Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

24. Zweites Buch. Friedenszeit.
14. Abschnitt

Im September desselben Jahres fand unsere Trauung statt.

Mein Bräutigam hatte sich für die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen Urlaub erwirkt. Unsere erste Etappe war Berlin. Ich hatte den Wunsch geäußert, einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise mit diesem Pilgergang zu eröffnen.

In der preußischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf. Friedrich machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt, und alle erschienen mir als die liebenswürdigsten Leute von der Welt. Freilich — wenn man eben die rosafarbenen Brillen trägt, durch die man während der Honigwochen die Außenwelt zu betrachten pflegt, da findet man alles lieb und schön. Zudem wird neuvermählten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit begegnet: alles hält sich für verpflichtet, auf ihre ohnedies so blühenden Pfade immer neue Rosen zu streuen.

Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel, war die Sprache. Nicht nur, weil dieselbe den Accent meines Mannes aufwies — eine seiner Eigentümlichkeiten, in welche ich mich zuerst verliebt hatte — sondern weil sie mir, im Vergleich zu der in Österreich üblichen Redeweise, ein höheres Bildungsniveau zu bekunden schien; oder vielmehr, nicht nur schien, sondern in der That bekundete. Grammatikalische Verstöße, wie solche die Umgangssprache der besseren wiener Kreise verunstalten, kommen in der guten berliner Gesellschaft nicht vor. Die preußische Verwechselung des Dativ und Accusativ: „Gieb mich einen Federhut“ bleibt auf die unteren Klassen beschränkt, während die in Wien üblichen Kasus-Fehler: „Ohne Dir“ — „Mit die Kinder“ häufig genug in den ersten Salons gehört werden. „Gemütlich mögen wir immerhin unsere Sprache nennen und sie von den Ausländern auch so befunden werden lassen — eine Inferiorität stellt sie jedenfalls vor. Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe mißt — und welchen richtigeren Maßstab gäb’ es wohl, als diesen? — so ist der Norddeutsche um ein Stückchen mehr Mensch, als der Süddeutsche — ein Ausspruch, der im Munde eines Preußen sehr „arrogant“ klänge, und aus der Feder einer Österreicherin sehr „unpatriotisch“ erscheinen mag; — aber wie selten gibt es eine ausgesprochene Wahrheit, die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte …

Unser erster Besuch in Berlin — nachdem wir auf dem Friedhofe gewesen — galt der Schwester der Verstorbenen. Aus der Liebenswürdigkeit und geistigen Bedeutung dieser Frau konnte ich schließen, wie liebenswürdig und bedeutend Friedrichs Mutter gewesen sein mußte, wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich. Diese war die Witwe eines preußischen Generals und besaß einen einzigen Sohn, welcher damals eben Lieutenant geworden war.

Einem schöneren Jüngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem ganzen Leben nicht begegnet. Rührend anzusehen war es, wie Mutter und Sohn an einander hingen; auch darin schien Frau Kornelie Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Schwester gehabt zu haben. Wenn ich den Stolz sah, den sie augenscheinlich in Gottfried setzte und die Zärtlichkeit, womit er seine Mutter behandelte, so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit, wo mein Sohn Rudolf erwachsen sein würde. Nur eines konnte ich nicht begreifen, und ich äußerte dies auch zu meinem Manne:

„Wie kann eine Mutter ihr einziges Kind, ihr Kleinod, einen so gefährlichen Beruf ergreifen lassen, wie den militärischen?“

„Es gibt einfach Gedanken, liebes Herz,“ antwortete mir Friedrich, „die niemand denkt, naheliegende Erwägungen, die niemand anstellt. Ein solcher Gedanke ist die Gefährlichkeit des Soldatenberufes. Den läßt man nicht aufkommen: es liegt — so meint man — eine Art Unanständigkeit und Feigheit darin, diese Erwägung vorzustellen. Es wird als so selbstverständlich und unvermeidlich angenommen, daß diese Gefahr bestanden werden müsse und eigentlich fast immer glücklich bestanden werde (die Prozente der Gefallenen verteilen sich auf die anderen), daß man an die Todeschance gar nicht denkt. Sie ist zwar da — aber das ist sie ja für jeden Geborenen, und keiner denkt an den Tod. In dem Verjagen lästiger Begriffe vermag der Geist Großes zu leisten. Und schließlich: was kann ein preußischer Edelmann wohl für eine angenehmere und angesehenere Stellung haben als die eines preußischen Kavallerieoffiziers?“

Tante Kornelia schien auch an mir Gefallen zu finden.

