Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 71. Fünftes Buch. Friedenszeit. // 1. Abschnitt Die Stadt Berlin fanden wir in hellem Jubel. Jeder Ladenschwengel und jeder Eckensteher trug ein gewisses Siegesbewußtsein zur Schau. „{Wir} haben die Andern drunter gekriegt“! das scheint doch eine sehr erhebende und unter der ganzen Bevölkerung verteilbare Empfindung zu sein. Dennoch, in den Familien, die wir aufsuchten, fanden wir so manche tiefniedergeschlagene Leute, solche nämlich, welche einen unvergeßlichen Toten auf den deutschen oder böhmischen Schlachtfeldern liegen hatten. Am meisten fürchtete ich mich, Tante Kornelie wiederzusehen. Ich wußte, daß ihr herrlicher Sohn Gottfried ihr Abgott, ihr Alles gewesen, und ich konnte den Schmerz ermessen, der die arme beraubte Mutter jetzt erdrücken mußte — ich brauchte mir nur vorzustellen, daß mein Rudolf, wenn ich ihn großgezogen hätte … nein, {den} Gedanken wollte ich gar nicht ausdenken. Unser Besuch war angesagt. Mit Herzklopfen betrat ich Frau von Tessows Wohnung. Schon im Vorzimmer bekundete sich die im Hause herrschende Trauer. Der Diener, der uns einließ, trug schwarze Livree; im großen Empfangszimmer, dessen Sitzmöbel mit Überzügen bedeckt waren, war kein Feuer angezündet und die Spiegel und Bilder an den Wänden waren sämtlich mit Flor verhängt. Von hier wurde uns die Thüre nach Tante Korneliens Schlafzimmer geöffnet, wo sie uns erwartete. Dasselbe, ein sehr großer, durch einen Vorhang — hinter welchem das Bett stand — geteilter Raum, diente Tante Kornelie jetzt als beständiger Aufenthalt; sie verließ nie mehr das Haus, außer um allsonntäglich in den Dom zu gehen — und nur selten das Zimmer, nur täglich eine Stunde, welche sie in Gottfrieds gewesenem Studierkabinett verbrachte. In diesem war Alles auf derselben Stelle stehen und liegen geblieben, wie er es am Tage seiner Abreise verlassen. Sie führte uns im Laufe unseres Besuches hinein und ließ uns einen Brief lesen, den er auf seine Mappe gelegt: „Meine einzige, liebe Mutter! Ich weiß ja, meine Herzliebste Du, daß Du nach meiner Abfahrt hierherkommen wirst — und da sollst Du dieses Blatt finden. Der persönliche Abschied ist vorbei. Desto mehr wird es Dich freuen und überraschen, {noch} ein Zeichen zu entdecken, noch ein letztes Wort von mir zu hören, und zwar ein frohes, hoffnungsvolles. Sei guten Muts: ich komme wieder. Zwei so aneinander hängende Herzen, wie die unseren, wird das Schicksal nicht auseinander reißen. Meine Bestimmung ist es, jetzt einen glücklichen Feldzug zu überstehen, Sterne und Kreuze zu erringen — und dann: Dich zur sechsfachen Großmutter machen. Ich küsse Deine Hand, ich küsse Deine liebe sanfte Stirn — o Du aller Mütterchen angebetetstes. Dein Gottfried.“ Als wir bei Tante Kornelie eintraten, war dieselbe nicht allein. Ein Herr in langem, schwarzem Rocke, auf den ersten Blick als Pastor erkenntlich, saß ihr gegenüber. Die Tante erhob sich und kam uns entgegen; der Pastor stand gleichfalls von seinem Sitze auf, blieb aber im Hintergrunde stehen. Was ich erwartet, geschah: als ich die alte Frau umarmte, brachen wir beide, sie und ich, in lautes Schluchzen aus. Auch Friedrich blieb nicht trockenen Auges, indem er die Trauernde an sein Herz drückte. Gesprochen wurde in dieser ersten Minute gar nichts. Was man sich in solchen Augenblicken — beim ersten Wiedersehen nach einem schweren Unglücksfall — zu sagen hat, das drücken Thränen vollständig aus … Sie führte uns an ihren Sitzplatz zurück und wies uns nebenstehende Sessel an. Dann, nachdem sie die Augen getrocknet: „Mein Neffe, Oberst Baron Tilling, — Herr Militäroberpfarrer und Konsistorialrat Mölser,“ stellte sie vor. Stumme Verneigungen wurden gewechselt. „Mein Freund und geistlicher Berater,“ ergänzte sie, „der es sich angelegen sein läßt, mich in meinem Schmerze aufzurichten —“ „Dem es aber leider noch nicht gelungen ist, Ihnen die richtige Ergebung, die richtige Freudigkeit des Kreuztragens beizubringen, geschätzte Freundin,“ sagte Jener. „Warum mußte ich eben einen neuerlichen, so mattherzigen Thränenerguß sehen?