Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

44. Drittes Buch. 1864.
18. Abschnitt

Jetzt folgte eine Zeit der schwankenden Hoffnungen und Befürchtungen. Heute hieß es „der Friede gesichert“, morgen — „der Krieg unvermeidlich“. Die meisten Leute waren letzterer Ansicht. Nicht so sehr, weil die Verhältnisse auf die Notwendigkeit eines blutigen Austrages wiesen, als deshalb, weil, wenn das Wort „Krieg“ einmal gefallen, wohl noch sehr lange hin und her debattiert werden kann, aber erfahrungsgemäß das Ende jedesmal Krieg ist. Das kleine, unscheinbare Ei, welches den „Casus belli“ enthält, wird da so lange ausgebrütet, bis das Ungetüm hervorkriecht.

Täglich zeichnete ich in die roten Hefte die Phasen des schwebenden Streites auf und so wußte ich damals, und weiß noch heute, wie der verhängnisvolle „66er Krieg“ sich vorbereitet hat und wie er ausgebrochen ist. Ohne diese Eintragungen wäre ich wohl über das betreffende Stück Geschichte in derselben Unkenntnis, in welcher die meisten, inmitten der Geschichtsabspielung lebenden Menschen sich befinden. Gewöhnlich weiß die große Mehrzahl der Bevölkerung nicht, warum und wie ein Krieg entsteht — man sieht ihn nur eine Zeit lang kommen — dann ist er da. Und wenn er da ist, so frägt man schon gar nicht mehr nach den kleinen Interessen und Meinungsverschiedenheiten, die ihn herbeigeführt, sondern ist nur noch mit den gewaltigen Ereignissen beschäftigt, die sein Fortgang mit sich bringt. Und ist er einmal vorüber, so erinnert man sich höchstens der dabei persönlich erlebten Schrecken und Verluste — beziehungsweise Gewinne und Triumphe — aber an die politischen Entstehungsgründe wird nicht mehr gedacht. In den verschiedenen Geschichtswerken, welche nach jedem Feldzuge unter Titeln wie „Der Krieg vom Jahre — historisch und strategisch dargestellt —“ und dergleichen erscheinen, werden alle vergangenen Streitmotive und alle taktischen Bewegungen des betreffenden Feldzuges aufgezählt, und wer dafür Interesse hat, kann in der einschlägigen Litteratur sich Aufschluß holen; — aber im Gedächtnis des Volkes lebt diese Geschichte gewiß nicht fort. Auch von den Gefühlen des Hasses und der Begeisterung, der Erbitterung und Siegeshoffnung, mit welchen die ganze Bevölkerung den Anfang des Krieges begrüßt — Gefühle, welche sich in dem Schlagwort äußern: „dieser Krieg ist sehr populär“, auch davon ist nach ein paar Jahren alles verwischt.

Am 24. März erläßt Preußen ein Rundschreiben, worin es sich über die bedrohlichen österreichischen Rüstungen beklagt. — Warum rüsten wir denn nicht ab, wenn wir nicht bedrohen wollen? — Wie sollen wir? Es wird ja am 28. März preußischerseits verfügt, daß die Festungen in Schlesien und zwei Armeekorps in Bereitschaft gesetzt werden sollen …

31. März. Gott sei Dank! Österreich erklärt, daß sämtliche umlaufende Gerüchte über geheimes Rüsten falsch seien; es falle ihm gar nicht ein, Preußen anzugreifen. Er stellt daher die Forderung, daß Preußen seine Kriegsbereitschafts-Maßnahmen einstelle.

Preußen erwidert: Es denke gar nicht im entferntesten daran, Österreich anzugreifen, aber durch des letzteren Rüstungen ist es gezwungen, sich auf Angriff gefaßt zu machen.

So wird der zweistimmige Wechselgesang unausgesetzt fortgeführt:

Meine Rüstung ist die defensive,
Deine Rüstung ist die offensive,
Ich muß rüsten, weil du rüstest,
Weil du rüstest, rüste ich,
Also rüsten wir,
Rüsten wir nur immer zu.

Die Zeitungen geben die Orchesterbegleitung zu diesem Duo ab. Die Leitartikler schwelgen in sogenannter Konjekturalpolitik. Es wird geschürt, gehetzt, geprahlt, verleumdet. Geschichtswerke über den siebenjährigen Krieg werden veröffentlicht, mit der ausgesprochenen Tendenz, die einstige Feindschaft aufzufrischen.

Indessen, der Notenwechsel dauert fort. Unterm 7. April leugnet Österreich nochmals offiziell seine Rüstungen, spielt aber auf eine mündliche Äußerung an, welche Bismarck gegen Károlyi gemacht hätte, „daß man sich über den Gasteiner Vertrag leicht hinwegsetzen werde.“ — Also davon sollen die Völkerschicksale abhängen, was zwei Herren Diplomaten in mehr oder minder guter Laune über Verträge sprechen? Und was sind das überhaupt für Verträge, deren Einhalten von dem guten Willen der Kontrahenten abhängig bleibt und durch keine höhere schiedsrichterliche Gewalt gesichert wird?

