Die Taufe hat nun gestern stattgefunden. Diese Feier gestaltete sich zu einer doppelt glückverheißenden, denn meine Tochter Sylvia und ihres kleinen Neffen Taufpate — den wir schon lange heimlich im Herzen trugen —: Graf Anton Delnitzky — haben sich bei dieser Gelegenheit verlobt.
So bin ich durch meine Kinder rings von glücklichen Verhältnissen umgeben. Rudolf, seit sechs Jahren in den Besitz des Dotzkischen Majorats gelangt und seit vier Jahren mit der ihm von Kindheit an bestimmt gewesenen Beatrix, geborenen Griesbach — dem wunderlieblichsten Geschöpft, das man sich vorstellen kann — verheiratet, sieht nur durch die Geburt eines Erben seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Kurz: beneidenswerte, glänzende Lose.
Ein im Gartensaal eingenommenes Diner versammelte die Taufgäste. Die Glasthüren standen offen und die Luft des herrlichen Sommernachmittags strömte rosenduftend herein.
Neben mir, an unserer Tafelrunde, saß Gräfin Lori Griesbach, Beatrixens Mutter. Dieselbe ist nunmehr Witwe. Ihr Mann fiel in der bosnischen Expedition. Sie hat sich den Verlust nicht stark zu Herzen genommen. Keinesfalls trägt sie ewige Trauer. Im Gegenteile: diesmal ist sie mit granatrotem Brocat und brillantenem Geschmeide angethan. Sie ist gerade so oberflächlich geblieben, wie sie es in ihrer Jugend war. Toilettenfragen, ein paar französische und englische Moderomane, Gesellschaftsklatsch: das genügt noch immer, ihren Horizont zu füllen. Selbst das Kokettieren hat sie nicht ganz gelassen. Auf junge Leute hat sie es zwar nicht mehr abgesehen, aber ältere, hohen Rang oder hohes Amt bekleidende Persönlichkeiten sind vor ihren Eroberungsgelüsten nicht sicher. Gegenwärtig, scheint mir, hat sie Minister Allerdings aufs Korn genommen. Dieser hat übrigens seinen Namen gewechselt: wir nennen ihn jetzt, eines neu angenommenen Ausdruckes halber „Minister Andererseits.“
„Ich muß Dir ein Geständnis machen,“ sagte mir Lori, nachdem ich mit ihr auf des Täuflings Gesundheit angestoßen. „Bei dieser feierlichen Gelegenheit, da wir unseren beiderseitigen Enkel getauft haben, muß ich Dir gegenüber mein Gewissen entlasten. Ich war ganz ernstlich in Deinen Mann verliebt.“
„Das hast Du mir schon öfters gestanden, liebe Lori.“
„Er blieb aber stets ganz gleichgültig.“
„Auch das ist mir bekannt.“
„Du hattest doch einen goldtreuen Mann, Martha! Dasselbe kann ich von dem meinigen nicht behaupten. Aber nichts destoweniger: es hat mir sehr leid gethan um Griesbach. Nun — er starb eines glorreichen Todes, das ist mein Trost … Freilich ist das eine langweilige Existenz als Witwe. Besonders wenn man älter wird … so lange man Freier und Kourmacher hat, ist die Witwenschaft nicht ohne … aber jetzt, ich versichere Dich, es wird einem in der Einsamkeit ganz melachonisch … Bei Dir ist das etwas Anderes: Du lebst bei Deinem Sohn — aber ich verlange mir gar nicht, bei der Beatrix zu bleiben … Sie verlangt es sich übrigens auch nicht: Schwiegermutter im Haus, das thut nicht gut; denn man will doch im Hause die Herrin sein … Zwar ärgert man sich mit den Dienstboten, das ist schon wahr; aber wenigstens kann man über sie befehlen. Du darfst es mir glauben: ich wäre gar nicht abgeneigt, noch einmal zu heiraten. Natürlich eine Vernunftheirat mit irgend einem gesetzten —“
„Minister oder so etwas —“ unterbrach ich lächelnd.
