Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

39. Drittes Buch. 1864.
13. Abschnitt

Gnädige Frau!

Ein Freund — vielleicht auch ein Feind gleichviel — ein Wissender, der sich nicht nennen will, benachrichtigt Sie hierdurch, daß Sie betrogen werden. Auf die verräterischste Weise betrogen. Ihr scheinheiliger Mann und Ihre unschuldigthuende Freundin lachen Sie aus ob Ihres gutmütigen Vertrauens, Sie arme, verblendete Frau. Ich habe meine Gründe, den Beiden die Maske vom Gesicht zu reißen. Nicht aus Wohlwollen für Sie handle ich da, denn ich kann mir denken, daß diese Entlarvung zweier geliebter Wesen Ihnen eher Schmerz als Gewinn bringen wird — aber ich bin Ihnen nicht wohlwollend gesinnt. Vielleicht bin ich sogar ein verstoßener Anbeter, der sich rächt … Was liegt am Motiv? Die Thatsache ist da, und wenn Sie Beweise wollen, so kann ich Ihnen dieselben liefern. Ohne Beweise würden Sie einem anonymen Brief ohnehin keinen Glauben schenken. Beifolgendes Billet hat Gräfin Gr*** verloren.“

Diese überraschende Epistel lag eines schönen Frühlingsmorgen auf unserem Frühstückstisch. Friedrich saß mir gegenüber, mit seiner Post beschäftigt, während ich Obiges las und zehnmal wiederlas. Das dem verräterischen Schreiben beigelegte Billet war in einen Extra-Umschlag verschlossen und ich zögerte, denselben aufzureißen.

Ich schaute zu Friedrich auf. Er war in ein Morgenblatt vertieft, doch mußte er meinen auf ihn gerichteten Blick gefühlt haben, denn er ließ die Zeitung sinken und mit seinem gewohnten lieben, lächelnden Ausdruck wandte er den Kopf zu mir:

„Nun, was gibt’s, Martha? Warum starrst Du mich so an?“

„Ich möchte wissen, ob Du mich noch lieb hast?“

„Schon lange nicht mehr,“ scherzte er. „Eigentlich habe ich Dich nie recht leiden können.“

„Das glaube ich nicht.“

„Aber jetzt sehe ich erst — Du bist ja ganz blaß! Hast Du eine böse Nachricht erhalten?“

Ich schwankte. Sollte ich ihm den Brief zeigen? Sollte ich vorher das Beweisstück besehen, welches ich noch immer unerbrochen in der Hand hielt? Die Gedanken schwirrten mir im Kopfe … Mein Friedrich, mein alles, mein Freund und Gatte, mein Vertrauter und Geliebter — könnte er mir verloren sein? Untreu — er? Ach, ein momentaner Sinnentaumel, weiter nichts … War da in meinem Herzen nicht Nachsicht genug, um das zu verzeihen, zu vergessen, als nicht geschehen zu betrachten? … Aber die Falschheit! Wie, wenn auch sein Herz sich von mir abwendete, wie, wenn er die verführerische Lori lieber hatte als mich? …

„So sprich doch — Du bist ja ganz verstummt … Zeige mir den Brief, der Dich so erschreckt hat.“ Er streckte die Hand darnach aus.

„Da hast Du.“ Ich überließ ihm das schon gelesene Blatt; die Einlage behielt ich zurück.

Er überflog die angeberischen Zeilen. Mit einem zornigen Fluche zerknitterte er das Blatt und sprang von seinem Sitze auf.

„Eine Infamie!“ rief er. „Und wo ist das vermeintliche Beweisstück?“

„Hier — noch uneröffnet. Friedrich, sag’ nur ein Wort und ich werfe das Ding ins Feuer. — Ich will keine Beweise, daß Du mich betrogen hast.“

„O Du meine Einzige!“ … Er war jetzt an meiner Seite und umschlang mich stürmisch — „mein Kleinod! Sieh mir in die Augen — zweifelst Du an mir? Beweis, oder kein Beweis — genügt Dir mein Wort?“

„Ja,“ sagte ich und warf das Papier in den Kamin.

„Es fiel aber nicht in die Flammen, sondern blieb neben dem Roste liegen. Friedrich hatte sich darauf hingestürzt und hob es auf.

„Nein, nein, das dürfen wir nicht vernichten — ich bin zu neugierig … wir wollen es zusammen ansehen. Ich erinnere mich nicht, je Deiner Freundin etwas geschrieben zu haben, was auf ein Verhältnis schließen ließe — welches nie bestanden hat.“

„Aber Du gefällst ihr, Friedrich … Du brauchst nur Dein Taschentuch hinzuwerfen —“

„Glaubst Du? … Komm, laß uns dieses Dokument besichtigen. — Richtig: meine Schrift! Ah, sieh her, es sind ja die zwei Zeilen, die Du mir selber vor einigen Wochen diktiert hattest, als Deine rechte Hand verwundet war:

„Meine Lori, komm, ich erwarte Dich mit Sehnsucht heute um 5 Uhr Nachmittag.

