Am 10. Januar kehrten wir nach Olmütz zurück.
Niemand zweifelte mehr an dem Ausbruch des Krieges. In Wien hatte ich noch vereinzelte Stimmen vernommen, welche meinten, daß die dänisch-holsteinische Frage vielleicht doch noch auf diplomatischem Wege beigelegt werden könne; aber in den militärischen Kreisen unserer Festungsbesatzung galt die Friedensmöglichkeit für ausgeschlossen. Unter den Offizieren und ihren Frauen herrschte eine aufgeregte, aber zumeist freudig aufgeregte Stimmung: Gelegenheit zu Auszeichnung und Avancement in Sicht — zur Befriedigung des Thatendurstes des einen, des Ehrgeizes des zweiten, des Gage-Erhöhungsbedürfnisses des dritten.
„Das ist ein famoser Krieg, der sich da vorbereitet,“ sagte der Oberst, bei dem wir nebst mehreren anderen Offizieren samt Gemahlinnen zu Tische geladen waren, „ein famoser Krieg, der auch ungeheuer populär sein wird. Keine Gefahr für unser Territorium — auch der Landbevölkerung erwächst kein Schaden, denn der Kriegsschauplatz liegt auf fremdem Gebiet. Unter solchen Umständen ist es wirklich eine doppelte Lust sich zu schlagen.“
„Was mich daran begeistert,“ sagte ein junger Oberlieutenant, „ist das edle Motiv: unterdrückte Rechte unserer Brüder verteidigen. Daß die Preußen mit uns gehen, oder vielmehr wir mit ihnen, das sichert erstens den Sieg und zweitens wird es die nationalen Bande noch enger verknüpfen. Die Nationalitätsidee —“
„Reden Sie lieber nichts von der,“ unterbrach der Regimentschef etwas strenge. „Für einen Österreicher schickt sich dieser Schwindel nicht wohl. Der war’s, der uns den 59er Krieg heraufbeschworen hat, denn auf diesem Steckenpferd, „ein italienisches Italien“, ist ja Louis Napoleon stets herumgeritten. Und überhaupt paßt dieses ganze Prinzip nicht für Österreich; Böhmen, Ungarn, Deutsche, Kroaten — wo ist da das Nationalitätsband? Wir kennen nur ein Prinzip, das uns vereint, das ist die loyale Liebe zu unserer Dynastie. Was uns also begeistern soll, wenn wir zu Felde ziehen, ist nicht der Umstand, daß wir für Deutsche und mit Deutschen kämpfen, sondern daß wir unserem erhabenen und geliebten Kriegsherrn Heeresfolge leisten dürfen. Es lebe der Kaiser!“
Alle erhoben sich und thaten stehend Bescheid. Ein Funken Begeisterung fiel auch mir ins Herz und erfüllte es — einen Augenblick aufflammend — mit wohlthuender Wärme. Eine und dieselbe Sache, eine und dieselbe Person lieben, wenn man Tausend ist, das gibt eine eigentümliche, vertausendfachte Hingebungslust … Das ist’s, was als Loyalität, als Patriotismus, als Korpsgeist die Herzen schwellt. Es ist nichts anderes als Liebe, und die wirkt so mächtig, daß einem das in ihrem Namen gebotene Werk des Hasses — das allerscheußlichste Werk des tödlichsten Hasses, der Krieg — als erfüllte Liebespflicht erscheint.
Aber nur einen Augenblick hatte es in meinem Herzen so geglüht, denn eine stärkere Liebe als die zu allen erdenklichen Vaterländern und Landesvätern ruhte in dessen Grunde — die Liebe zu meinem Mann. Sein Leben war mir doch das höchste aller Güter, und wenn dieses aufs Spiel gesetzt werden sollte, konnte ich die Partie — gelte es nun Schleswig-Holstein oder Japan — nur verwünschen.
Die jetzt folgende Zeit lebte ich in unerhörtem Bangen. Am 16. Januar stellten die Bundesmächte an Dänemark das Ansinnen, ein gewisses Gesetz, gegen welches die holsteinische Ständeversammlung und Ritterschaft den Schutz des Bundes anrief, aufzuheben, und zwar innerhalb vierundzwanzig Stunden. Dänemark verweigerte dies. Wer wird auch so sich befehlen lassen? Diese Weigerung war natürlich vorausgesehen worden, denn schon standen preußische und österreichische Truppen an den Grenzen postiert, und am 1. Februar überschritten sie die Eider.
So waren denn die blutigen Würfel wieder gefallen — die Partie begann. Dies veranlaßte meinen Vater einen Gratulationsbrief an uns zu richten.
