Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

14. Zweites Buch. Friedenszeit.
4. Abschnitt

Der Fasching war zu Ende. Rosa und Lilli, meine Schwestern, hatten sich „ungeheuer amüsiert“. Jede verzeichnete ein halb Dutzend Eroberungen; dennoch befand sich keine wünschenswerte Partie darunter und der „Rechte“ war für keine erschienen. Desto besser: sie wollten gern noch ein paar Mädchenjahre genießen, ehe sie ins Ehejoch traten.

Und ich? In den roten Heften stehen meine Faschingseindrücke folgendermaßen notiert:

„Ich bin froh, daß die Tanzerei vorüber ist. Es fing schon an, eintönig zu werden. Immer dieselben Touren und immer dieselben Gespräche und immer ein und derselbe Tänzer: — denn ob es nun der Husarenlieutenant X, oder der Dragonerlieutenant Y, oder der Ulanenrittmeister Z ist — es sind doch die gleichen Verbeugungen, die gleichen Bemerkungen, die gleichen Seufzer und Blicke. Nicht ein interessanter Mensch darunter, nicht einer. Und der einzige, der allenfalls … reden wir nichts von dem, der gehört ja seiner Prinzessin. Sie ist eine hübsche Frau, ja — zugestanden, aber ich finde sie sehr unsympathisch.“

Obgleich der Fasching mit seinen großen Ballfesten zu Ende war, so hatten die geselligen Vergnügungen darum nicht aufgehört. Soiréen, Diners, Konzerte: der Wirbel dauerte fort. Auch eine große Liebhabertheatervorstellung ward in Aussicht genommen — dies jedoch erst nach Ostern. Für die Fastenzeit war doch eine Mäßigung in Vergnügen geboten — nach Tante Maries Ansicht mäßigten wir uns lange nicht genug. Daß ich die Fastenpredigten nicht regelmäßig besuchte, konnte sie mir nicht recht verzeihen, und sie entschädigte sich für meine Lauheit, indem sie Rosa und Lilli zu allen berühmten Kanzelrednern schleppte. Die Mädchen ließen sich das gern gefallen; einmal trafen sie in den Kirchen mit ihrer ganzen gewohnten Koterie zusammen — Pater Klinkowström war ebensosehr Mode bei den Jesuiten, als die Murska in der Oper, und in zweiter Linie waren sie ja auch leidlich fromm.

Aber nicht nur den Predigten, auch den Soiréen hielt ich mich während jener Fastenzeit ziemlich fern. Ich hatte plötzlich an geselligen Zusammenkünften den Geschmack verloren und liebte es, manchmal allein zu Hause zu bleiben — mit meinem Sohn zu spielen, und wenn der Kleine zu Bett gebracht war, mich mit einem guten Buch an das Kaminfeuer zu setzen und zu lesen. Zuweilen besuchte mich dann mein Vater und verplauderte ein bis zwei Stunden bei mir. Natürlich kamen die Feldzugserinnerungen dabei unablässig zum Vorschein. Ich hatte ihm Tillings Bericht über Arnos Ende mitgeteilt; er nahm die Geschichte jedoch ziemlich kühl auf. Ob einer mit Schmerzen oder ohne Schmerzen geendet, schien ihm eine ganz nebensächliche Frage. „Geblieben“ sein — wie der Tod auf dem Schlachtfelde heißt — war seiner Anschauung nach eine so rühmliche — durch ein so erhabenes Fatum herbeigeführte Sache, daß die Details der dabei allenfalls ausgestandenen körperlichen Leiden garnicht in Betracht kamen. In seinem Munde klang das „Geblieben“ stets wie die neidende Konstatierung einer besonderen Auszeichnung, und die dem „Bleiben“ nächstfolgende Annehmlichkeit war nach seiner Auffassung offenbar das „Blessiert“-werden. Die Art und Weise, wie er von sich mit Stolz und von den anderen mit Respekt erzählte, daß sie bei diesem oder jenem — nach irgend einer Ortschaft benannten — Gefecht verwundet worden, ließ einen ganz vergessen, daß das Ding eigentlich weh thun könne. Welch ein Unterschied mit der kurzen Erzählung Tillings: in der Schilderung der zehn Unglücklichen, welche, von dem platzenden Geschoß zerschmettert, in lauten Jammer ausbrachen — was lag da für ein anderer Ton erschütternden Mitleids darin! Ich habe Tillings Worte meinem Vater nicht wiederholt, denn ich empfand instinktiv, daß ihm dieselben unsoldatenmäßig erschienen wären und seine Achtung vor dem Sprecher beeinträchtigt hätten, und das hätte mich verdrossen; denn gerade der vielleicht unsoldatische, aber sicherlich menschliche Abscheu, mit welchem er das schreckliche Ende seiner Kampfgenossen geschaut und erzählt, war mir ins Herz gedrungen.

