Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 70. Viertes Buch. 1866. // 25. Abschnitt Welch ein Anblick! Eine Elegie Tiedges kam mir in den Sinn: „Welch ein Anblick! Hierher, Volksregierer! // Hier bei dem verwitternden Gebein // Schwöre, deinem Volk ein sanfter Führer, // Deiner Welt ein Friedensgott zu sein. // Hier schau’ her, wenn dich nach Ruhme dürstet, // Zähle diese Schädel, Völkerhirt, // Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfürstet, // In die Stille niederlegen wird. Laß im Traum das Leben dich umwimmern, // Das hier unterging in starres Grauen; // Ist es denn so lockend, sich mit Trümmern // In die Weltgeschichte einzubauen?“ Leider ja, es ist verlockend, so lang die Weltgeschichte — das heißt Diejenigen, welche sie schreiben — die Heldenstandbilder aus Kriegstrümmern aufbauen, so lang sie den Titanen des Völkermordes Kränze reichen. Auf den Lorbeerkranz verzichten, dem Ruhme entsagen, wäre edel — meint der Dichter? Erst werde das Ding, auf das zu verzichten so wohlthätig erschiene, seines Nimbus entkleidet und kein Ehrgeiziger wird mehr darnach greifen. Es dämmerte schon, als wir in Chlum ankamen und von da, Arm in Arm, in schweigendem Schauer, dem nahen Schlachtfelde zuschritten. Es fiel ein mit ganz kleinen Schneeflocken gemischter Nebel und die kahlen Äste der Bäume bogen sich unter dem schrill klagenden Pfeifen eines kalten Novemberwindes. Massen von Gräbern und Massengräber rings umher. Aber ein {Friedhof}? Nein. Da hatte man keine müden Lebenspilger zur Ruhe friedlich hingebettet, da wurden mitten in ihrem jugendlichen Lebensfeuer, in ihrer vollsten Manneskraft strotzende Zukunftsanwärter gewaltsam niedergeworfen und mit Grabeserde überschaufelt. Verschüttet, erstickt, auf ewig stumm gemacht — alle die brechenden Herzen, die blutig zerfetzten Glieder, die bitterlich weinenden Augen — die wilden Verzweiflungsschreie, die vergeblichen Gebete … Einsam war es auf diesem Kriegsacker nicht. Viele, Viele hatte der Allerseelentag hierhergebracht — aus Freundes- und aus Feindesland — welche gekommen waren, auf der Stätte niederzuknieen, wo ihr Liebstes gefallen. Schon der Zug, mit dem wir gekommen, war mit anderen Trauernden gefüllt gewesen — und so hatte ich schon mehrere Stunden lang um mich jammern und klagen gehört. „Drei Söhne — drei Söhne … einer schöner und besser und lieber als der andere — habe ich bei Sadowa verloren!“ erzählte uns ein ganz gebrochen aussehender alter Mann. Noch mehrere andere der Wagengenossen mischten ihre Klagen dazu: um den Bruder, den Gatten, den Vater. — Aber von allen diesen hat mir keiner solchen Eindruck gemacht, wie das thränenlose, dumpfe „Drei Söhne, drei Söhne!“ des armen Alten. Auf dem Felde selbst sah man von allen Seiten, auf allen Wegen schwarze Gestalten, gehen, oder knien — oder mühsam weiter schwanken, mitunter laut aufschluchzend zusammenbrechen. Es waren nur wenig Einzelgräber da, nur wenig inschrifttragende Kreuze oder Steine. Wir bückten uns und entzifferten, so gut das Dämmerlicht es noch gestattete, einige Namen. Major von Reuß vom 2. preußischen Garderegiment. „Vielleicht ein Verwandter vom Bräutigam unserer armen Rosa,“ bemerkte ich. Graf Grünne — Verwundet 3. Juli — gestorben 5. Juli … Was mag er in den zwei Tagen gelitten haben! … Ob das wohl ein Sohn des Grafen Grünne war, der vor dem Krieg den bekannten Satz geäußert: „Mit nassen Fetzen werden wir die Preußen verjagen?“ Ach wie wahnwitzig und frevlerisch, wie schrill mißtönig klingt doch jedes vor dem Kriege gesprochene Aufreizungswort, wenn man sich’s an {solcher} Stelle wiederholt! Worte: — weiter nichts — Prahlworte, Hohnworte, Drohworte — gesprochen, geschrieben und gedruckt — {die} nur haben dieses Feld bestellt … Wir gehen weiter. Überall mehr oder minder hohe, mehr oder minder breite Erdhügel … auch da, wo der Boden nicht erhaben ist, auch unter unseren Füßen modern vielleicht Soldatenleichen — — — Immer dichter rieselt der Nebel: „Friedrich — setze doch Deinen Hut auf: Du wirst Dich erkälten.