Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 69. Viertes Buch. 1866. // 24. Abschnitt Das war die Cholerawoche von Grumitz! In einem Zeitraum von sieben Tagen zehn Bewohner des Schlosses dahingerafft: Mein Vater, Lilli, Rosa, Otto, meine Jungfer Netti, die Köchin, der Kutscher und zwei Stalljungen. Im Dorfe starben in derselben Zeit über achtzig Personen. Wenn man das so trocken hersagt, klingt es wie eine beachtenswerte statistische Notiz; wenn es in einem erzählenden Buche steht — wie ein übertreibendes Phantasiespiel des Autors. Aber es ist weder so trocken wie das Eine, noch so schauerromantisch, wie das Andere, es ist kalte, greifbare trauerreiche Wirklichkeit. Nicht Grumitz allein war in unserer Gegend so hart mitgenommen worden. Wer in den Annalen der nachbarlichen Ortschaften und Schlösser, nachblättern will, könnte daselbst viele ähnliche Fälle von Massenunglück finden. Da ist zum Beispiele — in der Nähe des Städtchens Horn — das Schloß Stockern. Von der Familie, die es bewohnte, sind in der Zeit vom 9. bis 13. August 1866, gleichfalls nach Abmarsch der preußischen Einquartierung, vier Mitglieder — der zwanzigjährige Rudolf, dessen Schwestern Emilie und Bertha, Onkel Candid — und außerdem fünf Personen Dienerschaft — der Seuche erlegen. Die jüngste Tochter, Pauline von Engelshofen, blieb verschont. Dieselbe hat sich in der Folge mit einem Baron Suttner vermählt — auch sie erzählt heute noch mit Schaudern von der Cholerawoche in Stockern. Es war damals eine solche Trauer- und Sterberesignation über mich gekommen, daß ich stündlich erwartete, der Tod — in dessen Zeichen das Land seit zwei Monaten stand — werde nun mich selber und meine anderen Lieben dahinraffen. Mein Friedrich — mein Rudolf: ich beweinte sie schon im voraus. — Bei alledem, mitten in meinem Harme, hatte ich doch süße Augenblicke. Das war, wenn ich an meines Gatten Brust gelehnt, von ihm liebend umschlungen, mein Leid an seinem treuen Herzen ausweinen durfte. Wie sanft er da — nicht Trost-, aber Worte des Mitschmerzes und der Liebe zu mir sprach, es wurde mir dabei so warm und weit ums eigene Herz … Nein, die Welt ist nicht so schlecht — mußte ich unwillkürlich denken — die Welt ist nicht ganz Jammer und Grausamkeit: es lebt in ihr das Mitleid und die Liebe … freilich erst in einzelnen Seelen, nicht als allgültiges Gesetz und als obwaltender Normalzustand — aber doch {vorhanden0; und so wie diese Regungen uns zwei durchglühen, mit ihrer milden Rührung selbst diese Schmerzenszeit versüßend — so wie sie noch in vielen anderen, ja in den {meisten} Seelen wohnen, so werden sie einst zum Durchbruch gelangen und das allgemeine Verlangen der Menschenfamilie beherrschen: die Zukunft gehört der Güte. * * * Wir verbrachten den Rest des Sommers in der Nähe von Genf. Es war Doktor Bressers Überredungskunst doch gelungen, uns zur Flucht aus der verseuchten Gegend zu bewegen. Anfangs sträubte ich mich dagegen, die Gräber der Meinen so rasch zu verlassen und war überhaupt, wie gesagt, von solcher Todesergebung erfüllt, daß ich ganz apathisch geworden und jeden Fluchtversuch für unnütz hielt; — aber schließlich mußte Bresser dennoch siegen, als er mir vorhielt, daß es meine Mutterpflicht sei, den kleinen Rudolf so gut wie möglich der Gefahr zu entreißen. Daß wir als Zufluchtsort die Schweiz gewählt, geschah auf Friedrichs Wunsch. Er wollte sich mit den Männern bekannt machen, welche das „Rote Kreuz“ ins Leben gerufen und an Ort und Stelle über den Verlauf der stattgehabten Konferenzen, so wie über die weiteren Ziele der Konvention sich unterrichten. Seinen Abschied vom Militärdienst hatte Friedrich eingereicht, und vorläufig, bis zur Erledigung des Gesuches, einen halbjährigen Urlaub erhalten. Ich war nun reich geworden, sehr reich. Der Tod meines Vaters und meiner drei Geschwister hatte mich in den Besitz von Grumitz und des sämtlichen Familienvermögens gesetzt. „Sieh her,“ sagte ich zu Friedrich, als mir vom Notar die Besitzdokumente übermittelt wurden. „Was würdest Du dazu sagen, wenn ich den stattgehabten Krieg nun preisen wollte, wegen dieses durch seine Folgen mir zugefallenen Vorteils?