Auf diese Note antwortet Preußen unterm 15. April, daß die Anschuldigung unwahr sei; es müsse aber dabei beharren, daß Österreich wirklich an den Grenzen gerüstet habe; dadurch sei die eigene Gegenrüstung gerechtfertigt. Ist es Österreich mit dem Nichtangreifen Ernst, so solle es zuerst abrüsten.

Hierauf das wiener Kabinett: Wir wollen am 23. dss. abrüsten, wenn Preußen verspricht, am folgenden Tage dasselbe zu thun.

Preußen erklärt sich bereit.

Welch ein Aufatmen! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede erhalten bleiben! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte.

Aber zu früh. Neue Verwickelungen stellen sich ein. Österreich erklärt, es könne nur im Norden, nicht aber zugleich im Süden abrüsten, denn dort sei es von Italien bedroht.

Darauf Preußen: Wenn Österreich nicht ganz abrüstet, so wollen wir auch gerüstet bleiben.

Jetzt läßt sich Italien vernehmen: Es wäre ihm nicht im entferntesten eingefallen, Österreich anzugreifen, aber nach dessen letzter Erklärung werde es allerdings Gegenrüstungen machen.

Und so wird das hübsche Defensivlied nunmehr dreistimmig gesungen.

Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermaßen in Ruhe lullen. Nach solchen lauten und wiederholten Versicherungen kann doch keiner angreifen, und ohne daß einer angreife, gibt es keinen Krieg. Das Prinzip, daß nur noch Verteidigungskriege gerecht seien, hat sich schon so sehr des öffentlichen Bewußtseins bemächtigt, daß doch keine Regierung mehr einen Einfall in das Nachbarland unternehmen darf; und wenn sich nur lauter Verteidiger gegenüberstehen, so können dieselben, so drohend sie auch bewaffnet, so fest sie auch entschlossen seien, sich bis aufs Messer zu wehren — doch thatsächlich den Frieden nicht brechen.

Welche Täuschung! Neben „Offensive“ gibt es ja noch verschiedene andere Arten, Feindseligkeiten zu eröffnen. Da sind die irgend ein drittes Ländchen betreffenden Forderungen und Einmengungen, die als ungerecht abgewehrt werden können; da sind die alten Verträge, die man für verletzt erklärt, und für deren Aufrechterhaltung zu den Waffen gegriffen werden muß; da ist endlich das „europäische Gleichgewicht“, welches durch die Machterweiterung des einen oder des anderen Staates gefährdet werden könnte und daher gegen solche Machterweiterung energisches Einschreiten erheischt. Uneingestandenermaßen, aber am heftigsten zum Kampfe treibend, wirkt der lang geschürte Haß, welcher schließlich ebenso sehnsüchtig und naturgewaltig nach todbringendem Handgemenge drängt, wie lang genährte Liebe nach lebenschöpfender Umarmung.

Von nun an überstürzen sich die Ereignisse, Österreich tritt so entschieden für den Augustenburger ein, daß Preußen dies für einen Bruch des Gasteiner Vertrags erklärt und darin eine deutliche feindliche Absicht erkennt, was zur Folge hat, daß beiderseits aufs äußerste gerüstet wird und nun auch Sachsen damit beginnt. Die Aufregung ist eine allgemeine und wird täglich heftiger. „Krieg in Sicht, Krieg in Sicht!“ verkünden alle Blätter und alle Gespräche. Mir ist zu Mute, als wäre ich auf dem Meere und der Sturm im Anzug …

Der gehaßteste und geschmähteste Mann in Europa heißt jetzt Bismarck. Am 7. Mai wird auf denselben ein Mordversuch gemacht. Hat Blind, der Thäter, jenen Sturm dadurch abwenden wollen? Und hätte er ihn abgewendet?

Ich erhalte aus Preußen Briefe von Tante Kornelie, aus welchen hervorgeht, daß dort zu Lande der Krieg nichts weniger als gewünscht wird. Während bei uns allgemeine Begeisterung für die Idee eines Krieges mit Preußen herrscht, und mit Stolz auf unsere „Million auserlesener Soldaten“ geblickt wird, herrscht drüben innere Zerfahrenheit. Bismarck wird im eigenen Lande nicht viel weniger geschmäht und verleumdet, als bei uns; das Gerücht geht, daß die Landwehr sich weigern werde, in den „Bruderkrieg“ zu ziehen, und man erzählt, daß die Königin Augusta sich ihrem Gemahl zu Füßen geworfen, um für den Frieden zu flehen. O, wie gern hätte ich an ihrer Seite gekniet und alle meine Schwestern — alle — zu gleicher That hinreißen wollen. Das, das allein sollte aller Frauen Bestreben sein: „Friede, Friede — die Waffen nieder!“ Hätte doch unsere schöne Kaiserin sich auch zu Füßen ihres Gemahls geworfen und weinend, mit erhobenen Händen, um Entwaffnung gefleht! Wer weiß? Vielleicht hat sie es gethan — vielleicht hätte der Kaiser selber auch gewünscht, den Frieden zu erhalten, aber der Druck, der von den Räten, von den Sprechern, Schreiern und Schreibern kommt, dem kann ein einzelner Mensch, — selbst auf dem Thron nicht widerstehen.