Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

13. Zweites Buch. Friedenszeit.
3. Abschnitt

„Erlaube, liebe Martha,“ sagte mein Vetter Konrad Althaus, „daß ich Dir Oberstlieutenant Baron Tilling vorstelle.“

Ich neigte den Kopf. Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte blieb stumm. Ich faßte dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich von meinem Sitz — mit gerundet aufgehobenem linken Arm, bereit, ihn auf Baron Tillings Schulter zu lehnen.

„Verzeihen Sie, Gräfin,“ sagte jener mit einem flüchtigen Lächeln, das blitzend weiße Zähne aufdeckte, „ich kann nicht tanzen.“

„Ah so — desto besser,“ antwortete ich, mich wieder setzend. „Ich hatte mich ohnehin hierher zurückgezogen, um ein wenig auszuruhen.“

„Und ich hatte mir die Ehre erbeten, Ihnen vorgestellt zu werden, gnädige Gräfin, um Ihnen eine Mitteilung zu machen.“

Ich blickte erstaunt auf. Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht. Er war überhaupt ein ernsthaft aussehender Mann — nicht mehr jung, etwa vierzig, mit einigen Silberfäden an den Schläfen — im ganzen eine vornehme, sympathische Erscheinung. Ich hatte mir angewöhnt, jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin prüfend anzusehen: Bist Du ein Freier? — würde ich Dich nehmen? Beide Fragen beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen „Nein“. Es fehlte dem Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck, welchen alle jene anzunehmen pflegen, die sich den Frauen mit sogenannten „Absichten“ nahen; — und die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung. Ein zweites Mal würde ich keinem Soldaten die Hand reichen — das hatte ich mir fest vorgenommen. Nicht nur aus dem Grunde, um kein zweites Mal der schrecklichen Angst ausgesetzt zu werden, den Gatten ins Feld ziehen zu sehen, sondern weil ich seither über den Krieg im allgemeinen zu Ansichten gelangt war, in welchen ich unmöglich mit einem Krieger hätte übereinstimmen können.

Oberstlieutenant von Tilling machte von meiner Aufforderung, sich neben mich zu setzen, keinen Gebrauch.

„Ich will Sie nicht lange belästigen, Gräfin. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, paßt nicht in ein Ballfest. Ich wollte mir nur die Erlaubnis erbitten, mich in Ihrem Hause einzufinden; können Sie mir gnädigst einen Tag und eine Stunde bestimmen, wann ich Sie sprechen darf?“

„Ich empfange an Samstagen zwischen zwei und vier.“

„Dann gleicht an Samstagen zwischen zwei und vier Ihr Haus vermutlich einem Bienenstock, wo die Honigträger aus- und einfliegen —“

„Und ich als Königin in der Zelle sitze, meinen Sie — das ist ein recht hübsches Kompliment.“

„Komplimente mache ich nie — ebensowenig als Honig, und so behagt mir die samstägliche Schwarmstunde durchaus nicht; ich muß Sie allein sprechen.“

„Sie reizen meine Neugier. Sagen wir also morgen Dienstag, um die gleiche Stunde; ich werde für Sie und sonst niemand zu Hause sein.“

Er dankte mit einer Verbeugung und ging.

Eine Weile später kam mein Vetter Althaus vorbei. Ich rief ihn zu mir, ließ ihn an meiner Seite Platz nehmen und verlangte Auskunft über Baron Tilling.

„Gefällt er Dir? Hat er dir solch’ tiefen Eindruck gemacht, daß Du Dich gar so angelegentlich erkundigst? Er ist zu haben — das heißt er ist noch ledig. Darum soll er aber doch nicht frei sein … Man munkelt, daß eine sehr hohe Dame (Althaus nannte eine Prinzessin aus regierendem Hause) ihn durch zarte Bande an sich fesselt — deshalb heirate er nicht. Sein Regiment ist erst seit kurzer Zeit hierher versetzt worden, daher hat man ihn noch nicht viel in der Gesellschaft besehen — auch ist er, glaube ich, ein Feind von Bällen und dergleichen. Ich habe ihn im adeligen Kasino kennen gelernt, wo er täglich ein paar Stunden verbringt, aber gewöhnlich im Lesezimmer in die Zeitungen, oder mit unseren besten Schachspielern in eine Partie vertieft. Ich war erstaunt, ihn hier zu treffen — da jedoch die Hausfrau seine Kousine ist, so erklärt sich seine kurze Erscheinung auf dem Ball — er ist auch schon wieder weg. Nachdem er sich von Dir empfohlen, sah ich ihn fortgehen.“

