Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 64. Viertes Buch. 1866. // 19. Abschnitt „Ich komme morgen 1 Uhr nach Grumitz, Konrad.“ Den Jubel kann man sich vorstellen, den diese Depesche bei Lilli hervorrief. So entzückt und freudig wird wohl kein anderer Ankömmling empfangen, wie einer, der aus dem Kriege heimkehrt. Freilich war es in diesem Falle nicht auch, wie es in den betreffenden Balladen und Kupferstichen am liebsten dargestellt wird: „die Heimkehr des {Siegers}“; aber die menschlichen Gefühle der liebenden Braut ließen sich von den patriotischen nicht beeinträchtigen, und hätte Vetter Konrad die Stadt Berlin „genommen“ — ich glaube, es hätte dies die Herzlichkeit von Lillis Empfang nicht zu steigern vermocht. Ihm natürlich wäre es lieber gewesen, wenn er mit siegenden Truppen heimgekehrt wäre; wenn er dazu beigetragen hätte, seinem Kaiser die Provinz Schlesien zu erobern. Indessen: überhaupt sich geschlagen zu haben ist ja für den Soldaten schon eine Ehre, auch wenn er der Geschlagene — ja sogar der Gefallene ist; Letzteres ist ganz besonders rühmlich. So erzählte Otto, daß in der Wien-Neustädter Akademie auf einer Ehrentafel die Namen aller jener Zöglinge eingetragen sind, welchen der Vorzug zu teil wurde, vor dem Feinde zu bleiben. [„Tué à l’ennemi“], sagt man in Frankreich, und es ist dies dort zu Lande — wie überall — eine, besonders bei den Ahnen, sehr geschätzte Eigenschaft. Je mehr man in seiner Familie Vorfahren aufweisen kann, die in Schlachten — gleichviel ob gewonnenen oder verlorenen — ihr Leben gelassen haben, desto stolzer ist der Enkel darauf, desto mehr Wert kann er auf seinen Namen, desto weniger Wert darf er auf sein Leben legen. Um sich getöteter Ahnen würdig zu zeigen, muß man an der Töterei — an der aktiven und passiven — seine helle Freude haben. Nun, desto besser, daß, so lange es Kriege gibt, doch auch Leute vorkommen, welche darin Erhebung, Begeisterung, ja sogar Genuß finden. Die Zahl solcher Leute wird jedoch täglich geringer, während die Zahl der Soldaten täglich größer wird … wohin muß das endlich führen? {Zur Unerträglichkeit.} Und wohin führt diese? So weit dachte Konrad nicht. Seine Auffassung stimmte noch vortrefflich zu der bekannten Lieutenantsarie aus der weißen Dame: „Ha, welche Lust, Soldat zu sein, ha, welche Lust …“ Wenn man ihn reden hörte, konnte man ihn förmlich um die Expedition beneiden, welche er eben mitgemacht. Mein Bruder Otto war auch von solchem Neide ganz erfüllt. Dieser aus der Blut- und Feuertaufe zurückgekehrte Krieger, der in seiner Husarenuniform von jeher schon so ritterlich ausgesehen und jetzt auch noch mit einer ehrenvollen Schramme über das Kinn geziert war, der mitten im Kugelregen dringewesen, der vielleicht so manchem Feind den Garaus gegeben — der erschien ihm jetzt von einem heldenhaften Nimbus umstrahlt. „Es war keine glückliche Campagne, das muß ich zugeben,“ sprach Konrad, „dennoch habe ich ein paar herrliche Erinnerungen davon mitgebracht.“ „Erzähle, erzähle,“ drängten Lilli und Otto. „Ich kann da nicht viel Einzelheiten erzählen — das Ganze liegt hinter mir wie ein Taumel … das Pulver steigt einem ganz sonderbar zu Kopfe. Eigentlich beginnt der Rausch oder das Fieber — das kriegerische Feuer mit einem Wort — schon beim Abmarsch. Zwar ist der Abschied vom Liebchen schwer gefallen — es war das eine Stunde, welche das Herz mit weichem Weh erfüllte — aber wenn man einmal draußen ist, mit den Kameraden, dann heißt es: jetzt wird an die höchste Aufgabe gegangen, welche das Leben an den Mann stellen kann, nämlich das geliebte Vaterland verteidigen … Als dann die Spielleute den Radetzky-Marsch intonierten und die seidenen Falten der Fahnen im Winde flatterten: ich muß gestehen, in diesem Augenblick hätt’ ich nicht umkehren mögen — auch in den Arm der Liebe nicht … Da fühlte ich, daß ich dieser Liebe nur dann würdig wäre, wenn ich da draußen an der Seite der Brüder meine Pflicht gethan … Daß wir zum Siege marschierten, bezweifelten wir nicht. Was wußten wir von den abscheulichen Spitzkugeln? Die allein waren an den Niederlagen schuld — ich sag’ euch, die schlugen in unsere Reihen ein wie Hagel … Und auch schlechte Führung hatten wir — der Benedek, ihr werdet sehen, wird noch vor ein Kriegsgericht gestellt … Attakieren hätten wir sollen … Wenn ich jemals Feldherr würde — meine Taktik wäre: angreifen, immer angreifen, „das Präveniere spielen“, ins feindliche Land einfallen … Das ist ja auch nur eine Art, und zwar die schwerere, der Verteidigung: „Muß es sein — komm zuvor, komm zuvor, // Im rücksichtslosen Angriff liegt der Sieg.