Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte

22. Zweites Buch. Friedenszeit.
12. Abschnitt

Am folgenden Morgen erwachte ich mit einem Gefühle, das dem glich, womit ich jedesmal als Kind am Weihnachtstage und einmal als Braut an meinem Vermählungsmorgen erwachte: dieselbe unaussprechliche Erwartung, dasselbe erregte Bewußtsein, daß heute Frohes, Großes bevorstünde. Einige Mißstimmung brachte mir zwar die Erinnerung an die Worte, welche Tags vorher mein Vater gesprochen — aber diesen Gedanken hatte ich schnell wieder verscheucht.

Es war noch nicht neun Uhr, als ich am Eingang der Praterallee den Wagen verließ und mein mit dem Reitknecht vorausgeschicktes Pferd bestieg. Das Wetter war frühlingsduftend und mild — zwar sonnenlos, darum aber nur desto milder, und Sonnenschein trug ich ohnehin im Herzen. Es hatte in der Nacht geregnet; die Blätter prangten in frischem Grün und aus dem Boden drang feuchter Erdgeruch herauf.

Ich war kaum hundert Schritte die Allee hinabgeritten, als ich hinter mir den Hufschlag eines in scharfem Trabe heransprengenden Pferdes vernahm.

„Ah, grüß Gott, Martha — das freut mich, Dich hier zu treffen.“

Es war Konrad, der Unvermeidliche. Mich freute diese Begegnung gar nicht. Nun freilich, der Prater war nicht mein Privatpark und an so schönen Frühlingsmorgen ist die Reit-Allee stets gefüllt: wie konnte ich nur so ungeschickt sein, hier auf ein ungestörtes Stelldichein zu rechnen? Althaus hatte sein Pferd die Gangart des meinen annehmen lassen und schickte sich offenbar an, der treue Begleiter meines Spazierrittes zu sein. Jetzt erblickte ich von weitem Friedrich von Tilling, der in unserer Richtung die Allee herabgaloppierte.

„Vetter — nicht wahr, ich bin Dir eine gute Verbündete? Du weißt, daß ich mir Mühe gebe, Lilli für Dich zu stimmen?“

„Ja, edelste der Cousinen.“

„Erst gestern abends habe ich ihr wieder Deine guten Eigenschaften gepriesen … denn Du bist wirklich ein prächtiger Junge: gefällig, rücksichtsvoll —“

„Was willst Du nur von mir?“

„Daß Du Deinem Tiere einen Gertenhieb giebst und weiter trabst …“

Schon war Tilling ganz nahe. Zuerst schaute Konrad ihn, dann mich an, und ohne ein Wort zu sagen, nickte er mir lächelnd zu und stürmte davon, als wäre er auf der Flucht.

„Wieder dieser Althaus!“ waren Tillings erste Worte, nachdem er Kehrt gemacht, um an meiner Seite weiterzureiten. In seinem Tone und seinen Mienen drückte sich deutlich Eifersucht aus. Das freute mich. „Ist er bei meinem Anblicke so ausgerissen, oder geht sein Pferd durch?“

„Ich habe ihn weggeschickt, weil —“

„Gräfin Martha — daß ich Sie gerade mit Althaus treffen mußte! Wissen Sie, daß die Welt behauptet, er sei in seine Cousine verliebt?“

„Das ist wahr.“

„Und werbe um ihre Gunst?“

„Das ist auch wahr.“

„Und nicht hoffnungslos?“

„Nicht ganz hoffnungslos —“

Tilling schwieg. Ich schaute ihm glücklich lächelnd ins Gesicht.

„Ihr Blick widerspricht Ihren letzten Worten,“ sagte er nach einer Pause; „denn Ihr Blick scheint mir zu sagen: Althaus liebt mich hoffnungslos.“

„Er liebt mich überhaupt nicht. Der Gegenstand seiner Werbung ist meine Schwester Lilli.“

„Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen. Dieser Mensch war mit ein Grund, warum ich Wien verlassen wollte. Ich hätte es nicht ertragen können, sehen zu müssen —“

„Und was hatten Sie noch für andere Gründe?“ unterbrach ich.

„Die Angst, daß meine Leidenschaft zunehme, daß ich sie nicht länger würde verhehlen können — daß ich mich lächerlich machte und unglücklich zugleich —“

„Sind Sie unglücklich heute?“

„O Martha!“ … Ich lebe seit gestern in einem solchen Taumel der Gefühle, daß ich fast bewußtlos bin. Aber nicht ohne Angst — wie wenn man gar zu süß träumt — daß ich plötzlich wieder zu einer schmerzlichen Wirklichkeit erweckt werde. Im Grunde ist ja meine Liebe doch aussichtslos … Was kann ich Ihnen bieten? Heute lächelt mir Ihre Huld und erhebt mich in den siebenten Himmel … Morgen — oder etwas später — werden Sie mir die unverdiente Huld wieder entziehen und mich in einen Abgrund der Verzweiflung stürzen … Ich kenne mich selbst nicht mehr: wie hyperbolisch ich da rede — der ich sonst ein ruhiger, besonnener Mensch, ein Feind aller Übertreibungen bin … Aber Ihnen gegenüber kommt mir nichts mehr übertrieben vor: in Ihrer Macht liegt es, mich selig und elend zu machen“ …

