Es war ein herzzerreißender Abschied, der diese letzten vierundzwanzig Stunden füllte … Das war nun das zweite Mal im Leben, daß ich einen teuren Gatten zu Felde ziehen sah. Doch unvergleichlich schwerer war diese zweite Losreißung, als die erste. Damals war meine und besonders Arnos Auffassung eine ganz andere, primitivere gewesen: ich hatte das Ausrücken als eine alle persönlichen Gefühle überwiegende Naturnotwendigkeit — er sogar als eine freudige Ruhmesexpedition betrachtet. Er ging mit Begeisterung, ich blieb ohne Murren. Noch haftete etwas von der Kriegsbewunderung an mir, die ich in meiner Jugenderziehung eingesogen; noch fühlte ich dem Hinausstürmenden etwas von dem Stolze nach, welchen er Angesichts der großen Unternehmung empfand. Aber jetzt wußte ich, daß der Scheidende eher mit Abscheu, denn mit Jubel an die Mordarbeit ging; ich wußte, daß er das Leben liebte, welches er auf’s Spiel setzen mußte; daß ihm über alles — ja, alles, auch über die Rechtsansprüche des Augustenburgers — sein Weib teuer war, sein Weib, das in wenigen Tagen Mutter werden sollte. Während ich bei Arno die Überzeugung gehabt, daß er mit Gefühlen schied, um die er immerhin zu beneiden war, erkannte ich, daß bei dieser zweiten Trennung wir beide gleiches Mitleid verdienten. Ja, wir litten in gleichem Maße und wir sagten und klagten es einander. Keine Heucheleien, keine leeren Trostphrasen, keine Prahlworte. Wir waren ja eins und keines suchte das andere zu betrügen. Es war noch unser bester Trost, daß jedes seine Trostlosigkeit vom andern voll verstanden wußte. Die Größe des über uns hereingebrochenen Unglückes suchten wir durch keine konventionellen, patriotischen und heroischen Mäntelchen und Lärvchen zu verhüllen. Nein — die Aussicht, auf Dänen schießen und hauen zu dürfen, war ihm keine, gar keine Wettmachung des Leides, mich verlassen zu müssen; im Gegenteile — eher eine Verschärfung: denn Töten und Zerstören widert jeden „Edelmenschen“ an. Und mir war es kein, gar kein Ersatz für mein Leid, daß der Vielgeliebte etwa um eine Rangstufe vorrücken könnte. Und falls das Unglück der gefährlichen Trennung noch zum Unglück der ewigen Trennung sich steigerte — sollte Friedrich fallen — so war mir die Staatsraison, wegen welcher dieser Krieg geführt werden mußte, nicht im entferntesten erhaben und heilig dünkend genug, um solches Opfer aufzuwiegen. — Vaterlandsverteidiger: das ist der schön klingende Titel, mit welchem der Soldat geschmückt wird. Und in der That: was kann es für die Glieder des Gemeinwesens für eine edlere Pflicht geben, als die, die bedrohte Gemeinschaft zu verteidigen? Warum aber bindet dann den Soldaten sein Fahneneid zu hundert anderen Kriegspflichten, als die der Schutzwehr? Warum muß er angreifen gehen, warum muß er — wo dem Vaterlande nicht der mindeste Einfall droht — wegen der bloßen Besitz- und Ehrgeizstreitigkeiten einzelner fremder Fürsten, dieselben Güter — Leben und Herd — einsetzen, als ob es sich, wie es doch zur Rechtfertigung des Krieges heißt, um die Verteidigung des gefährdeten Lebens und Herdes handelte? Warum mußte hier zum Beispiel das österreichische Heer ausziehen, um den Augustenburger auf das fremde Thrönchen zu setzen? Warum — warum? — das ist ein Fragwort, welches an Kaiser oder Papst zu richten, an sich schon hochverräterisch und lästerlich ist, welches dort als Irreligiosität und hier als Illoyalität gilt und welches nie beantwortet zu werden braucht …
Um zehn Uhr morgens sollte das Regiment ausrücken. Wir waren die ganze Nacht aufgeblieben. Nicht eine Minute des uns noch beschiedenen Zusammenseins hatten wir verlieren wollen.
Es war so viel, was wir uns noch zu sagen hatten, und doch sprachen wir nur wenig. Küsse und Thränen waren es zumeist, welche beredter als alle Worte sagten: Ich hab’ Dich lieb und muß Dich lassen. Dazwischen fiel auch wieder ein hoffnungsvolles Wort: „Wenn Du wiederkommst“ … Es war ja möglich … es kommen ja so viele heim. Doch sonderbar! ich wiederholte: „Wenn Du wiederkommst“ und bemühte mich, mir das Entzückende dieser Eventualität vorzustellen, aber vergebens: meine Einbildungskraft vermochte kein anderes Bild zu schaffen, als des Gatten Leiche auf der Wahlstatt oder mich selber auf der Bahre mit einem toten Kind im Arm …
Friedrich war von ähnlichen trüben Vermutungen erfüllt; denn sein „Wenn ich wiederkomme“ klang nicht aufrichtig, und häufiger sprach er von dem, was geschehen sollte, „wenn ich bleibe“.