„Hast Du ihn noch mehreren anderen Damen vorgestellt?“

„Nein, nur Dir. Aber darum mußt Du Dir nicht einbilden, daß Du es ihm von weitem angethan, und er deshalb verlangte, Dich kennen zu lernen: — „Können Sie mir nicht sagen, fragte er mich, ob eine gewisse Gräfin Dotzky, geborene Althaus — vermutlich mit Ihnen verwandt — hier anwesend ist? Ich muß mit derselben sprechen.“ — „Ja, antwortete ich, auf Dich zeigend, — dort in jener Ecke auf dem Sofa — im blauen Kleide.“ — „Ah, die? Seien Sie so gut, stellen Sie mich vor.“ — Was ich denn bereitwilligst that, ohne zu ahnen, daß ich Dich dadurch um Deine Ruhe bringen würde.“

„So sprich doch keinen Unsinn, Konrad — meine Ruhe ist nicht so leicht zu untergraben. Tilling? was ist das für eine Familie? — ich höre den Namen zum erstenmale.“

„Aha, Du gibst nicht nach … Ist das ein Glücksmensch! Ich habe mich durch volle drei Monate, mit Aufwand aller meiner Bezauberungskräfte, in Deine Gunst einzuschleichen versucht — vergebens. Und dieser kalte Oberstlieutenant — denn er ist kalt und fühllos, laß Dir das gesagt sein — kam, sah und siegte. — Was ‚Tilling‘ für eine Familie sei, fragtest Du? Ich glaube preußischen Ursprungs — doch war schon sein Vater in österreichische Dienste getreten — seine Mutter ist auch Preußin — Du mußt seinen norddeutschen Accent bemerkt haben.“

„Ja, er spricht ein wunderschönes Deutsch.“

„Natürlich — alles ist wunderschön an ihm.“ Althaus stand auf. „Jetzt habe ich gerade genug. Erlaube, daß ich Dich Deinen Träumen überlasse; ich will versuchen, mich mit Damen zu unterhalten welche“

Dich wunderschön finden. Solche giebt es wohl genug.“

Ich verließ den Ball zu früher Stunde. Meine Schwestern konnten unter dem Schutze Tante Maries noch bleiben und mich hielt nichts zurück. Die Lust am Tanzen war mir vergangen, ich fühlte mich ermüdet und sehnte mich nach Einsamkeit. Warum? … Doch nicht, um ungestört an Tilling denken zu können? … Es scheint doch so — da ich noch um Mitternacht die roten Hefte mit Eintragung der oben angeführten Gespräche bereicherte und Betrachtungen daran knüpfte, wie folgt: „Ein interessanter Mensch, dieser Tilling … Die hohe Frau, die ihn liebt, denkt jetzt wahrscheinlich an ihn … oder vielleicht kniet er in diesem Augenblick zu ihren Füßen und sie ist nicht so allein — allein — wie ich. Ach, jemand so recht innig lieben zu können … es müßte nicht eben Tilling sein — ich kenne ihn ja nicht … Nicht um Tilling beneide ich die Prinzessin, aber um ihr Verliebtsein. Und je leidenschaftlicher, je wärmer sie ihm zugethan ist, desto mehr beneide ich sie.“

Mein erster Gedanke beim Erwachen war wieder — Tilling. Ja richtig: er hatte sich für diesen Tag behufs wichtiger Mitteilungen bei mir angesagt. So gespannt, wie auf diesen Besuch, hatte ich mich schon lange nicht gefühlt.

Um die bestimmte Stunde gab ich Befehl, daß mit Ausnahme des Erwarteten niemand vorgelassen werde. Meine Schwestern waren nicht zu Hause, Tante Marie, die unermüdliche garde-dame, hatte sie auf den Eislaufplatz begleitet.

Ich setzte mich in meinen kleinen Salon — mit einer hübschen Haustoilette von violettem Sammt angethan (violett steht Blondinen bekanntlich vorteilhaft), nahm ein Buch zur Hand und wartete. Lang’ habe ich nicht warten müssen: zehn Minuten nach Zwei trat Freiherr von Tilling bei mir ein.

„Wie Sie sehen, Gräfin, habe ich von Ihrer Erlaubnis pünktlich Gebrauch gemacht“, sagte er, mir die Hand küssend.

„Glücklicherweise,“ antwortete ich lächelnd, indem ich ihm einen Platz anwies; „ich hätte sonst vor Ungeduld vergehen müssen, denn Sie haben mich wahrhaftig in große Spannung versetzt.“

„Dann will ich gleich, ohne lange Einleitung, sagen, was ich zu sagen habe. Daß ich es nicht schon gestern gethan, geschah, um Ihre fröhliche Stimmung nicht zu trüben —“

„Sie erschrecken mich —“

„Mit einem Wort: ich habe die Schlacht von Magenta mitgemacht —“

„Und Sie haben Arno sterben sehen!“ schrie ich auf.

„So ist es. Ich bin in der Lage, Ihnen über seine letzten Augenblicke Bescheid zu geben.“

„Sprechen Sie,“ sagte ich bebend.

