Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

68. Viertes Buch. 1866.
23. Abschnitt

Nach wenigen Tagen wurde es wieder still auf Grumitz. Unsere Einquartierung mußte abziehen und auch Konrad wurde zu seinem Regiment befohlen. Lori Griesbach und der Minister waren schon früher abgereist.

Die Hochzeit meiner beiden Schwestern ward auf den Oktober verlegt. Beide sollten am selben Tage in Grumitz getraut werden. Prinz Heinrich wollte den Dienst verlassen; jetzt nach diesem glorreichen Feldzuge, in welchem er sich Beförderung geholt, konnte er dies leicht thun, um sich auf seinen Lorbeeren und seinen Besitzungen auszuruhen.

Der Abschied der zwei Liebespaare war ein schmerzlicher und glücklicher zugleich. Man versprach, sich täglich zu schreiben, und die sichere Aussicht auf das nahe Glück ließ das Scheideweh nicht recht aufkommen.

Sichere Aussicht auf Glück? … Die gibt es eigentlich nie — doch zu Kriegszeiten am allerwenigsten. Da schwebt das Unglück so dicht wie Heuschreckenschwärme in der Luft; und die Chancen, auf einem Fleckchen zu stehen, welches von der niedergehenden Geißel verschont bleibt, sind gar geringe.

Freilich — der Krieg war aus. Das heißt, man hatte erklärt, daß der Frieden geschlossen sei. Ein Wort genügt, die Schrecknisse zu entfesseln, und da meint man wohl auch, ein Wort könne genügen, dieselben sogleich wieder aufzuheben — doch dies vermag kein Machtspruch. Die Feindseligkeiten werden eingestellt, aber die Feindseligkeit dauert fort. Der Samen für künftige Kriege ist gestreut und die Frucht des eben beendigten Krieges entfaltet sich weiter: Elend, Verwilderung, Seuchen. Ja, da half kein Leugnen und Nicht-dran-denken mehr: — die Cholera wütete im Lande.

Es war am Morgen des 8. August. Wir saßen Alle um den Frühstückstisch unter der Veranda und lasen unsere eben eingelaufenen Postsachen. Die zwei Bräute fielen auf die an sie gerichteten Liebesbriefe her — ich blätterte in den Zeitungen. Aus Wien die Nachricht:

„Die Cholera-Sterbefälle mehren sich bedenklich; nicht nur in den Militär- auch in den Civilspitälern sind schon viele Erkrankungen signalisiert, die als echte cholera asiatica bezeichnet werden müssen, und die energischsten Maßregeln werden allenthalben ergriffen, um der Verbreitung der Epidemie zu steuern.“

Ich wollte die Stelle laut vorlesen, als Tante Marie, welche den Brief einer Freundin aus einem Nachbarschlosse in Händen hielt, erschreckt aufschrie:

„Entsetzlich! Betti schreibt mir, daß in ihrem Hause zwei Personen an der Cholera gestorben sind und jetzt auch ihr Mann erkrankt sei.“

„Excellenz, der Lehrer wünscht zu sprechen.“

Hinter dem Diener trat auch schon der Gemeldete heran. Er sah bleich und verstört aus:

„Herr Graf, ich zeige ergebenst an, daß ich die Schule schließen muß. Gestern sind zwei Kinder erkrankt und heute — gestorben.

„Die Cholera?“ riefen wir.

„Ich denke wohl … wir müssen’s beim Namen nennen. Die sogenannte „Ruhr“, welche unter den Soldaten, die hier einquartiert wurden, ausbrach und der schon zwanzig Mann erlegen sind — es war die Cholera. Im Dorf herrscht großer Schrecken, denn der Doktor, der aus der Stadt hierher gekommen, hat unverhohlen gesagt, daß die schreckliche Krankheit nunmehr zweifellos die hiesige Bevölkerung ergriffen hat.“

„Was ist das?“ fragte ich aufhorchend — „man hört läuten.“

„Das ist das Sterbeglöcklein, Frau Baronin,“ antwortete der Schulmeister. „Es wird wohl wieder Jemand in den letzten Zügen liegen … Der Doktor hat erzählt, daß in der Stadt die Sterbeglocke gar nicht mehr aufhört zu erklingen —“

Wir blickten einander alle in der Runde an — stumm und bleich. Hier war er also wieder — der Tod — und Jeder von uns sah dessen knöcherne Hand nach dem Haupte eines Teuern ausgestreckt.

„Fliehen wir!“ schlug Tante Marie vor.