“ „Dann wärst Du meine Martha nicht! Doch — ich verstehe, was Du sagen willst. Der herzlose Egoismus, der sich über materiellen Gewinn zu freuen vermag, welcher aus dem Verderben Anderer sproßt — diese Regung, die der Einzelne, wenn er wirklich niedrig genug ist, sie zu fühlen, doch sorgfältig zu verbergen trachtet — zu der bekennen sich stolz und offen Nationen und Dynastien: Tausende sind unter unsäglichem Leid zu Grunde gegangen — aber wir haben dadurch an Territorium, an Macht gewonnen: dem Himmel sei Preis und Dank für den glücklichen Krieg.“ Wir lebten sehr still und zurückgezogen in einer kleinen, am Ufer des Sees gelegenen Villa. Ich war von den durchgemachten Ereignissen so gedrückt, daß ich durchaus mit keinem fremden Menschen Umgang haben wollte. Friedrich respektierte meine Trauer und versuchte gar nicht, das banale Mittel „Zerstreuung“ dagegen vorzuschlagen. Ich war es den Grumitzer Gräbern schuldig — das sah mein zartfühlender Gatte wohl ein — ihnen eine Zeit lang in aller Stille nachzuweinen. Die der schönen Welt so rasch und grausam Entrissenen sollten nicht auch noch der Erinnerungsstätte, die sie in meinem trauernden Herzen hatten, ebenso rasch und kalt beraubt werden. Friedrich selber ging oft in die Stadt, um dort den Zweck seines hiesigen Aufenthaltes, das Studium der Rote-Kreuz-Frage zu betreiben. Von den Ergebnissen dieses Studiums habe ich keine klare Erinnerung mehr; ich führte damals kein Tagebuch, und so ist mir meist wieder entfallen, was mir Friedrich von seinen betreffenden Erfahrungen mitteilte. Nur eines Eindruckes erinnere ich mich deutlich, den mir die ganze Umgebung machte: die Ruhe, die Unbefangenheit, die heitere Geschäftigkeit aller Leute, die ich zufällig sah — als lebte man mitten in friedlichster, gemütlichster Zeit. Fast nirgends ein Echo von dem stattgehabten Krieg, höchstens in anekdotischem Tone, wie wenn derselbe ein interessantes Ereignis mehr abgegeben hätte — weiter nichts — das neben dem übrigen Europaklatsch vorteilhaft Gesprächsstoff lieferte; — als hätte das grausige Kanonendonnern auf den böhmischen Schlachtfeldern nichts Tragischeres an sich, als eine neue Wagnersche Oper. Das Ding gehörte nunmehr der Geschichte an, hatte einige Landkarten-Umänderungen zur Folge — aber dessen Schauerlichkeit war aus dem Bewußtsein geschwunden — in das der Unbeteiligte vielleicht niemals gedrungen … vergessen, verschmerzt, verwischt. Ebenso die Zeitungen — ich las zumeist französische Blätter: — alles Interesse auf die für 1867 sich vorbereitende pariser Weltausstellung, auf die Hoffeste in Compiègne, auf litterarische Persönlichkeiten (es tauchten ein paar neue vielbestrittene Talente auf: Flaubert, Zola), auf Theaterereignisse: eine neue Oper von Gounod — eine von Offenbach der Hortense Schneider zugedachte Glanzrolle u. dgl. gerichtet. Das kleine pikante Duell, welches die Preußen und Österreicher [là-bas en Bohème] ausgefochten, das war schon eine etwas verjährte Angelegenheit … O, was drei Monate zurückliegt oder dreißig Meilen entfernt ist, was nicht im Bereich des Jetzt und des Hier sich abspielt, dort reichen die kurzen Fühlhörnchen des menschlichen Herzens und des menschlichen