„Sprechen wir auch von meinen Zweifeln: die Prinzessin —“

„O, ist dieser Klatsch Ihnen auch zu Ohren gekommen? Nichts — nichts ist daran.“

„Natürlich, Sie leugnen. Das ist Ihre Pflicht —“

„Die betreffende Dame, deren Herz jetzt bekanntermaßen in der Burg gefesselt ist — auf wie lang? denn dieses Herz verschenkt sich häufig — die Dame würde auch den diskretesten Menschen nicht zu Grabesverschwiegenheit verpflichten — also können Sie mir doppelt glauben. Und übrigens: hätte ich Wien verlassen wollen, wenn jenes Gerücht begründet wäre?“

„Eifersucht kennt keine Vernunftschlüsse: hätte ich Sie hierher bestellt, wenn ich gekommen wäre, um meinen Vetter Althaus zu treffen?“

„Es wird mir schwer, Martha, so ruhig neben Ihnen herzureiten … Ich wollte Ihnen zu Füßen fallen — wollte wenigstens Ihre geliebte Hand an meine Lippen führen —“

„Lieber Friedrich,“ sagte ich zärtlich, „solche Ergüsse sind nicht nötig — auch mit Worten kann man huldigen, wie mit einem Kniefall und liebkosen, wie —“

„Mit einem Kuß,“ ergänzte er.

Nach diesem letzten Worte, das uns beide elektrisch durchzuckte, schauten wir uns eine Zeit lang in die Augen und erfuhren, daß man auch mit Blicken küssen kann …

Er sprach zuerst:

„Seit wann?“

Ich verstand die unvollendete Frage ganz gut.

„Seit jenem Diner bei meinem Vater,“ antwortete ich. „Und Sie?“

Sie? Dieses Sie ist eine Dissonanz, Martha. Soll ich die Frage beantworten, so werde sie anders formuliert.“

„Und — — Du?“

„Ich? Wohl auch seit demselben Abend. Aber so recht klar wurde es mir erst am Sterbebett meiner armen Mutter … Wie sehnsüchtig meine Gedanken zu Dir flüchteten!“

„Das habe ich auch so verstanden. Du hingegen hast die Sprache der roten Rose nicht verstanden, die zwischen den weißen Totenblumen eingeflochten war, sonst hättest Du bei Deiner Ankunft mich nicht so gemieden. Ich begreife noch jetzt den Grund dieses Fernhaltens nicht — und warum Du abreisen wolltest.“

„Weil sich mein Gedanke nie bis zu der Hoffnung verstieg, daß ich Dich erringen könnte. Erst als Du mir bei dem Andenken meiner Mutter befahlst, zu Dir zu kommen und zu bleiben befahlst — da habe ich verstanden, daß Du mir gewogen bist — daß ich Dir mein Leben weihen dürfe.“

„Also, wenn ich mich nicht selber Dir ‚an den Hals geworfen‘ — Du hättest Dich nicht um mich bemüht?“

„Du hast eine große Anzahl Bewerber — unter diesen Haufen würde ich mich nicht gemischt haben.“

„Ach, die zählen ja nicht. Die meisten haben es doch nur darauf abgesehen, die reiche Witwe —“

„Siehst Du — mit diesem Wort ist die Schranke bezeichnet, die mich von der Bewerbung abhielt: eine reiche Witwe — und ich — ganz ohne Vermögen. Lieber an unglücklicher Liebe zu Grunde gehen, als von der Welt und namentlich von der Frau, die ich anbete, dessen verdächtigt zu werden, wessen Du Deinen Bewerbertroß soeben beschuldigt hast.“

„O Du Stolzer, Edler, Teurer! Ich wäre übrigens nicht im stande, Dir einen niedrigen Gedanken zuzumuten“ …

„Woher dieses Vertrauen? Eigentlich kennst Du mich ja so wenig.“

Und jetzt forschten wir einander noch weiter aus. Auf diese Frage „seit wann“ wir uns liebten, folgten nun die Erörterungen „warum“? Was mich zuerst angezogen, war die Art gewesen, wie er vom Kriege gesprochen hatte. Was ich im stillen gedacht und gefühlt — glaubend, es könne kein Soldat ein Gleiches denken und am allerwenigsten äußern — das hatte er mit größerer Klarheit gedacht, als ich, stärker gefühlt — und ganz freimütig ausgesprochen. So sah ich, wie sein Herz die Interessen seines Standes und sein Geist die Ansichten seiner Zeit überragten. Das war’s, was sozusagen die Grundlage meiner ihm geweihten Liebe bildete — daneben gab es für das aufgestellte „warum“ noch unzählige „weil“. Weil er eine so hübsche, vornehme Erscheinung besaß; — weil in seiner Stimme ein so sanfter und doch fester Ton vibrierte; — weil er ein so liebender Sohn gewesen; — weil —

„Und Du? Warum liebst Du mich?“ unterbrach ich meinen Rechenschaftsbericht.

„Aus tausend Gründen und aus einem.“

„Laß hören. Zuerst die tausend.“

„Das große Herz — der kleine Fuß — die schönen Augen — der glänzende Geist — das sanfte Lächeln — der scharfe Witz — die weiße Hand — die frauenhafte Würde — der wunderbare —“

„Halt ein! Das sollte so bis tausend fortgehen? Da sag’ mir lieber den einen Grund.“

„Das ist auch einfacher, denn der eine in seiner Kraft und Unwiderstehlichkeit umfaßt die anderen alle. Ich lieb’ Dich, Martha, weil, — ich Dich liebe. Darum.“