Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 80. Sechstes Buch. 1870/71. // 3. Abschnitt Wenn ein Krieg ausgebrochen ist, so spalten sich alle Anhänger der neutralen Staaten in zwei Lager; die Einen nehmen für diesen, die Anderen für jenen Teil Partei; es ist da wie eine große schwebende Wette, bei der Jeder mithält. Wir Beide, Friedrich und ich, mit wem sollten wir sympathisieren, wem den Sieg wünschen? Als Österreicher waren wir „patriotisch“ vollkommen berechtigt, unsere Überwinder aus dem vorigen Kriege diesmal als Überwundene sehen zu wollen. Ferner ist es auch naturgemäß, daß man Jenen, in deren Mitte man lebt, von deren Gefühlen man unwillkürlich angesteckt wird, die größere Sympathie zuwendet — und wir waren ja von Franzosen umgeben. Dennoch: Friedrich war preußischer Abkunft, und waren nicht auch mir die Deutschen, deren Sprache ja die meine ist, stammverwandter als ihre Gegner? Außerdem war die Kriegserklärung nicht von den Franzosen aus so nichtigem Grunde — nein, nicht Grunde, {Vorwande} — ausgegangen, mußten wir daher nicht einsehen, daß die Sache der Preußen die gerechte war, daß diese nur als Verteidiger und dem Zwang gehorchend, in den Kampf zogen? Und war die Einmütigkeit nicht erhebend, mit welcher die vor kurzem noch sich befehdenden Deutschen sich jetzt zusammenscharten? Sehr richtig hatte König Wilhelm in seiner Thronrede vom 19. Juli gesagt: „Das deutsche und das französische Volk, beide die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes gleichmäßig genießend, waren zu einem heilsameren Wettkampfe berufen, als zu dem blutigen der Waffen. Doch die {Machthaber Frankreichs} haben es verstanden, das wohlberechtigte aber reizbare Selbstgefühl unseres großen Nachbarvolkes durch berechnete Mißleitung für persönliche Interessen und Leidenschaften auszubeuten —“ Kaiser Napoleon erließ seinerseits folgende Proklamation: „Angesichts der anmaßenden Ansprüche Preußens haben wir Einsprache gethan. Diese ist verspottet worden. Vorgänge* folgten, welche Verachtung für uns zeigten. Unser Land ist dadurch tief aufgeregt und augenblicklich erschallt das Kriegsgeschrei von einem Ende Frankreichs zum andern. Es bleibt uns nichts mehr übrig, als {unsere} Geschicke dem Lose, welches die Waffen werfen, zu überlassen. Wir bekriegen nicht Deutschland, dessen Unabhängigkeit wir achten. Wir haben die besten Wünsche dafür, daß die Völker, welche das große deutsche Volkstum ausmachen, frei über ihre Geschicke verfügen. Was uns betrifft, so verlangen wir die Aufrichtung eines Standes der Dinge, welcher unsere Sicherheit verbürge und unsere Zukunft sicher stelle. Wir wollen einen dauerhaften Frieden erlangen, begründet auf die wahren Interessen der Völker; wir wollen, daß dieser elende Zustand aufhöre, bei dem alle Nationen ihre Hilfsquellen aufwenden, um sich gegenseitig zu bewaffnen.“ Welche Lektion, welche gewaltige Lektion spricht aus diesem Schriftstück, wenn man es mit den folgenden Ereignissen zusammenhält! Also um Sicherheit, um dauernden Frieden zu erlangen, wurde dieser Feldzug von Frankreich unternommen? Und was ist daraus entstanden? — [„L’année terrible“] und dauernde — noch immer dauernde — Feindschaft. Nein, nein: — mit Kohle läßt sich nicht weiß färben, mit [asa foetida] nicht Wohlgeruch verbreiten und mit Krieg nicht Frieden sichern. Dieser „elende Zustand“, auf den Napoleon anspielte, wie hat der seither sich noch verschlimmert! Es war dem Kaiser Ernst, voller Ernst mit dem Plane, eine europäische Abrüstung anzubahnen, ich habe es durch seine nächsten Verwandten mit Bestimmtheit erfahren, aber die Kriegspartei hat ihn gedrängt, gezwungen — und er gab nach … Dennoch konnte er sich nicht enthalten, in der Kriegsproklamation selber seine Lieblingsidee anklingen zu lassen. Es sollte deren Verwirklichung nur hinausgeschoben sein. „Nach dem Feldzug — nach dem Siege …“ sagte er sich zum Trost. Es ist anders gekommen. Auf