Gedächtnisses nicht hin. Gegen Mitte Oktober verließen wir die Schweiz. Wir begaben uns nach Wien zurück, wo die Abwickelung der Verlassenschaftsangelegenheiten meine Anwesenheit erheischte. Nach Erledigung dieser Geschäfte beabsichtigten wir, uns auf längere Zeit in Paris niederzulassen. Friedrich führte im Sinn, der Idee der Friedensliga nach Kräften die Wege zu ebnen, und er war der Ansicht, daß die bevorstehende Weltausstellung die beste Gelegenheit biete, einen Kongreß der Friedensfreunde zu veranstalten; auch hielt er Paris für den geeignetsten Ort, eine internationale Sache wirksam zu vertreten. „Das Kriegshandwerk habe ich niedergelegt,“ sagte er, „und zwar habe ich das aus einer im Kriege selber gewonnenen Überzeugung gethan. Für diese Überzeugung nun will ich wirken. Ich trete in den Dienst der Friedensarmee. Freilich noch ein ganz kleines Heer, dessen Streiter keine andere Wehr und Waffen haben, als den Rechtsgedanken und die Menschenliebe. Doch Alles, was in der Folge groß geworden, hat klein und unscheinbar begonnen. „Ach,“ seufzte ich dagegen, „es ist ein hoffnungsloses Beginnen. Was willst Du — Einzelner — erreichen, gegen jenes mächtige, jahrtausendalte, von Millionen Menschen verteidigte Bollwerk?“ „Erreichen? Ich? … Wahrlich, so unvernünftig bin ich nicht, zu hoffen, daß ich persönlich eine Umgestaltung herbeiführen werde. Ich sagte ja nur, daß ich in die {Reihen} der Friedensarmee eintreten wolle. Habe ich etwa, als ich im Kriegsheer stand, gehofft, daß {ich} das Vaterland retten, daß {ich} eine Provinz erobern würde? Nein, der Einzelne kann nur {dienen}. Mehr noch; er muß dienen. Wer von einer Sache durchglüht ist, der kann nicht anders als für sie wirken, als für sie sein Leben einsetzen — wenn er auch weiß, wie wenig dieses Leben an und für sich zum Siege beitragen kann. Er dient, weil er muß: nicht nur der Staat — auch die eigene Überzeugung, wenn sie begeistert ist, legt eine Wehrpflicht auf.“ „Du hast recht. Und wenn endlich Millionen Begeisterter dieser Wehrpflicht genügen, dann muß jenes von seinen Verteidigern verlassene, jahrtausendalte Bollwerk auch zusammenfallen.“ Von Wien aus machte ich eine Pilgerfahrt nach Grumitz — dessen Herrin ich nun geworden. Doch ich betrat gar nicht das Schloß. Nur auf dem Friedhof legte ich vier Kränze nieder und fuhr wieder zurück. Nachdem meine wichtigsten Geschäfte geordnet waren, schlug Friedrich eine kleine Reise nach Berlin vor, um der beklagenswerten Tante Kornelie einen Besuch zu machen. Ich willigte ein. Für die Dauer unserer Abwesenheit übergab ich meinen kleinen Sohn der Aufsicht Tante Mariens. Letztere war durch die Ereignisse der Grumitzer Cholerawoche unbeschreiblich niedergedrückt. Ihre ganze Liebe, ihr ganzes Lebensinteresse übertrug sie jetzt auf meinen kleinen Rudolf. Ich hoffte auch, daß es sie ein wenig zerstreuen und aufrichten werde, das Kind eine Zeit lang bei sich zu haben. Am 1. November verließen wir Wien. In Prag unterbrachen wir unsere Reise, um zu übernachten. Tags darauf, statt die Reise nach Berlin fortzusetzen, machten wir eine neue Pilgerfahrt. „Allerseelentag!“ sagte ich, als mein Blick auf das Datum eines mit dem Frühstück in unser Hotelzimmer gebrachten Zeitungsblattes fiel. „Allerseelen“ — wiederholte Friedrich. „Wieviel arme Tote hier auf den nahen Schlachtfeldern, denen nicht einmal dieser Gräber-Ehrentag zu gute kommt — weil sie keine Gräber haben … Wer wird sie besuchen?“ Ich sah ihn eine Weile schweigend an. Dann halblaut: „Willst Du?“ Er nickte. Wir hatten uns verstanden, und eine Stunde später waren wir auf dem Weg nach Chlum und Königgrätz. 70. Viertes Buch. 1866. // 25. Abschnitt