Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 72. Fünftes Buch. Friedenszeit. // 2. Abschnitt „Jetzt erkläre mir,“ sagte ich zu Friedrich, als wir unseren vor Frau von Tessow’s Villa wartenden Wagen bestiegen, „warum Du den Konsistorialrat —“ „Zu einer Konferenz mit Dir gebeten? Verstehst Du nicht? … Das soll mir als Studienmaterial dienen. Ich will wieder einmal hören — und diesmal notieren — mit welchen Argumenten die Priester den Völkermord verteidigen. Als Führerin des Streites habe ich Dich vorgeschoben. Einer jungen Frau geziemt es besser, vom christlichen Standpunkte aus Zweifel über die Berechtigung des Krieges zu hegen, als einem ‚Herrn Oberst‘ —“ „Du weißt aber, daß wir solche Zweifel nicht vom religiösen, sondern vom humanen Standpunkt —“ „Diesen müssen wir dem Herrn Konsistorialrat gegenüber gar nicht hervorkehren, sonst würde die Streitfrage auf ein anderes Feld verlegt. Die Friedensbestrebungen der Freidenkenden leiden an keinem inneren Widerspruch, und gerade der Widerspruch, welcher zwischen den Satzungen der Christenliebe und den Geboten der Kriegsführung besteht, wollte ich von einem militärischen Oberpfarrer — d. h. also von einem Vertreter christlichen Soldatentums — erläutern hören. Der Geistliche stellte sich pünktlich ein. Offenbar war ihm die Aussicht verlockend, eine belehrende und bekehrende Predigt vorbringen zu können. Ich hingegen blickte der Unterredung mit etwas peinlichen Gefühlen entgegen, denn es fiel mir darin eine unaufrichtige Rolle zu. — Aber zum Wohle der Sache, welcher Friedrich fortan seine Dienste geweiht, konnte ich mir schon einige Überwindung auferlegen und mich mit dem Satze trösten: Der Zweck heiligt die Mittel. Nach den ersten Begrüßungen — wir saßen alle Drei auf niederen Lehnstühlen in der Nähe des Ofens — begann der Konsistorialrat also: „Lassen Sie mich auf den Zweck meines Besuches eingehen, gnädige Frau. Es handelt sich darum, aus Ihrer Seele einige Skrupel zu bannen, welche nicht ohne scheinbare Berechtigung sind, welche aber leicht als Sophismen dargelegt werden können. Sie finden z. B., daß das Gebot Christi, man solle seine Feinde lieben und ferner der Satz: „Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen“ in Widerspruch zu den Pflichten des Soldaten stehen, der ja doch bemächtigt ist, den Feind an Leib und Leben zu schädigen —“ „Allerdings, Herr Konsistorialrat, dieser Widerspruch scheint mir unlöslich. Es kommt auch noch das ausdrückliche Gebot des Dekalogs hinzu: „Du sollst nicht töten.“ „Nun ja — auf der Oberfläche beurteilt, liegt hierin eine Schwierigkeit; aber wenn man in die Tiefe dringt, so schwinden die Zweifel. Was das fünfte Gebot anbelangt, so würde es richtiger heißen (und ist auch in der englischen Bibelausgabe so übertragen) „Du sollst nicht {morden}.“ Die Tötung zur Notwehr ist aber kein Mord. Und der Krieg ist ja doch nur die Notwehr im Großen. Wir können und müssen, der sanften Mahnung unseres Erlösers gemäß, die Feinde lieben; aber das soll nicht heißen, daß wir offenbares Unrecht und Gewaltthätigkeit nicht sollten abwehren dürfen.“ „Dann kommt es also immer darauf hinaus, daß nur Verteidigungskriege gerecht seien, und ein Schwertstreich erst dann geführt werden darf, wenn der Feind ins Land fällt? Die gegnerische Nation aber geht von demselben Grundsatz aus — wie kann da überhaupt der Kampf beginnen? In dem letzten Krieg war es Ihre Armee, Herr Konsistorialrat, welche zuerst die Grenze überschritt und —“ „Wenn man den Feind abwehren will, meine Gnädige — wozu man das heiligste Recht hat, so ist es durchaus nicht nötig, die günstige Zeit zu versäumen und erst zu warten, bis er uns ins Land gefallen, sondern es muß unter Umständen dem Landesherrn frei stehen, dem Gewaltsamen, Ungerechten zuvorzukommen. Dabei befolgt er eben das geschriebene Wort: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Er