Wir wurden von Berlin sehr plötzlich wieder abberufen. Eine Depesche meldete mir, daß Tante Marie schwer erkrankt sei und uns zu sehen wünsche.
Ich fand die alte Frau von den Ärzten aufgegeben.
„Jetzt ist die Reihe an mir,“ sagte sie. „Eigentlich gehe ich recht gern … Seit mein armer Bruder und seine drei Kinder hingerafft wurden, hat es mich ohnehin auf dieser Welt nicht mehr gefreut — von diesem Schlag konnte ich mich nie mehr erholen … Drüben werde ich die Andern wiederfinden … Konrad und Lilli sind dort auch vereint … es war ihnen nicht bestimmt, auf Erden vereint zu werden … “
„Wäre zu rechter Zeit abgerüstet worden —“ wollte ich zu widersprechen beginnen, aber ich hielt mich zurück: mit dieser Sterbenden konnte ich doch keinen Streit anheben und doch nicht an ihrer Lieblingstheorie „Bestimmung“ zu rütteln versuchen.
„Ein Trost ist mir,“ fuhr sie fort, „daß wenigstens Du glücklich zurückbleibst, liebe Martha … Dein Mann ist aus zwei Feldzügen zurückgekehrt — die Cholera hat euch verschont — es hat sich deutlich erwiesen, daß ihr bestimmt seid, miteinander alt zu werden … Trachte nur, aus dem kleinen Rudolf einen guten Christen und einen guten Soldaten heranzuziehen, damit sein Großvater noch da oben seine Freude an ihm haben möge“ …
Auch darüber schwieg ich lieber, daß ich fest entschlossen war, aus meinem Sohne keinen Soldaten zu machen.
„Ich werde unaufhörlich für euch beten … damit ihr lange und zufrieden lebt. —“
Natürlich hob ich den Widerspruch nicht auf, daß eine „unverrückbare Bestimmung“ durch den Einfluß unaufhörlichen Betens zum Guten gelenkt werden solle, doch unterbrach ich die Arme, indem ich sie bat, sich mit Sprechen nicht anzustrengen, und erzählte ihr, um sie zu zerstreuen, von unseren schweizer und berliner Erlebnissen. Ich berichtete, daß wir auch mit Prinz Heinrich zusammengekommen und daß derselbe in seinem Schloßpark dem Andenken der ebenso schnell gewonnenen als wiederverlorenen Braut ein Marmordenkmal aufrichten lasse.
Nach drei Tagen, ergeben und gefaßt, mit den selbstverlangten — andächtig empfangenen Sterbesakramenten versehen, entschlief meine arme Tante Marie; — und so waren denn alle die Meinen, Alle, in deren Mitte ich aufgewachsen, von der Erde geschieden …
In ihrem Testament war als Universalerbe ihres kleinen Vermögens mein Sohn Rudolf eingesetzt und zum Vormund — Minister „Allerdings“ bestellt.
Dieser Umstand brachte mich nun in häufige Berührung mit diesem einstigen Freunde meines Vaters. Er war auch ziemlich der Einzige, der unser Haus besuchte. Die tiefe Trauer, in welche mich die Grumitzer Unglückswoche versetzt hatte, brachte es selbstverständlich mit sich, daß ich ganz zurückgezogen lebte. Unser Plan, nach Paris zu übersiedeln, konnte erst ausgeführt werden, wenn alle meine Geschäfte in Ordnung gebracht waren, was jedenfalls noch einige Monate in Anspruch nehmen mußte.