„Fliehen, wohin?“ entgegnete der Lehrer. „Ringsum ist ja das Übel schon verbreitet.“

„Weit, weit weg — über die Grenze —“

„Da wird wohl ein Cordon errichtet werden, über den man nicht hinauskann.“

„Das wäre ja entsetzlich! Man wird doch die Leute nicht hindern, ein verseuchtes Land zu verlassen?“

„Gewiß — die gesunden Gegenden werden sich gegen Einschleppung verwahren.“

„Was thun, was thun?!“ Und Tante Marie rang die Hände.

„Den Willen Gottes abwarten,“ antwortete mein Vater mit einem tiefen Seufzer. „Du bist doch sonst so bestimmungsgläubig, Marie — ich verstehe Deine Fluchtsehnsucht nicht. Eines jeden Menschen Schicksal erreicht ihn, wo er immer sei … Aber immerhin — mir wäre es auch lieber, wenn ihr Kinder abreisen würdet — und Du, Otto, daß Du mir kein Obst mehr anrührst.“

„Ich werde sogleich an Bresser telegraphieren,“ sagte Friedrich, „daß er uns Desinfektionsmittel sende“ …

Was dann später folgte, ich kann es nicht mehr in seinen Einzelheiten erzählen, denn die Frühstückstisch-Episode war die letzte, die ich zu jener Zeit in die roten Hefte eingetragen. Nur aus dem Gedächtnis kann ich die Ereignisse der nächsten Tage berichten. Furcht und Bangen erfüllte uns Alle, Alle. Wer könnte zur Zeit der Epidemie nicht zittern, wenn man unter teuern Wesen lebt? Über dem lieben Haupte eines Jeden schwebt ja das Damoklesschwert — und auch selber sterben, so furchtbar und so unnütz sterben — wem sollte der Gedanke nicht Grauen einflößen? Der Mut besteht höchstens darin, nicht daran zu denken.

Fliehen? Diese Idee war mir auch gekommen — besonders, meinen kleinen Rudolf in Sicherheit zu bringen …

Mein Vater, trotz allem Fatalismus, bestand auf der Flucht der Anderen. Am kommenden Tage sollte die ganze Familie fort. Nur er wollte bleiben, um seine Hausleute und die Einwohnerschaft des Dorfes in der Gefahr nicht zu verlassen. Friedrich erklärte auf das Bestimmteste, auch bleiben zu wollen, und da war mein Entschluß gleichfalls gefaßt: von des Gatten Seite würde ich freiwillig nimmer weichen.

Tante Marie mit den beiden Mädchen und mit Otto und Rudolf sollten schleunigst abreisen. Wohin? — das war noch nicht bestimmt — vorläufig nach Ungarn, so weit wie möglich. Die Bräute widersetzten sich durchaus nicht, sondern halfen emsig packen … Sterben — wenn in naher Zukunft die Erfüllung heißer Liebessehnsucht, das heißt verzehnfachte Lebenswonne winkt, das hieße ja zehnfach sterben.

Die Koffer wurden in den Speisesaal gebracht, damit, unter der Beihilfe Aller, die Arbeit schneller von statten gehe. Ich brachte einen Pack von Rudolfs Kleidern auf dem Arm herbei.

„Warum thut das nicht Deine Jungfer?“ fragte der Vater.

„Ich weiß nicht, wo die Netti steckt … ich klingelte ihr schon mehrere Male und sie kommt nicht … So bediene ich mich lieber selber —“

„Du verdirbst Deine Leute,“ sagte mein Vater aufgebracht und er gab einem anwesenden Diener Befehl, das Mädchen überall zu suchen und augenblicklich hierher zu führen.

Nach einer Weile kam der Ausgesandte zurück — mit verstörter Miene.

„Die Netti liegt in ihrem Zimmer … sie ist … sie hat … sie ist …“

„Kannst Du nicht sprechen?“ donnerte ihn mein Vater an. „Was ist sie —?“

„— Schon — ganz schwarz.“

Ein Schrei kam aus unser Aller Munde. Und so war es denn da — das grause Gespenst — in unserem Hause selber …

„Was nun thun? Konnte man das unglückliche Mädchen hilflos sterben lassen? Aber, wer sich ihr nahte, holte sich fast sicher den Tod — und nicht nur sich — er gab ihn dann wieder den Anderen weiter. — Ach, so ein Haus, in welches die Seuche eingezogen, das ist, als wäre es von Räubern umzingelt, oder als stände es in Flammen — überall, an allen Ecken und Enden — auf jedem Schritt und Tritt — grinst der Tod. — —

„Hole augenblicklich den Arzt,“ befahl mein Vater zunächst. „Und ihr, Kinder, beschleunigt eure Abfahrt“ …

„Der Herr Doktor ist seit einer Stunde nach der Stadt zurückgefahren,“ antwortete der Diener auf meines Vaters Weisung.