stellt sich als Gottes Diener und Rächer über den Feind, indem er trachtet, Denjenigen, der gegen ihn das Schwert nimmt, durch das Schwert umkommen zu lassen —“ „Da muß irgendwo ein Trugschluß stecken,“ sagte ich kopfschüttelnd, „diese Gründe können doch unmöglich für {beide} Parteien gleich rechtfertigend sein —“ „Was ferner den Skrupel betrifft,“ fuhr der Geistliche fort, ohne meine Einrede zu beachten, „daß der Krieg an und für sich Gott mißfällig sei, so fällt dieser bei jedem bibelfesten Christen weg, denn die heilige Schrift zeigt zur Genüge, daß der Herr dem Volke Israel selber befohlen hat, Kriege zu führen, um das gelobte Land zu erobern, und er verlieh seinem Volke Sieg und Segen dazu. 4. Mose 21, 14 ist die Rede von einem eigenen Buche der Kriege Jehovas. Und wie oft wird in den Psalmen die Hülfe gerühmt, die Gott seinem Volke im Kriege angedeihen ließ. Kennen Sie nicht Salomos Spruch (22, 31): Das Roß steht gerüstet für den Tag der Schlacht, // Aber von dem Herrn kommt der Sieg. Im 144. Psalm dankt und lobt David den Herrn, seinen Hort, der „seine Hände lehrt streiten und seine Fäuste kriegen.“ „So herrscht denn der Widerspruch zwischen dem alten und dem neuen Testament: der Gott der alten Hebräer war ein kriegerischer, aber der sanfte Jesus verkündete die Botschaft des Friedens und lehrte Nächsten- und Feindesliebe.“ „Auch im neuen Testament spricht Jesus im Gleichnis Lukas 14, 31 ohne jeglichen Tadel von einem König, der sich mit einem anderen König in den Krieg begeben will. Wie oft gebraucht auch der Apostel Paulus Bilder aus dem Kriegsleben. Er sagt (Römer 13, 4), daß die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst trägt, sondern Gottes Diener und ein Rächer ist, über den, der Böses thut.“ „Nun also — dann liegt in der heiligen Schrift selber der Widerspruch, den ich meine. Indem Sie mir zeigen, daß derselbe in der Bibel auch zu finden ist, räumen Sie ihn nicht weg.“ „Da sieht man die oberflächliche und zugleich anmaßende Urteilsweise, welche die eigene, schwache Vernunft über Gottes Wort erheben will. Widerspruch ist etwas Unvollkommenes, Ungöttliches; indem ich also nachweise, daß ein Ding in der Bibel vorkommt, ist der Beweis erbracht, daß es in sich — mag es der menschlichen Einsicht noch so unverständlich sein — keinen Widerspruch enthalten kann.“ „Wenn nicht vielmehr durch das Vorhandensein des Widerspruchs der Nachweis geführt wäre, daß die betreffenden Stellen unmöglich göttlichen Ursprungs sind.“ Diese Antwort schwebte mir auf den Lippen, doch habe ich sie unterdrückt, um das Streitobjekt nicht gänzlich zu verrücken. „Sehen Sie, Herr Konsistorialrat,“ mischte sich jetzt Friedrich in das Gespräch; „noch viel kräftiger als Sie, hat ein Oberststückhauptmann im 17. Jahrhundert die Zulässigkeit der Kriegsgreuel durch Berufung auf die Bibel dargethan. Ich habe mir das Schriftstück aufgehoben und auch meiner Frau schon vorgelesen, sie wollte sich aber mit dem darin ausgesprochenen Geiste nicht befreunden. Ich gestehe, mir kommt das Ding auch etwas — stark vor … und ich möchte gern Ihre Ansicht darüber hören. Wenn Sie erlauben so bringe ich das Dokument.“ Er holte aus einem Schubfach ein Papier hervor, entfaltete es und las: „Der Krieg ist von Gott selbst inventieret und den Menschen gelehret worden. Den ersten Soldaten setzte Gott ein mit einem zweischneidigen Schwert vor das Paradies, um dem ersten Rebellen, Adam, solches zu verbieten. Im Deuteronomium ist zu lesen, wie Gott sein Volk durch Moses zum Sieg encouragieren läßt und ihnen sogar seine Priester als Avantgarde gibt. Das erste Stratagema ward der Stadt Hai beigebracht. In diesem Judenkrieg mußte die Sonne zwei ganze Tage aneinander am Firmament stehend leuchten, damit der Krieg und die Victori konnte persequieret und viele Tausende erschlagen und die Könige aufgehenkt werden. Alle