Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 65. Viertes Buch. 1866. // 20. Abschnitt In der Umgebung waren überall Preußen einquartiert, und jetzt sollte auch Grumitz an die Reihe kommen. Obgleich der Waffenstillstand schon in Kraft und der Friede beinahe gesichert war, so hegte die Bevölkerung noch allgemein Angst und Mißtrauen. Die Idee, daß die Pickelhauben-Tiger sie zerreißen würden, wenn sie könnten, war den Leuten nicht so leicht wegzunehmen; die drei Handschläge von Nikolsburg hatten die Wirkung der drei Handschläge der Kriegserklärung noch nicht aufzuheben vermocht, und nicht ausgereicht, um dem Landvolk in den „Preußen“ wieder Menschenbrüder sehen zu machen. Der bloße Namen des gegnerischen Volkes bekommt zu Kriegszeiten eine ganze Schar von hassenswerten Nebenbedeutungen — ist nicht mehr der Gattungsname einer augenblicklich bekriegten Nation, es wird synonym mit „Feind“ und faßt allen Abscheu in sich, den dieses Wort ausdrückt. So geschah es, daß die Leute in der Gegend zitterten, wie vor einbrechenden Wölfen, wenn ein preußischer Quartiermeister daher kam, um Unterkunft für einen Truppenteil zu schaffen. Bei manchen äußerte sich neben der Furcht auch der Haß, und diese wähnten, eine patriotische Pflicht zu erfüllen, wenn sie einem Preußen ’was zu leide thaten — wenn sie aus einem Versteck heraus dem „Feind“ eine Flintenkugel sandten. Es war dies öfters vorgekommen, und wenn man den Schuldigen faßte, wurde er ohne viel Umstände hingerichtet. Diese Beispiele bewirkten, daß die Leute ihren Haß verbissen und die einquartierten Soldaten ohne Widerstand aufnahmen. Dann gewahrten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen, daß der „Feind“ eigentlich aus lauter gutmütigen, freundlichen und ehrlich zahlenden Mitmenschen bestand. Eines Morgens — es war in den ersten Tagen des August — saß ich im Erker des Bibliothekzimmers und schaute durch die offenen Fenster hinaus. Von hier hatte man einen weiten Fernblick über die Gegend. Mir war’s, als sähe ich von weitem einen Reitertrupp, der sich auf der Landstraße nach unserer Richtung bewegte. „Preußische Einquartierung“, war mein erster Gedanke. Ich setzte ein im Erker stehendes Fernrohr zurecht und schaute nach dem betreffenden Punkt. Richtig: eine Gruppe von ungefähr zehn Reitern mit wehenden schwarz-weißen Fähnlein an den Lanzenspitzen. Darunter ein Fußgeher — im Jagdanzug. Warum ging der so zwischen den Pferden? … Ein Gefangener? … Das Glas war nicht scharf genug — ich konnte nicht erkennen, ob der vermeintliche Gefangene nicht etwa einer unserer Forstbeamten war. Doch es hieß, die Schloßbewohner von dem kommenden Verhängnis in Kenntnis setzen. Ich verließ eilig das Bibliothekzimmer, um meinen Vater und Tante Marie aufzusuchen. Ich fand sie beide im Salon: „Die Preußen kommen, die Preußen kommen!“ meldete ich atemlos. Man ist immer froh, eine wichtige Nachricht als erster mitteilen zu können. „Hol’ sie der Teufel,“ war meines Vaters wenig gastliche Äußerung, während Tante Marie das Richtige traf, indem sie sagte: „Ich will sogleich der Frau Walter Befehle zu den nötigen Vorbereitungen geben.“ „Und wo ist Otto?“ fragte ich. „Den muß man benachrichtigen und ihn warnen, daß er nicht etwa seinen Preußenhaß leuchten lasse … daß er mit den Gästen nicht unhöflich sei.“ „Otto ist nicht zu Hause,“ antwortete mein Vater, „er ist heute früh auf Rebhühner ausgegangen. Du hättest ihn sehen sollen, wie Schmuck ihm der Jagdanzug steht … das wird ein prächtiger Bursch — an dem hab’ ich meine Freude.“ Indessen wurde es im Hause laut; man hörte hastige Schritte und aufgeregte Stimmen. „Sie kommen schon, die Windbeutel!“ seufzte mein Vater. Die Thür wurde aufgerissen und Franz, der Kammerdiener, stürzte herein: „Die Preußen, die Preußen!