Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 85. Sechstes Buch. 1870/71. // 8. Abschnitt Das Ding war übrigens weniger schauervoll, als es im ersten Augenblick geschienen. Keine brennenden Gebäude, keine angstschreienden Menschenhaufen, keinen unaufhörlich die Luft durchschwirrenden Bombenhagel — sondern immer nur dieses dumpfe, ferne, von langen und längeren Zwischenräumen getrennte Rollen. Man fing nach einiger Zeit beinahe an, sich daran zu gewöhnen. Die Pariser wählten als Spaziergangsziel solche Punkte, von welchen aus man die Kanonenmusik besser hören konnte. Hier und da fiel ein Geschoß auf die Straße und platzte, aber wie selten kam Einer dazu, zufällig in der Nähe zu sein. Zwar fielen manche tötliche Bomben herab, aber in der Millionenstadt hörte man von diesen Fällen nur so vereinzelt, wie man auch sonst gewohnt ist, unter den Lokalnachrichten seiner Zeitung verschiedene Unglücksfälle zu vernehmen, ohne daß es einem besonders nahe ginge: „Ein Maurer von einem vierstockhohen Gerüst gefallen“ oder „eine anständig gekleidete Frauensperson sich über das Brückengeländer in den Fluß gestürzt“ u. dgl. m. Der eigentliche Kummer, der eigentliche Schrecken der Bevölkerung, das war nicht das Bombardement: das waren der Hunger, die Kälte, die Not. Aber {eine} solche Nachricht von einem unheilbringenden Geschoß hat mich tief erschüttert. Dieselbe kam in Form einer schwarzumrandeten Traueranzeige ins Haus: „Herr und Frau N. geben Nachricht von dem Tode ihrer zwei Kinder [François] (8 Jahre alt) und [Amélie] (4 Jahre), welche eine durch das Fenster fliegende Bombe erschlagen hat. Um stille Teilnahme wird gebeten.“ „Stille“ Teilnahme! Ich stieß einen lauten Schrei aus, nachdem ich das Blatt überflogen. Ein Gedanke, ein mit Blitzesschnelle vor meinem inneren Auge erscheinendes Bild zeigte mir den ganzen Jammer, der in dieser schlichten Traueranzeige lag… ich sah {unsere} beiden Kinder, Rudolf und Sylvia — nein, es war nicht auszudenken! Die Nachrichten, die man erhält, sind spärlich; alle Postkommunikation natürlich unterbrochen; nur durch Brieftauben und Luftballons wird mit der Außenwelt verkehrt. Die Gerüchte, die allenthalben auftauchen, sind der widersprechendsten Art. Man meldet siegreiche Ausfälle, oder man verbreitet die Kunde, daß der Feind schon im Begriffe sei, Paris zu erstürmen, um es an allen Ecken anzuzünden und dem Erdboden gleich zu machen; oder man versichert, daß, ehe man einen einzigen Deutschen in die Mauern dringen ließe, die Kommandanten der Forts sich selber und ganz Paris in die Luft sprengen würden. Es wird erzählt, daß die sämtliche Bevölkerung des Landes, namentlich aus dem Süden ([„le midi se lève“]) über die Belagerer im Rücken herfällt, um ihnen den Rückzug abzuschneiden und sie bis auf den letzten Mann zu vernichten. Neben den falschen Nachrichten gelangen auch einige wahre — deren Richtigkeit sich später bestätigte — bis zu uns. So von einer auf der Straße von Grand Luce dicht an Le Mans ausgebrochenen Panik, wobei Greuelthaten sich zutrugen: außer Rand und Band gekommene Soldaten warfen Verwundete aus den bereitstehenden Eisenbahnwaggons, um an deren Stelle Platz zu nehmen. Von Tag zu Tag wird es schwerer, Lebensmittel zu beschaffen. Die Fleischvorräte sind erschöpft; es gibt schon längst keine Rinder und Schafe mehr in den angelegten Viehparks; bald sind auch alle Pferde verzehrt, und es beginnt die Periode, wo die Hunde und Katzen, die Ratten und Mäuse, schließlich auch die Tiere des [jardin des plantes], selbst der so beliebte, arme Elephant als Speise dienen müssen. Brot ist beinah nicht