„Jetzt ist alles aus, Martha! Solferino hat entschieden: wir sind geschlagen.“
Mit diesen Worten kam mein Vater eines Morgens auf das Gartenplätzchen geeilt, wo ich unter den Schatten einer Lindengruppe saß.
Ich war mit meinem kleinen Rudolf in mein Mädchenheim zurückgekehrt. Acht Tage nach dem großen Schlage, der mich getroffen, übersiedelte meine Familie nach Grumitz, unserm Landsitz in Niederösterreich, und ich mit ihr. Allein hätte ich ja verzweifeln müssen. Jetzt waren sie wieder alle um mich, wie vor meiner Verheiratung: mein Vater, Tante Marie, mein kleiner Bruder und meine zwei aufblühenden Schwestern. Sie alle thaten, was sie nur konnten, meinen Kummer zu lindern und behandelten mich mit einer Art Hochachtung, die mir wohlthat. In meinem traurigen Schicksal lag für sie offenbar eine gewisse Weihe, etwas, was mich über meine Umgebung erhob — selbst eine Gattung Verdienst. Neben dem Blute, das die Soldaten auf dem Altar des Vaterlandes vergießen, bilden ja die am selben Altar vergossenen Thränen der beraubten Soldatenmütter, Frauen und Bräute die nächste heilige Libation. So war es auch ein leises Stolzgefühl — ein Bewußtsein, daß es sozusagen eine militärische Würde vorstellt, einen geliebten Mann auf dem Felde der Ehre verloren zu haben, welches mir meinen Schmerz am besten tragen half. Und ich war ja nicht die einzige. Wie Viele, Viele im ganzen Land trauerten jetzt um ihre in italienischer Erde ruhenden Lieben …
Nähere Einzelheiten über Arnos Ende sind mir damals nicht bekannt geworden; man hat ihn tot aufgefunden, agnosziert, begraben, das war alles, was ich wußte. Sein letzter Gedanke war gewiß zu mir und zu unserem kleinen Liebling geflogen, und sein Trost im letzten Augenblick muß das Bewußtsein gewesen sein: Ich habe meine Pflicht — mehr als meine Pflicht gethan.
„Wir sind geschlagen,“ wiederholte mein Vater, düster, indem er sich neben mich auf die Gartenbank setzte.
„Also wurden die Geopferten umsonst geopfert,“ seufzte ich.
„Die Geopferten sind zu beneiden, weil sie von der Schmach nichts wissen, die uns getroffen hat. Aber wir werden uns schon noch aufraffen, wenn auch jetzt — wie es heißt — Friede geschlossen werden soll —“
„Ah, Gott geb’s!“ unterbrach ich. „Für mich Arme freilich zu spät … aber so werden doch tausend andere verschont.“
„Du denkst immer nur an Dich und an die einzelnen Menschen. Aber in dieser Frage handelt es sich um Österreich.“
„Und besteht dieses nicht aus lauter einzelnen Menschen?“
„Mein Kind, ein Reich, ein Staat lebt ein längeres und wichtigeres Leben, als die Individuen. Diese schwinden, Generation um Generation, und das Reich entfaltet sich weiter; wächst zu Ruhm, Größe und Macht, oder sinkt und schrumpft zusammen und verschwindet, wenn es sich von anderen Reichen besiegen läßt. Darum ist das Wichtigste und Höchste, was jeder Einzelne erstreben muß und wofür er jederzeit gern sterben soll, die Existenz, die Größe, die Wohlfahrt des Reiches.“
Diese Worte prägte ich mir ein, um sie am selben Tag in den roten Heften zu notieren. Sie schienen mir so kräftig und bündig dasjenige auszudrücken, was ich in meiner Lernzeit aus den Geschichtsbüchern herausgefühlt hatte, und was mir in der letzten Zeit — seit Arnos Abmarsch — durch Angst und Mitleid aus dem Bewußtsein verdrängt worden war. Daran wollte ich mich wieder so fest wie möglich klammern, um in der Idee Trost und Erhebung zu finden, daß mein Liebster um einer großen Sache willen gefallen, daß mein Unglück selber ein Bestandteil dieser großen Sache war.
Tante Marie hatte wieder andere Trostgründe zur Hand. „Weine nicht, liebes Kind,“ pflegte sie zu sagen, wenn sie mich in Trauer versunken fand. „Sei nicht so selbstsüchtig, denjenigen zu beklagen, dem es jetzt so wohl geht. Er ist unter den Seligen und sieht segnend auf Dich herab. Noch ein paar schnell verflossene Erdenjahre und Du findest ihn wieder in seiner vollen Glorie. Für die, welche auf dem Schlachtfeld bleiben, bereitet den Himmel seine schönsten Wohnungen … Glücklich solche, die in dem Augenblicke abberufen werden, wo sie eine heilige Pflicht erfüllen. Dem sterbenden Märtyrer steht der sterbende Soldat an Verdienst am nächsten.“
„Ich soll mich also freuen, daß Arno —“
„Freuen: nein — das wäre zu viel verlangt. Aber Dein Schicksal mit demütiger Ergebung tragen. Es ist eine Prüfung, die Dir der Himmel schickt und aus der Du geläutert und im Glauben gestärkt hervorgehen wirst.“
„Also damit ich geprüft und geläutert werde, mußte Arno —“
„Nicht deshalb — doch wer kann, wer darf die verschlungenen Wege der Vorsehung ergründen wollen? Ich sicher nicht.“
Obwohl mir gegen Tante Mariens Tröstungen immer derlei Einwendungen entschlüpften, so gab ich mich im Grund der Seele doch gern der mystischen Auffassung hin, daß mein Verklärter jetzt im Himmel den Lohn seines Opfertodes genießt, und daß sein Andenken unter den Menschen mit der unvergänglichen Glorie der Heldenhaftigkeit geschmückt ist.
