Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

49. Viertes Buch. 1866.
4. Abschnitt

„Es ist unerhört! … Niederlage auf Niederlage! Zuerst das von Clam-Gallas verbarrikadierte Dorf Podol erstürmt — bei Nacht, bei Mond- und Flammenschein genommen — dann Gitschin erobert … Das Zündnadelgewehr — das verdammte Zündnadelgewehr mähte die unseren reihenweise nieder. Die beiden großen feindlichen Armeekorps — das vom Kronprinzen und das vom Prinzen Friedrich Karl befehligte — haben sich vereinigt und dringen gegen Münchengrätz vor“ …

So klangen die Schreckensnachrichten, welche mein Vater ebenso heftig jammernd vortrug, wie er jubelnd die Siegesnachrichten von Custozza berichtet hatte. Aber noch schwankte seine Zuversicht nicht:

„Sie sollen nur kommen, Alle — Alle in unser Böhmen und dort vernichtet werden, bis auf den letzten Mann … Einen Ausweg, einen Rückzug giebt es dann nicht mehr für sie, wir schließen sie ein, wir umzingeln sie … Und das entrüstete Landvolk selber wird ihnen den Garaus machen … Es ist nicht gar so vorteilhaft, als man glauben mag, in Feindesland zu operieren, denn da hat man nicht nur das Heer, sondern die ganze Bevölkerung gegen sich … Aus den Häusern von Trautenau gossen die Leute aus den Fenstern siedendes Wasser und Öl auf die Menschen —“

Ich stieß einen dumpfen Laut des Ekels aus.

„Was willst Du?“ sagte mein Vater achselzuckend, „es ist freilich grauenhaft — aber das ist der Krieg.“

„Dann behaupte wenigstens nie, daß der Krieg die Menschen veredle! — Gestehe, daß er sie entmenscht, vertigert, verteufelt: … Siedendes Öl! … Ach! …

„Gebotene Selbstverteidigung und gerechte Rache, liebe Martha. Glaubst Du etwa, ihre Zündnadelgeschosse thun den unseren wohl? … Wie das wehrlose Schlachtvieh müssen unsere Tapferen dieser mörderischen Waffe unterliegen. Aber wir sind zu zahlreich, zu diszipliniert, zu kampftüchtig, um nicht doch noch über die „Schneidergesellen“ zu siegen. Zu Anfang sind gleich ein paar Fehler begangen worden. Das gebe ich zu. Benedek hätte gleich die preußische Grenze überschreiten sollen … Es steigen mir Zweifel auf ob diese Feldherrnwahl eine ganz glückliche war … Hätte man lieber den Erzherzog Albrecht hinauf geschickt und dem Benedek die Süd-Armee übergeben … Aber ich will nicht zu früh verzagen — bis jetzt haben ja eigentlich doch nur vorbereitende Gefechte stattgefunden, welche von den Preußen zu großen Siegen aufgebauscht werden — die Entscheidungsschlachten kommen erst. Jetzt konzentrieren wir uns bei Königgrätz; dort — über hunderttausend Mann stark — erwarten wir den Feind … dort wird unser nördliches Custozza geschlagen!“

Dort würde auch Friedrich mitkämpfen. Sein letztes, am selben Morgen angelangtes Briefchen trug die Nachricht: „Wir begeben uns nach Königgrätz.“

Ich hatte bisher regelmäßig Kunde erhalten. Obwohl er in seinem ersten Briefe mich darauf vorbereitet hatte, daß er nur wenig werde schreiben können, so hat Friedrich doch jede Gelegenheit benützt, ein paar Worte an mich zu richten. Mit Bleistift, zu Pferd, im Zelt — in flüchtiger, nur mir leserlicher Schrift, so schrieb er die aus seinem Notizbüchelchen herausgerissenen, für mich bestimmten Blätter voll. Manche hatte er Gelegenheit abzuschicken, manche gelangten erst später, erst nach dem Feldzug in meine Hände.