mehr zu erlangen. Stunden- und stundenlang müssen die Leute vor den Bäckerläden in der Reihe harren, um ihre kleine Ration zu bekommen, doch die meisten gehen leer aus. Erschöpfung und Krankheiten machen reiche Todesernte. Während gewöhnlich in der Woche 1100 Menschen starben, weisen die pariser Sterbelisten jetzt wöchentlich 4—5000 auf. Täglich also ungefähr 400 unnatürliche Todesfälle — das heißt also {Morde}. Wenn auch der Mörder kein Einzelner war, sondern ein unpersönliches Ding, nämlich der {Krieg}, so sind es darum nicht minder Morde. Wen traf die Verantwortung? Etwa jene parlamentarischen Großsprecher, welche in ihren Hetzreden mit stolzem Pathos erklärten — wie dies Girardin in der Sitzung vom 15. Juli gethan — daß sie „die Verantwortung eines Krieges vor der Geschichte auf sich nähmen“? Können denn eines Menschen Schultern stark genug sein, solche Verbrechenlast zu tragen? Gewiß nicht. Es fällt auch Niemandem ein, die Prahler nachträglich beim Wort zu nehmen. Eines Tages, es war um den 20. Januar herum, kam Friedrich, von einem Gang durch die Stadt heimgekehrt, mit erregter Miene in mein Zimmer. „Nimm Dein Eintragebuch zur Hand, meine eifrige Geschichtsschreiberin!“ rief er mir zu. „Heute gibt es einen wichtigen Posten.“ Und er warf sich in einen Sessel. „Welches meiner Bücher?“ fragte ich. „Das Friedensprotokoll?“ Friedrich schüttelte den Kopf: „O, mit dem ist’s wohl für lange Zeit vorbei. Der Krieg, der jetzt gefochten wird, ist zu gewaltiger Natur, um nicht kriegerisch fortzuwirken. Auf der Seite der Besiegten hat er einen solchen Vorrat von Haß- und Rachesaaten ausgestreut, daß daraus eine künftige Kampfernte hervorwachsen muß; und andererseits hat er für den Sieger solche großartige umwälzende Erfolge zu stande gebracht, daß dort eine gleich große Saat von kriegerischem Stolze aufgehen wird.“ „Was ist denn so Bedeutendes geschehen?“ „König Wilhelm wurde in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Es gibt jetzt {ein} Deutschland — ein einiges Reich — und ein mächtiges Reich. Das gibt einen neuen Abschnitt in der sogenannten Weltgeschichte. Und Du kannst Dir denken, wie aus dem neuen, aus Waffenarbeit hervorgegangenen Reiche diese Arbeit hoch in Ehren gehalten sein wird. Die beiden vorgeschrittensten Kulturländer des Festlandes sind es also hinfort, welche den Kriegsgeist pflegen werden — das eine, um den erhaltenen Schlag zurückzugeben; das andere, um die errungene Machtstellung zu bewahren; hier aus Haß, dort aus Liebe; hier aus Vergeltungssucht, dort aus Dankbarkeit — gleichviel: klappe Dein Friedensprotokoll nur zu — auf lange Zeit hinaus stehen wir unter dem blutigen und eisernen Zeichen des Mars.“ „Deutscher Kaiser!“ rief ich — „das ist wahrlich großartig.“ Und ich ließ mir die Einzelheiten dieses Ereignisses erzählen. „Ich kann doch nicht umhin, Friedrich,“ sagte ich, „mich über diese Nachricht zu freuen. So ist die ganze Schlachtarbeit doch nicht verloren gewesen, wenn daraus ein neues großes Reich hervorgegangen.“ „Vom französischen Standpunkt aber doppelt verloren … Und wir beide hätten wohl das Recht, diesen Krieg nicht einseitig — von der deutschen Seite — zu betrachten. Nicht nur als Menschen, sogar nach engerem, nationalem Begriffe hätten wir das Recht, die Erfolge unserer Feinde und Unterwerfer von 1866 zu beklagen. Und dennoch, ich gebe mit Dir zu, daß die erreichte Vereinigung des zerstückelten Deutschlands eine {schöne} Sache ist; daß diese Bereitwilligkeit der übrigen deutschen Fürsten, dem greisen Sieger die Kaiserkrone zu reichen, etwas Begeisterndes, Bewundernswertes hat. Es ist nur schade, daß eine solche Vereinigung nicht aus friedlichem, sondern aus kriegerischem Werke hervorgegangen ist. Wie also, wenn Napoleon Ⅲ. die Herausforderung des 19. Juli nicht abgesendet hätte, wäre da in den Deutschen nicht genug Vaterlandsliebe, nicht genug Volkskraft, nicht genug Einigkeit gelegen, um aus sich heraus dasjenige zu bilden, worauf sie jetzt ihren Nationalstolz setzen werden: „Ein einig Volk von Brüdern?