Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

17. Zweites Buch. Friedenszeit.
7. Abschnitt

Es verstrichen mehrere Tage, ohne daß ich Tilling wiedersah. Jeden Abend ging ich ins Theater und von da in eine Soirée, in der hoffenden Erwartung ihm zu begegnen, aber vergebens.

Mein Empfangstag brachte mir viele Besuche, aber natürlich nicht den seinen. Den hatte ich auch nicht erwartet. Es sah ihm nicht ähnlich, nach seinem bestimmten „Gräfin, das dürfen Sie mir nicht zumuten“ und seinem am Wagenschlag gesagten „Ich verstehe — also gar nicht“ sich dennoch an einem solchen Tage bei mir einzufinden. Ich hatte ihn an jenem Abend gekränkt, das war gewiß; und er vermied es, mit mir zusammenzukommen, das war offenbar. Allein, was konnte ich thun? Ich brannte danach, ihn wieder zu sehen, meine damalige Unfreundlichkeit wieder gut zu machen und eine neue solche Plauderstunde zu erleben, wie jene in meines Vaters Haus; eine Plauderstunde, deren Reiz mir jetzt noch hundertfach erhöht worden wäre, durch das mir nunmehr klar gewordene Bewußtsein meiner Liebe.

In Ermangelung Tillings brachte mir der nächstfolgende Samstag doch wenigstens Tillings Cousine — dieselbe, auf deren Ball ich ihn kennen gelernt. Als sie eintrat, fing mir das Herz zu pochen an; jetzt konnte ich doch wenigstens etwas von demjenigen erfahren, der meine Gedanken so beschäftigte. Ich brachte es jedoch nicht über mich, eine diesbezügliche Frage zu stellen; ich fühlte, daß ich nicht im stande wäre, den gewissen Namen auszusprechen, ohne verräterisch zu erglühen, und so unterhielt ich meine Besucherin von hundert verschiedenen Dingen — unter anderen auch vom Wetter — aber nur nicht von dem, was ich auf dem Herzen hatte.

„Ah, Martha,“ sagte jene unvermittelt, „ich habe eine Post an Sie zu bestellen: mein Vetter Friedrich läßt Sie grüßen — er ist vorgestern abgereist.“

Ich fühlte, daß mir das Blut aus den Wangen wich.

„Abgereist? Wohin? Wurde sein Regiment versetzt?“

„Nein … er hat nur einen kurzen Urlaub genommen, um nach Berlin zu eilen, wo seine Mutter auf dem Sterbebette liegt. Der Arme, er dauert mich; denn ich weiß, wie er seine Mutter vergöttert.“

Nach zwei Tagen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand, mit dem Poststempel Berlin. Noch ehe ich nach der Unterschrift geschaut, wußte ich, daß das Schreiben von Tilling kam. Es lautete:

„Berlin, Friedrichstr. 8, 30. März 1863.
1 Uhr nachts.

Teure Gräfin! Ich muß Jemandem klagen … Warum gerade Ihnen? Habe ich ein Recht dazu? Nein — aber den unwiderstehlichen Drang. Sie werden mir nachfühlen — ich weiß es.

Hätten Sie die Sterbende gekannt. Sie würden sie geliebt haben. Dieses weiche Herz, dieser helle Verstand, diese heitere Laune, diese Hoheit und Würde — und das alles soll jetzt ins Grab — keine Hoffnung!

Ich habe den ganzen Tag an ihrem Lager verbracht und werde auch die Nacht über hier bleiben — ihre letzte Nacht …

Sie hat viel gelitten, die Arme. Jetzt ist sie ruhig — die Kräfte schwinden, der Pulsschlag hat beinah schon aufgehört … Außer mir wachen noch ihre Schwester und ein Arzt im Krankenzimmer.

Ach, diese schreckliche Zerreißung: der Tod! Man weiß doch, daß er alle fällen muß und doch kann man’s nie recht fassen, daß er auch unsere Lieben hinraffen darf. Was mir diese Mutter war, das vermag ich nicht zu sagen.

Sie weiß, daß sie stirbt. Als ich ankam, heute morgen, empfing sie mich mit einem Freudenschrei:

— Also doch — sehe ich Dich noch einmal, mein Fritz! Ich fürchtete so, Du kämst zu spät.

— Du wirst ja wieder gesund werden, Mutter, rief ich.