Bis zur Stunde habe ich diese Andenken aufbewahrt. Das sind keine sorgfältig stilisierten Kriegsberichte, wie sie Zeitungskorrespondenten ihren Redaktionen, oder Kriegsschriftsteller ihren Verlegern bieten, keine mit Aufwand strategischer Fachkenntnisse entworfene Gefechtsskizzen, und keine mit rhetorischem Schwung ausgeführte Schlachtgemälde, in welchen der Erzähler immer bedacht ist, seine eigene Unerschrockenheit, Heldenhaftigkeit und patriotische Begeisterung durchleuchten zu lassen. Alles dies sind Friedrichs Aufzeichnungen nicht, das weiß ich; was sie aber sind, das vermag ich nicht zu bestimmen. Hier folgen einige:


Im Bivouak.

„Ohne Zelte … Es ist ja eine so laue, herrliche Sommernacht — der Himmel, der große gleichgültige, voll flimmernder Sterne … Die Leute liegen auf dem Boden, erschöpft von den langen, ermüdenden Märschen. Nur für uns Stabsoffiziere wurden ein paar Zelte aufgeschlagen. In dem meinen stehen drei Feldbetten. Die beiden Kameraden schlafen. Ich sitze an dem Tisch, worauf die geleerten Groggläser und eine brennende Kerze stehen. Beim schwachen flackernden Schein der letzteren (es weht von dem offenen Eingang ein Luftzug herein) schreibe ich Dir, mein geliebtes Weib. Auf mein Lager habe ich den Puxl hingelegt … war der müd’, der arme Kerl! Ich bereue fast, ihn mitgenommen zu haben; der ist auch, was die unseren immer von der preußischen Landwehr behaupten: „an die Strapazen und Entbehrungen eines Feldzugs nicht gewöhnt“. Jetzt schnauft er wohlig und süß — ich glaube er träumt, wahrscheinlich von seinem Freund und Gönner Rudolf Grafen Dotzky. Und ich träum’ von Dir, Martha … Zwar bin ich wach; aber täuschend, wie ein Traumbild, sehe ich Deine liebe Gestalt in jener halbdunklen Zeltecke, auf einem Feldstuhl sitzen … Welche Sehnsucht ergreift mich, dort hinzugehen und mein Haupt in Deinen Schooß zu legen. Ich thu’ es aber nicht, weil ich weiß, daß dann das Bild zerflattern würde …

Ich trat einen Augenblick hinaus. Die Sterne flimmern gleichgültiger als je. Auf dem Boden huschen verschiedene Schatten: es sind Nachzügler. Viele, Viele, blieben unterwegs zurück; jetzt haben sie sich, vom Wachtfeuer angezogen, hierher geschleppt. Aber nicht Alle — Manche liegen noch in einem entfernten Graben oder Kornfeld. Das war aber auch eine Hitze, während dieses forcierten Marsches! Die Sonne brannte, als wollte sie uns das Hirn zum Sieden bringen; dazu der schwere Tornister, das schwerere Gewehr auf den wundgewetzten Schultern … und doch, es hat Keiner gemurrt. Aber hingefallen sind ein paar, und konnten nicht wieder aufstehen. Zwei oder drei erlagen dem Sonnenstich und blieben gleich tot. Ihre Leichen wurden auf einen Ambulanzkarren geladen.

Die Juninacht, so mond- und sterndurchleuchtet, so warm sie auch ist, ist doch entzaubert. Man hört keine Nachtigallen und keine zirpenden Grillen; man atmet keine Rosen- und Jasmingerüche. Die süßen Laute werden durch die scharrenden und wiehernden Pferde, durch die Stimmen der Leute und das Geräusch der Patrouillenschritte unterdrückt; die süßen Gerüche durch Juchten-Sattelzeug- und sonstige Kasernenausdünstungen überduftet. Aber das ist noch Alles nichts: noch hört man nicht festende Raben krächzen, noch riecht man nicht Pulver, Blut und Verwesung. Das Alles kommt erst — ad majorem patriae gloriam. Merkwürdig, wie blind die Menschen sind! Anläßlich der einst „zur größeren Ehre Gottes“ entflammten Scheiterhaufen brechen sie in Verwünschungen über blinden und grausamen, sinnlosen Fanatismus aus, und für die leichenbesäeten Schlachtfelder der Gegenwart sind sie voll Bewunderung. Die Folterkammern des finsteren Mittelalters flößen ihnen Abscheu ein — auf ihre Arsenale aber sind sie stolz … Das Licht brennt herab, die Gestalt in jener Ecke hat sich verflüchtigt — ich will mich auch zur Ruhe legen, neben unseren guten Puxl.“