“ sagt der Dichter. — Doch das gehört nicht hierher: mir hatte der Kaiser den Oberbefehl nicht übergeben, also bin ich auch an den taktischen Mißerfolgen unschuldig — die Generäle sollen sehen, wie sie sich mit ihrem obersten Kriegsherrn und wie mit ihrem eigenen Gewissen abfinden — wir Offiziere und Truppen haben unsere Pflicht gethan; es hieß sich schlagen, und wir haben uns geschlagen. Und das ist ein eigenes Hochgefühl … Schon die Erwartung, schon diese Spannung, wenn man auf den Feind stößt und wenn es heißt: jetzt geht es los … Dieses Bewußtsein, daß in dem Augenblicke ein Stück Weltgeschichte sich abspielt — und dann der Stolz, die Freude am eigenen Mut — rechts und links der Tod, der große, geheimnisvolle, dem man männlich trotzt —“ „Ganz wie der arme Gottfried Tessow“, murmelte Friedrich für sich … „nun ja — es ist ja dieselbe Schule —“ Konrad fuhr mit Eifer fort: „Das Herz schlägt höher, die Pulse fliegen, es erwacht — und das ist die eigentliche Verzückung — es erwacht die Kampflust, es lodert die Wut — der Feindeshaß — zugleich die brennendste Liebe für das bedrohte Vaterland, und das Voranstürmen, das Dreinhauen wird zur Wonne. Man fühlt sich in eine andere Welt versetzt, als die, in der man aufgewachsen, eine Welt, in der alle die gewohnten Gefühle und Anschauungen in ihr Gegenteil verwandelt worden sind: das Leben wird zum Plunder, Töten wird zur Pflicht. Die Ehre, das Heldentum, die großartigste Selbstaufopferung sind allein noch übrig, alle anderen Begriffe sind in dem Gewirre untergegangen. Dazu der Pulverdampf, das Kampfgeschrei … ich sage euch, es ist ein Zustand, der sich mit nichts Anderem vergleichen läßt. Höchstens kann einem dieses selbe Feuer auf der Tiger- oder Löwenjagd durchlodern, wenn man der wildgewordenen Bestie gegenübersteht und —“ „Ja“, unterbrach Friedrich, „der Kampf mit dem toddräuenden Feind, der heiße, sehnende und stolze Wunsch, ihn zu überwinden, erfüllt mit einer eigenen Wollust — [pardon], Tante Marie — wie ja alles, was das Leben erhält oder weitergibt, von der Natur durch Freudenlohn gesichert wird. So lange der Mensch von wilden — vier- und zweibeinigen — Angreifern bedroht war und sich nur durch Erlegung derselben das Leben fristen konnte, ward ihm der Kampf zur Wonne. Wenn uns Kulturmenschen im Kriege mitunter noch dieselbe Lust durchrieselt, so ist dies eine angeerbte Reminiscenz. Und damit jetzt, wo es in Europa weder Wilde noch Raubtiere gibt, uns jene Wonne nicht ganz entgehe, haben wir uns künstliche Angreifer geschaffen. Da heißt es: Paßt auf: ihr habt blaue Röcke und die dort drüben haben rote Röcke; sobald dreimal in die Hände geklatscht wird, verwandeln sich für euch die Rotröcke in Tiger, während für jene ihr Blauröcke zu wilden Bestien werdet. Also Achtung: Eins, zwei, drei — Sturm geblasen — Attake getrommelt — jetzt kann’s losgehen — freßt euch auf! — Und haben sich zehntausend, oder je nach dem gesteigerten Heeresstand, hunderttausend Kunsttiger unter gegenseitigem Kampfeswonne-Geheul bei Xdorf aufgefressen, so gibt das die „historisch“ zu werden bestimmte Xdorfer Schlacht; die Händeklatscher versammeln sich alsdann um einen grünen Kongreßtisch in Xstadt, regeln auf der Karte verschobene Grenzmarken, feilschen über Kontributionsbeträge, unterschreiben ein Papier, welches in die Geschichtsjahrbücher als der Xstädter Frieden eingetragen wird; klatschen abermals dreimal in die Hände und sagen den übriggebliebenen Rot- und Blaujacken: umarmt euch, Menschenbrüder! 65. Viertes Buch. 1866. // 20. Abschnitt