— Nein, nein — davon ist keine Rede, mein alter Bub’. Nimm diesem unserem letzten Beisammensein nicht die Weihe durch die üblichen Krankenbettvertröstungen. Sagen wir uns Lebewohl —

Ich fiel schluchzend an der Bettseite in die Knie.

— Du weinst, Fritz? Schau, ich sage Dir auch nicht das üble „Weine nicht“. Es ist mir lieb, daß Dir der Abschied von Deiner besten alten Freundin leid thut. Das bürgt mir, daß ich lange unvergessen bleibe —

— Solang ich lebe, Mutter!

— Erinnere Dich dabei, daß ich viel Freude an Dir gehabt. Außer der Sorge, die mir Deine Kinderkrankheiten bereitet, und dem Bangen, während Du im Kriege warst, hast Du nur glückliche Gefühle verursacht und hast mir Alles tragen helfen, was das Schicksal mir Trübes auferlegt. Ich segne Dich dafür, mein Kind.“

Jetzt kam wieder ein Anfall ihrer Schmerzen über sie. Wie sie jammerte und stöhnte, wie ihre Züge sich verzerrten — es war herzzerreißend. Ja, es ist ein fürchterlicher, grimmer Feind, der Tod … und der Anblick dieser Agonie rief mir alle Agonien ins Gedächtnis, welche ich auf den Schlachtfeldern und in den Lazaretten gesehen … Wenn ich denke, daß wir Menschen bisweilen willkürlich, frohgemut einander dem Tod entgegenhetzen, daß wir der vollkräftigen Jugend zumuten, diesem Feind sich willig zu ergeben, gegen den das müde und gebrechliche Alter sogar noch verzweifelt ringt, es ist — niederträchtig!

Diese Nacht ist schaurig lang … Wenn die arme Kranke nur schlief — aber sie liegt mit offnen Augen da. Ich verbringe immer halbe Stunden lang regungslos an ihrem Lager, dann schleiche ich mich zu diesem Briefbogen, um ein paar Worte zu schreiben — dann wieder zurück zu ihr. So ist es schon vier Uhr geworden. Ich habe eben die vier Schläge von allen Glockentürmen hallen gehört — es mutet einem so kalt, so teilnahmslos an, daß die Zeit stetig unbeirrt durch alle Ewigkeit fortschreitet, während eben für ein heißgeliebtes Wesen die Zeit aufhören soll — für alle Ewigkeit. Aber je kälter, je teilnahmsloser das All sich zu unserem Schmerz verhält, desto sehnsüchtiger flüchten wir an ein anderes Menschenherz, von dem wir glauben, daß es mitfühlend schlägt. Darum hat mich das weiße Papierblatt, das der Arzt beim Rezeptschreiben auf dem Tische liegen ließ, herangelockt — und darum schicke ich das Blatt an Sie …

7 Uhr. Es ist vorbei.

— Lebewohl, mein alter Bub’. Das waren ihre letzten Worte. Darauf schloß sie die Augen und schlief ein. — Schlaf wohl, meine alte Mutter!

Weinend küßt Ihre lieben Hände Ihr zu Tode betrübter

Friedrich Tilling.“

Diesen Brief besitze ich noch. Wie zerknittert und verblaßt sieht das Blatt nicht aus! Nicht nur die verflossenen fünfundzwanzig Jahre haben diese Verwitterung verursacht, sondern auch die Thränen und Küsse, mit welchen ich damals die lieben Schriftzüge bedeckte. „Zu Tode betrübt“ — ja — aber auch „himmelhochjauchzend“ war mir zu Mute, nachdem ich gelesen. Deutlicher — obwohl kein Wort von Liebe darin stand — konnte kein Brief den Beweis erbringen, daß der Schreiber die Empfängerin — und keine andere — liebte. Daß er in solcher Stunde, am Sterbelager der Mutter, sein Leid nicht am Herzen der Prinzessin auszuweinen sich sehnte, sondern an dem meinen — das mußte doch jeden eifersüchtigen Zweifel ersticken.

Ich überschickte am selben Tage einen Totenkranz aus hundert großen weißen Kamelien, mit einer halberblühten roten Rose drin. Ob er wohl verstehen würde, daß die blassen, duftlosen Blumen der Dahingeschiedenen galten, als Symbole der Trauer, und das glutfarbige Röschen — ihm? …