Auf einem Hügel oben, in einer Gruppe von Generälen und hohen Offizieren, mit einem Feldstecher am Auge: das ist die an ästhetischen Eindrücken ergiebigste Situation in einem Kriege. Das wissen auch die Herren Schlachtenmaler und Zeitungsillustratoren: bewaffneten Auges rundschauende Feldherren auf einer Anhöhe werden immer wieder gezeichnet — ebenso oft, wie die an der Spitze ihrer Truppen auf einem möglichst weißen, hochtrabenden Pferde voranstürmenden Führer, welche, den Arm nach einem rauchenden Punkt des Hintergrundes ausgestreckt, den Kopf zu den Nachsprengenden umgewendet, offenbar rufen: „Mir nach, Kinder!“

Von der Hügelstation herab sieht man wahrlich ein Stück Kriegspoesie. Das Bild ist großartig und genügend entfernt, um wie ein richtiges Gemälde zu wirken, ohne die Schrecken- und Ekelhaftigkeiten der Wirklichkeit: kein fließendes Blut, kein Sterberöcheln — nichts als erhaben prächtige Linien- und Farbeneffekte. Diese auf der langgestreckten Straße sich fortschlängelnde Heersäule, dieser unabsehbare Zug von Fußvolkregimentern, von Kavallerieabteilungen und Batterien; dann der Munitionstrain, requirierte Bauernwagen, Packpferde und hinterher noch der Troß. Noch gewaltiger gestaltet sich das Bild, wenn auf der unter dem Hügel ausgebreiteten Landschaft nicht nur die Fortbewegung eines, sondern der Zusammenstoß zweier Heere zu sehen ist. Wie da die blitzenden Klingen, die flatternden Fahnen, die Uniformen aller Art, die sich bäumenden Rosse gleich wildempörten Fluten durcheinander wogen; darüber Dampfwolken, die an manchen Stellen zu dichten, das Bild verhüllenden Schleiern sich ballen, und wenn sie reißen, kämpfende Gruppen enthüllen … Dazu als Begleitung der durch die Berge rollende Lärm der Geschütze, von welchem jeder Schlag das Wort Tod — Tod — Tod — durch die Lüfte donnert … Ja, so etwas mag zu Kriegsliedern begeistern!

Auch zu der Verfassung jener zeithistorischen Berichte, welche nach dem Feldzug veröffentlicht werden müssen, bietet die Hügelposition günstige Gelegenheit. Da läßt sich allenfalls mit einiger Richtigkeit erzählen: die Division X stößt bei N. auf den Feind; — drängt ihn zurück; — erreicht das Gros der Armee; — starke feindliche Abteilungen zeigen sich an der linken Flanke des Korps u. s. w. u. s. w. Aber wer nicht auf dem Hügel durch den Feldstecher schaut, wer selber an der „Aktion“ teilnimmt, der kann nie — nie etwas Glaubwürdiges über den Fortgang einer Schlacht erzählen. Er sieht, denkt und fühlt nur das Nächste; was er nachher berichtet, ist Konjektur zu deren Veranschaulichung er sich der alten Clichés bedient. „He, Tilling,“ sagte mir heute einer der Generäle, neben denen ich auf dem Hügel stand — „Ist das nicht imposant? Ein Prachtheer, wie? Woran denken Sie eben?“ Woran ich dachte? Das konnte ich dem Vorgesetzten nicht gut sagen; ich antwortete also allergehorsamst etwas Unwahres. Allergehorsamlichkeit und Wahrheit haben ohnedies nichts miteinander zu schaffen. Letztere ist ein gar stolzes Wesen: von allem Knechtischen wendet sie sich verächtlich ab.


„Das Dorf ist unser — nein, es ist des Feindes — und wieder unser — und abermals des Feindes, aber ein Dorf ist’s nicht mehr, sondern ein rauchender Trümmerhaufen.