„Freut Euch, Kinder,“ schrieb er. „Jetzt haben wir doch Gelegenheit, die erhaltenen Schläge von 59 wieder gut zu machen, indem wir den Dänen Schläge geben. Wenn wir von Norden siegreich heimkehren, so können wir uns auch wieder nach Süden wenden: die Preußen bleiben unsere Alliirten, und dann können uns die schäbigen Italiener samt ihrem intriganten Louis Napoleon nicht mehr aufkommen.“
Friedrichs Regiment, zur großen Enttäuschung des Obersten und des Offizierkorps, war nicht zur Grenze entsendet worden. Dies brachte uns ein väterliches Kondolenzschreiben ein:
„Ich bedaure aufrichtig, daß Tilling das Pech hat, gerade bei einem Regiment zu dienen, welches nicht berufen war, den so glorreich sich anlassenden Feldzug zu eröffnen; übrigens besteht ja immer noch die Möglichkeit, daß es zum Nachrücken bestimmt werde, Martha wird der Sache freilich die gute Seite abgewinnen und sich freuen, daß ihr die Angst um den geliebten Mann erspart bleibt, und auch Friedrich ist eingestandenermaßen selber kein Freund des Krieges; aber ich denke, er ist nur im Prinzip dagegen, das heißt: es wäre ihm aus sogenannten ‚humanitären‘ Gründen lieber, wenn es zu keiner Schlacht käme; ist es aber einmal dazu gekommen, so wollte er wohl auch lieber dabei sein, da regt sich wohl die männliche Kampfeslust. Es sollte wirklich immer die ganze Armee gegen den Feind geschickt werden; in solchen Zeiten zu Hause bleiben zu müssen, ist für den Soldaten doch gar zu hart.“
„Trifft es Dich hart, mein Friedrich, bei mir zu bleiben?“ fragte ich, nachdem ich den Brief gelesen.
Er drückte mich an sein Herz. Diese stumme Antwort genügte mir.
Aber was half’s? Um meine Ruhe war es doch geschehen. Jeden Tag konnte der Marschbefehl kommen. Würde der unselige Krieg nur schnell zu Ende geführt! … Mit größtem Eifer las ich in den Zeitungen die Berichte vom Kriegsschauplatz und wünschte heiß, daß die Verbündeten rasche und entscheidende Siege erföchten. Ich gestehe es, der Wunsch war nicht vor allem ein patriotischer. Lieber war es mir immerhin, wenn der Sieg auf unserer Seite blieb; aber was ich von diesem erhoffte, war die Beendigung des Kampfes, ehe mein Alles in der Welt dahin entsendet werde, in zweiter Linie erst der Triumph meiner Landsleute und in allerletzter Linie die Interessen des „meerumschlungenen“ Stück Landes. Ob nun Schleswig zu Dänemark gehörte, oder nicht, was in aller Welt konnte mich das anfechten? Und schließlich — was focht es die Dänen und die Schleswig-Holsteiner selber an? Sahen denn die beiden Völker nicht ein, daß es nur ihre Lenker waren, welche um Land- und Machtbesitz sich stritten, daß es in diesem Falle zum Beispiel nicht um ihr Wohl und Wehe, sondern um die Gelüste des Protokoll-Prinzen und des Augustenburgers sich handelte? Wenn mehrere Hunde um ein paar Knochen sich raufen, so zerfleischen einander doch nur die Hunde; in der Völkergeschichte sind es aber meist die dummen Knochen selber, welche auf einander losschlagen und sich gegenseitig zertrümmern, um für die Rechte der sie begehrenden Streiter zu kämpfen. „Mich will Azor haben“ — und „Auf mich hat Pluto Anspruch“ — „Ich protestiere gegen Karo’s Fänge“ und „Ich rechne es mir zur Ehre, von Minka gefressen zu werden,“ sagen die Knochen. „Dänemark bis zur Eider,“ riefen die dänischen Patrioten. „Wir wollen Friedrich von Augustenburg zum Herzog,“ riefen die Loyalen von Holstein. Unsere Zeitungsartikel und Gespräche unserer Kannegießer waren natürlich alle von dem Grundsatz durchdrungen, daß die Sache für welche „Wir“ eingetreten, die gerechtere, die einzig „historisch entwickelte“, die einzig für Erhaltung des „europäischen Gleichgewichts“ erforderliche war. Natürlich wurde in den Leitartikeln und den politischen Unterhaltungen in Kopenhagen das gegenteilige Prinzip mit gleichem Nachdruck verfochten. Warum nicht gegenseitig die Rechte abwägen, um sich zu verständigen, und wenn dies nicht gelingt, eine dritte Macht zum Schiedsrichter machen? Warum nur immer beiderseitig schreien. „Ich — ich bin im Rechte.“ So gar gegen die eigene Überzeugung schreien, so lange, bis man sich heiser geschrien, und losschlägt — die Entscheidung der Gewalt überlassend? Ist das nicht Wildheit? Und wenn nun eine dritte Macht sich in den Streit mischt, so thut auch sie es nicht mit Rechtserwägung und Urteilsspruch, sondern gleichfalls mit Dreinschlagen? … Und das nennen die Leute „äußere Politik?“ Äußere und innere Rohheit ist es — staatskluge Schildbürgerei — internationale Barbarei — — —