Martha (noch immer Krüppel).“

„Die Bedeutung der Klammer nach der Unterschrift hat der Finder des Billets nicht verstanden … Das ist wirklich ein komisches Quiproquo. Gottlob, daß dieses prächtige Beweismaterial nicht verbrannt ist — jetzt ist meine Unschuld am Tage. Oder hast Du noch immer Verdacht?“

„Schon seitdem Du mir ins Auge gesehen hast — nicht mehr. — Weißt Du, Friedrich, daß ich sehr unglücklich gewesen wäre — Dir aber doch verziehen hätte. Lori ist kokett, sehr hübsch … Sag’ — hat sie Dir nicht Avancen gemacht? — Du schüttelst den Kopf … Nun freilich: hierin hättest Du ein Recht ja beinah’ die Pflicht, sogar mich anzulügen — ein Mann darf weder angenommene noch verschmähte Frauengunst verraten.“

„Du würdest mir also eine Verirrung verzeihen? Bist Du nicht eifersüchtig?“

„Doch — auf herzquälerische Weise … Wenn ich Dich mir vorstelle, einer Anderen zu Füßen, von den Lippen einer anderen Seligkeit nippend … gegen mich erkaltet — jedes Begehren erstorben — das ist mir schrecklich. Dennoch — das Ersterben Deiner Liebe fürchte ich nicht — Dein Herz wird unter keinen Umständen mehr gegen mich erkalten, dessen fühle ich mich sicher — unsere Seelen sind ja so verschlungen, aber —“

„Ich verstehe. Du brauchst mir aber durchaus nicht zuzumuten, daß ich für Dich fühle wie ein Ehemann nach der silbernen Hochzeit. Dazu sind wir doch noch zu jung verheiratet — so weit das Feuer der Jugend (ich bin freilich schon vierzig Jahre alt) noch in mir lodert, brennt es für Dich. Du bist mir das einzige Weib auf Erden. Und sollte in der That noch einmal eine andere Versuchung an mich herankommen — ich habe den festen Willen, sie von mir abzuwehren. Das Glück, welches in dem Bewußtsein liegt, den Treueschwur bewahrt zu haben; die stolze Gewissensruhe, mit der man sich sagen kann, daß man den festgeschlungenen Lebensbund in jeder Beziehung heilig gehalten — das alles finde ich zu schön, um es durch einen vorübergehenden Sinnentaumel vernichten zu lassen. Du hast überhaupt einen so vollständig glücklichen Menschen aus mir gemacht, meine Martha daß ich über alles, was Berauschung, was Lust, was Vergnügen ist, so erhaben bin, wie der Besitzer von Goldbarren über den Gewinn von Kupfermünzen.“

Wie wonnig mir solche Worte ins Herz fielen. Ich war dem anonymen Briefschreiber förmlich dankbar, daß er mir zu diesem süßen Auftritt verholfen. Auch habe ich jedes Wort in die roten Hefte gesetzt. Hier kann ich die Eintragung noch nachlesen, unter dem Datum 1/4. 1865. Ach wie weit — wie weit liegt das alles zurück!

Friedrich hingegen war gegen den Verleumder höchlichst aufgebracht. Er schwor, herauszubringen, wer das Machwerk verfaßt, um den Thäter gehörig zu strafen.

Ich erfuhr noch am selben Tage, was Ursprung und Zweck des Schriftstücks gewesen; den Erfolg desselben — nämlich, daß Friedrich und ich uns nunmehr noch ein wenig näher gekommen — hatte der Urheber schwerlich vorausgesehen.

Am Nachmittage ging ich zu meiner Freundin Lori, um ihr den Brief zu zeigen. Ich wollte sie aufmerksam machen, daß sie einen Feind habe, von welchem sie fälschlich verdächtigt wurde, und wollte mit ihr über den Fall lachen, daß mein diktiertes Billet so mißdeutet worden.

Sie lachte mehr als ich geglaubt.

„Also bist Du über den Brief erschrocken?“

„Ja, tödlich. Und doch hätte ich beinahe das inliegende Billet ungelesen verbrannt.“

„Da wäre ja der ganze Spaß mißlungen —“

„Welcher Spaß?“

„Du hättest am Ende noch geglaubt, daß ich Dich wirklich betrüge. Laß mich bei dieser Gelegenheit Dir beichten, daß ich in einer verrückten Stunde — es war nach dem Diner bei Deinem Vater, wo ich neben Tilling saß, und weil ich zu viel Champagner getrunken hatte — daß ich da wirklich mein Herz so zu sagen auf einem Präsentierteller ihm antrug —“

„Und er?“

„Und er mir noch rechtzeitig sagte, daß er Dich über alles liebe und fest entschlossen sei, Dir bis zum Tode treu zu bleiben. Damit Du nun dieses Phänomen desto besser schätzen lernen mögest, ist der ganze Spaß gemacht worden.“

„Von welchem Spaß redest Du nur immer?“

„Du weißt doch: nachdem der Brief samt Einlage von mir kommt —“

„Von Dir? … Ich weiß nichts.“

„Hast Du denn das Begleitschreiben nicht umgewendet? Sieh her: hier steht ja auf der Kehrseite der Name und das Datum: Erster April.