Die Bewohner (war es nicht eigentlich ihr Dorf?) hatten es schon früher verlassen und waren geflohen. Zum Glück — denn der Kampf in einem bewohnten Orte ist gar etwas Fürchterliches, denn da fallen die Kugeln von Feind und Freund mitten in die Stuben hinein und töten Weiber und Kinder. — Eine Familie war dennoch in dem Orte zurückgeblieben, den wir gestern genommen, verloren, wieder genommen und wieder verloren haben, nämlich ein altes Ehepaar und dessen Tochter — diese im Kindbett. Der Gatte dient in unserem Regiment. Er sagte mir’s, als wir uns dem Dorf näherten: „Dort, Herr Oberstlieutenant in dem Hause mit dem roten Dach, lebt mein Weib mit ihren alten Eltern … Sie haben nicht fliehen können, die Armen … mein Weib muß jede Stunde niederkommen und die Alten sind halb gelähmt — um Gotteswillen, Herr Oberstlieutenant, kommandieren Sie mich dorthin.“ — Der arme Teufel! er kam gerade zurecht, um die Wöchnerin und das Kind sterben zu sehen; eine Bombe war neben dem Bette geplatzt … Was mit den Alten geschehen — ich weiß es nicht. Vermutlich unter den Trümmern begraben; das Haus war eins der ersten, welches in Brand geschossen wurde. Der Kampf auf offenem Felde ist schaurig genug, aber der Kampf inzwischen menschlicher Wohnstätten ist noch zehnmal grausiger. Stürzendes Gebälk, aufschlagende Flammen, erstickender Rauch — vor Angst tollgewordenes Vieh — jede Mauer Festung oder Barrikade, jedes Fenster Schießscharte … Eine Brustwehr habe ich da gesehen, die war aus Leichen gebildet. Da hatten die Verteidiger alle in der Nähe liegenden Gefallenen aufeinandergeschichtet, um, so geschützt, darüber auf den Angreifer hinwegzuschießen. Diese Mauer vergesse ich wohl im Leben nicht: … Einer, der als Ziegel diente — zwischen den anderen Leichenziegeln eingepfercht — der lebte noch, bewegte die Arme. — — —

„Lebte noch“: das ist ein Zustand — im Krieg in tausend Varianten vorkommend — der die maßlosesten Leiden in sich birgt. Gäb’ es irgend einen Engel der Barmherzigkeit, der über den Schlachtfeldern schwebte, er hätte vollauf zu thun, den armen Wichten — Mensch und Tier — die „noch lebten“, den Gnadenstoß zu geben.“


„Heute hatten wir ein kleines Kavalleriegefecht auf offenem Felde. Da kam ein preußisches Dragonerregiment im Trab einher, deployierte in Linie und, die Pferde fest im Zügel, den Säbel über dem Kopf, ritten sie in kurzem Galopp gerade auf uns zu. Wir warteten den Angriff nicht ab, sondern sprengten dem Feind entgegen. Kein Schuß wurde gewechselt. Wenige Schritte von einander brachen beide Reihen in ein donnerndes Hurra aus (Schreien berauscht: das wissen die Indianer und Zulus noch besser als wir), und so stürzten wir aufeinander, Pferd an Pferd und Knie an Knie; die Säbel sausten in die Höhe und kamen auf die Köpfe nieder. Bald waren Alle zu dicht ineinander geraten, um die Waffen zu gebrauchen; da wurde Brust an Brust gerungen, wobei die scheu und wild gewordenen Pferde schnaufend stürzten, sich bäumten und um sich schlugen. Ich war auch einmal zu Boden und sah — das ist kein angenehmer Anblick — schlagende Pferdehufe eine Linie weit von meiner Schläfe entfernt.“