„Weh … mir wird übel!“ kam es jetzt von Lilli, welche bis in die Lippen erbleichte und sich an eine Sessellehne anklammerte.

Wir sprangen ihr bei:

„Was hast Du? … Sei nicht thöricht … das ist die Angst …“

Aber es war nicht die Angst, es war — kein Zweifel: wir mußten die Unglückliche auf ihr Zimmer bringen, wo sie sogleich von heftigen Erbrechungen und den übrigen Symptomen ergriffen wurde — es war an diesem Tage der zweite Cholera-Fall im Schlosse.

Entsetzlich war es anzusehen, was die arme Schwester litt. Und kein Doktor da! Friedrich war der Einzige, der, so gut es ging, das Amt eines Solchen versah. Er ordnete das Nötige an: warme Umschläge. Senfteig auf den Magen und an die Beine — Eisstückchen — Champagner. Nichts half. Diese für leichte Choleraanfälle ausreichenden Mittel, hier konnten sie nicht retten. Wenigstens gaben sie der Kranken und den Umstehenden den Trost, daß etwas geschah. Nachdem die Anfälle nachgelassen, kamen die Krämpfe an die Reihe — ein Zucken und Zerren der ganzen Gestalt, daß die Knochen krachten. Die Unselige wollte jammern: sie konnte nicht, — denn die Stimme versagte … die Haut wurde bläulich und kalt — der Atem stockte — —

Mein Vater rannte händeringend auf und nieder. Einmal stellte ich mich ihm in den Weg:

„Das ist der Krieg, Vater!“ sagte ich. „Willst Du den Krieg nicht verfluchen?“

Er schüttelte mich ab und gab keine Antwort.

Nach zehn Stunden war Lilli tot. — Netti, das Stubenmädchen war schon früher gestorben — allein auf ihrem Zimmer; wir Alle waren um Lilli beschäftigt gewesen und von der Dienerschaft hatte sich Niemand in die Nähe der „schon ganz Schwarzen“ gewagt …


Mittlerweile war Doktor Bresser angekommen. Die telegraphisch verlangten Medikamente brachte er selber. Ich hätte ihm die Hand küssen mögen, als er unerwartet in unsere Mitte trat, um den alten Freunden seine aufopfernden Dienste zu weihen. Er übernahm sofort den Oberbefehl des Hauses. Die zwei Leichen ließ er in eine entfernte Kammer schaffen, sperrte die Zimmer ab, in welchen die Armen gestorben und unterzog uns Alle einer kräftigen desinfizierenden Prozedur. Ein intensiver Karbolgeruch erfüllte nunmehr alle Räume, und heute noch, wenn mir dieser Geruch entgegenweht, steigen jene Cholera-Schreckenstage vor meinem Geiste auf.

Die geplante Flucht mußte ein zweites Mal unterbleiben. Schon stand am Tage nach Lillis Tode der Wagen bereit, welcher Tante Marie, Rosa, Otto und meinen Kleinen fortführen sollte, als der Kutscher — von dem unsichtbaren Würger erfaßt, wieder vom Kutschbock absteigen mußte.

„Also will ich euch fahren,“ sagte mein Vater, als ihm diese Nachricht gebracht wurde. „Schnell — ist Alles bereit?“ …

Rosa trat vor:

„Fahret,“ sagte sie — „ich muß bleiben … ich … folge der Lilli — —“

Und sie sprach wahr. Bei Tagesanbruch wurde auch diese zweite junge Braut in die — Leichenkammer gebracht.

Natürlich war in dem Schrecken dieses neuen Unglücksfalles die Abreise der Anderen nicht ausgeführt worden.

Mitten in meinem Schmerze, meiner tobenden Angst, ergriff mich auch wieder der tiefste Zorn gegen jene Riesenthorheit, welche solches Übel freiwillig heraufbeschwört. Mein Vater war, als sie Rosas Leichnam hinausgetragen, in die Knie gefallen, den Kopf an die Mauer …

Ich trat hin und packte ihn beim Arme:

„Vater,“ sagte ich — „das ist der Krieg.“

Keine Antwort.

