Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 52. Viertes Buch. 1866. // 7. Abschnitt Die bange Wartestunde war doch auch vorübergegangen. Den Röchelnden hatten sie fortgetragen. „Legt ihn dort auf die Bank,“ hörte ich den Regimentsarzt befehlen, „den da kann man nicht mehr ins Spital bringen — er ist schon dreiviertel tot.“ Und doch — diese Worte mußte er noch verstanden haben, der Dreiviertel-Tote, denn mit einer verzweiflungsvollen Gebärde hob er beide Arme zum Himmel. Jetzt saß ich im Waggon mit den beiden Ärzten und vier barmherzigen Schwestern. Es war erstickend heiß und der Raum war mit einem Duft von Hospital und Sakristei — Karbol und Weihrauch — erfüllt. Mir war unsäglich übel. Ich lehnte mich in meine Ecke zurück und schloß die Augen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Das ist so der Augenblick, wo jeder Reisende sich das Ziel vergegenwärtigt, dem er entgegengetragen wird. Öfters schon war ich auf dieser Strecke gefahren und da winkte mir die Ankunft in einem gästegefüllten Schlosse, in einem fröhlichen Badeorte — auch meine Hochzeitsreise — seliges Andenken — hatte ich auf diesem Weg gemacht, einem glänzenden und liebevollen Empfang in der Hauptstadt „Preußens“ (wie hatte letzteres Wort doch seither einen anderen Klang bekommen!) entgegen. — — Und heute? Was war heute unser Ziel? Ein Schlachtfeld und umliegende Lazarethe — die Stätten des Todes und der Leiden. Mir schauderte. „Gnädige Frau“, sagte einer der Ärzte — „ich glaube, Sie sind selber krank … Sie sehen so bleich und leidend aus.“ Ich blickte auf. Der Sprecher war eine sympathische, jugendliche Erscheinung. Vermutlich war dies die erste praktische Thätigkeit des kaum promovierten Mediziners. Schön von ihm, daß er seine ersten Dienste diesem gefahr- und beschwerdevollen Amte widmete! Ich fühlte mich diesen Menschen, die da neben mir im Waggon saßen, dankbar für die Linderung, welche sie den Leidenden zu bringen im Begriffe standen. Auch den opfermutigen, wirklich „barmherzigen“ Schwestern zollte ich im Herzen Bewunderung und Dank. Doch was brachte jeder dieser guten Menschen mit? {Ein Lot} Hilfe für tausend Zentner Not. Die tapferen Nonnen mußten wohl für {alle} Menschen jene überwindungskräftige Liebe im Herzen tragen, wie sie mich für meinen Mann erfüllte; so wie ich vorhin empfunden, daß, wenn der furchtbar entstellte und ekelerregende Soldat, der vor meinen Füßen röchelte, mein Gatte gewesen, aller Widerwille entschwunden wäre — so empfanden Jene wohl jedem Menschenbruder gegenüber, und zwar durch die Kraft einer höheren Liebe — diejenige zu ihrem erwählten Bräutigam Christus. Aber ach — auch davon brachten die Edeln nur ein Lot! Ein Lot Liebe dorthin, wo tausend Centner Haß gewütet … „Nein, Herr Doktor,“ antwortete ich auf die teilnehmende Anfrage des jungen Arztes, „ich bin nicht krank, nur ein wenig angegriffen.“ „Ihr Herr Gemahl, so sagte mir Baron S., sei bei Königgrätz verwundet worden und Sie reisen dahin, ihn zu pflegen,“ mischte sich der Stabsarzt in das Gespräch; „wissen Sie, in welcher der umgebenden Ortschaften er liegt?“ Das wußte ich nicht. „Mein Ziel ist Königinhof,“ antwortete ich; „dort erwartet mich mein befreundeter Arzt, Doktor Bresser —“ „Den kenne ich … er war an meiner Seite, als wir vor drei Tagen das Schlachtfeld absuchten.“ „Das Schlachtfeld absuchten“ … wiederholte ich schaudernd — „erzählen Sie —“ „Ja, ja, Herr Doktor, erzählen Sie!“ bat eine der Nonnen, „unser Dienst kann uns auch in die Lage bringen, bei solchem Suchen mitzuhelfen.