„Ach,“ seufzte sie einmal —, „daß meine arme Schwester die Freude nicht erleben sollte, solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so glücklich zu sehen, wie er es jetzt an Deiner Seite ist. Es war immer ihr sehnlichster Wunsch, ihn verheiratet zu sehen. Aber er stellte so hohe Anforderungen an die Ehe —“

„Es scheint nicht, Tantchen, da er mit mir vorlieb genommen …“

‚A trap for a compliment‘ nennen das die Engländer. — Ich wollte, mein Gottfried könnte auch einst solchen Treffer machen. Ich bin jetzt schon ungeduldig, Großmutterfreuden zu erleben. Doch da werde ich wohl noch lange warten können: mein Sohn ist erst einundzwanzig Jahre alt.“

„Er mag viele Mädchenköpfe verdrehen,“ sagte ich, „viele Herzen brechen —“

„Das sieht ihm nicht gleich: einen braveren rechtschaffeneren Jungen giebt’s nicht. Er wird einmal eine Frau sehr glücklich machen —“

„So wie Friedrich die seine —“

„Noch kannst Du das nicht wissen, liebes Herz; darüber müssen wir nach zehn Jahren wieder reden. In den ersten Wochen sind fast alle Ehen glücklich. Damit will ich jedoch keinen Zweifel an meinem Neffen, noch an Dir ausgedrückt haben — ich glaube selber, daß Euer Glück ein dauerhaftes sein wird.“

Von Berlin aus begaben wir uns nach den deutschen Bädern. Meine kurze Reise nach Italien mit Arno — von der ich übrigens nur eine ganz traumhafte Erinnerung hatte — abgerechnet, war ich von Hause nie weggekommen. Dieses Kennenlernen neuer Orte, neuer Menschen und neuen Lebens versetzte mich in gehobenste Stimmung. Die Welt schien mir plötzlich so schön und noch einmal so interessant geworden. Wäre mein kleiner Rudolf nicht gewesen, den ich zurückgelassen hatte, ich würde Friedrich vorgeschlagen haben: „Laß uns Jahrelang so herumreisen, wie jetzt. Besuchen wir ganz Europa und hernach die übrigen Weltteile; genießen wir diese Wanderexistenz, dieses ungebundene Umherstreifen; sammeln wir die Reichtümer neuer Eindrücke und Erfahrungen! Überall, wohin wir kommen — und seien uns Land und Leute noch so fremd — bringen wir ja durch unser Beisammensein ein genügendes Stück Heimstätte mit.“ Was hätte mir Friedrich auf solchen Vorschlag geantwortet? Wahrscheinlich, daß man es sich nicht zum Beruf machen kann, bis an sein Lebensende „hochzeitzureisen,“ daß sein Urlaub nur zwei Monate dauert und dergleichen vernünftige Sachen mehr.

Wir besuchten Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden. Überall dasselbe fröhliche, elegante Treiben — überall so viele interessante Menschen aus aller Herren Ländern. Im Umgang mit diesen Fremden wurde ich erst gewahr, daß Friedrich die französische und englische Sprache vollkommen beherrschte; dies ließ ihn in meiner Bewunderung noch um einen Grad steigen. Immer wieder entdeckte ich neue Eigenschaften an ihm: Sanftmut, Heiterkeit, lebhafteste Empfänglichkeit für alles Schöne. Eine Rheinfahrt setzte ihn in Entzücken, und im Theater oder Konzertsaal, wenn die Künstler Hervorragendes leisteten, leuchtete ihm der Genuß aus den Augen. Dadurch erschien mir der Rhein mit seinen Burgen doppelt romantisch, darum bewunderte ich die Vorträge berühmter Virtuosen doppelt.

Diese zwei Monate vergingen leider viel zu schnell. Friedrich kam um Verlängerung seines Urlaubs ein, wurde aber abschlägig beschieden. Das war mir seit unserer Verheiratung der erste Moment des Ärgers, als dieses offizielle Papier anlangte, welches im trockenen Stile unsere Heimkehr befahl.

„Und das nennen die Menschen Freiheit!“ rief ich, das beleidigende Dokument auf den Tisch schleudernd.

Tilling lächelte. „O, ich bilde mir nicht im mindesten ein, frei zu sein, meine Herrin,“ erwiderte er.

„Wenn ich Deine Herrin wäre, könnte ich Dir befehlen, dem Militärdienst Valet zu sagen und nur noch meinem Dienste zu leben.“

„Über diese Frage waren wir ja einig geworden —“

„Freilich: ich habe mich fügen müssen, doch das beweist, daß Du nicht mein Sklave bist — und das ist mir im Grund recht, mein lieber, stolzer Mann!“