„Hörst Du, Vater? — Jetzt oder nie: willst Du jetzt den Krieg verfluchen?“

Er aber raffte sich auf:

„Du erinnerst mich daran … dieses Unglück will mit Soldatenmut getragen werden … Nicht ich allein! das ganze Vaterland hat Blut- und Thränenopfer bringen müssen —“

„Was hat denn dem Vaterland Dein und Deiner Brüder Leid gefrommt? Was frommen ihm die verlorenen Schlachten, was diese beiden geknickten Mädchenleben? — Vater — o thue mir die Liebe: fluche dem Krieg! Sieh her,“ ich zog ihn zum Fenster hin — eben wurde auf einem Karren ein schwarzer Sarg in den Hof gerollt: „sieh her — das ist für unsere Lilli — und morgen ein gleicher für unsere Rosa … und übermorgen vielleicht ein dritter — und warum, warum?!“

„Weil Gott es so gewollt, mein Kind —“

„Gott — immer Gott! … Daß sich doch alle Thorheit, alle Wildheit, alle Gewaltthätigkeit der Menschen stets hinter diesem Schilde birgt! Gottes Wille.“

„Lästere nicht, Martha, jetzt läst’re nicht, da Gottes strafende Hand so sichtbar —“

Ein Diener kam hereingerannt:

„Ex’lenz — der Tischler will den Sarg nicht in die Kammer tragen, wo die Komtessen liegen — und Niemand traut sich hinein —“

„Auch Du nicht, Feigling?“

„Ich kann nicht allein —“

„So werde ich Dir helfen — ich will meine Tochter selber …“ Und er schritt zur Thür. „Zurück!“ schrie er mich an, da ich ihm folgen wollte. „Du darfst nicht mit — Du darfst mir nicht auch noch sterben … und denke an Dein Kind!“

Was thun? Ich schwankte … Das ist das quälendste in solchen Lagen; nicht einmal zu wissen, wo die Pflicht liegt. Leistet man den Kranken und den Toten die Liebesdienste, zu welchem das Herz drängt, so schleppt man den Keim des Übels wieder weiter und bringt den anderen, den noch verschonten, die Gefahr. Man wollte sich opfern, weiß aber, daß man mit diesem Wagnis auch andere hinzuopfern wagt.

Über solches Dilemma kann nur eines hinaushelfen: mit dem Leben abschließen — nicht nur mit dem eigenen, sondern auch mit demjenigen seiner Teuren — annehmen, daß alle zu Grunde gehen — und eins dem anderen, so lange es geht, in den Leidensstunden beistehen. Rücksicht, Vorsicht — das alles muß aufhören: Zusammen! — an Bord eines untergehenden Schiffes — Rettung gibt es keine — „halten wir uns umfangen, eng, recht eng aneinander — bis zum letzten Augenblick — und: schöne Welt, ade!“

Diese Resignation war über uns alle gekommen; die Fluchtpläne hatte man aufgegeben; jeder ging an jedes Kranken und an jedes Toten Lager; sogar Bresser versuchte nicht mehr, uns dieses Verhalten — das einzig menschliche — zu wehren. Seine Nähe, sein energisches, rastloses Schalten gab uns das einzige Sicherheitsgefühl: wenigstens war unser sinkendes Schiff nicht ohne Kapitän.

Ach, diese Cholerawoche in Grumitz! … Über zwanzig Jahre sind seither vergangen, aber noch schaudert es mir durch Mark und Bein, wenn ich daran zurückdenke. Thränen, Wimmern, herzzerreißende Sterbescenen — der Karbolgeruch, das Knochenknarren der Krampfbefallenen, die ekelhaften Symptome, das unaufhörliche Geklingel des Totenglöckleins, die Begräbnisse — nein: Verscharrungen — denn in solchen Fällen gibt es keinerlei Trauerpomp; — die ganze Lebensordnung aufgegeben: keine Mahlzeiten — die Köchin war gestorben — kein Schlafengehen des Nachts — hier und da ein stehend eingenommener Bissen, und in den Morgenstunden ein sitzendes Einnicken. Draußen, wie eine Ironie der gleichgültigen Natur, das herrlichste Sommerwetter, fröhlicher Amselschlag, üppiges Farbenglühen der Blumenbeete … Im Dorfe ununterbrochenes Sterben — die zurückgebliebenen Preußen alle tot. „Ich bin heute dem Totengräber begegnet,“ erzählte Franz der Kammerdiener, „wie er mit einem leeren Wagen vom Friedhof zurückfuhr. „Wieder ein paar hinausgeschafft?“ habe ich ihn gefragt. „Ja, wieder sechs oder sieben … alle Tag, so ein halb’ Dutzend, manchmal auch mehr … es kommt auch vor, daß einer oder der andere im Wagen drin noch a bissl muckst — aber thut nix — nur ’nein in die Gruben mit die Preußen!“