Wie gern hätte ich mit Tilling über dieses Thema noch weiter gesprochen — aber er schien meine Bekanntschaft nicht pflegen zu wollen. Seit seinem Besuche waren vierzehn Tage vergangen und weder hatte er den Besuch wiederholt, noch war ich ihm in der Gesellschaft begegnet. Nur zwei- oder dreimal auf der Ringstraße und einmal im Burgtheater war ich seiner ansichtig geworden: er grüßte ehrerbietig, ich dankte freundlich — weiter nichts. Weiter nichts? … Warum klopfte mir bei diesen Gelegenheiten das Herz, warum konnte ich dann stundenlang die Gebärde seines Grußes nicht aus dem Sinn bringen? …

„Liebes Kind, ich habe eine Bitte an Dich.“ Mit diesen Worten trat eines Vormittags mein Vater bei mir ein. Er hielt ein papierumwickeltes Paket in der Hand, „hier bringe ich Dir etwas mit,“ fügte er hinzu, das Ding auf einen Tisch legend.

„Eine Bitte und ein Geschenk zugleich?“ lachte ich. „Das ist ja Bestechung.“

„So höre mein Anliegen, ehe Du mein Geschenk auspackst und von dessen Pracht geblendet wirst. Ich habe heute ein langweiliges Diner —“

„Ja, ich weiß; drei alte Generäle mit ihren Frauen.“

„Und zwei Minister mit den ihrigen; kurz, eine feierliche, steife, einschläfernde Geschichte —“

„Da mutest Du mir doch nicht zu, daß ich —“

„Ja, ich mute es Dir zu, denn — da mich Damen mit ihrer Gegenwart beehren wollen — muß ich doch eine Dame zum Honneurs machen haben.“

„Dieses Amt hat ja Tante Marie übernommen?“

„Die ist heute wieder von ihrem gewissen Kopfschmerz befallen; es bleibt mir also nichts anderes übrig —“

„Als Deine Tochter hinzuopfern — wie dies schon andere Väter im Altertum — z. B. Agamemnon mit Iphigenia — gethan? Ich füge mich.“

„Übrigens sind unter den Gästen auch ein paar jüngere Elemente: Doktor Bresser, der mich in meiner letzten Krankheit so ausgezeichnet behandelt hat und dem ich die Artigkeit einer Einladung erweisen wollte; ferner Oberstlieutenant Tilling — Du wirst ja ganz feuerrot — was ist Dir?“

„Ich? … Es ist die Neugier: jetzt muß ich doch schauen, was Du mir gebracht hast.“ Und ich begann, das Paket aus seiner Papierhülle zu lösen.

„Es ist nichts für Dich — erwarte nicht etwa ein Perlenhalsband. Das gehört dem Rudi.“

„Ja, ich sehe, eine Spielereischachtel — ah, Bleisoldaten! Aber Vater, das vierjährige Kind soll doch nicht —“

„Ich habe schon mit drei Jahren Soldaten gespielt — man kann nicht früh genug damit anfangen … Meine allerersten Eindrücke waren Trommeln, Säbel — exerzieren, kommandieren: auf die Art erwacht die Liebe zum Metier, auf die Art —“

„Mein Sohn Rudolf wird nicht unter die Soldaten gehen,“ unterbrach ich.