„Zittern Sie nicht, Gräfin. Wenn diese letzten Augenblicke so schrecklich gewesen wären, wie bei so manchen anderen Kameraden, so würde ich Ihnen sicher nicht davon gesprochen haben: es gibt nichts Traurigeres, als von einem teueren Toten zu erfahren, daß er qualvoll gestorben — das ist aber hier nicht der Fall.“

„Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Erzählen Sie.“

„Ich werde Ihnen nicht die leere Phrase wiederholen, mit welcher man Soldatenhinterbliebene zu trösten pflegt. „Er starb als Held,“ denn ich weiß nicht recht, was man damit sagen will; — den wirklichen Trost kann ich Ihnen aber bieten: er starb, ohne an den Tod zu denken. Er war von allem Anfang überzeugt, daß ihm nichts geschehen werde. Wir waren viel zusammen und er erzählte mir oft von seinem Familienglück, zeigte mir das Bild seines schönen jungen Weibchens und das seines Kindes; er lud mich ein, ‚wenn nur einmal die Campagne aus sei‘, ihn in seiner Häuslichkeit zu besuchen. In dem Gemetzel von Magenta befand ich mich zufällig an seiner Seite. Ich erspare Ihnen die Schilderung der vorhergehenden Szenen — so etwas erzählt sich nicht. Männer, die kriegerischen Geistes sind, werden mitten im Pulverdampf und Kugelregen von so einem Taumel erfaßt, daß sie eigentlich nicht wissen, was um sie vorgeht. Dotzky war ein solcher Mann. Seine Augen sprühten, er zielte mit fester Hand; er war in vollem Kriegsrausch, das konnte ich — Nüchterner — sehen. Da kam ein Hohlgeschoß geflogen und fiel auf ein paar Schritte Entfernung vor uns nieder. Als das Ungetüm platzte, stürzten zehn Mann zusammen — darunter Dotzky. Es erhob sich ein Jammergeschrei unter den Unglücklichen — aber Dotzky schrie nicht: er war tot. Ich und noch ein paar Kameraden bückten uns zu den Getroffenen herab, um ihnen, wenn möglich, Hilfe zu bringen. — Es war aber nicht möglich. Sie rangen alle mit dem Tode, auf das greulichste zerrissen und zerfleischt, die Beute schrecklichster Schmerzen … Nur Dotzky, zu dem ich mich zuerst auf den Boden gekniet, atmete nicht mehr; sein Herz stand still und aus der aufgerissenen Seite quoll das Blut in solchen Strömen, daß — wenn sein Zustand auch nur Ohnmacht und nicht der Tod gewesen wäre — es nicht zu befürchten stand, daß er wieder zu sich komme —“

„Zu befürchten?“ unterbrach ich weinend.

„Ja — denn wir mußten sie hilflos da liegen lassen: vor uns erklang wieder das mordgebietende „Hurra!“ und hinter uns stürmten berittene Scharen heran, welche über diese Sterbenden hinwegsetzen würden — glücklich der Bewußtlose! Sein Gesicht hatte einen ganz ruhigen, schmerzlosen Ausdruck — und als wir, nachdem der Kampf vorüber war, unsere Toten und Verwundeten auflasen, fand ich ihn auf derselben Stelle, in gleicher Lage und mit dem gleichen friedlichen Ausdruck. Das habe ich Ihnen sagen wollen, Gräfin. Freilich hätte ich das schon vor Jahren thun können und, da ich nicht mit Ihnen zusammentraf, an Sie schreiben — aber die Idee kam mir erst gestern, als mir meine Cousine sagte, sie erwarte unter ihren Gästen die schöne Witwe Arno Dotzkys. Verzeihen Sie, wenn ich schmerzliche Erinnerungen wachgerufen; ich glaube doch eine Pflicht erfüllt und Sie von peinlichen Zweifeln befreit zu haben.“

Er stand auf. Ich reichte ihm die Hand:

„Ich danke, Baron Tilling,“ sagte ich, meine Thränen trocknend. „Sie haben mir in der That ein wertvolles Geschenk gemacht: die Beruhigung, daß das Ende meines teueren Mannes frei von Schmerz und Qual war … Aber bleiben Sie noch ein wenig, ich bitte Sie … Ich wollte Sie noch sprechen hören … Vorhin, in Ihrer Ausdrucksweise, haben Sie einen Ton angeschlagen, der in meinem Gemüte eine gewisse Saite vibrieren gemacht — ohne Umschweife, Sie verabscheuen den Krieg?“

Tillings Gesicht verfinsterte sich:

„Verzeihen Sie, Gräfin,“ sagte er, „wenn ich Ihnen über diesen Gegenstand nicht Rede stehe. Auch bedauere ich, mich nicht länger aufhalten zu können — ich werde erwartet.“

Jetzt nahm mein Gesicht einen kalten Ausdruck an: vermutlich erwartete ihn die Prinzessin — und der Gedanke war mir unangenehm.

„Da will ich Sie nicht zurückhalten, Herr Oberstlieutenant,“ entgegnete ich kalt.

Ohne nur die Erlaubnis zu erbitten, wiederkommen zu dürfen, verbeugte er sich und ging.