„Heirate kein drittes Mal, Martha! Verwische nicht durch neue Liebeseindrücke die Erinnerungen dieses herrlichen Jahres … nicht wahr, es ist eine glückliche Zeit gewesen?“
Wir ließen nun hundert kleine Einzelheiten, welche von unserer ersten Begegnung bis zu dieser Stunde sich uns eingeprägt hatten, an unserem Gedächtnis vorüberziehen.
„Und mein Kleines, mein armes Kleines, das ich wohl nie an mein Herz drücken werde — wie soll es getauft werden?
„Friedrich oder Friederike.“
„Nein — Martha ist schöner. Wenn es ein Mädchen ist, so nenne ich es mit dem Namen, den sein sterbender Vater zuletzt —“
„Friedrich — warum sprichst Du immer vom Sterben? Wenn Du wiederkommst …“
„Wenn …“ wiederholte er.
Als der Tag zu grauen begann, fielen mir die thränenmüden Augen zu. Ein leichter Schlummer senkte sich auf uns beide; mit verschlungenen Armen lagen wir da, ohne das Bewußtsein zu verlieren, daß dies unsere Scheidestunde war.
Plötzlich fuhr ich auf und brach in lautes Stöhnen aus.
Friedrich erhob sich rasch.
„Um Gotteswillen, Martha, was ist Dir? … Doch nicht? … So sprich … Etwa? …“
Ich nickte bejahend.
War es ein Schrei, oder ein Fluch, oder ein Stoßgebet, das sich seinen Lippen entrang? Er riß die Glocke und gab Alarm:
„Augenblicklich zum Arzt, zur Wärterin!“ rief er der herbeigeeilten Dienerin zu. Dann warf er sich an meine Seite knieend nieder und küßte meine herabhängende Hand:
„Mein Weib, mein alles! … Und jetzt — jetzt muß ich fort!“
Ich konnte nicht sprechen. Der heftigste physische Schmerz, den man sich vorstellen kann, wand und krümmte meinen Leib und dabei war das Seelenweh doch noch entsetzlicher, daß er „jetzt, jetzt fort mußte“ und daß er darüber so unglücklich war …
Bald kamen die Gerufenen herbei und machten sich um mich zu schaffen. Zu gleicher Zeit mußte Friedrich die letzte Vorbereitung zum Abmarsch treffen. Nachdem er damit fertig geworden:
„Doktor, Doktor,“ rief er, den Arzt bei beiden Händen fassend, „nicht wahr — Sie versprechen mir — Sie bringen sie durch? Und Sie telegraphieren mir heute noch dort- und dahin? Er nannte die Stationen, welche er auf der Reise berühren sollte. „Und wenn eine Gefahr wäre … Ach, was hilft’s? unterbrach er sich selber — „wenn auch die Gefahr die äußerste wäre, könnte ich denn zurück?“
„Es ist hart, Herr Baron,“ bestätigte der Arzt. „Aber seien Sie unbesorgt — die Patientin ist jung und kräftig … heut’ abend ist alles überstanden und Sie erhalten beruhigende Depeschen.“
„Ja, Sie werden mir auf jeden Fall günstig berichten, da ja das Gegenteil nichts nützen könnte … Ich will aber die Wahrheit! Hören Sie, Doktor, ich verlange Ihren heiligsten Ehreneid darauf: die ganze Wahrheit! Nur unter dieser Voraussetzung kann eine beruhigende Nachricht mich wirklich beruhigen — sonst halte ich alles für Lüge. Also schwören Sie.“
Der Arzt leistete das verlangte Versprechen.
„O, mein armer, armer Mann“ — schnitt es mir durch die Seele. — „Wie, wenn du heute noch die Nachricht erhältst, deine Martha liege im Sterben und darfst nicht umkehren, ihr die Augen zuzudrücken … Du hast wichtigeres zu thun: es gilt des Augustenburgers Thronansprüche. — Friedrich!“ rief ich laut.
Er flog an meine Seite.
Im selben Augenblick schlug die Uhr. Wir hatten nur noch ein paar Minuten Zeit. Aber auch um diese letzte Frist wurden wir betrogen, denn wieder erfaßte mich ein Anfall, und statt der Abschiedsworte konnte ich nur Schmerzenslaute ausstoßen.
„Gehen Sie, Herr Baron, brechen Sie diesen Auftritt ab,“ sagte der Arzt. „Solche Erregung ist für die Kranke gefährlich.“
Noch ein Kuß und er stürzte hinaus … mein Wimmern und des Doktors letztes nachklingendes Wort „gefährlich“ gaben ihm das Geleite.
In welcher Stimmung mag er wohl geschieden sein? Darüber gab das Olmützer Lokalblättchen am nächsten Tage Bescheid:
Gestern verließ das —te Regiment unter klingendem Spiel und mit flatternden Fahnen unsere Stadt, um sich in den meerumschlungenen Bruderlanden grüne Lorbeeren zu holen. Helle Begeisterung erfüllte die Reihen, man sah den Leuten die Kampfesfreude aus den Augen leuchten u.s.w., u.s.w. …