Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 74. Fünftes Buch. Friedenszeit. // 4. Abschnitt Neujahr 67! Wir feierten Sylvester ganz allein, mein Friedrich und ich. Als es zwölf Uhr schlug: „Erinnerst Du Dich des Trinkspruches,“ fragte ich seufzend, „den mein armer Vater voriges Jahr um diese Stunde ausgebracht? Ich wage es gar nicht, Dir jetzt Glück zu wünschen – die Zukunft birgt mitunter so unerwartet Fürchterliches in ihrem Schoß und noch kein Mensch hat solches abzuwenden vermocht …“ „So benutzen wir die Jahreswende, Martha, um, statt vorauszudenken, zurückzuschauen, in das eben verflossene Jahr. Was hast Du, meine arme, tapfere Frau da Alles leiden müssen! So viele Deiner Lieben begraben … und jene Schreckenstage auf den böhmischen Schlachtfeldern -“ „Ich bedauere nicht, die dortigen Greuel gesehen zu haben — wenigstens kann ich nunmehr mit der ganzen Kraft meiner Seele an Deinen Bestrebungen teilnehmen.“ „Wir müssen Deinen — {unseren} Rudolf dazu erziehen, diese Bestrebungen weiter durchzuführen; in {seiner} Zeit wird vielleicht ein sichtbares Ziel am Horizont aufsteigen — in unserer schwerlich. — Wie die Leute auf den Straßen lärmen — die bejubeln doch wieder das neue Jahr, trotz der Leiden, welche ihnen das — ebenso eingejubelte — alte gebracht. O diese vergeßlichen Menschen!“ „Schilt sie nicht zu sehr ob dieser Vergeßlichkeit, Friedrich. Mir fängt auch schon an, das vergangene Leid wie traumhaft aus dem Gedächtnis zu entflattern und was ich gegenwärtig empfinde, ist das Glück der Gegenwart, das Glück, Dich zu haben, Einziger! Ich glaube auch — wir wollen zwar nicht von der Zukunft sprechen — aber ich glaube, wir haben eine schöne Zukunft vor uns … Einig, liebend, selbständig, reich — wie viel herrliche Genüsse kann uns das Leben noch bieten: wir werden reisen, die Welt kennen lernen, die so schöne Welt … Schön, solange Frieden herrscht, und der kann jetzt viele, viele Jahre ausdauern … Sollte doch wieder Krieg ausbrechen, so bist Du nicht mehr daran beteiligt … auch Rudolf ist nicht bedroht, da er nicht Soldat werden soll“ … „Wenn aber, wie Minister Allerdings berichtet, jeder Mensch wehrpflichtig sein wird —“ „Ach, Unsinn. — Was ich also sagen wollte: wir reisen, wir ziehen uns in Rudolf einen Mustermenschen auf, wir verfolgen unser edles Ziel der Friedenspropaganda, und wir — wir lieben uns!“ „O Du mein holdes Weib!“ … Er zog mich an sich und küßte mich auf den Mund. Es war das erste Mal, nach all der Trennungs-, Schreckens- und Trauerzeit, daß sich der milden Zärtlichkeit seiner Liebkosungen wieder eine Flamme beimischte — eine Flamme, die mich mit süßer Glut umloderte. Vergessen war Krieg, Cholera, Allerseelen in dieser seligen Sylvesternacht und — — unser am 1. Oktober 1867 geborenes Töchterchen haben wir {Sylvia} getauft. Der Fasching desselben Jahres brachte wieder Bälle und Vergnügungen aller Art. Natürlich nicht für uns — meine Trauer hielt mich von allen solchen Dingen fern. Was mich aber wunderte, war, daß nicht die ganze Gesellschaft solchen rauschenden Treiben entsagte. Es mußte doch beinah in jeder Familie ein Verlustfall vorgekommen sein; aber, wie es scheint, man setzte sich darüber hinaus. Zwar blieben einige Häuser geschlossen, namentlich in der Aristokratie, aber an Tanzgelegenheiten fehlte es der Jugend nicht und natürlich waren die beliebtesten Tänzer Diejenigen, welche von den italienischen oder böhmischen Schlachtfeldern heimgekehrt; und am meisten gefeiert wurden die Marineoffiziere — namentlich die Mitkämpfer bei Lissa. In Tegethoff, den jugendlichen Admiral (wie nach dem Feldzug von Schleswig-Holstein in den schönen General Gablenz) war die halbe Damenwelt verliebt. „Custozza“ und „Lissa“, das waren überhaupt die beiden Trümpfe, welche in jedem Gespräch über den abgelaufenen Krieg ausgespielt wurden. Daneben Zündnadelgewehr und Landwehr — zwei Institutionen, welche schleunigst eingeführt werden sollten und künftige Siege waren uns verbürgt. Siege — wann und gegen wen? Darüber sprach man sich nicht aus; aber der Revanchegedanke, der jede verlorene Partie — wenn es auch nur eine Kartenpartie ist — zu begleiten pflegt, der schwebte über allen Kundgebungen der Politiker. Wenn wir auch selber nicht wieder gegen Preußen losziehen würden, vielleicht würden es Andere auf sich nehmen, uns zu rächen. Allem Anschein nach wollte Frankreich mit unseren Überwindern anbinden und da könnte ihnen so manches heimgezahlt werden — das Ding hatte in diplomatischen Kreisen sogar schon einen Namen; [„La revanche de Sadowa“]. So teilte uns Minister Allerdings befriedigt mit. Es war zu Anfang des Frühjahrs, daß wieder so ein gewisser „schwarzer Punkt“ am Horizont aufstieg — eine sogenannte „Frage“. Auch die Nachrichten