruck auf mich zu machen — dann hat des eigensinnigen Vetters Ausdauer gesiegt.“
Um dieselbe Zeit schrieb mir Tante Marie; (Es ist zufällig der einzige Brief von ihr, den ich aufbewahrt habe.)
„Mein liebes Kind! Das war eine ermüdende Winter-Campagne: Ich werde nicht wenig froh sein, wenn Rosa und Lilli Partien gefunden haben werden. Gefunden hätten sie deren zwar genug, denn wie Du weißt, haben sie hier im Laufe des Faschings jede ein Vierteldutzend Körbe ausgeteilt — den perennierenden Konrad gar nicht mitgerechnet. Jetzt wird die Plackerei in Marienbad wieder anheben. Ich wäre für mein Leben gern nach Grumitz gegangen, oder zu Dir — und muß statt dessen die mühsame und undankbare Chaperon-Rolle bei den vergnügungssüchtigen Mädchen weiterspielen.
Ich freue mich sehr, zu hören, daß Du wieder ganz gesund bist. Jetzt, da die Gefahr vorüber, kann ich Dir sagen, daß wir sehr besorgt waren — Dein Mann schrieb uns eine Zeit lang so verzweifelte Briefe: jeden Augenblick fürchtete er, Dich sterben zu sehen. Nun das war Dir, Gott sei Dank, nicht bestimmt. Die Novene, welche ich für Deine Genesung bei den Ursulinerinnen abgehalten, hat vielleicht auch zu Deiner Rettung beigetragen. Der liebe Gott wird Dich für Deinen Rudi erhalten. Grüße mir den lieben Kleinen, und er soll nur immer recht brav lernen. Ich schicke ihm gleichzeitig ein paar Bücher: „Das fromme Kind und sein Schutzengel“ — eine wunderschöne Geschichte — und „Vaterländische Helden“ — eine Sammlung von Kriegsbildern für Knaben. Man kann den Kleinen nicht früh genug Sinn für derlei beibringen. Dein Bruder Otto z. B. war noch nicht fünf Jahre alt, als ich ihm schon vom großen Alexander, von Cäsar und anderen berühmten Eroberern erzählte — und wie ist er jetzt für alles Heroische begeistert — es ist ein Vergnügen!
Ich habe vernommen, daß Du den Sommer in der Nähe von Wien bleiben willst, statt nach Grumitz zu gehen. Daran thust Du sehr unrecht. Die Luft in Grumitz würde Dir viel besser bekommen, als die des staubigen Hietzing — und der arme Papa wird sich langweilen, so allein. Vermutlich willst Du Deines Mannes wegen nicht fort; aber mir will scheinen, daß die Tochterpflichten doch auch nicht ganz vernachlässigt werden sollten. Tilling könnte ja doch bisweilen auch einen Tag nach Grumitz kommen. Gar so viel beieinander sein ist für Eheleute nicht einmal gut — glaube meiner Lebenserfahrung. Ich habe bemerkt, daß die besten Ehen diejenigen sind, wo die Gatten sich nicht immer gegenseitig auf dem Halse sitzen, sondern einander eine gewisse Freiheit lassen. Jetzt leb’ wohl, schone Dich, damit Du keinen Rückfall bekommst, und überlege Dir das noch mit Hietzing. Der Himmel schütze Dich und Deinen Rudi! — Dies das aufrichtige Gebet Deiner Dich liebenden
Tante Marie.
P. S. Dein Mann hat ja Verwandte in Preußen (zum Glück ist er nicht so arrogant wie seine Landsleute), frage ihn doch, was man dort im allgemeinen spricht über die politische Lage. Dieselbe ist doch sehr bedenklich.“