„O Du Schlau — Du durchblickst mich schon wieder! Du — schau dorthin: bemerkst Du denn nicht, wie der Toni Delnitzky in Deine Sylvia hineinredet? Das ist ja kompromettant.“
„Laß gut sein. Die Beiden sind auf dem Wege von der Kirche hierher einig geworden. Sylvia hat es mir anvertraut — morgen wird der junge Mann bei mir um ihre Hand anhalten.“
„Was Du nicht sagst? Nun, dann kann man ja gratulieren! Soll zwar mitunter ein leichter Vogel gewesen sein, der schöne Toni … aber das sind sie ja Alle — das geht schon nicht anders und wenn man bedenkt, welche prächtige Partie er ist“ …
„Das hat meine Sylvia nicht bedacht: sie liebt ihn.“
„Nun, desto besser — das ist eine schöne Zugabe in die Ehe.“
„Zugabe? Es ist das Um und Auf.“
Einer der Gäste, ein k. u. k. Oberst a. D., klopfte an sein Glas und: „oh weh — ein Toast!“ dachten wohl die meisten, indem sie ihre Sondergespräche unterbrachen und sich seufzend anschickten, dem Redner zu lauschen. Es war aber auch zum seufzen; dreimal blieb der Unglückliche stecken und die Wahl seiner vorgebrachten Wünsche war nicht minder unglücklich. Der Täufling wurde gepriesen, in einer Zeit geboren worden zu sein, in der das Vaterland bald Söhne brauchen werde … „Möge er einst ruhmreich wie sein mütterlicher Urgroßvater, wie sein väterlicher Großvater das Schwert führen … möge er selbst viele Söhne zeugen, die ihrerseits dem Vater und den Vätern Ehre machen, und wie so viele der auf den Feldern der Ehre gebliebenen Väter … Väter — für die Ehre des Landes ihrer Väter — ihrer Väter und Vatersväter siegen oder — kurz: Friedrich Dotzky lebe hoch!“
Die Gläser klirrten, aber die Rede hatte nicht gezündet. Daß dieses kaum ins Dasein getretene Leben jetzt schon auf die Totenliste kommender Schlachten gesetzt wurde, machte keinen freundlichen Eindruck.
Um dieses düstere Bild zu verscheuchen, fühlte sich einer der Anwesenden veranlaßt, die tröstliche Bemerkung vorzubringen, daß die gegenwärtigen Konjunkturen einen längeren Frieden verbürgten, daß der Dreibund —
Damit war das allgemeine Gespräch wieder glücklich auf das politische Gebiet gebracht und Minister Andererseits ergriff das Wort.
„In der That (Lori Griesbach hing an seinem Munde), es liegt zu Tage: die Wehrtüchtigkeit, welche wir erreicht haben, ist etwas Großartiges und dürfte alle Friedensbrecher abschrecken. Das Landsturmgesetz, welches alle tauglichen Staatsbürger vom 19. bis 42., die einstigen Offiziere sogar bis zum 60. — Lebensjahre zum Kriegsdienst verpflichtet, erlaubt uns, beim ersten Aufgebot allein 4 800 000 Soldaten aufzustellen. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß das wachsende Mehrerfordernis, welches von der Heeresverwaltung in Anspruch genommen wird, schwer auf der Bevölkerung lastet, und daß die zur ausgiebigen Schlagfertigkeit des Reiches erforderlichen Maßnahmen im umgekehrten Verhältnis zur Frage der Regelung der Finanzlage stehen; es ist aber andererseits erhebend, mit welchem opferfreudigen Patriotismus die Volksvertreter stets und allerorts die von dem Kriegsministerium geforderte Mehrbelastung bewilligen; sie erkennen die von allen einsichtigen Politikern zugegebene, durch die Wehrhaftigkeitsentfaltung der Nachbarstaaten und durch die politische Situation bedingte Notwendigkeit, alle anderen Rücksichten dem eisernen Zwang der militärischen Kräftigung unterzuordnen.“
„Der leibhaftige Leitartikel!“ bemerkte Jemand halblaut.