Unser Freund, der Minister, welcher wie gesagt, beinahe unseren einzigen Umgang bildete, hatte in der letzten Zeit seinen Abschied genommen oder bekommen, — das habe ich nie ergründen können — kurz, er hatte sich ins Privatleben zurückgezogen, liebte es aber noch immer, sich mit Politik zu beschäftigen. Er wußte stets das Gespräch auf dieses sein Lieblingsthema zu lenken und wir gaben ihm auch willig die Replik. Da sich Friedrich jetzt so eifrig mit dem Studium des Völkerrechts befaßte, so war ihm jede Diskussion willkommen, welche dieses Gebiet streifte. Nach dem Speisen (Herr von Allerdings — wir bezeichneten ihn unter uns immer mit diesem Spitznamen — war zweimal wöchentlich bei uns zu Tisch geladen) pflegten die beiden Herren sich in ein langes politisches Gespräch zu vertiefen, wobei mein Mann es jedoch vermied, dieses Gespräch in die ihm so verhaßte Kannegießerei ausarten zu lassen, sondern bemüht war, dasselbe auf verallgemeinernde Standpunkte zu lenken. Hierin konnte ihm „Allerdings“ allerdings nicht immer folgen, denn in seiner Eigenschaft als eingewurzelter Diplomat und Büreaukrat hatte er sich angewöhnt, die sogenannte „praktische Politik“ oder „Realpolitik“ zu betreiben — ein Ding, welches ja nur auf die nächstliegenden Sonderinteressen gerichtet ist und von den theoretischen Fragen der Gesellschaftskunde nichts weiß.
Ich saß daneben, mit einer Handarbeit beschäftigt und mischte mich nicht in das Gespräch, was dem Herrn Minister ganz natürlich schien, denn bekanntlich ist für Frauen die Politik ja „viel zu hoch“; er war überzeugt, daß ich dabei an andere Dinge dachte, während ich — im Gegenteil — sehr aufmerksam zuhörte, da es meines Amtes war, mir so gut als möglich den Wortlaut dieser Dialoge in das Gedächtnis zu prägen, um dieselben hernach in die roten Hefte einzutragen. Friedrich machte von seinen Gesinnungen kein Hehl, obwohl er wußte, welche undankbare Rolle es ist, gegen das allgemein Geltende sich aufzulehnen und Ideen zu vertreten, so lange dieselben noch in jenem Stadium sind, wo sie — wenn nicht als umstürzlerisch verdammt — so doch als phantastisch verlacht werden.
„Ich kann Ihnen heute eine interessante Nachricht mitteilen, lieber Tilling,“ sagte der Minister eines Nachmittags mit wichtiger Miene. „Man geht in Regierungskreisen, das heißt im Kriegsministerum, mit der Idee um, auch bei uns die allgemeine Wehrpflicht einzuführen.“
„Wie? Dasselbe System, welches vor dem Krieg bei uns so allgemein geschmäht und verspottet wurde? „Bewaffnete Schneidergesellen“ und so weiter?“ …
„Allerdings hatten wir vor kurzer Zeit ein Vorurteil dagegen — aber es hat sich bei den Preußen doch bewährt, das müssen Sie zugestehen. Und eigentlich — vom moralischen Standpunkt — selbst vom demokratischen und liberalen Standpunkt, für welchen Sie ja mitunter zu schwärmen scheinen — ist es doch eine gerechte und erhebende Sache, wenn jeder Sohn des Vaterlandes, ohne Rücksicht auf Stand und Bildungsstufe, die gleichen Pflichten zu erfüllen hat. Und vom strategischen Standpunkt: hätte das kleine Preußen jemals siegen können, wenn es die Landwehr nicht gehabt hätte — und wäre diese bei uns schon eingeführt gewesen, wären wir jemals besiegt worden?“
„Das heißt also, wenn wir ein größeres Material gehabt hätten, so hätte dem Feinde das seine nichts genützt. Ergo — wenn überall die Landwehr eingeführt wird, ist sie für Niemand mehr zum Vorteil. Das Kriegsschauspiel wird mit mehr Figuren gespielt, die Partie hängt aber doch wieder von dem Glück und der Geschicklichkeit der Spieler ab. Ich setze den Fall alle europäischen Mächte führen die allgemeine Wehrpflicht ein, so bliebe das Machtverhältnis genau dasselbe — der Unterschied wäre nur der, daß, um zur Entscheidung zu gelangen, statt Hunderttausende, Millionen hingeschlachtet werden müßten.“
