Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

34. Drittes Buch. 1864.
8. Abschnitt

Ich genas nicht so schnell, als man anfangs gehofft. Die fortdauernde Nachrichtslosigkeit versetzte mich in solche bange Aufregung, daß ich aus dem fieberhaften Zustand eigentlich gar nicht herauskam. Die Nächte waren mit schauerlichen Phantasien gefüllt und die Tage vergingen in harrender Sehnsucht oder trübem Hinbrüten; dabei war es schwer, wieder zu Kräften zu gelangen.

Einmal, nach einer Nacht, da ich besonders schauderhafte Gesichte gehabt — Friedrich — lebend unter einem Haufen von Menschen und Pferdeleichen verschüttet — stellte sich sogar ein Rückfall ein, der mein Leben neuerdings in Gefahr brachte. Die arme Tante Marie hatte ein schweres Amt. Sie hielt es für ihre Pflicht, mir unablässig Trost und Ergebung zuzusprechen und ihre Gründe — namentlich die immer wiederkehrende „Bestimmung“ hatten die Wirkung, mich aufs höchste aufzubringen; und statt sie ruhig predigen zu lassen, ließ ich mich zu leidenschaftlichem Widersprechen, zu auflehnenden Klagen gegen das Geschick, zu unumwundenem Versichern hinreißen, daß mir ihre „Bestimmung“ als ein Unsinn erschiene. Das Alles klang natürlich lästerlich, und die gute Tante fühlte sich nicht allein persönlich verletzt, sondern zitterte auch für meine rebellische, jetzt vielleicht so bald vor den ewigen Richterstuhl gerufene Seele …

Nur ein Mittel gab es, mich für einige Momente zu beruhigen. Das war, wenn man mir den kleinen Rudolf ins Zimmer brachte. „Du mein geliebtes Kind — Du mein Trost, meine Stütze, meine Zukunft!“ … so rief ich den Kleinen in meinem Innern an, wenn ich ihn erblickte. Er blieb aber nicht gern in dem traurigen, verhängten Krankenzimmer. Es war ihm wohl unheimlich, seine sonst so lustige Mama jetzt unaufhörlich im Bette liegen zu sehen, verweint und blaß. Er wurde selber ganz niedergeschlagen, und so behielt ich ihn immer nur für kurze Augenblicke bei mir.

Von meinem Vater kamen häufig Anfragen und Nachrichten. Er hatte an Friedrichs Obersten und noch an mehrere Andere geschrieben, doch „noch keine Antwort erhalten“. Wenn eine Verlustliste eintraf, schickte er eine Depesche an mich:

„Friedrich nicht dabei.“

„Ob ihr mich nicht vielleicht betrügt?“ fragte ich einmal die Tante. „Ob nicht schon längst die Todesnachricht da ist — und ihr sie mir verhehlet?“

„Ich schwöre Dir …“

„Bei Deinem Glauben? bei Deiner Seele?“ …

„Bei meiner Seele.“

Solche Versicherung that mir unsäglich wohl, denn mit aller Macht klammerte ich mich an meine Hoffnung … Stündlich erwartete ich das Eintreffen eines Briefes, einer Depesche. Bei jedem Lärm im Nebenzimmer stellte ich mir vor, daß es der Bote sei; fast beständig waren meine Blicke zur Thür gerichtet, mit der beharrlichen Vorstellung, daß einer da eintreten müsse, die beglückende Botschaft in der Hand … Wenn ich auf jene Tage zurückschaue, so liegen sie wie ein langes, qualgefülltes Jahr in meiner Erinnerung. Der nächste Lichtblick war mir die Nachricht, daß abermals ein Waffenstillstand geschlossen worden sei — das bedeutete diesmal wohl den Frieden. An dem Tage nach dem Eintreffen dieser Neuigkeit stand ich zum erstenmale ein wenig auf. Der Friede! Welch ein süßer, wohliger Gedanke … Vielleicht zu spät für mich! … Gleichviel: ich fühlte mich doch unsäglich beruhigt: wenigstens brauchte ich mir nicht mehr täglich, stündlich den tosenden Kampf vorzustellen, von welchem Friedrich vielleicht gerade umgeben war …