„Wieder ein Marschtag mit ein oder zwei Gefechten. Ich habe einen großen Kummer erlebt. Es verfolgt mich ein so trauriges Bild … Unter den vielen Trauerbildern, die mich rings umgeben, sollte dies nicht auffallen, sollte mir nicht so weh thun. Aber ich kann nichts dafür: es geht mir nahe und ich kann es nicht loswerden … Puxl — unser armes, lebensfrohes, gutes Pintschel — ach, hätte ich ihn doch zu Hause gelassen, bei seinem kleinen Herrn, Rudolf: Er lief uns nach, wie gewöhnlich. Plötzlich stößt er ein jammervolles Geschrei aus … ein Granatsplitter hat ihm die Vorderbeinchen abgerissen … Er kann nicht nach — verlassen bleibt er zurück und „lebt noch“; vierundzwanzig und achtundvierzig Stunden vergehen und er lebt noch. — Mein Herrl — mein gutes Herrl, ruft er mir klagend nach, laß den armen Puxl nicht da! und sein kleines Herz bricht … Was besonders an mir nagt, ist der Gedanke, daß das sterbende treue Geschöpf mich verkennen muß. Er hat es gesehen, daß ich mich umgewendet — daß ich seinen Hilferuf vernommen haben mußte, und doch so kalt und hart ihn liegen ließ. Er weiß es ja nicht, der arme Puxl, daß einem zur Attacke vorstürmenden Regiment, aus dessen Reihen die Kameraden fallen und am Wege bleiben, nicht eines gefallenen Hündchens wegen „Halt“ kommandiert werden kann. Von einer höheren Pflicht, der ich gehorchte, hat er keinen Begriff, und das arme, so treue Hundeherz klagt mich der Unbarmherzigkeit an …

Daß man inmitten der „großen Ereignisse“ und der Riesenunglücksfälle, welche die Gegenwart erfüllen, über solche Kleinigkeiten sich betrüben kann! würden Viele — nicht Du, Martha — achselzuckend sagen. Nicht Du — ich weiß, Dir tritt jetzt auch eine Thräne ins Auge um unseren armen Puxl.“


„Was geschieht da? Das Exekutions-Peloton wird aufgestellt. Ward ein Spion gefangen? Einer? … Diesmal siebzehn. Dort kommen sie schon. In vier Reihen, je zu vier Mann, von einem Carré Soldaten umgeben, schreiten die Verurteilten, gesenkten Kopfes, daher. Dahinter einen Wagen, worin eine Leiche liegt und darauf sitzend, an die Leiche gebunden, der Sohn des Toten, ein zwölfjähriger Knabe — auch verurteilt …

Ich mag die Hinrichtung nicht sehen und entferne mich. Aber die Schüsse habe ich vernommen … Hinter der Mauer steigt eine Rauchwolke auf — alle hin, auch der Knabe.“ — — —


„Endlich ein bequemes Nachtquartier in einem kleinen Städtchen! Das arme Nest! … Vorräte, die den Leuten auf Monate hinaus genügen würden, haben wir ihnen durch eine Requisition fortgenommen. „Requisition“ … es ist nur gut, wenn man für ein Ding einen hübschen, sanktionierten Namen hat.

Ich war aber doch froh, das gute Nachtlager und das gute Nachtessen gefunden zu haben. Und — laß Dir erzählen:

Schon wollte ich mich zu Bett legen, als mir meine Ordonnanz meldet: ein Mann von unserem Regiment sei da und verlange dringend, eingelassen zu werden, er bringe mir etwas. „So soll er kommen.“ Der Mann trat ein. —

Und als er wieder ging, da hatte ich ihn reich beschenkt und ihm beide Hände geschüttelt und ihm versprochen, für sein Weib und Kind zu sorgen, falls ihm etwas geschähe. Denn was er mir gebracht hat, der Brave — das hat mir eine große Freude gemacht und mich von einer Pein befreit, unter der ich seit sechsunddreißig Stunden litt — was er mir gebracht hat: das war mein Puxl. Verwundet zwar — ehrenvoll blessiert — aber noch lebend und so selig, wieder bei seinem Herrn zu sein, an dessen Benehmen er wohl erkannt haben mußte, daß er ihm mit dem Vorwurf der Lieblosigkeit unrecht gethan … Ja, war das eine Wiedersehensscene! Vor allem ein Trunk Wasser. Wie das schmeckte … das heißt, zehnmal unterbrach er das gierige Trinken, um mir seine Freude vorzubellen. Hierauf habe ich ihm seine Beinstummel verbunden, ihm ein schmackhaftes Souper von Fleisch und Käse vorgesetzt und ihn auf mein Lager gebettet. Wir haben Beide gut geschlafen. Des Morgens, als ich erwachte, leckte er mir nochmals dankend die Hand — dann streckte er seine Gliederchen, schnaufte tief auf und — hatte aufgehört zu sein. Armer Puxl — es ist besser so!“