“ Friedrich aber blieb unbedeckt — und ich wiederholte meine Mahnung kein zweites Mal. Unter den Leidtragenden, die hier umher wandelten, befanden sich auch viele Offiziere und Soldaten; wahrscheinlich solche, die den heißen Tag von Königgrätz selber mitgemacht und jetzt an die Stelle gepilgert waren, wo ihre gefallenen Kameraden ruhten. Jetzt waren wir an den Platz gelangt, wo die meisten Krieger — Freund und Feind nebeneinander — begraben lagen. Der Platz war — wie ein Kirchhof — umfriedigt. Hierher strömte die größte Anzahl der Trauernden, den auf dieser Stelle war es am wahrscheinlichsten, daß die von ihnen Beweinten da begraben seien. An dieser Umfriedigung knieten und schluchzten die Beraubten, hier hingen sie ihre Kränze und ihre Grablaternen auf. Ein großer, schlanker Mann, von vornehmer jugendlicher Gestalt, in einen Generalsmantel gehüllt, kam auf den Tumulus zu. Die Anderen wichen von der Stelle ehrerbietig zurück und ich hörte einige Stimmen flüstern: „Der Kaiser …“ Ja, es war Franz Joseph. Der Landesherr, der oberste Kriegsherr war es, der da am Allerseelentag gekommen war, für seine toten Landeskinder, für seine gefallenen Krieger ein stilles Gebet zu verrichten. Auch er stand unbedeckten, gebeugten Hauptes da, in schmerzerfüllter Ehrerbietung von der Majestät des Todes. Lange, lange blieb er unbeweglich. — Ich konnte mein Auge nicht von ihm wenden. Was mochten für Gedanken durch seine Seele ziehen — was für Gefühle durch sein Herz, welches doch — das wußte ich — ein gutes und ein weiches Herz war? Es überkam mich, als könnte ich ihm nachfühlen, als könnte ich gleichzeitig mit ihm die Gedanken denken, die seinen gesenkten Kopf durchkreuzten: … Ihr, meine armen Tapferen … gestorben … und wofür? … Wir haben ja nicht gesiegt … mein Venedig! Verloren … so Vieles, so Vieles verloren … auch euer junges Leben … Und ihr habt es so opfermutig hergegeben … für mich … O könnte ich es euch zurückgeben! Ich, für mich, habe ja das Opfer nicht begehrt — für euch, für euer Land, ihr meine Landeskinder, seid ihr in diesen Krieg geführt worden … Und nicht durch mich … wenn es auch auf meinen Befehl geschehen — hab’ ich denn nicht befehlen {müssen}? Nicht meinetwillen sind die Unterthanen da — nein, ihretwillen bin ich auf den Thron berufen … und jede Stunde wäre ich bereit, für meines Volkes Wohl zu sterben … O, hätte ich meinem Herzensdrang gefolgt und nimmer „ja“ gesagt, wenn sie Alle um mich herum riefen: „Krieg, Krieg!“ … Doch — konnte ich mich widersetzen? Gott ist mein Zeuge, ich konnte nicht … Was mich drängte, was mich zwang — ich weiß es selbst nicht mehr genau — nur so viel weiß ich — es war ein unwiderstehlicher Druck von außen — von euch selber, ihr toten Soldaten … O wie traurig, traurig, traurig — was habt ihr nicht Alles gelitten und jetzt liegt ihr hier und auf anderen Wahlstätten — von Kartätschen und Säbelhieben, von Cholera und Typhus hingerafft … O hätte ich „nein“ sagen können … du hast mich darum gebeten, Elisabeth … O {hätte} ich’s gesagt! Der Gedanke ist unerträglich, daß … ach, es ist eine elende, unvollkommene Welt … zu viel, {zu} viel des Jammers! … Immer noch, während ich so für ihn dachte, haftete mein Auge an seinen Zügen, und jetzt — ja es war „zu viel, zu viel des Jammers“ — jetzt bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und brach in heftiges Weinen aus. So geschehen am Allerseelentag 1866 auf dem Totenfelde von Sadowa. 71. Fünftes Buch. Friedenszeit. // 1. Abschnitt