„Martha! Ich weiß doch, daß seines Vaters Wunsch —“

„Der arme Arno ist nicht mehr. Rudolf ist mein alleiniges Eigentum und ich will nicht —“

„Daß er den schönsten und ehrenvollsten Beruf einschlage?“

„Das Leben meines einzigen Kindes soll nicht im Kriege auf das Spiel gesetzt werden.“

„Ich war auch ein einziger Sohn und bin Soldat geworden. Arno hat keine Geschwister, so viel ich weiß, und Dein Bruder Otto ist gleichfalls einziger Sohn und ich habe ihn doch in die Militärakademie gegeben. Die Tradition unserer Familie fordert es, daß der Sprosse eines Dotzky und einer Althaus seine Dienste dem Vaterlande weihe.“

„Das Vaterland wird ihn weniger brauchen als ich.“

„Wenn alle Mütter so dächten!“

„Dann gäbe es keine Paraden und Revuen — und keine Männerwälle zum Niederschießen — kein ‚Kanonenfutter‘, wie der bezeichnende Ausdruck heißt. Das wäre auch kein Unglück.“

Mein Vater machte ein sehr böses Gesicht. Dann aber zuckte er die Achseln:

„Ach, ihr Weiber,“ sagte er verächtlich. „Zum Glück wird der Junge nicht um Deine Erlaubnis fragen; das Soldatenblut fließt ihm in den Adern — Na, und Dein einziger Sohn wird er ja nicht bleiben. Du mußt wieder heiraten, Martha. In Deinem Alter ist’s nicht gut, allein sein. Erzähl’ mir: giebt es keinen unter Deinen Bewerbern, der vor Deinen Augen Gnade findet? Da ist zum Beispiel der Rittmeister Olensky, der sterblich in Dich verliebt ist — er hat mir neulich wieder vorgeseufzt. Der gefiele mir recht gut als Schwiegersohn.“

„Mir aber nicht als Gatte.“

„Da wäre noch der Major Millersdorf —“

„Und wenn Du mir den ganzen Militärschematismus hersagst — es ist vergebens. Um wie viel Uhr findet Dein Diner statt — wann soll ich kommen?“ fragte ich, um abzubrechen.

„Um fünf. Aber komm’ um eine halbe Stunde früher. Und jetzt adieu — ich muß fort. Grüß mir den Rudi — zukünftigen Oberbefehlshaber der k. k. Armee.“

Eine feierliche, steife, einschläfernde Geschichte — so hatte mein Vater sein bevorstehendes Diner genannt und so würde ich die Ceremonie auch aufgefaßt haben, wäre nicht der eine Gast gewesen, dessen Nähe mich eigentümlich bewegte …

Baron Tilling war knapp vor dem Speisen gekommen; ich hatte daher, als er mich im Salon begrüßte, nur zu einem ganz kurzen Wortaustausch Zeit gefunden, und bei Tisch, wo ich zwischen zwei eisgrauen Generälen saß, war der Baron so weit von mir entfernt, daß ich ihn unmöglich in die an unserem Tischende geführte Unterhaltung ziehen konnte. Ich freute mich auf die Rückkehr in den Salon; dort wollte ich Tilling an meine Seite rufen und ihn noch weiter ausforschen über jene Schlachtzene; ich sehnte mich darnach, noch einmal jenen Ton zu hören, der mich das erste Mal so sympathisch berührt hatte.

Doch zur Ausführung dieses Vorhabens bot sich mir anfänglich keine Gelegenheit; die beiden Eisgrauen blieben mir auch nach Tische treu und nahmen an meiner Seite Platz, als ich im Salon mich anschickte, den schwarzen Kaffee einzugießen. Dazu gesellten sich noch, im Halbkreis, mein Vater, der Minister ***, Doktor Bresser — und auch Tilling, aber die sich entspinnende Unterhaltung war eine allgemeine. Die übrigen Gäste, darunter sämtliche Damen, ließen sich in einer anderen Ecke des Salons nieder, wo nicht geraucht wurde; während in unserer Ecke — auch ich hatte mir eine Cigarette angezündet — das Rauchen gestattet war.

„Ob es denn nicht bald wieder losgehen wird?“ warf einer der Generäle hin.

„Hm,“ meinte der andere, „den nächsten Krieg werden wir mit Rußland haben, denk’ ich.“

„Muß es denn immer einen nächsten Krieg geben?“ warf ich dazwischen, aber niemand achtete darauf.