Am folgenden Tage starb der Unmensch selber und ein anderer mußte sein Amt — zur Zeit das angestrengteste im Ort — übernehmen. Die Post brachte nur trübes; von überall her Nachrichten über das Wüten der Seuche und Liebesbriefe — ewig unbeantwortet zu bleibende Liebesbriefe — von dem nichts ahnenden Prinzen Heinrich. An Konrad hatte ich, um ihn auf das fürchterliche vorzubereiten, eine Zeile geschickt: „Lilli sehr krank.“ Er konnte nicht augenblicklich kommen — der Dienst hielt ihn zurück. Erst am vierten Tage kam der Unselige ins Haus gestürzt:

„Lilli?“ rief er — „ist es wahr?“ Unterwegs hatte er das Unglück erfahren.

Wir bejahten.

Er blieb unheimlich still und thränenlos. „Ich habe sie viele Jahre geliebt,“ sprach er nur leise vor sich hin. Dann laut:

„Wo liegt sie? — Auf dem Friedhofe? … Ich will sie besuchen … lebt wohl … sie erwartet mich …“

„Soll ich mitkommen?“ trug ihm jemand an.

„Nein, ich gehe lieber allein.“

Er ging — und wir sahen ihn nicht wieder. Am Grabe der Braut hat er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.

So endete Konrad Graf Althaus, Oberstlieutenant im 4. Husarenregiment, im siebenundzwanzigsten Lebensjahre.

Zu einer anderen Zeit hätte die Tragik dieses Vorfalls viel erschütternder gewirkt, aber jetzt: wie viele junge Offiziere hatte der Krieg unmittelbar weggerafft — diesen mittelbar. Und in dem Augenblick, als wir von der That erfuhren, war in unserer Mitte ein neues Unglück ausgebrochen, das unsere ganze Herzensangst in Anspruch nahm: Otto — meines armen Vaters angebeteter, einziger Sohn — war von dem Würgeengel gepackt.

Die ganze Nacht und den folgenden Tag dauerte sein Leiden — unter wechselndem Hoffen und Verzagen — um sieben Uhr Abends war alles vorbei.

Mein Vater warf sich auf die Leiche mit einem so markerschütternden Schrei, daß es das ganze Haus durchdröhnte. Wir hatten Mühe, ihn von dem Toten fortzureißen. Ach, und dieser Schmerzensjammer, der jetzt folgte: heulende, brüllende, röchelnde Laute der Verzweiflung waren es, die der alte Mann stunden- und stundenlang ausstieß … Sein Sohn, sein Stolz, sein Otto, sein alles!

Auf diese Ausbrüche folgte plötzlich starre, stumme Apathie. Dem Begräbnis seines Liebling hatte er nicht beiwohnen können. Er lag auf einem Sopha regungslos und — beinahe schien es — bewußtlos. Bresser ordnete an, daß er entkleidet und zu Bett gebracht werde.

Nach einer Stunde schien er sich zu beleben. Tante Marie, Friedrich und ich waren an seiner Seite. Er schaute eine Zeit lang mit fragendem Blick herum, dann setzte er sich auf und versuchte zu sprechen. Doch brachte er kein Wort hervor und rang mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Atem. Da begann es ihn zu schütteln und zu werfen, als wäre er von jenen schauerlichen Krämpfen befallen, welche die letzten Symptome der Cholera sind, und doch hatten sich vorher keine der anderen Erscheinungen bei ihm gezeigt. Endlich brachte er ein Wort hervor: „Martha“.

Ich fiel kniend an der Bettseite nieder:

„Vater, mein teurer, armer Vater! …“

Er erhob seine Hand über meinem Scheitel:

„Dein Wunsch“ … sprach er mühsam — „sei erfüllt … ich flu- ich verfluch-“

Er konnte nicht weiter reden und sank in die Kissen zurück.

Mittlerweile war Bresser herbeigekommen und gab auf unser ängstliches Fragen Bescheid:

Ein Herzkrampf hatte meinen Vater getötet.

„Das Fürchterlichste ist,“ sagte Tante Marie, nachdem wir ihn begraben, „daß er mit einem Fluch auf den Lippen verschied.“

„Laß das gut sein, Tante,“ beruhigte ich sie. „Wenn dieser Fluch erst von Aller — Aller Lippen fiele, so wäre das der Menschheit größter Segen.