welcher Seite also unsere Sympathien standen? Wenn man dazu gelangt, den Krieg an und für sich zu verabscheuen, wie das bei Friedrich und mir der Fall war, so kann das echte, naive „Passionieren“ für den Ausgang eines Feldzuges nicht mehr eintreten; die einzige Empfindung ist eben die: Hätte er nur nie begonnen — dieser Feldzug — und wäre er nur schon aus! Ich glaubte nicht, daß der gegenwärtige Krieg lange dauern und bedeutende Folgen haben werde. Zwei oder drei gewonnene Schlachten hier oder dort und man würde sicherlich parlamentieren und dem Ding ein Ende machen. Um was schlug man sich denn eigentlich? Um gar nichts. Das Ganze war mehr eine Art Waffenpromenade, von den Franzosen aus ritterlicher Abenteuerlust, von den Deutschen aus tapferer Verteidigungspflicht unternommen; ein paar getauschte Säbelhiebe und die Gegner würden sich wieder die Hände reichen … Thörin, die ich war! Als ob die Folgen eines Krieges im Verhältnis zu den Ursachen seines Entstehens blieben. {Der Verlauf} ist es, der die Folgen bestimmt. Gern hätten wir Paris verlassen, denn der ganze von der Bevölkerung gezeigte Enthusiasmus berührte uns höchst peinlich. Aber der Weg nach Osten war nunmehr {versperrt}; auch hielt uns der Bau unseres Hauses zurück — kurz: wir blieben. Geselligen Umgang hatten wir beinahe keinen mehr. Alles was nur konnte, hatte Paris geflohen und unter den obwaltenden Umständen dachte auch unter den Zurückgebliebenen keiner daran, Einladungen auszuteilen. Nur einige unserer Bekannten aus litterarischen Kreisen, die noch anwesend waren, suchten wir öfters auf. Gerade in dieser Phase des beginnenden Krieges war es Friedrich interessant, die betreffenden Urteile und Ansichten der hervorragenden Geister kennen zu lernen. Da war ein ganz junger Schriftsteller der später zu solcher Berühmtheit gelangte Guy de Maupassant, von dessen Äußerungen, die mir aus der Seele gesprochen waren, ich einige in die roten Hefte eintrug: „Der Krieg — wenn ich nur an dieses Wort denke, so überkommt mich ein Grauen, als spräche man mir von Hexen, von Inquisition — von einem entfernten, überwundenen, abscheulichen, naturwidrigen Dinge. Der Krieg — sich schlagen! Erwürgen, niedermetzeln! Und wir besitzen heute — zu unserer Zeit mit unserer Kultur, mit dem so ausgedehnten Wissen, auf so hoher Stufe der Entwickelung, auf der wir angelangt zu sein glauben — wir besitzen Schulen, wo man lernt zu töten — auf recht große Entfernung zu töten, eine recht große Anzahl auf einmal. … Das Wunderbare ist, daß die Völker sich dagegen nicht erheben, daß die ganze Gesellschaft nicht revoltiert bei dem bloßen Worte Krieg. Jeder, der regiert, ist ebenso verpflichtet, den Krieg zu vermeiden, wie ein Schiffskapitän verpflichtet ist, den Schiffbruch zu vermeiden. Wenn ein Kapitän sein Schiff verloren hat, wird er vor ein Gericht gestellt und verurteilt, falls man erkennt, daß er sich Nachlässigkeit zu schulden kommen ließ. Warum wird die Regierung nach jedem erklärten Kriege nicht gerichtet? Wenn die Völker das verständen, wenn sie sich weigerten, ohne Grund sich töten zu lassen — dann wäre es mit dem Kriege aus.“ Und Erneste Renan ließ sich also vernehmen: „Ist es nicht herzzerreißend, zu denken, daß Alles, was wir Männer der Wissenschaft in fünfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit einem Schlage zusammengestürzt ist: die Sympathien zwischen Volk und Volk, das gegenseitige Verständnis, das fruchtbare Zusammenarbeiten. Wie tötet ein solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lüge, welche Verleumdung des einen Volkes wird nun nicht aufs Neue in den nächsten fünfzig Jahren von dem anderen mit Begierde geglaubt werden und sie für unabsehbare Zeiten voneinander trennen! Welche Verzögerung des europäischen Fortschrittes! In hundert Jahren werden wir nicht wieder aufrichten können, was diese Menschen an einem Tage heruntergerissen haben.