Viele der vorangehenden Blätter habe ich mit Schaudern und mit Überwindung geschrieben. Nicht ohne inneres Entsetzen vermochte ich die Auftritte zu schildern, die ich auf meiner Fahrt nach Böhmen und während der Cholerawoche in Grumitz mitgemacht. Ich habe es gethan, um einer Pflichtmahnung zu gehorchen. Ein geliebter Mund hat mir einst den feierlichen Befehl erteilt: „Falls ich früher sterbe, mußt Du meine Aufgabe übernehmen, für das Friedenswerk zu wirken.“ — Wäre mir dieses bindende Geheiß nicht geworden, nimmer hätte ich es über mich gebracht, die Schmerzenswunden meiner Erinnerungen so schonungslos aufzureißen.
Jetzt bin ich aber bei einem Erlebnis angelangt, das ich berichten, nicht aber schildern will — nicht kann.
Nein ich kann nicht, kann nicht!
Ich habe es versucht: zehn halbgeschriebene, zerrissene Blätter liegen auf dem Boden neben meinem Schreibtisch — ein Herzkrampf befiel mich — die Gedanken stockten oder kreisten wild in meinem Hirn — — ich mußte die Feder wegwerfen und weinen, bitter, heftig, kläglich weinen, wie ein Kind.
Jetzt, einige Stunden später, nehme ich meine Aufgabe wieder vor. Aber auf die Beschreibung der Einzelheiten nachstehenden Geschehnisses, auf Mitteilung dessen, was ich dabei empfunden — muß ich verzichten.
Die Thatsache genügt:
Friedrich — mein Einziger! — ward — infolge eines bei ihm gefundenen berliner Briefes der Spionage verdächtigt … von einer fanatischen Rotte umringt „à mort — à mort le Prussien!“ — vor ein Patriotentribunal geschleppt — — am 1. Februar 1871 — — — — — — — — standrechtlich erschossen.