„Eher mit Italien,“ versicherte mein Vater. „Wir müssen doch unsere Lombardei zurückbekommen … So einen Einmarsch in Mailand, wie im Jahre 49 mit Vater Radetzky an der Spitze — das wollte ich doch noch erleben. Es war an einem sonnigen Vormittag —“

„Ach, die Geschichte vom Einmarsch in Mailand kennen wir alle,“ unterbrach ich.

„Auch die vom braven Hupfauf?“

„Ich schon — und ich finde dieselbe sogar höchst widerwärtig.“

„Was verstehst Du davon?“

„Lassen Sie hören, Althaus — wir kennen die Geschichte nicht.“

Das ließ sich der Vater nicht zweimal sagen.

„Der Hupfauf also — vom Regiment Tiroler Jäger — selber ein Tiroler, hat ein famoses Stück’l aufgeführt. Er war der beste Schütz’, den man sich denken kann; bei allen Scheibenschießen war er immer König — er traf fast jedesmal ins Ziel. Was hat der Mann gethan, als die Mailänder revoltierten? Er erbat sich die Erlaubnis, mit vier Kameraden auf das Dach des Domes zu steigen und von dort auf die Rebellen herab zu schießen. Man hat’s ihm erlaubt und er hat’s auch ausgeführt. Die vier anderen, von welchen jeder einen Stutzen trug, thaten weiter nichts, als ohne Unterlaß ihre Waffen laden und sie dem Hupfauf reichen, damit dieser keine Zeit verliere. Und so hat er hintereinander neunzig Italiener totgeschossen.“

„Abscheulich!“ rief ich. „Jeder dieser totgeschossenen Italiener, auf die der oben aus sicherer Höhe zielte, hatte eine Mutter und eine Geliebte zu Haus und hing wohl selber an seinem Leben.“

„Jeder war ein Feind, Kind; das ändert den ganzen Standpunkt.“

„Sehr richtig,“ sagte Doktor Bresser; „so lange der Begriff Feindschaft unter den Menschen sanktioniert wird, so lange können die Gebote der Menschlichkeit keine allgemeine Geltung erlangen.“

„Was sagen Sie, Baron Tilling?“ fragte ich.

„Ich hätte dem Manne einen Orden gewünscht, der ihm die tapfere Brust geschmückt — und eine Kugel, die ihm das harte Herz durchschossen hätte. Beides wäre verdient gewesen.“

Ich warf dem Sprecher einen warmen, dankbaren Blick zu; die anderen aber, mit Ausnahme des Doktors, schienen von den eben gehörten Worten unangenehm berührt. Es entstand eine kleine Pause. Cela avait jeté un froid.

„Haben Sie schon von dem Buche eines englischen Naturforschers Namens Darwin gehört, Exzellenz?“ wandte sich jetzt der Doktor an meinen Vater.

„Nein, nichts.“

„Doch, Papa … erinnere Dich nur: schon vor vier Jahren, als es eben erschienen war, hat uns unser Buchhändler das Buch geschickt und Du sagtest noch damals, es werde bald von aller Welt vergessen sein.“

„Was mich betrifft, so habe ich’s auch vergessen.“

„Alle Welt hingegen wird dadurch ziemlich in Aufregung versetzt,“ sagte der Doktor. „Es wird aller Orten für und gegen die neue Abstammungslehre gestritten.“

„Ach, Sie meinen wohl die Affentheorie?“ fragte der General zu meiner Rechten. „Davon war gestern im Kasino die Rede. Die Herren Gelehrten kommen oft auf sonderbare Einfälle — der Mensch soll ursprünglich ein Orang-Utang gewesen sein!“