“ Ich hatte auch Gelegenheit einen Brief zu lesen, den Gustave Flaubert in jenen ersten Julitagen, als eben der Krieg ausgebrochen war, an George Sand geschrieben hat. Hier ist er: „Ich bin verzweifelt über die Dummheit meiner Landsleute. Die unverbesserliche Barbarei der Menschheit erfüllt mich mit tiefer Trauer. Dieser Enthusiasmus, der von keiner Idee beseelt ist, macht, daß ich sterben möchte, um ihn nicht mehr zu sehen. Der gute Franzose will sich schlagen: 1) weil er sich durch Preußen herausgefordert glaubt; 2) weil der natürliche Zustand des Menschen die Wildheit ist; 3) weil der Krieg ein mystisches Element in sich hat, das die Menschen fortreißt Sind wir wieder zu den Rassenkämpfen gekommen? Ich fürchte es … Die schrecklichen Schlachten, die sich vorbereiten, haben nicht einmal einen Vorwand für sich. Es ist die Lust, sich zu schlagen, um sich zu schlagen. Ich beklage die gesprengten Brücken und Tunnels. Alle diese menschliche Arbeit, die verloren geht! Sie haben gesehen, daß ein Herr in der Kammer die Plünderung des Großherzogtums Baden vorgeschlagen hat. Ach, daß ich nicht bei den Beduinen sein kann!“ „Ach,“ rief ich, als ich diesen Brief zu Ende gelesen, „daß wir nicht fünfhundert Jahre später geboren sind — das wäre noch besser als die Beduinen.“ „So lange werden die Menschen nicht mehr brauchen, um vernünftig zu werden,“ entgegnete Friedrich zuversichtlich. Das war jetzt das Stadium der Proklamationen und der Armeebefehle. Immer wieder die alte Leier und immer wieder das zu Beifall und Begeisterung hingerissene Publikum. Über die in den Manifesten verbürgten Siege wird gejubelt, als wären dieselben bereits erfochten. Am 28. Juli erließ Napoleon Ⅲ. vom Hauptquartier in Metz folgende Urkunde. Auch diese habe ich eingetragen — nicht etwa aus geteilter Bewunderung — sondern aus Zorn über das ewig gleiche hohle Phrasenwerk. „Wir verteidigen Ehre und Boden des Vaterlandes. Wir werden siegen. Nichts ist zu viel für die ausharrenden Anstrengungen der Soldaten Afrikas, der Krim, Chinas, Italiens und Mexikos. Noch einmal werdet ihr beweisen, was eine französische Armee vermag, die von Vaterlandsliebe durchglüht ist. Welchen Weg immer wir außerhalb unserer Grenzen einschlagen, wir finden dort die ruhmreichen Spuren unserer Väter. Wir werden uns ihrer würdig zeigen. Von unseren Erfolgen hängt das Schicksal der Freiheit und der Civilisation ab. Soldaten — thue Jeder seine Pflicht und der Gott der Schlachten wird mit uns sein.“ [„Le Dieu des armées“] durfte natürlich nicht fehlen. Daß die Führer besiegter Heere schon hundertmal dasselbe gesprochen, das hindert die Anderen nicht, bei jedem neuen Feldzug wieder dasselbe zu sprechen, und damit dasselbe Vertrauen zu wecken. Gibt es etwas kürzeres und schwächeres als das Gedächtnis der Völker? Am 31. Juli verläßt König Wilhelm Berlin und erläßt nachstehendes Manifest: „Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für die Ehre und für die Erhaltung unserer höchsten Güter zu kämpfen, erlasse ich eine Amnestie für politische Verbrecher. Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft nicht auf unserer Seite waren. Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unseren Vätern und in fester Zuversicht auf Gott den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.“ Notwehr, Notwehr: das ist die einzig statthafte Art des Tötens; daher rufen beide Gegner: „Ich wehre mich“ Ist das nicht Widersinn? — Nicht so ganz — denn über Beiden waltet eine dritte Macht, die Macht des überkommenen alten Kriegsgeistes. — Nur gegen den sich zu wehren, sollten alle sich verbünden … Neben den obigen Manifesten finde ich in meinen roten Heften eine Eintragung, mit dem sonderbaren Titel überschrieben: {„Hätte Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet, wäre da der Krieg ausgebrochen?