Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 84. Sechstes Buch. 1870/71. // 7. Abschnitt Soll Paris nun ausgehungert werden, oder auch beschossen? Gegen letztere Annahme sträubt sich das Kulturgewissen. Diese [„ville-lumière“], dieser Anziehungspunkt aller Völker, diese glänzende Stätte, der Künste — mit ihren unersetzlichen Reichtümern und Schätzen bombardieren wie die erste beste Citadelle? Nicht denkbar; die ganze neutrale Presse (so erfuhr ich später) protestiert dagegen. Die Presse der Kriegspartei in Berlin hingegen ermuntert dazu: das sei das einzige Mittel, den Krieg zu Ende zu führen und die Seinestadt {erobern} — welcher Ruhm! Die Proteste übrigens sind es gerade, welche gewisse Kreise in Versailles bestimmen, diese strategische Maßregel — weiter ist ja eine Beschießung doch nichts — zu ergreifen. Und so geschah es, daß ich unterm 28. Dezember mit zitternden Zügen niederschrieb: „Es ist da … Wieder ein dumpfer Schlag … Eine Pause — und wieder —“ Weiter schrieb ich nicht. Aber ich erinnere mich genau der Empfindungen jenes Tages. In dem „Es ist da“ lag neben dem Schrecken eine gewisse Befreiung, eine Erleichterung, ein Nachlassen der beinah schon unerträglich gewordenen Nervenanspannung. Was man so lange teils erwartet und befürchtet, teils für menschenunmöglich gehalten — es war nun da. Wir saßen beim Gabelfrühstück (das heißt wir aßen Brot und Käse — die Lebensmittel waren schon karg), Friedrich, Rudolf, der Hofmeister und ich, als der erste Schlag erdröhnte. Wir Alle erhoben betroffen die Köpfe und wechselten Blicke. Sollte dies? … Aber nein — es war vielleicht ein zugefallenes Hausthor oder sonst etwas. Nun war ja Alles still. Wir nahmen das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf, ohne nur des Gedankens zu erwähnen, welchen jener Ton in uns erweckt hatte. Da — nach drei bis vier Minuten — kam es wieder. Friedrich sprang auf: „Das ist die Beschießung,“ sagte er, und eilte ans Fenster. Ich folgte ihm. Von der Straße drang ein Gemurmel herauf, Gruppen hatten sich gebildet: die Leute standen und horchten oder wechselten erregte Worte. Jetzt kam unser Kammerdiener in das Zimmer gestürzt — zugleich erklang eine neue Salve. [„Oh monsieur et madame — c’est le bombardement!“] Zu der offenen Thür herein drängten nunmehr sämtliche anderen Diener und Dienerinnen bis herab zum Küchenjungen. Bei solchen Katastrophen — Kriegs-, Feuer- oder Wassernot — da fallen alle gesellschaftlichen Schranken, da laufen alle Bedrohten zusammen. Viel mehr als vor dem Gesetze, mehr noch als vor dem Tode — der in seinen Bestattungsceremonien solche Standesunterschiede kennt — fühlen sich Alle gleich vor der {Gefahr}. [„C’est le bombardement — c’est le bombardement!“] Jeder, der zu uns in das Zimmer herbeigeeilt kam, stieß diesen selben Ruf aus. Es war entsetzlich — und dennoch, ich erinnere mich genau meiner Empfindung: ein gewisses bewunderndes Erschauern, eine Art Genugthuung, etwas so Gewaltiges zu erleben, mitten drin zu sein in dieser schicksalsschweren Begebenheit und vor der eigenen Lebensgefahr dabei {nicht} zu erbeben. Die Pulse schlugen mir, ich fühlte etwas wie — wie soll ich’s nennen? — Stolz des Mutes. 85. Sechstes Buch. 1870/71. // 8. Abschnitt