“ „Ach, verzeihen Sie mir! Als ich meinen Neffen und seine liebe junge Frau zum letzten Male sah, da war mein Gottfried —“ Sie konnte nicht weiter reden. „Da war Ihr Sohn noch auf dieser sündigen Welt, allen Versuchungen und Gefahren ausgesetzt, während er jetzt in den Schoß des Vaters eingegangen ist, nachdem er den rühmlichsten, seligsten Tod für König und Vaterland gefunden hat. „Sie, Herr Oberst,“ wandte er sich nun an meinen Mann, „der Sie mir eben auch als Soldat vorgestellt wurden, können mir helfen, dieser gebeugten Mutter den Trost zu geben, daß das Schicksal ihres Sohnes ein neidenswertes ist. Sie müssen es wissen, welche Todesfreudigkeit den tapfern Krieger beseelt — der Entschluß, sein Leben auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer zu bringen, verklärt ihm alles Scheideweh, und wenn er im Sturm der Schlacht, beim Donner der Geschütze sinkt, so erwartet er, zu der großen Armee versetzt zu werden und dabei zu sein, wenn der Herr der Heerschaaren droben Heerschau hält. Sie, Herr Oberst, sind unter Jenen zurückgekehrt, welchen die göttliche Vorsehung den gerechten Sieg verliehen —“ „Verzeihen Sie, Herr Konsistorialrat — ich habe in österreichischen Diensten gestanden —“ „O ich dachte … Ah so …“ entgegnete der Andere ganz verwirrt … „Auch eine prächtige, tapfere Armee, die österreichische.“ — Er stand auf. „Doch ich will nicht länger stören … die Herrschaften wollen gewiß von Familienangelegenheiten sprechen … Leben Sie wohl, gnädige Frau — in einigen Tagen will ich wieder kommen … Bis dahin erheben Sie Ihre Gedanken zu dem Allerbarmer, ohne dessen Wille kein Haar von unserm Haupte fällt und welcher Jenen, die ihn lieben, alle Dinge zum Besten dienen läßt, auch Trübsal und Leid, auch Not und Tod. Ich empfehle mich ergebenst.“ Meine Tante schüttelte ihm die Hand: „Hoffentlich sehe ich Sie bald? Recht bald, ich bitte —“ Er verneigte sich gegen uns Alle und wollte der Thüre zuschreiten. Friedrich aber hielt ihn auf: „Herr Konsistorialrat — dürfte ich eine Bitte an Sie richten?“ „Sprechen Sie, Herr Oberst.“ „Ich entnehme Ihren Reden, daß Sie ebensosehr von religiösen, wie von militärischem Geist durchdrungen sind. Da könnten Sie mir einen großen Gefallen erweisen —“ Ich horchte gespannt auf. Wo wollte Friedrich nur hinaus? „Meine kleine Frau hier,“ fuhr er fort, „ist nämlich mit allerlei Skrupel und Zweifel erfüllt … sie meint, daß vom christlichen Standpunkte aus der Krieg nicht recht zulässig sei. Ich weiß zwar das Gegenteil — denn nichts hält mehr zusammen als der Priester- und der Soldatenstand — aber mir fehlt die Beredsamkeit, dies meiner Frau klar zu machen. Würden Sie sich nun herbeilassen, Herr Konsistorialrat, uns morgen oder übermorgen eine Stunde der Unterredung zu schenken, um —“ „O sehr gern,“ unterbrach der Geistliche. „Wollen Sie mir Ihre Adresse? …“ Friedrich gab ihm seine Karte und es wurde sogleich Tag und Stunde des erbetenen Besuches festgesetzt. Hierauf blieben wir mit der Tante allein. „Gewährt Dir der Zuspruch dieses Freundes wirklich Trost?“ fragte sie Friedrich. „Trost? {Den} gibt es für mich hinieden nicht mehr. Aber er spricht so viel und so schön von den Dingen, von welchen ich jetzt am liebsten höre — von Tod und Trauer, von Kreuz und Opfer und Entsagung … er schildert die Welt, die mein armer Gottfried verlassen mußte, und von welcher auch ich mich wegsehne, als ein solches Thal des Jammers, der Verderbnis, der Sünde, des zunehmenden Verfalles … und da erscheint es mir denn weniger traurig, daß mein Kind abberufen worden. — Er ist ja im Himmel und hier auf dieser Erde —“ „Walten oft Höllengewalten, das ist wahr — das habe ich jetzt wieder in der Nähe gesehen,“ erwiderte Friedrich nachdenklich. Hierauf wurde er von der armen Frau über die beiden Feldzüge ausgefragt, wovon er den einen mit — den andern gegen — Gottfried mitgemacht. Er mußte hundert Einzelheiten anführen und konnte dabei der beraubten Mutter denselben Trost geben, den er einst mir aus dem italienischen Kriege gebracht: nämlich, daß der Betrauerte eines raschen und schmerzlosen Todes gestorben sei. Es war ein langer, trauriger Besuch. Auch die ganzen Einzelheiten der schaurigen Cholerawoche habe ich da wiedererzählt und meine Erlebnisse auf den böhmischen Schlachtfeldern. Eh’ wir sie verließen, führte uns Tante Kornelie noch in Gottfrieds Zimmer, wo ich beim Durchlesen des oben angeführten Briefes — von dem ich mir später eine Abschrift erbat — von neuem bittere Thränen vergießen mußte. 72. Fünftes Buch. Friedenszeit. // 2. Abschnitt