Kriegsgreuel sind vor Gott gebilligt, denn die ganze heilige Schrift ist voll davon und beweiset genugsam, daß der rechtmäßige Krieg von Gott selber inventieret ist, daß also ein jeder Mensch von gutem Gewissen in demselben dienen, leben und sterben kann. Seine Feinde mag er verbrennen oder versengen, schinden, niederstoßen oder in Stücke zerhauen — es ist {Alles recht}, mögen Andere daran judizieren was sie wollen; Gott hat in diesen Stücken nichts verboten, sondern die grausamsten Manieren, Menschen umzubringen, gebilliget. Die Prophetin Deborah nagelte dem Kriegsobersten Sissara den Kopf am Erdboden an. Gideon, der von Gott verordnete Führer des Volks, rächte sich an den Obersten zu Senhot, die ihm etwas Proviant verweigert hatten, soldatisch; Galgen und Rad, Schwert und Feuer waren zu schlecht; sie wurden mit Dornen gedroschen und zerrissen — gleichwohl war es recht vor den göttlichen Augen. Der königliche Prophet David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, inventierte die grausamsten Martern über die schon überwundenen Kinder Ammon zu Rabboth: er ließ sie mit Säbeln zerschneiden, mit eisernen Wagen über sie fahren, zerschnitt sie mit Messern, zog sie herdurch wie man Ziegelsteine formieret, und also that er in allen Städten der Kinder Ammon, Ferner hat —“ „Das ist greulich, das ist abscheulich!“ unterbrach der Oberpfarrer. „Nur einem rohen Söldling aus der verwilderten Zeit des 30 jährigen Krieges sieht es gleich, solche Beispiele aus der Bibel heranzuziehen, um darauf die Berechtigung der Grausamkeit gegen den Feind zu stützen. Wir verkünden jetzt ganz andere Lehren: im Kriege darf weiter nichts erstrebt werden, als die Unschädlichmachung des Gegners — bis zum Tode — ohne böswillige Absicht gegen das Leben eines Einzelnen. Tritt solche Absicht, oder gar Mordlust und Grausamkeit gegen Wehrlose ein, dann ist das Töten im Kriege gerade so unmoralisch und unzulässig wie im Frieden. Ja, in vergangenen Jahrhunderten, wo Landknechtsführer und fahrendes Volk den Krieg als Handwerk betrieben, da konnte der Oberststückhauptmann solches schreiben; aber heutzutage wird nicht für Sold und Beute und nicht ohne zu wissen, gegen wen und warum, zu Felde gezogen, sondern für die höchsten idealen Güter der Menschheit — für Freiheit, Selbstständigkeit, Nationalität — für Recht, Glaube, Ehre, Zucht und Sitte …“ „Sie, Herr Konsistorialrat,“ warf ich ein, „sind jedenfalls sanfter und menschlicher als der Stückhauptmann; Sie haben daher aus der Bibel keine Belege für die Statthaftigkeit der Greuel — an welchem unsere mittelalterlichen Vorfahren und vermutlich noch mehr die alten Hebräer — ihre Lust hatten — beizubringen; aber es ist doch dasselbe Buch und derselbe Jehova, der nicht sanfter geworden sein kann, von dem aber Jeder nur so viel Bestätigung sich holt, als zu seiner Anschauung paßt.“ Auf dieses hin erhielt ich eine kleine Strafpredigt über meinen Mangel an Ehrerbietung dem Worte Gottes gegenüber und über meinen Mangel an Urteil bei dessen Auslegung. Es gelang mir jedoch, das Gespräch wieder auf unser eigentliches Thema zurückzuleiten und jetzt erging sich der Konsistorialrat in lange, diesmal ununterbrochen bleibende Ausführungen über den Zusammenhang zwischen soldatischem und christlichem Geiste; er sprach von der religiösen Weihe, „die dem Fahneneid innewohnt, wenn die Standarten mit Musikbegleitung feierlich in die Kirche getragen werden unter der Ehrenbedeckung zweier Offiziere mit gezogenem Degen; da tritt der Rekrut zum erstenmale öffentlich mit Helm und Seitengewehr auf und zum erstenmale folgt er der Fahne seines Truppenteils, die jetzt entfaltet ist vor dem Altare des Herrn, zerfetzt wie sie ist und geschmückt mit dem Ehrenzeichen der Schlachten, in der sie getragen worden“ … Er sprach von der allsonntäglichen kirchlichen Fürbitte: „Beschütze das königliche