„Andererseits“ fuhr aber fort:
„Umsomehr, als dadurch ja eine Bürgschaft geschaffen wird für die Erhaltung des Friedens. Denn, indem wir in traditionellem Patriotismus zur Sicherung der Grenzen es der unausgesetzten Steigerung der Wehrkraft unserer Nachbarstaaten gleichthun, erfüllen wir eine erhabene Pflicht und hoffen, etwa drohende Gefahren auch fernerhin zu bannen. So erhebe ich denn dieses Glas auf dasjenige Prinzip, welches, wie ich weiß, unserer Baronin Martha so sehr am Herzen liegt — ein Prinzip, das auch die Signatarmächte der mitteleuropäischen Friedensliga hochhalten, und ich fordere Sie auf, mit mir anzustoßen: Es lebe der Frieden! Möge seine Wohlthat uns noch recht lange erhalten bleiben!“
„Darauf trinke ich nicht,“ sagte ich. „Der bewaffnete Friede ist keine Wohlthat … und nicht lange soll uns der Krieg verhütet bleiben, sondern immer. Wenn man sich auf die Meerfahrt macht, soll die Zusicherung nicht genügen, daß recht lange das Schiff an keiner Klippe zerschelle. Daß die ganze Fahrt glücklich überstanden werden, darnach wird der ehrliche Kapitän trachten.“
Doktor Bresser, noch immer unser bester Hausfreund, kam mir zu Hilfe:
„In der That, Excellenz, können Sie an den ehrlichen, aufrichtigen Friedenswillen Jener glauben, die mit Leidenschaft, mit Begeisterung — Soldaten sind? Die alles, was den Krieg gefährdet — nämlich Abrüstung, Staatenbund, Schiedsgericht — nicht nennen hören wollen? Könnte denn die Freude an Arsenalen und Festungen und Manövern und dergleichen bestehen, wenn diese Dinge wirklich nur als das betrachtet würden, wofür man sie ausgibt: als Vogelscheuchen? Also, damit man sie niemals brauche, der ganze Kostenaufwand ihrer Herstellung! Die Völker müssen ihr ganzes Geld hergeben, um an den Grenzen Befestigungen zu machen, in der Absicht, sich über die Grenzen hin Kußhändchen zuzuwerfen? Zu einer bloßen Friedens-Aufrechterhaltungs-Gendarmerie läßt sich das Militär nicht herabdrücken — der oberste Kriegsherr wird doch nicht einem Heer von ewigen Kriegsvermeidern vorstehen sollen? Hinter dieser Maske — der „si vis pacem“-Maske — blinzeln die einverständlichen Blicke, und die jedes Kriegsbudget bewilligenden Abgeordneten blinzeln mit.“
„Die Volksvertreter?“ unterbrach der Minister. „Man kann den Opfermut doch nur loben, dessen diese in ernsten Zeiten niemals ermangeln und welcher in der einhelligen Votierung der entsprechenden Gesetze erhebenden Ausdruck findet.“
„Verzeihen Sie, Excellenz, diesen einhelligen Stimmabgebern wollte ich einem nach dem andern zurufen: Dein Ja wird jener Mutter ihr einziges Kind rauben; — deines bohrt jenem armen Wicht die Augen aus; — deines schießt eine unersetzliche Bücherei in Brand; — deines zerstampft das Hirn eines Dichters, der deines Landes Ruhm gewesen wäre … Aber ihr habt dieses „Ja“ votiert, um nur ja nicht feige zu scheinen — als ob man gerade nur für sich die Assentierung fürchten müßte. — Seid ihr denn nicht da, um des Volkes Willen zur Geltung zu bringen? Und das Volk will die produktive Arbeit, will die Entlastung, will den Frieden …“
„Ich hoffe, lieber Doktor,“ bemerkte der Oberst bitter, „daß Sie niemals Abgeordneter werden; das ganze Haus würde Sie auspfeifen.“
„Mich dem auszusetzen, würde schon beweisen, daß ich nicht feige bin. Gegen den Strom zu schwimmen erfordert die stählerne Kraft.“
„Wenn aber der Ernstfall einträte und man stände unvorbereitet da?“
„Man bereite einen Rechtszustand vor, der den Eintritt des „Ernstfalles“ unmöglich mache. Denn was dieser Fall sein wird, Herr Oberst, von dem kann heutzutage kein Mensch einen klaren Begriff fassen. Bei der Furchtbarkeit der gegenwärtig erreichten und noch immer steigenden Waffentechnik, bei der Massenhaftigkeit der Streitkräfte wird der nächste Krieg wahrlich kein „ernster“, sondern ein — es giebt gar kein Wort dafür — ein Riesenjammer-Fall sein … Hilfe und Verpflegung unmöglich … Die Sanitätsvorkehrungen und Proviantvorkehrungen werden den Anforderungen gegenüber als die reine Ironie sich erweisen; der nächste Krieg, von welchem die Leute so geläufig und gleichmütig reden, der wird nicht Gewinn für die Einen und Verlust für die Anderen bedeuten, sondern Untergang für Alle. Wer hier unter uns stimmt für diesen Ernstfall?“
„Ich allerdings nicht,“ sagte der Minister; „Sie auch nicht, lieber Doktor — aber die Menschen im Allgemeinen … Auch unsere Regierung nicht, dafür kann ich gutstehen — aber die anderen Staaten.“ …
„Mit welchem Rechte halten Sie andere Leute für schlechter und unvernünftiger als sich und mich? Da will ich Ihnen ein kleines Märchen erzählen:
