Peter Schlemihl's wundersame Geschichte

12. Literarische Anzeige.

Literarische Anzeige.

Geschichte des Zwillings a Pede,
von Johannes Author. Nürnberg,
in Commission bei Joh. Leonh. Schrag,
1811. 174 S. 8. 18 gr. oder 1fl. 6 kr.

Es gab eine Zeit, und vielleicht ist sie noch nicht ganz vorüber, wo das Kapitel der Rhetorik de tropis et figuris, in Ausübung gebracht, für Poesie gehalten wurde. Der Verstand hatte, so lange er noch wohlauf war, die stolze Freude, die aufgetriebenen Rudel, Völker ꝛc. von Tropen und Figuren als allerlei ihm unterthane Kreatur aufbewahrend anzureihen und aufzuhenken. Wenn er aber müde war von dieser Jagd, und nun die Großen des Reichs (der Seele) zu leben und zu weben anfingen, ja ihn endlich selbst in die allgemeine Lust und Fröhlichkeit mit hinein rissen, so daß er kein Wort gegen diese Saturnalien aufbringen konnte: so kam alles vorher mühsam Entbotene wie von selbst, und noch mehr, und nahm ungehindert Theil an der Freude; und es ging fast, wie es in der Oper heißt: die Erde ward ein Himmelreich, und Sterbliche den Göttern gleich. Nun wollte aber der Verstand, wenn er sich wieder begriff, sein Recht und Wesen, zu sondern und zu trennen, nicht aufgeben; und so löste er immer wieder das Zauberband, welches auch ihn in Himmel und Erde verknüpft hatte. Die himmlische Klarheit, in welcher alles schwamm, hielt er für Dunkelheit, aus welcher er sich ringen zu müssen glaubte: und so schied und schied er, was er nur konnte, und nannte dies Aufklärung. Aber er merkte in der Arbeit gar nicht, daß er in dem Geschiedenen nur abgeschiedene Geister hatte, welche auch von ihm wieder schieden und hinflogen, wo sie hergekommen waren. Und so blieb und bleibt ihm ein Geheimniß, was nur so weit eines ist, als der Mensch aufgehört hat, ein Kind am Geiste zu seyn.

Wir haben hiermit, fast unwillkührlich, das Feld angegeben, welches dieses Stiefelpaar (eben der Zwilling a Pede) und sein Herr mit dem geistreichsten Spotte und gemüthlichsten Scherze beschreitet. Die prunkende Armseligkeit und Tyrannei der Aufklärung, besonders von Seiten der Erziehung, gibt sich hier selbst zum Besten; und einen herrlichen Abstich dagegen gewährt die nur still und sanft durchleuchtende klare, ruhige Milde eines einfachen, gesunden Gemüths. Es sind aber überhaupt gar vielfache Betrachtungen, zu welchen dies ächt humoristische Werk veranlaßt. Wer hier eine etwa nachzuerzählende, fleißig gefugte und sorgfältig geglättete, mit lustigen Einfällen durchspickte Geschichte suchte, möchte durchaus seine Rechnung nicht finden: denn nicht leiser und loser hängen die Fäden hier zusammen, wie in dem Gegenstande selbst alles zusammenhängt: ja alles wird gewissermaßen sein eigenes Widerspiel, Widerspiel seiner selbst. Keckes Abspringen, eine Freiheit, die eben im Einzelnen, allen logischen Zusammenhang verschmähend, alles, was sich ihr bietet, mit höherer, combinatorischer und doch spielender Kraft zwingt, Einem Ziele nachzugehen, ein schälkisches Verschweigen des innern Friedens und der Eintracht, welches diese disjecta membra poetae doch zusammen hält, und erst aus sich zum Scherz entläßt, damit sie ihr eigenes, selbstständiges Spiel treiben, und mit diesem Tollwerden ihre Einseitigkeit und Nichtigkeit erweisen — diese Elemente sind es, welche hier ganz unwillkührlich und absichtslos auf eine kindliche, demüthige und wahrhaft selige Einfalt des Gemüths, als Gipfel aller Bildung, hintreiben. Aber der Reichthum des Witzes, welcher hier herrscht, und die ganze innere und äußere Welt, wo sie sich bietet, sein nennt, zeigt, daß hier keinesweges von einer unkräftigen, den Kampf scheuenden Einfalt die Rede sei; sondern von der Einfalt eines Weisen, der sich kräftig und heiter durch die Widersprüche hindurch gerungen. Nur hier, im Mittelpunkte, ist der Johannes Author fest zu halten; im Übrigen und Einzelnen entschlüpft der Schalk unter den Händen. So heißt es mitten im desultorischsten Scherz: „Der Mensch ist ein Halbgott; aber nicht wie Theseus, Herkules und andere: denn Nichtsthun, sagen alle, ist seine größte Heldenthat. Die Helden führten ewige Kriege; und auch hier lebt der Halbgott im Kriege mit der Welt, im Frieden mit sich; der Halbmensch im Streit mit sich und im Frieden mit der Welt; und wenn das gute Stündlein bei ersterm kommt, so reichen sich beide die Hand, und der Mensch muß lächeln und sagen: es ist doch nicht alles eitel hienieden ꝛc.“ Denn hier müßte mehr abgeschrieben werden, als erlaubt ist.

Die Freiheit dieses Werkchens, welche vielleicht von vielen für Harmlosigkeit angesehen werden wird, scheint um so interessanter: da sie einen so herben Gegensatz bildet gegen den Alexandrinismus in der Poesie, welcher mit geglätteter Mühseligkeit sie zu erhaschen glaubt, und wirklich auch wohl nicht selten den Beifall des Publikums stiehlt. Von diesem ist aber hier eben so wenig zu spüren, als andererseits von der erzwungenen, ewig mit sich selbst coquettirenden Begeisterung für das Heilige, von der poetischen Verdünstung und Vergasung, in welcher sich heut zu Tage die unkräftigsten und unwissendsten Naturen gefallen. Hier ist viel zwischen den Zeilen zu lesen: und wer nur dem Schalk die Hülle abziehen kann, auch wo er sie festhalten möchte, der wird ihn für eine recht kerngesunde, frische, schöne Natur ansprechen.

Die Erwähnung dieses seit seiner Erscheinung nicht erwähnten Werkchens glaubte Referent der Sache schuldig zu seyn. Der Verfasser scheint mit den Besten seiner Nation das Schicksal zu theilen, nicht gekannt, oder auch ignorirt zu werden: obwohl er, dem Geiste nach zu urtheilen, öfter vorkommt. Wenn es nun gleich, wie nach Schiller, bei den besten Frauen und Staaten, auch hier eintreffen sollte, daß diejenigen die besten seyn möchten, von denen man am wenigsten spricht: so thun doch auch Männer das Ihrige, wenn sie das Anerkannte aussprechen, was wohl bei einer pseudonymen Schrift um so redlicher und löblicher ist.

A. W.