“} Die Sache verhielt sich so. Unter unseren pariser Bekannten befand sich auch der Litterat Alexander Weill, und dieser war es, der obige Frage aufwarf, indem er uns Nachstehendes erzählte: „Meyerbeer suchte einen talentvollen Mann für seine zweite Tochter und seine Wahl fiel auf meinen Freund Emile Ollivier. Ollivier ist Witwer. Er hat in erster Ehe die Tochter Liszts geheiratet, die der berühmte Pianist von der Gräfin d’Agoult (Daniel Stern) hatte, mit der er lange Zeit im ehelichen Verhältnis lebte. Diese Ehe war sehr glücklich und Ollivier hatte den Ruf eines tugendhaften Ehemannes. Er besaß kein Vermögen, aber als Redner und Staatsmann war er schon berühmt. Meyerbeer wollte ihn persönlich kennen lernen und zu diesem Zwecke gab ich — es war im April des Jahres 1864 — einen großen Ball, dem die meisten Celebritäten der Kunst und der Wissenschaft beiwohnten und wo natürlich Ollivier, der von mir von der Absicht Meyerbeers unterrichtet war, die erste Rolle spielte. Er gefiel Meyerbeer. Die Sache war nicht leicht in Gang zu bringen. Meyerbeer kannte die unabhängige Originalität seiner zweiten Tochter, die nie einen anderen Gatten als den ihrer freien Wahl ehelichen würde. Es wurde verabredet, daß Ollivier nach Baden komme, um dort dem Mädchen zufällig vorgestellt zu werden, als Meyerbeer plötzlich vierzehn Tage nach diesem Ball starb. Ollivier war es — erinnern Sie sich? — der ihm im Nordbahnhof eine Trauer- und Lobrede hielt. Nun behaupte ich, ja, ich bin dessen sicher: hätte Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet, der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland wäre nicht ausgebrochen! Hier meine plausiblen Beweise. Vorerst hätte Meyerbeer, der das Kaisertum bis zur Verachtung haßte, nie seinem Tochtermann erlaubt, Minister des Kaisers zu werden. Man weiß, daß, wenn Ollivier der Kammer gedroht hätte, eher seine Demission zu geben, als den Krieg zu erklären, dieselbe Kammer nie den Krieg erklärt hätte. Der gegenwärtige Krieg ist das Werk dreier intimer Stuben- und Geheimminister der Kaiserin, mit Namen: Jerome David, Paul de Cassagnac und Duc de Grammont. Die Kaiserin, von dem Papste aufgereizt, dessen religiöse Puppe sie ist, wollte diesen Krieg, an dessen Sieg sie nicht zweifelte, um die Nachfolge ihres Sohnes zu sichern. Sie sagte: [„C’est ma guerre à moi et à mon fils!“] und die drei obengenannten päpstlichen „Anabaptisten“ waren ihre geheimen Werkzeuge, um den Kaiser, der keinen Krieg wollte, und die Kammer durch falsche und verhehlte Depeschen aus Deutschland zum Krieg zu zwingen!“ „Das nennt man Diplomatie!“ unterbrach ich schaudernd. „Hören Sie weiter,“ fuhr Alexander Weill fort. „Den 15. Juli sagte mir Ollivier, den ich auf der [place de la concorde] antraf: ‚Der Friede ist gesichert — eher gäbe ich meine Demission.‘ Woher nun kam es, daß derselbe Mann einige Tage später, statt seine Demission zu geben, den Krieg selbst [d’un cœur léger], wie er in der Kammer sagte, erklärte?“ „Leichten Herzens!“ rief ich mit neuem Schauer. „Hier liegt ein Geheimnis, das ich aufklären kann. Der Kaiser, für den das Geld nie einen anderen Wert hat, als um Liebe und Freundschaft sich zu erkaufen — er glaubt, wie Jugurtha in Rom, ganz Frankreich wäre feil, die Männer wie die Weiber — hat die Gewohnheit, wenn er einen Minister annimmt, der nicht reich ist, ihn durch ein Geschenk von einer Million Franken näher an sich zu fesseln. Daru allein, der mir dieses Geheimnis entdeckte, lehnte dieses Geschenk ab: [timeo Danaos et dona ferentes]. Und er allein, nicht gebunden, gab seine Demission. So lange der Kaiser zauderte, erklärte sich Ollivier, mit der goldenen Kette an seinen Meister gefesselt, neutral — eher für den Frieden. Sobald aber der Kaiser von seiner Frau und ihren drei ultramontanen Anabaptisten überrumpelt ward, erklärte sich auch Ollivier für den Krieg und entseelte sich lebendig mit ‚leichtem Herzen‘ und — voller Tasche.“ (Briefe hervorragender Männer an Alexander Weill. (Zürich, Verlagsmagazin.)) 81. Sechstes Buch. 1870/71. // 4. Abschnitt