von französischen Rüstungen verschafften den Konjektural-Politikern das so beliebte „Krieg in Sicht“. Die Frage hieß diesmal die Luxemburger. Luxemburg? Was war denn das wieder so weltwichtiges? Da mußte ich erst wieder Studien anstellen, wie einst über Schleswig-Holstein. Mir war der Name eigentlich nur aus Suppés „Flotte Burschen“ geläufig, worin bekanntlich ein „Graf von Luxemburg sein ganzes Geld verputzt, putzt, putzt …“ Das Ergebnis meiner Forschungen war folgendes: Luxemburg gehörte nach den Verträgen von 1814 und 1816 (ah, da haben wir’s: Verträge — da läßt sich schon ein Völkerprozeß daraus ableiten — eine hübsche Einrichtung, diese Verträge) — gehörte laut Vertrag dem König der Niederlande und zugleich dem deutschen Bunde. Preußen hatte in der Hauptstadt das Besatzungsrecht. Nun hatte aber Preußen im Juni 1866 seine Teilnahme am alten Bund gekündigt, wie sollte es jetzt mit dem Besatzungsrecht gehalten werden? Da war sie, die Frage. Der prager Frieden hatte ja ein neues System in Deutschland eingesetzt und mit diesem war die Zusammengehörigkeit mit Luxemburg aufgehoben — warum behielten dann die Preußen ihr Besatzungsrecht? „Allerdings“ — das war verwickelt und konnte am vorteilhaftesten und gerechtesten durch Abschlachtung neuer Hunderttausende geschlichtet werden — das muß doch jeder „einsichtige?“ Politiker zugeben. Dem holländischen Volke hat niemals etwas an dem Besitz des Großherzogtums gelegen; auch dem König Wilhelm Ⅲ. lag nichts daran, und er hätte es gern für eine Summe in seine Privatkasse an Frankreich abgegeben. Da begannen nun {geheime} Verhandlungen zwischen dem König und dem französischen Kabinett. Recht so: Geheimnis ist ja der Kern aller Diplomatie. Die Völker dürfen von den Streitigkeiten nichts wissen — kommen diese erst zum Austrage, so haben sie das Recht, dafür zu bluten. Warum und wofür sie sich schlagen — das ist Nebensache. Ende März erst macht der König die Nachricht offiziell und am selben Tage, als er sein Einverständnis nach Frankreich telegraphiert, wird der preußische Gesandte im Haag davon unterrichtet. Daraufhin beginnen Unterhandlungen mit Preußen. Dieses beruft sich auf die Garantie der Verträge von 1859, auf Grundlage deren das Königreich Holland bestand. Die öffentliche Meinung (wer ist das, die öffentliche Meinung? Wohl die Leitartikelschreiber?) in Preußen ist entrüstet, daß das alte deutsche Reichsland losgerissen werden soll; im norddeutschen Reichstag — am 1. April — werden über diesen Gegenstand feuerige Interpellationen gestellt. Bismarck bleibt zwar über Luxemburg kalt, veranstaltet jedoch bei dieser Gelegenheit Rüstungen gegen Frankreich, was natürlich wieder französische Gegenrüstungen zur Folge hat. Ach, wie ich diese Melodie schon kenne! Damals zitterte ich sehr, daß ein neuer Brand in Europa ausbreche. An Schürern fehlte es nicht: in Paris Cassagnac und Emile de Girardin, in Berlin Menzel und Heinrich Leo. Ob denn solche Kriegshetzer nur eine entfernte Ahnung haben von der Riesenhaftigkeit ihres Verbrechertums? Ich glaube kaum. Um jene Zeit war es — ich habe das erst viele Jahre später erzählen gehört — daß Professor Simon dem Kronprinzen Friedrich von Preußen gegenüber über die schwebende Frage äußerte: „Wenn Frankreich und Holland bereits abgeschlossen haben, so bedeutet das den Krieg.“ Worauf der Kronprinz in heftiger Erregung und Bestürzung erwiderte: „Sie haben den Krieg nicht gesehen … hätten Sie ihn gesehen, so würden Sie das Wort nicht so ruhig aussprechen … Ich habe ihn gesehen und ich sage Ihnen, es ist {die} größte {Pflicht}, wenn es irgend möglich ist, den Krieg zu vermeiden.“ Und diesmal wurde er vermieden. In London trat eine Konferenz zusammen, welche am 11. Mai zu dem erwünschten friedlichen Resultate führte. Luxemburg ward als neutral erklärt und Preußen zog seine Truppen fort. Die Friedensfreunde atmeten auf, aber es gab Leute genug, welche sich über diese Wendung ärgerten. Nicht der Kaiser der Franzosen — dieser wünschte den Frieden — aber die französische „Kriegspartei“. Auch in Deutschland erhoben sich Stimmen, welche das Verhalten Preußens verurteilten: „Aufopferung eines Bollwerks“, „Wie Furcht aussehende Nachgiebigkeit“ und dergleichen mehr. — Auch jede Privatperson, welche auf den Rechtsspruch des Gerichtes hin auf irgend einen Besitz verzichtet, zeigt solche Nachgiebigkeit — wäre es besser, sie beugte sich keinem Tribunal und schlüge mit den Fäusten drein? Was die Londoner Konferenz erreicht, das könnte in solchen strittigen Fragen immer erreicht werden, und den Staatenlenkern wäre jene Vermeidung immer möglich, die der nachnachmalige Friedrich Ⅲ., Friedrich der Edle, die {größte Pflicht} genannt. 75. Fünftes Buch. Friedenszeit. // 5. Abschnitt