Wie erhebend — wenngleich schmerzlich — hatte die große Trauerceremonie auf mich gewirkt, welcher ich, am Tage vor unsrer Abreise, im Stefansdom beigewohnt. Es war ein De profundis für unsere auf fremder Erde gefallenen und dort begrabenen Krieger. In der Mitte der Kirche war ein hoher Katafalk aufgestellt, von hunderten brennender Wachslichter umgeben und mit militärischen Emblemen — Fahnen, Waffen — geschmückt. Vom Chor herab klang das rührend gesungene Requiem, und die Anwesenden — meist schwarzgekleidete Frauen — weinten fast alle laut. Und jede weinte nicht nur um den Einen, den sie verloren, sondern um alle Anderen, die denselben Tod gefunden: sie hatten ja alle zusammen, die armen, tapferen Waffenbrüder, für uns Alle, das heißt für ihr Land, für die Ehre der Nation ihr junges Leben hingegeben. Und die lebenden Soldaten, die dieser Feier beiwohnten, — sämtliche in Wien zurückgebliebenen Generäle und Offiziere waren da, und mehrere Compagnien Mannschaft führten den Hintergrund — diese alle waren gewärtig und bereit, ihren gefallenen Kameraden zu folgen ohne Zaudern, ohne Murren, ohne Furcht … Ja, mit den Weihrauchwolken, mit dem Geläute und den Orgeltönen, mit den in einem gemeinsamen Schmerz vergossenen Thränen stieg da sicherlich ein wohlgefälliges Opfer zum Himmel auf und der Herr der Heerschaaren mußte seinen Segen träufeln auf jene, denen dieser Katafalk errichtet war …
So dachte ich damals. Wenigstens sind dies die Worte, mit welchen die roten Hefte die Trauerfeier beschreiben.
Ungefähr vierzehn Tage später als die Nachricht von der Niederlage bei Solferino, kam die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien in Villafranca. Mein Vater gab sich alle mögliche Mühe, mir zu erklären, daß es aus politischen Gründen zwingend notwendig war, diesen Frieden zu schließen; worauf ich versicherte, daß es mir auf jeden Fall erfreulich schien, wenn das böse Kämpfen und Sterben ein Ende fand; aber der gute Papa ließ es sich nicht nehmen, mir entschuldigende Auseinandersetzungen zu unterbreiten:
„Du mußt nicht glauben, daß wir Angst haben … Wenn es auch den Anschein hat, als machten wir Konzessionen, wir vergeben unserer Würde nichts und wissen schon, was wir thun. Wenn es sich um uns allein handelte, so hätten wir wegen dieses kleinen Schachs in Solferino die Partie nicht aufgegeben. O nein, noch lange nicht. Wir brauchten nur noch ein Armeekorps hinunter zu schicken, und der Feind müßte Mailand schnell wieder räumen … Aber weißt Du, Martha, es handelt sich um andere allgemeine Interessen und Prinzipien. Wir verzichten jetzt darauf, uns weiter zu schlagen, um die anderen bedrohten italienischen Fürstentümer zu bewahren, welche der sardinische Räuberhauptmann samt seinem französischen Henkersbeistand auch gern überfallen wollte. Gegen Modena, Toskana — wo, wie Du weißt, mit unserem Kaiserhaus verwandte Dynastien regieren — ja sogar gegen Rom, gegen den Papst wollen sie ziehen — die Vandalen. Wenn wir nun vorläufig die Lombardei hergeben, so erhalten wir uns damit Venetien und können den süditalienischen Staaten und dem heiligen Stuhl unsere Stütze gewähren. Du siehst also ein, daß wir aus rein politischen Gründen und im Interesse des europäischen Gleichgewichts —“ „Ja, Vater,“ unterbrach ich, „ich sehe es ein. Ach hätten diese Gründe doch schon vor Magenta gewaltet!“ fügte ich bitter seufzend hinzu. Dann, um abzulenken, zeigte ich auf ein Bücherpaket, das heute aus Wien eingetroffen war.
„Schau’ her: der Buchhändler schickt uns verschiedene Sachen zur Ansicht. Darunter ein eben erschienenes Werk eines englischen Naturforschers, eines gewissen Darwin: „The Origin of Species“ — und er macht uns aufmerksam, daß dies besonders interessant sei und geeignet, epochemachend zu wirken.“
„Er soll mich auslassen, der gute Mann. Wer soll sich in einer so wichtigen Zeit, wie die gegenwärtige, für derlei Lappalien interessieren? Was kann denn in einem Buch über Tier- und Pflanzenarten Epochemachendes für uns Menschen enthalten sein? Ja, die Konföderation der italienischen Staaten, die Hegemonie Österreichs im deutschen Bunde: das sind weittragende Dinge; die werden noch lange in der Geschichte bestehen, wenn von diesem englischen Buch da kein Mensch mehr etwas wissen wird. Merk’ Dir das.“
Ich habe es mir gemerkt.