„Finden Sie es aber gerecht und billig, daß nur ein Teil der Bevölkerung sich opfere, um die höchsten Güter der Andern zu verteidigen, und diese Anderen zumal wenn sie reich sind, ruhig zu Hause bleiben dürfen? Nein, nein — mit dem neuen Gesetz wird das aufhören. Da gibt es kein Loskaufen mehr — da muß jeder mitthun. Und gerade die Gebildeten, die Studenten, solche, die etwas gelernt haben, die geben intelligente und daher auch sieghafte Elemente ab.“
„Bei dem Gegner sind dieselben Elemente vorhanden — also heben sich die durch gebildete Unteroffiziere zu gewinnenden Vorteile. Dagegen bleibt — gleichfalls auf beiden Seiten — der Verlust an unschätzbarem geistigen Material, welches dem Lande dadurch entzogen wird, daß die Gebildetsten — diejenigen, welche durch Erfindungen, Kunstwerke oder wissenschaftliche Forschungen die Kultur gefördert hätten — in Reih’ und Glied als Zielscheiben feindlicher Geschütze aufgestellt werden.“
„Ach was — zu dem Erfindungmachen und Kunstwerkproduzieren und Schädelknochen-Untersuchungen — Alles Dinge, welche die Machtstellung des Staates um kein Quentchen vergrößern —“
„Hm!“
„Wie?“
„Nichts, bitte, fahren Sie fort.“
„— dazu bleibt den Leuten noch immer Zeit. Sie brauchen ja nicht ihr ganzes Leben lang zu dienen — aber ein paar Jahre strammer Zucht, die thun sicherlich Allen gut und machen sie zur Ausübung ihrer übrigen Bürgerpflichten nur desto befähigter. Blutsteuer müssen wir nun einmal zahlen — also soll sie unter Allen gleich verteilt werden.“
„Wenn durch diese Verteilung auf den Einzelnen weniger käme, so hätte das etwas für sich. Das wäre aber nicht der Fall — die Blutsteuer würde da nicht verteilt, sondern vermehrt. Ich hoffe, das Projekt dringt nicht durch. Es ist unabsehbar, wohin das führte. Eine Macht wollte dann die andere an Heeresstärke überbieten und endlich gäbe es keine Armeen mehr, sondern nur bewaffnete Völker. Immer mehr Leute würden zum Dienst herangezogen, immer länger würde die Dauer der Dienstzeit, immer größer die Kriegssteuerkosten, die Bewaffnungskosten … Ohne miteinander zu fechten, würden sich die Nationen durch Kriegsbereitschaft alle selber zu grunde richten.“
„Aber lieber Tilling, Sie denken zu weit!“
„Man kann niemals zu weit denken. Alles was man unternimmt, muß man bis zu seinen letzten Konsequenzen — wenigstens soweit, als der Geist reicht, auszudenken wagen. Wir verglichen vorhin den Krieg mit dem Schachspiel — auch die Politik ist ein solches, Excellenz, und das sind gar schwache Spieler, welche nicht weiter denken als einen Zug, und sich schon freuen, wenn sie sich so gestellt haben, daß sie einen Bauer bedrohen. Ich will den Gedanken, der sich unablässig steigernden Wehrmacht und der Verallgemeinerung der Dienstpflicht sogar noch weiter ausspinnen, bis zu der äußersten Grenze — bis zu jener nämlich, wo das Maß übergeht. Wie dann, wenn, nachdem die größten Massen und die äußersten Altersgrenzen erreicht sind, es einer Nation einfiele, auch Regimenter von Frauen aufzustellen? Die Anderen müßten es nachahmen. Oder Kinderbataillone? Die Anderen müßten es nachahmen. Und in der Bewaffnung — in den Zerstörungsmitteln — wo wäre da die Grenze? O dieses wilde, blinde In-den-Abgrundrennen!“