„Allerdings,“ nickte der Minister — (wenn Minister*** „allerdings“ sagte, so war das ein Zeichen, daß er sich zu einer längeren Rede den Anlauf nahm), „die Sache klingt etwas komisch; doch kann dieselbe nicht als Scherz aufgefaßt werden. Es ist eine nicht ohne Talent und mit dem Apparat fleißig gesammelter Thatsachen aufgestellte wissenschaftliche Theorie, welche allerdings von den Männern vom Fach schon genügend widerlegt worden, welche aber, wie alle abenteuerlichen Ideen — so abgeschmackt dieselben auch seien — einen gewissen Effekt hervorgebracht hat und ihre Verteidiger findet. Über Darwin zu disputieren, ist Mode geworden. Es wird nicht lange dauern, so kann man das Wort „Darwinismus“ erfinden — allerdings wird dann die so benannte Theorie selber schon aufgehört haben, ernst genommen zu werden. Es ist ein Fehler, daß die Leute in Bekämpfung dieses englischen Sonderlings sich so erhitzen; dadurch wird seiner Lehre eine Wichtigkeit beigelegt, die ihr nicht zukommt. Namentlich ist es die Geistlichkeit, welche sich gegen die allerdings herabwürdigende Zumutung zur Wehr setzt, daß der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch jetzt plötzlich als dem Tierreich entstammend gedacht werden soll, eine vom religiösen Standpunkte aus allerdings höchst anstößige Annahme. Jedoch ist bekanntermaßen die kirchliche Verdammung einer unter dem Gewand der Wissenschaftlichkeit auftretenden Lehre, nicht im stande der Verbreitung derselben Einhalt zu thun. Dieselbe wird erst dann unschädlich, wenn sie von den Vertretern der Wissenschaft ad absurdum geführt worden ist, was gegenüber der Darwinischen allerdings —“

„Aber der Unsinn!“ unterbrach mein Vater, welcher fürchten mochte, daß noch eine lange Kette von „allerdings“ seine übrigen Gäste ermüden konnte, der Unsinn: vom Affen der Mensch! Da genügt doch wohl der sogenannte gesunde Menschenverstand, um solche tolle Einfälle abzuweisen — da braucht man doch nicht erst gelehrte Widerlegungen“ …

„Nun, für gar so apodiktisch sicher möchte ich diese Widerlegungen doch nicht halten,“ nahm nun der Doktor das Wort. „Es haben sich zwar Zweifel erhoben, aber die Theorie hat doch manches Wahrscheinliche für sich und es wird noch eine Zeit brauchen, bis die Gelehrten einig werden.“

„Ich glaub’ die Herren werden nie einig,“ bemerkte der General zu meiner Linken, welcher in barschem Ton und in Wiener Dialekt zu sprechen pflegte, „die leben ja vom Disputieren. Ich hab’ von der Affeng’schicht auch schon was g’hört. War mir aber zu dumm, um aufzupassen. Wenn man sich immer um alles Geschwätz kümmern sollt’, mit dem uns die Sterngucker und Graspflücker und Froschhaxl-Untersucher ein X für ein U vormachen wollen — da müßt einem ja Hören und Sehen vergehen. Übrigens habe ich neulich in einer illustrierten Zeitung dem Darwin sein G’sicht g’sehen und das is selber so affenmäßig, daß ich fast glauben möcht, sein Großvater is ä Schimpans g’wesen.“

Diesem letzten, den Sprecher sehr befriedigenden Witz ließ derselbe ein schallendes Gelächter folgen, in welches mein Vater aus hausherrlicher Zuvorkommenheit einstimmte.

„Gelächter ist allerdings auch eine Waffe,“ sprach der Minister ernst, — „beweist aber nichts. Dem Darwinismus — ich benütze schon das neue Wort — kann man doch auch ernsthafte, auf wissenschaftlicher Basis ruhende Argumente siegreich entgegenstellen. Wenn man gegen einen Schriftsteller ohne Autorität, Namen wie Linné, Cuvier, Agassiz, Quatrefages anführen kann, so muß dessen System zusammenstürzen. Anderseits läßt sich allerdings nicht leugnen, daß zwischen Mensch und Affe eine große Stammesähnlichkeit besteht und daß —“

„Trotz dieser Ähnlichkeit ist die Kluft doch eine meilenweite,“ unterbrach der sanfte General. „Läßt sich ein Affe denken, der den Telegraphen erfinden könnte? Die Sprache allein erhebt den Menschen so weit über das Tier —“

„Entschuldigen Sie, Exzellenz,“ sagte Doktor Bresser, „Sprache und technische Erfindungen waren dem Menschen nicht ursprünglich angeboren — ein Wilder wird auch heute noch keinen Telegraphenapparat konstruieren; das alles sind Früchte langsamer Vervollkommnung und Entwickelung —“