Kriegsheer und alle treuen Diener des Königs und des Vaterlands. Lehre sie, wie Christen ihres Eides gedenken und laß dann ihre Dienste gesegnet sein zu Deiner Ehre und des Vaterlandes Besten. „Gott mit uns,“ führte er weiter aus, „ist ja auch die Inschrift auf der Gürtelschnalle, mit der der Infanterist sein Seitengewehr sich umgürtet, und diese Losung soll ihm Zuversicht geben. Ist Gott mit uns — wer mag wider uns sein? Da sind auch die allgemeinen Landes-, Buß- und Bettage, die beim Beginn eines Krieges ausgeschrieben werden, damit das Volk im Gebete des Herrn Hilfe erflehe, zugleich in der getrosten Hoffnung auf seinen Beistand und im Vertrauen auf den durch diesen Beistand zu erlangenden glücklichen Ausgang. Welche Weihe liegt für den ausziehenden Krieger darin — wie mächtig hebt dies seine Kampfes- und seine Todesfreudigkeit! Er kann getrost, wenn ihn sein König ruft, in die Reihen der Kämpfer treten und auf Sieg und Segen für die gerechte Sache rechnen; Gott der Herr wird dieselben unserem Volke ebensowenig entziehen, wie einst seinem Volke Israel, wenn wir nur zu ihm betend die Arbeit des Kampfes thun. Der innige Zusammenhang zwischen Gebet und Sieg zwischen Frömmigkeit und Tapferkeit ergiebt sich leicht — denn was kann mehr Freudigkeit im Angesicht des Todes gewähren, als die Zuversicht, wenn im Schlachtgewühl die letzte Stunde schlägt, vor dem himmlischen Richter Gnade zu finden? Treue und Glauben in Verbindung mit Mannhaftigkeit und Kriegstüchtigkeit gehören zu den ältesten Traditionen unseres Volkes. In diesem Ton ging es noch lange fort: bald in öliger Milde, gesenkten Hauptes, mit sanftem Tonfall von Liebe, Himmel, Demut, „Kindlein“, Heil und „köstlichen Dingen“; — bald mit militärischer Kommandostimme, bei stolz in die Brust geworfener Haltung, von strenger Sitte und strammer Zucht — scharf und schneidig — Schwert und Wehr. Das Wort „Freude“ wurde nicht anders als in den Zusammensetzungen Todes-, Kampfes- und Sterbensfreudigkeit gebraucht. Vom feldprobstlichen Standpunkt scheinen eben Töten und Getötetwerden als die vornehmsten Lebensfreuden zu gelten. Alles Übrige ist erschlaffende, sündhafte Lust. Auch Verse wurden deklamiert. Zuerst das Körnersche: Vater, du führe mich // Führ’ mich zum Siege, führ’ mich zum Tode! // Herr, ich erkenne deine Gebote. // Herr, wie du willst, so führe mich, // Gott ich erkenne dich! Dann das alte Volkslied aus dem 30 jährigen Kriege: Kein sel’grer Tod ist in der Welt, // Als wie vom Feind erschlagen, // Auf grüner Au’, im freien Feld, // Darf nicht hören groß Wehklagen. // Im engen Bett, da einer allein // Muß an den Todesreih’n, // Hier aber find’t er Gesellschaft fein — // Fallen wie Kraut im Maien. Ferner das Lenausche Lied vom kriegslustigen Waffenschmied: Friede hat das Menschenleben // Still verwahrlost, sanft verwüstet, // Wie er seiner That sich brüstet, // Alles hängt voll Spinneweben… // Ha! nun fährt der Krieg dazwischen, // Klafft und gähnt auch manche Wunde. // Gähnt man selt’ner mit dem Munde. // Kampf und Tod die Welt erfrischen. Und schließlich noch das Wort Luthers: „Sehe ich den Krieg an als ein Ding, das Weib, Kind, Haus, Hof, Gut und Ehre schützt und Frieden damit erhält und bewahrt, so ist er eine {gar köstliche Sache}.“ „Nun ja — sehe ich den Panther als eine Taube an, so ist der Panther ein gar sanftes Tierchen,“ bemerkte ich ungehört. Gern hätte ich auch auf seine poetischen Ergüsse die Verse Bodenstedts entgegnet: Ihr mögt von Kriegs- und Heldenruhm // So viel und wie ihr wollt verkünden, // Nur schweigt von eurem Christentum, // Gepredigt aus Kanonenschlünden. // Bedürft ihr Proben eures Muts, // So schlagt euch wie die Heiden weiland, // Vergießt so viel ihr müßt des Bluts, // Nur redet nicht dabei vom Heiland, // Noch gläubig schlägt das Türkenheer // Die Schlacht zum Ruhme seines Allah. // Wir haben