“ rief er in dem Tone, wie man „Feuer, Feuer!“ ruft. „Die werden uns nicht fressen,“ bemerkte mein Vater mürrisch. „Aber sie bringen einen mit,“ fuhr der Mann mit zitternder Stimme fort, „einen Grumitzer — ich weiß nicht wer — der auf sie geschossen hat — und wer soll auf solches Pack nicht gern schießen? … aber der ist verloren.“ — Jetzt vernahm man den Laut von Pferdegetrampel mit Stimmengewirr vermengt. Wir traten auf den Flur und schauten durch die nach dem Hof gehenden Fenster. Soeben kamen die Ulanen hereingeritten und in ihrer Mitte — mit trotzigem, bleichem Gesicht — Otto, mein Bruder. Der Vater stieß einen Schrei aus und eilte die Treppe hinab. Mir stand das Herz still. Was da bevorstand, war entsetzlich. Wenn Otto wirklich auf die preußischen Soldaten geschossen hatte — und das sah ihm sehr ähnlich — … ich vermochte den Fall gar nicht auszudenken … Dem Vater nachzugehen, fehlte mir der Mut. Trost und Beistand in allen Kümmernissen suchte ich stets nur bei Friedrich. Also raffte ich mich auf, um mich in Friedrichs Zimmer zu begeben. Ehe ich jedoch dahin gelangte, kam mein Vater wieder zurück, und Otto hinter ihm. An ihren Mienen sah ich, daß die Gefahr vorüber war. Das Verhör hatte folgendes ergeben: der Schuß war zufällig losgegangen. Als die Ulanen herangeritten kamen, wollte Otto sie von der Nähe sehen; er lief querfeldein, stolperte, fiel am Straßengraben nieder und dabei entlud sich sein Gewehr. Im ersten Augenblick war die Aussage des jungen Jägers von den Leuten bezweifelt worden; sie nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn als ihren Gefangenen in das Schloß. Als sich aber herausstellte, daß der Jüngling der Sohn des General Althaus und selber ein Militärzögling sei, ließen sie seine Rechtfertigung gelten. „Der Sohn eines Soldaten und selber angehender Soldat, wird auf gegnerische Soldaten wohl im ehrlichen Kampfe, nicht aber zur Zeit der Waffenruhe und nicht meuchlings schießen.“ Auf diese Worte meines Vaters hin, hatte der preußische Unteroffizier den jungen Menschen frei gegeben. „Und bist Du wirklich unschuldig?“ fragte ich Otto „bei Deinem Preußenhaß würde es mich nicht wundern, wenn —“ Er schüttelte den Kopf: „Ich werde hoffentlich im Leben noch genug Gelegenheit haben,“ antwortete er, „ein paar solchen draufzuschießen — aber nicht aus dem Hinterhalte — nicht, ohne auch {meine} Brust ihren Kugeln auszusetzen.“ „Brav, mein Junge!“ rief mein Vater, von diesen Worten entzückt. Ich konnte das Entzücken nicht teilen. Alle diese Phrasen, in welchen mit dem {Leben} — dem der anderen und dem eigenen — so geringschätzig und prahlerisch herumgeworfen wird, haben mir einen widerlichen Klang. Doch war ich von Herzen froh, daß die Sache so abgelaufen. Wie entsetzlich wäre es doch für meinen armen Vater gewesen, wenn diese Leute den vermeintlichen Missethäter ohne weitere Umstände gleich abgestraft hätten. Da würde der unselige Krieg, von dem unser Haus bisher verschont geblieben, es doch noch ins Unglück gestürzt haben … Die betreffende Abteilung war richtig gekommen, Quartier zu machen. Schloß Grumitz war ausersehen, zwei Oberste und sechs Offiziere des preußischen Heeres zu beherbergen. Im Dorfe sollte die Mannschaft untergebracht werden. Zwei Mann wurden im Schloßhof als Wache aufgestellt. Ein paar Stunden nach den Quartiermachern zogen die unfreiwilligen und ungeladenen Gäste schon bei uns ein. Wir waren seit mehreren Tagen auf den Fall vorbereitet gewesen und Frau Walter hatte dafür gesorgt, daß alle Gastzimmer und -Betten bereit standen. Auch der Koch hatte genügende Vorräte herbeigeschafft und der Keller barg eine erkleckliche Anzahl voller Fässer und alten Flaschen: den Herren Preußen sollte es bei uns an nichts fehlen. 66. Viertes Buch. 1866. // 21. Abschnitt