„Gott sei Dank, jetzt wirst Du bald gesund werden,“ sagte die Tante eines Tages, nachdem sie mir geholfen, mich auf einen Ruhesessel niederzulassen, den man mir zum offenen Fenster geschoben hatte. „Und da können wir nach Grumitz …“

„Sobald ich die Kraft habe, reise ich nach — Alsen!“

„Nach Alsen? Aber Kind, was fällt Dir ein?“

„Ich will dort die Stelle finden, wo Friedrich entweder verwundet oder —“ ich konnte nicht weitersprechen.

„Soll ich den kleinen Rudolf holen?“ fragte die Tante nach einer Weile. Sie wußte, daß dies das beste Mittel sei, um meine trüben Gedanken für eine Zeit zu verscheuchen.

„Nein, jetzt nicht — ich möchte ganz ruhig und allein bleiben … Auch Du thätest mir einen Gefallen, Tante, wenn Du in das Nebenzimmer gingest … vielleicht werde ich ein wenig schlafen. Ich fühle mich so matt …“

„Gut, mein Kind, ich will Dich in Ruhe lassen … Hier auf dem Tischchen neben Dir steht eine Glocke. Wenn Du etwas brauchst, wird gleich Jemand zur Hand sein.“

„War der Briefträger schon da?“

„Nein — es ist noch nicht Postzeit.“

„Wenn er kommt, so wecke mich.“

Ich lehnte mich zurück und schloß die Augen. Leisen Schrittes ging die Tante hinaus. Dieses unhörbare Auftreten hatten sich in letzter Zeit alle Hausgenossen angewöhnt.

Nicht schlafen wollte ich, sondern nur mit meinen Gedanken allein bleiben … Ich befand mich in demselben Zimmer, auf demselben Ruhesessel wie an jenem Vormittage, wo Friedrich gekommen war, mir mitzuteilen: „Wir haben Marschbefehl“. Es war auch eben so schwül, wie an jenem Tage, und wieder dufteten Rosen in einer Vase neben mir, wieder tönten von der Kaserne Trompetenübungen her. Ich konnte mich ganz in die Stimmung von damals zurückversetzen … Ich wollte, ich hätte wieder so einschlummern können und träumen, wie ich damals zu träumen wähnte: daß die Thür leise aufging und der geliebte Mann hereintrat … Die Rosen dufteten immer schwerer und durch das offene Fenster hallten die fernen Tra — ra — — — allmählich schwand mir das Bewußtsein der Gegenwart, immer mehr und mehr fühlte ich mich in jene Stunde zurückversetzt — vergessen war alles, was seither vorgefallen, nur die eine fixe Idee ward immer intensiver, daß jetzt und jetzt die Thür sich öffnen müsse, um dem Teuren Einlaß zu gewähren. Zu diesem Zwecke mußte ich aber träumen, daß ich die Augen halb offen hielt. Es war mir eine Anstrengung dies zu erzwingen, aber es gelang — linienbreit hob ich die Lider und — —

… Und da war es, das ersehnte, das beglückende Bild: Friedrich, mein geliebter Friedrich auf der Schwelle … Laut aufschluchzend und das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, fuhr ich aus meinem traumhaften Zustand auf. Mit einem Schlag war es mir klar geworden, daß dies nur eine Hallucination gewesen, und das himmelshelle Glückslicht, welches von diesem Wahnbild ausgeflossen, ließ mir die höllenfinstere Nacht meines Unglücks nun desto schwärzer erscheinen.

„O mein Friedrich — mein Verlorener!“ stöhnte ich.

„Martha, Weib —!“

Was war das? Eine wirkliche Stimme — die seine — und wirkliche Arme, die mich stürmisch umfingen … Es war kein Traum: ich lag an meines Mannes Herzen.