„Beruhigen Sie sich, lieber Tilling … Sie sind ein rechter Phantast. Sagen Sie mir ein Mittel, den Krieg abzuschaffen, so wäre es allerdings ganz gut. Nachdem aber das nicht möglich ist, so muß doch jede Nation trachten, sich darauf so gut als möglich vorzubereiten, um sich in dem unausweichlichen Kampf ums Dasein (so heißt das Schlagwort des jetzt so modernen Darwin, nicht wahr?) die größte Gewinnchance zu sichern.“
Wenn ich die Mittel, Kriege aufzuheben, vorschlagen wollte, so würden Sie mich noch einen ärgeren Phantasten schelten, einen sentimentalen, von ‚Humanitätsschwindel‘ (so heißt doch das beliebte Schlagwort der Kriegspartei?) angekränkelten Träumer!“ …
„Allerdings könnte ich Ihnen nicht verhehlen, daß zur Erreichung eines solchen Ideals aller praktischer Untergrund fehlt. Man muß mit den vorhandenen Faktoren rechnen. Dazu gehören die menschlichen Leidenschaften, die Rivalitäten, die Verschiedenheit der Interessen, die Unmöglichkeit, sich über alle Fragen zu einigen —“
„Ist auch nicht nötig: wo die Zwistigkeiten beginnen, hat ein Schiedsgericht — nicht aber die Gewalt — zu entscheiden!“
„Einem Tribunal werden sich die souveränen Staaten, werden sich die Völker niemals fügen wollen.“
„Die Völker? Die Potentaten und Diplomaten wollen es nicht. Aber das Volk? Man frage es nur, bei ihm ist der Friedenswunsch glühend und wahr, während die Friedensbeteuerungen, die von den Regierungen ausgehen, häufig Lüge, gleißnerische Lüge sind – oder wenigstens von den anderen Regierungen grundsätzlich als solche aufgefaßt werden. Das heißt ja eben ‚Diplomatie‘. Und immer mehr und mehr werden die Völker nach Frieden rufen. Sollte die allgemeine Wehrpflicht sich verbreiten, so würde in demselben Maße die Kriegsabneigung zunehmen. Eine Klasse von für ihren Beruf begeisterter Soldaten ist noch denkbar: durch ihre Ausnahmestellung, die als eine Ehrenstellung gilt, die ihr für die damit verbundenen Opfer Ersatz geboten; aber wenn die Ausnahme aufhört, hört auch die Auszeichnung auf. Es schwindet die bewundernde Dankbarkeit, welche die Heimgebliebenen den zu ihrem Schutze Hinausgezogenen weihen — weil es ja Heimgebliebene überhaupt keine mehr gibt. Die kriegsliebenden Gefühle, die dem Soldaten immer untergeschoben — und damit auch häufig erweckt werden, die werden dann seltener angefacht; denn wer sind diejenigen, die am heldenmütigsten thun, die am heftigsten von kriegerischen Großthaten und Gefahren schwärmen? Diejenigen, die davor schön sicher sind — die Professoren, die Politiker, die Bierhauskannegießer — der Chor der Greise, wie im ‚Faust‘. Nach dem Verlust der Sicherheit wird dieser Chor verstummen. Ferner: wenn nicht nur jene dem Militärdienst sich widmen, die ihn lieben und loben, sondern auch alle jene zwangsweise dazu herangezogen werden, die ihn verabscheuen, so muß dieser Abscheu zur Geltung kommen. Dichter, Denker, Menschenfreunde, sanfte Leute, furchtsame Leute: alle diese werden von ihrem Standpunkte aus das aufgezwungene Handwerk verdammen!“
„Sie werden diese Gesinnung aber wohlweislich verschweigen, um nicht für feige zu gelten — um sich höheren Orts nicht der Ungnade auszusetzen.“
„Schweigen? Nicht immer. So wie ich rede — obwohl ich selber lange geschwiegen habe — so werden die Anderen auch mit der Sprache herausrücken. Wenn die Gesinnung reift, wird sie zum Wort. Ich einzelner bin vierzig Jahre alt geworden, bis meine Überzeugung die Kraft gewann, sich im Ausdruck Luft zu machen. Und so wie ich zwei oder drei Jahrzehnte gebraucht — so werden die Massen vielleicht zwei oder drei Generationen gebrauchen, aber reden werden sie endlich doch.“