„Was habe ich heute Alles gesehen? Wenn ich die Augen schließe, tritt mir das Geschaute mit furchtbarer Klarheit vor das Gedächtnis. „Nichts als Schmerz und Schreckbilder!“ wirst Du sagen. Warum bringen denn Andere vom Kriege so frische, fröhliche Eindrücke mit. Je nun, diese Anderen verschließen sich gegen den Schmerz und den Schreck — verschweigen sie. Wenn sie schreiben, wenn sie erzählen, so geben sie sich überhaupt keine Mühe, die Erlebnisse nach der Natur zu schildern, sondern sie befleißigen sich, einst gelesene Schilderungen schablonenhaft nachzubilden und diejenigen Empfindungen hervorzukehren, welche als heldenhaft gelten. Wenn sie mitunter auch von Vernichtungsscenen berichten, welche den ärgsten Schmerz und den ärgsten Schreck in sich bergen in ihrem Tone darf von Beiden nichts enthalten sein. Im Gegenteil: je schauerlicher, desto gleichgültiger — je abscheulicher, desto unbefangener. Mißbilligung, Entrüstung, Empörung? Davon schon gar nichts — da noch eher ein leiser Anhauch sentimentalen Mitleids, ein paar gerührte Seufzer. — Aber schnell wieder den Kopf in die Höhe, „das Herz zu Gott und die Faust auf den Feind“. Hurrah und Trara!

„Da siehst Du nun zwei Bilder, die sich mir eingeprägt:

Steile, felsige Anhöhen — katzenbehend hinaufkletternde Jäger; es gilt, die Anhöhe zu „nehmen“; — von oben schießt der Feind herab. Was ich sehe, sind die Gestalten der emporstrebenden Angreifer und Einige darunter, die, von feindlichen Geschossen getroffen, plötzlich beide Arme ausstrecken, das Gewehr fallen lassen und, mit dem Kopf nach rückwärts sich überschlagend, die Anhöhe hinabstürzen — stufenweise — von Felsvorsprung zu Felsvorsprung — sich die Glieder zerschmetternd. — — —

Ich sehe einen Reiter in einiger Entfernung schief hinter mir, neben welchem eine Granate platzt. Sein Pferd wirft sich zur Seite und drängt sich an das Hinterteil des meinen — dann schießt es an mir vorbei. Der Mann sitzt noch im Sattel, aber ein Granatsplitter hat ihm den Unterleib auf- und alle Eingeweide herausgerissen. Sein Oberkörper hält mit dem Unterkörper nur noch durch das Rückgrat zusammen — von den Rippen zu den Schenkeln ein einziges großes, blutiges Loch … Eine kleine Strecke weiter fällt er herab, bleibt mit dem Fuß im Bügel hängen und das fortrasende Pferd schleift ihn auf dem steinigen Boden nach.“ — — —