„Ja ja, lieber Doktor,“ versetzte der General, „ich weiß: Entwickelung ist das Schlagwort der neuen Theorie — aber aus einem Känguruh entwickelt sich kein Kameel … und warum sieht man heutzutage keinen Affen Mensch werden?“

Jetzt wandte ich mich an Baron Tilling:

„Und was sagen Sie? Haben Sie von Darwin gehört und zählen Sie sich zu seinen Anhängern oder — Gegnern?“

„Gehört habe ich über diesen Gegenstand schon vieles, Gräfin; aber ich kann kein Urteil abgeben, denn das in Frage stehende Werk: „The origin of species“ habe ich nicht gelesen.“

„Ich muß gestehen,“ sagte der Doktor, „ich auch nicht.“

Gelesen habe ich es allerdings auch nicht,“ gestand der Minister.

„Ich auch nicht“ — „ich auch nicht“ — „ich auch nicht“ — kam es nun von den Anderen.

„Aber,“ fuhr der Minister fort, „das Thema wird so vielfach besprochen, die Schlagwörter des Systems sind in aller Mund; „Kampf ums Dasein“ — natürliche Zuchtwahl“ — „Evolution“ und so weiter, daß man sich doch einen klaren Begriff vom Ganzen machen kann und sich resolut auf die Seite der Anhänger oder der Gegner stellen, zu welch’ erster Kategorie allerdings nur umsturzliebende und effekthaschende Heißsporne gehören, während die kaltblütigen, nach positiven Beweisen verlangenden, streng kritischen Leute unmöglich einen anderen, als den von so bedeutenden Fachgelehrten geteilten Standpunkt der Gegnerschaft einnehmen können; ein Standpunkt, der allerdings —“

„Nicht mit Sicherheit zu behaupten ist, wenn man denjenigen der Anhängerschaft nicht kennt,“ ergänzte Tilling. „Um zu wissen, was die Gegenargumente wert sind, welche man, so oft eine neue Idee auftaucht, um sich herum im Chor vorbringen hört, muß man in diese neue Idee auch selber eingedrungen sein. Gewöhnlich sind es die schlechtesten und seichtesten Gründe, die mit solcher Einstimmigkeit von den Massen wiederholt werden — und auf diese hin fällt mir nicht ein, ein Urteil zu stützen. Als die Lehre des Kopernikus auftauchte, konnten nur diejenigen, die sich der Mühe unterzogen, die kopernikanischen Berechnungen nachzurechnen, einsehen, daß dieselben richtig waren; die anderen, die ihr Urteil nach den Bannflüchen richteten, welche von Rom aus gegen das neue System geschleudert wurden —“

„In unserem Jahrhundert werden, wie ich schon früher bemerkte,“ unterbrach der Minister, „wissenschaftliche Hypothesen, wenn sie irrig sind, nicht mehr vom Standpunkte der Orthodoxie, sondern von demjenigen der Wissenschaft abgefertigt.“

„Nicht nur wenn sie irrig sind,“ versetzte Tilling, „auch wenn sie sich später bewahrheiten sollen, werden neue Hypothesen anfänglich immer von einer Zopfpartei unter den Gelehrten bestritten. Diese läßt auch heute nicht gern an ihren althergebrachten Anschauungen und Dogmen rütteln; gerade so wie damals nicht nur die Kirchenväter, sondern ebenso die Astronomen gegen Kopernikus geeifert.“

„Wollen’s damit behaupten,“ fiel der barsche General ein, „daß dem verrückten Engländer seine Affenidee so richtig ist, wie daß die Erd’ um die Sonn’ herumlauft?“

„Ich will garnichts behaupten, weil ich, wie gesagt, das Buch nicht kenne. Doch nehme ich mir vor, dasselbe zu lesen; vielleicht — aber auch nur vielleicht, denn meine einschlagenden Kenntnisse sind nur gering — werde ich mir dann ein Urteil bilden können. Bis dahin muß ich mich darauf beschränken, meine Meinung auf den Umstand zu stützen, daß die Theorie auf verbreiteten und leidenschaftlichen Widerspruch stößt, ein Umstand, welcher mir allerdings eher für als gegen deren Richtigkeit zeugt.“

„Du tapferer, gerader, heller Geist,“ apostrophierte ich in Gedanken den Sprecher.