Vor der geschlossenen Pforte eines schönen Gartens, gar sehnsüchtig hineinschauend, stand ein Haufen Menschen, tausendundeiner an der Zahl. Der Pförtner hatte den Auftrag, die Leute hereinzulassen, falls die Mehrzahl unter ihnen den Einlaß wünschte. — Er rief den Einen herbei: „Sag’ — aber aufrichtig — möchtest Du herein?“ — „O ja, ich schon, aber die andern Tausend sicher nicht.“ Diese Antwort schrieb der kluge Pförtner in sein Notizbuch. Dann rief er einen Zweiten. Der sagte dasselbe. Wieder trug der Kluge unter die Rubrik „ja“ die Ziffer 1, unter die Rubrik „nein“ die Ziffer 1000 ein. Das ging so bis zum letzten Mann. Dann addierte er die Zahlen. Das Ergebnis war: 1001 „ja“, über eine Million „nein“. So blieb das Thor verschlossen, denn das „nein“ hatte eine erdrückende Majorität. Und das kam daher, weil Jeder, statt nur für sich, auch für die Anderen antworten zu müssen glaubte.“
„Allerdings,“ sprach der Minister nachdenklich, und wieder schlug Lori Griesbach bewundernde Augen zu ihm auf — „es wäre allerdings eine schöne Sache, wenn die einstimmige Votierung einer Entwaffnungsvorlage stattfinden würde; — aber andererseits, welche Regierung wird es wagen, den Anfang zu machen? Allerdings gibt es nichts Wünschenswerteres als Eintracht: aber andererseits: wie kann man, so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen u. s. w. bestehen, dauernde Eintracht für möglich halten?“
„Erlauben Sie,“ nahm jetzt mein Sohn Rudolf das Wort. „Vierzig Millionen Einwohner eines Staates bilden ein Ganzes. Warum also nicht mehrere hundert Millionen? Soll das mathematisch und logisch beweisbar sein: so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen u. s. w. bestehen, können wohl 40 Millionen Leute darauf verzichten, sich untereinander zu bekriegen — drei Staaten sogar, wie gegenwärtig der Dreibund, können sich verbünden und eine „Friedensliga“ bilden — aber fünf Staaten können dies nicht, dürfen dies nicht? Wahrlich, wahrlich: unsere heutige Welt gibt sich für ungeheuer klug aus und belächelt die Wilden — und doch: in manchen Dingen können auch wir nicht bis fünf zählen.“
Einige Stimmen erhoben sich: „Was? Wild? — Das uns — mit unserer überfeinerten Kultur? Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts?“
Rudolf stand auf:
„Ja, wild — ich nehme das Wort nicht zurück. Und so lange wir uns an die Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben. Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit — die Blicke sind nach vorwärts gerichtet, Alles drängt mächtig zu anderer, zu höherer Gestaltung … Die Wildheit mit ihren Götzen und ihren Waffen — schon schleuderten sie Viele von sich. Wenn wir der Barbarei auch noch näher sind als die Meisten glauben, so sind wir vielleicht auch der Veredlung näher als Viele hoffen. Schon lebt vielleicht der Fürst oder der Staatsmann, der die in aller künftigen Geschichte als die ruhmreichste, leuchtendste der Thaten geltende That vollbringen wird, der die allgemeine Abrüstung durchsetzt. Schon stürzt jener Wahn zusammen, kraft dessen der Staatsegoismus einen so täuschenden Anschein von Berechtigung hat — der Wahn, daß der Schaden des Einen den Nutzen des Anderen befördere … Schon dämmert die Erkenntnis, daß die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen Lebens dienen soll … und aus solcher Erkenntnis wird die Menschlichkeit hervorblühen, die Edelmenschlichkeit, wie Friedrich Tilling zu sagen pflegte … Mutter, hier dieses Glas trinke ich dem Andenken Deines ewig unvergessen Geliebten und Betrauerten, dem auch ich Alles verdanke, was ich denke und was ich bin. Und aus diesem Glase“ — er warf es an die Wand, wo es zerschellte — „wird kein anderer Trunk mehr gemacht und heute — zu des Neugeborenen Tauffest wird kein anderer Toast mehr gesprochen, als dieser: es lebe die Zukunft! Ihre Aufgaben zu vollbringen, dazu wollen wir uns stählen — nicht: unserer Vatersväter — wie die alte Phrase lautet — wollen wir trachten, uns würdig zu zeigen — nein: unserer Enkelssöhne! … Mutter — was ist Dir?“ unterbrach er sich. „Du weinst? … Was siehst Du dort?“
Mein Blick war nach der offenen Glasthür gerichtet. Die Strahlen der untergehenden Sonne umwoben einen Rosenstock mit zittergoldigem Dunst und davon sich abhebend — in lebenswahrer Deutlichkeit — mein Traumbild: Ich sehe die Gartenscheere flimmern — das weiße Haupthaar glänzen … „Nicht wahr“ — lächelt er zu mir herüber — „wir sind ein glückliches altes Paar?“
Weh’ mir! — — —
Ende.