“ — Jetzt werden sie jubeln — des Dichters Wunsch ist erfüllt. Daß sie vor kurzen vier Jahren einander in den Haaren gelegen, daß es für Hannoveraner, Sachsen, Frankfurter, Nassauer und so weiter keinen ärgeren Haßbegriff gab als „Preußen“ — das wird zum Glück vergessen sein. Dafür aber der Deutschenhaß, hier zu Lande, wie wird der nunmehr gedeihen!“ Mir schauderte. „Das bloße Wort Haß“ begann ich — „Ist Dir verhaßt? Du hast recht. So lange dieses Gefühl nicht recht- und ehrlos gemacht wird, so lange gibt es keine menschliche Menschheit. Der Religionshaß ist überwunden, aber der Völkerhaß bildet noch einen Teil der bürgerlichen Erziehung. Und doch gibt es nur ein veredelndes, ein beglückendes Gefühl hienieden — das ist die Liebe. Nicht wahr, Martha, davon wissen {wir} etwas zu erzählen?“ Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und blickte zu ihm auf, während er mir zärtlich das Haar aus der Stirne strich. „Wir wissen,“ fuhr er fort, „wie süß es ist, wenn im Herzen so viel Liebe wohnt — füreinander, für unsere Kleinen, für alle Brüder der großen Menschenfamilie, denen man {so} gern, so gern das drohende Leid ersparen wollte … Aber sie wollen nicht.“ „Nein, mein Friedrich — so umfassend ist mein Herz doch nicht. Die Hassenden alle kann ich nicht lieben.“ „Aber doch bemitleiden?“ In dieser Weise plauderten wir lange weiter. Ich weiß es noch heute so genau, weil ich damals öfters — neben den kriegerischen Ereignissen — auch Bruchstücke unserer daran geknüpften Gespräche in die roten Hefte eintrug. An jenem Tage haben wir auch wieder einmal von der Zukunft gesprochen: jetzt würde Paris kapitulieren müssen, der Krieg hatte ein Ende — und dann konnten wir wieder mit gutem Gewissen glücklich sein. Da überschauten wir die Gewährleistungen unseres Glücks. In den acht Jahren unserer Ehe nicht ein hartes, nicht ein unfreundliches Wort — so viel mit einander durchgelitten und durchgenossen — so war unsere Liebe, unser Einssein derart befestigt, daß eine Abnahme nicht mehr zu fürchten war. Im Gegenteile: — nur stets inniger würden wir uns aneinander schließen — jedes neue gemeinschaftliche Erlebnis gäbe zugleich ein neues Band ab. Wenn wir erst ein paar weißhaarige alte Leutchen geworden — mit welcher Freude konnten wir da auf die ungetrübte Vergangenheit zurückblicken, welch’ goldig-milder Lebensabend lag dann noch vor uns! … Dieses Bild von dem glücklichen alten Pärchen, das wir einst abgeben sollten, hatte ich mir so oft und lebhaft vorgestellt, daß es sich mir ganz deutlich eingeprägt und sogar im Traum sich wiederholte, wie etwas wirklich Geschehenes. Mit verschiedenen Einzelheiten: Friedrich mit einem Sammtkäppchen und einer Gartenscheere … ich weiß selber nicht warum, denn niemals hatte er Lust zur Gärtnerei gezeigt, und von einem Hauskäppchen war schon gar nie die Rede gewesen; — {ich} mit einem sehr kokett gesteckten schwarzen Spitzentuche auf dem silberweißen Haar, und als Umgebung eine vor der untergehenden Sommersonne warm erleuchtete Parkpartie; dazu lächelnd getauschte freundliche Blicke und Worte wie: „Weißt Du noch? … Erinnerst Du Dich, damals als —“ 86. Sechstes Buch. 1870/71. // 9. Abschnitt