keinen Odin mehr, // Tot sind die Götter der Walhalla. // Seid was ihr wollt, doch ganz und frei, // Auf dieser Seite wie auf jener, // Verhaßt ist mir die Heuchelei // Der kriegerischen Nazarener. Aber unser „kriegerischer Nazarener“ sah nicht, was in meinem Geiste vorging; er ließ sich in seinem Redefluß nicht irre machen und als er sich empfahl, da hatte er das Bewußtsein, mich zweier Dinge überführt zu haben; daß der Krieg vom christlichen Standpunkte aus ein gerechtfertigter — und an und für sich eine köstliche Sache sei. Durch diesen rhetorischen Sieg seiner Berufspflicht nachgekommen zu sein und damit dem fremden Herrn Obersten einen beträchtlichen Dienst erwiesen zu haben, war ihm sichtlich sehr befriedigend, denn als er sich zum Gehen erhob und wir ihm unseren Dank für die bereitwillige Bemühung aussprachen, erwiderte er abwehrend: „Es ist an {mir}, Ihnen zu danken, mir die Gelegenheit geboten zu haben, durch mein schwaches Wort, dessen ganze Wirksamkeit dem vielfach herangezogenen Worte Gottes zuzuschreiben ist, solche Zweifel zu verscheuchen, welche sowohl der Christin, als der Soldatenfrau nur quälend sein mußten. Der Friede sei mit Ihnen!“ „Ach!“ stöhnte ich, nachdem er sich entfernt hatte, „das war eine Qual!“ „Ja, das war es,“ bestätigte Friedrich. „Besonders unsere Unaufrichtigkeit war mir nicht behaglich — die falsche Voraussetzung nämlich, unter welcher wir ihn zur Entfaltung seiner Beredsamkeit bewogen haben. Einen Augenblick drängte es mich, ihm zu sagen: Halten Sie ein, hochwürdiger Herr, ich selber hege die gleichen Ansichten gegen den Krieg, wie meine Frau, und was Sie sprechen, soll mir nur dazu dienen, die Schwäche Ihrer Argumente näher zu untersuchen. Aber ich schwieg. Wozu eines redlichen Mannes Überzeugung — eine Überzeugung, die noch dazu die Grundlage seines Lebensberufes ist — verletzen?“ „Überzeugung? — bist Du dessen sicher? Glaubt er wirklich die Wahrheit zu sprechen, oder bethört er seine Soldatengemeinde absichtlich, wenn er ihr den sicheren Sieg verspricht, durch den Beistand eines Gottes, von dem er doch wissen muß, daß er von dem Feinde gerade so angerufen wird? Diese Berufungen auf „unser Volk“, auf „unsere“, als die einzig gerechte Sache, die zugleich Gottes Sache ist, die waren doch nur möglich zu einer Zeit, da ein Volk von allen übrigen Völkern abgeschlossen, sich für das einzig Daseinsberechtigte, das einzig Gottgeliebte hielt. Und dann diese Vertröstungen auf den Himmel, um desto leichter die Hingebung des irdischen Lebens zu erlangen, alle diese Ceremonien — Weihen, Eide, Gesänge — welche in der Brust des in den Krieg Befohlenen die so beliebte „Todesfreudigkeit“ — mir graut vor dem Worte — erwecken sollen, ist das nicht —“ „Alles hat zwei Seiten, Martha,“ unterbrach Friedrich. „Weil wir den Krieg verwünschen, erscheint uns Alles, was ihn stützt und verschönt, was seine Schrecken verschleiert, hassenswert.“ „Ja, natürlich, denn dadurch wird das Gehaßte erhalten.“ „Nicht dadurch allein … Alte Einrichtungen stehen mit tausend Fasern festgewurzelt, und so lang sie da waren, war’s doch auch gut, daß diejenigen Gefühle und Gedanken bestanden, durch die sie verschönt — durch die sie nicht nur erträglich, sondern sogar beliebt gemacht wurden. Wie viel armen Teufeln half jene anerzogene „Todesfreudigkeit“ über das Sterbensweh hinweg; wie viel fromme Seelen bauten vertrauensvoll auf die ihnen vom Prediger zugesicherte Gotteshilfe: wie viel unschuldige Eitelkeit und stolzes Ehrgefühl ward nicht durch jene Ceremonien geweckt und befriedigt, wie viel Herzen schlugen nicht höher bei den Klängen jener Gesänge? Von allem Leid, das der Krieg über die Menschen gebracht hat, ist doch wenigstens jenes Leid abzurechnen, welches wegzusingen und wegzulügen den Kriegsbarden und den Feldgeistlichen gelungen ist.“ 73. Fünftes Buch. Friedenszeit. // 3. Abschnitt