„Auf einem regendurchschwemmten und steilen Stück Weg staut sich eine Abteilung Artillerie. Bis über die Räder versinken die Geschütze in den Schlamm. Nur mit äußerster Anstrengung, schweißtriefend und von den erbarmungslosesten Schlägen angefeuert, kommen die Pferde von der Stelle. Aber eins, schon todmüde, kann nicht mehr. Das Hauen hilft nichts: es wollte ja — es kann nicht, es kann nicht. Sieht denn das der Mann nicht ein, dessen Hiebe auf den Kopf des armen Tieres hageln? Wäre der rohe Wicht der Fuhrmann eines zu irgendwelchem Bau dienenden Steinwagens gewesen, jeder Polizist — ich selber — hätte ihn arretiert. Dieser Kanonier jedoch, der das todbeladene Fuhrwerk vorwärts bringen sollte, der waltete nur seines Amtes. Das konnte aber das Pferd nicht wissen; das geplagte, gutmütige, edle Geschöpf, das sich bis zu seiner äußersten Lebenskraft angestrengt — wie mußte das über solche Härte und über solchen Unverstand in seinem Inneren denken? Denken, so wie Tiere denken, nämlich nicht mit Worten und Begriffen, sondern mit Empfindungen, desto heftigere Empfindungen, als sie äußerungsunfähig sind. Nur eine Äußerung gibt es dafür: den Schmerzensschrei. Und es hat geschrien, jenes arme Roß, als es endlich zusammensank — einen Schrei, so langgedehnt und klagend, daß er mir noch im Ohre gellt — daß er mich die folgende Nacht im Traume verfolgt hat. Ein abscheulicher Traum übrigens … Mir war, als sei ich — — wie soll ich das nur erzählen? — Träume sind so sinnlos, daß die dem Sinn angepaßte Sprache sich schwer zu ihrer Wiedergabe eignet — als sei ich das Kummerbewußtsein eines solchen Artilleriepferdes — nein! nicht eines, sondern von 100000 — denn rasch hatte ich im Traum die Summe der in einem Feldzug zu grunde gehenden Pferde berechnet — und da steigerte sich dieser Kummer sofort ins hunderttausendfache … Die Menschen, die wissen doch, warum ihr Leben der Gefahr ausgesetzt ist, sie kennen das Wohin? das Wozu? — und wir Unglücklichen wissen nichts, um uns ist alles Nacht und Grauen. Die Menschen gehen doch mit Freunden gegen einen Feind, wir aber sind rings von Feinden umgeben … unsere eigenen Herren, die wir so treu lieben wollten, denen zu dienen wir unsere letzte Kraft aufbieten, die hauen auf uns nieder — die lassen uns hilflos liegen … Und was wir nebstbei leiden müssen: Furcht, daß uns der Angstschweiß vom ganzen Körper rinnt; — Durst — denn auch wir haben Fieber — o dieser Durst, dieser Durst von uns armen, blutenden, mißhandelten hunderttausend Pferden! … Hier erwachte ich und griff nach der Wasserflasche: — ich hatte selber brennenden Fieberdurst.“


„Wieder einen Straßenkampf — in dem Städtchen Saar. Zu dem Lärm des Kampfgeschreies und der Geschütze gesellt sich das Krachen der Balken, das Stürzen der Mauern. Es schlägt eine Granate in ein Haus und der durch das Platzen derselben verursachte Luftdruck ist so gewaltig, daß mehrere Soldaten von den in die Luft geschleuderten Trümmern des Hauses verwundet werden. Über meinen Kopf weg fliegt ein Fenster — noch mit dem Fensterflügel dran. Die Schornsteine stürzen herunter. Gypsbewurf löst sich in Staub und füllt die Luft mit einer erstickenden, augenätzenden Wolke. Aus einer Gasse in die andere (wie die Hufe auf dem spitzen Pflaster klappern!) wälzt sich der Kampf und langt auf dem Marktplatz an. In der Mitte des Platzes steht eine hohe, steinerne Mariensäule. Die Mutter Gottes hält ihr Kind in einem Arm, den anderen streckt sie segnend aus. Hier wird weiter gerungen. Mann an Mann. Sie hauen auf mich drein — ich haue um mich herum … Ob ich Einen oder Mehrere getroffen, ich weiß es nicht: in solchen Augenblicken bleibt einem nicht viel Besinnung. Dennoch haben sich mir wieder zwei Fälle in die Seele photographiert, und ich fürchte, der Marktplatz von Saar wird mir ewig unvergeßlich bleiben:

Ein preußischer Dragoner, stark wie Goliath, reißt einen unserer Offiziere (einen schmucken, schmächtigen Lieutenant — wie viel Mädchen schwärmten wohl für ihn?) aus dem Sattel und zerschmettert ihm den Schädel am Fuß der Madonnensäule. Die milde Heilige schaut unbeweglich zu. Ein Anderer von den feindlichen Dragonern, ebenso goliathstark, knapp vor mir, faßt meinen Nebenmann an und biegt ihn so kräftig im Sattel nach rückwärts, daß ihm — ich habe es krachen gehört — das Rückgrat bricht …

Auch dazu gab die Madonna ihren steinernen Segen.“