“ Und der Regimentsarzt erzählte. Den Wortlaut seiner Schilderungen kann ich natürlich nicht mehr wiedergeben; auch sprach er nicht in einem Flusse, sondern mit häufigen Unterbrechungen, und gleichsam widerstrebend, nur durch die hartnäckigen Fragen, mit welchen die wißbegierigen Nonnen und ich ihn bestürmten, zum Sprechen gezwungen. Die abgerissenen Erzählungen riefen jedoch eine geschlossene Reihe von Bildern vor mein inneres Auge, die sich dem Gedächtnis so lebhaft eingeprägt haben, daß ich dieselben noch heute an mir vorüberziehen lassen kann. Unter anderen Umständen hätte ich des Doktors Schilderungen nicht so deutlich erfaßt und behalten — man vergißt ja Gehörtes und Gelesenes so leicht — aber das Erzählte machte mir damals fast den Eindruck von Miterlebtem. Ich war in einem Zustand hochgradiger Nervenanspannung und Erregtheit; der fixe Gedanke an Friedrich, der sich meiner bemächtigt hatte, bewirkte, daß ich bei jeder der geschilderten Scenen mir Friedrich als beteiligte Person vorstellte, und so sind sie mir wie selber durchgemachte schmerzliche Erfahrungen im Geiste haften geblieben. In der Folge habe ich die von dem Regimentsarzt mitgeteilten Ereignisse in die roten Hefte eingetragen — so, als hätten sie sich vor meinen eigenen Augen abgespielt. * * * Die Ambulance ist hinter einem schützenden Hügelrücken aufgerichtet worden. Drüben tobt die Schlacht. Der Boden zittert und es zittert die glühende Luft; Dampfwolken steigen auf, die Geschütze brüllen … Jetzt heißt es, Patrouillen ausschicken, welche sich auf die Kampfplätze begeben, um die Schwerverwundeten aufzulesen und hierherzubringen. Gibt es etwas heldenhafteres, als solchen Gang mitten in den summenden Kugelregen hinein, an allen Schrecken des Kampfes vorüber, allen Gefahren des Kampfes ausgesetzt — ohne selber dessen wildem Rausche sich hingeben zu dürfen? Rühmlich ist dieses Amt — nach Kriegsbegriffen — nicht. „Bei der Sanität“ — da dient doch kein fescher, strammer, schneidiger Junge — da verdreht doch Keiner die Köpfe der Mädchen. Und „Feldscheer“ — wenn der auch heute nicht mehr so — sondern „Regimentsarzt“ heißt, der kann sich doch mit keinem Kavallerielieutenant messen?“ … Der Sanitätskorporal kommandiert seine Leute nach einer Niederung, gegen welche eine Batterie ihr Feuer eröffnet hat. Sie gehen durch den grauen Schleier des Pulverdampfes, und Staub und Erde, da, wo eine Kugel zu ihren Füßen einschlägt, wirbelt vor ihnen auf. Sie sind nur wenige Schritte gegangen, so begegnen sie schon Verwundeten — leichter Verwundeten, die sich entweder einzeln oder paarweise, einander gegenseitig unterstützend, zur Ambulance schleppen. Einer fällt zusammen. Es ist aber nicht seine Wunde, die ihm die Kraft gebrochen — es ist Erschöpfung. „Wir haben zwei Tage nichts gegessen — machten einen forcierten Marsch von zwölf Stunden … kamen ins Bivouak … zwei Stunden darauf Alarm und die Schlacht“ … Die Patrouille geht weiter. Diese Leute finden selber ihren Weg und können den zusammengebrochenen Kameraden mitnehmen. Die Hilfe muß Anderen, noch Hilfsbedürftigeren aufgespart werden. Auf dem Steingerölle eines Hügelabhanges liegt ein blutiger Knäuel. Es sind ein Dutzend Soldaten. Der Sanitätsunteroffizier bleibt stehen und legt ein paar Verbände an. Aber mitgenommen werden diese Verwundeten nicht; erst müssen die geholt werden, die mitten auf dem Gefechtsfelde fielen — vielleicht kann man diese hier beim Rückgang auflesen … Und wieder geht die Patrouille weiter, dem Kampfplatz näher. In immer dichteren Scharen wanken Verwundete heran, sich selber oder einander mühsam fortschleppend. Das sind solche, die doch noch gehen können. Unter sie wird der Inhalt der Feldflaschen verteilt, man legt ihnen eine Binde auf quellende Wunden und weist ihnen den Weg nach der Ambulance. Und wieder geht es weiter. An Toten vorüber — an Hügeln von Leichen … Vieler dieser Toten zeigen die Spuren entsetzlichster Agonie. Unnatürlich weit aufgerissene Augen — die Hände in die Erde gebohrt — die Haare des Bartes aufgerichtet — zusammengepreßte Zähne unter krampfhaft geöffneten Lippen — die Beine starr ausgestreckt, so liegen sie da. Jetzt durch einen Hohlweg. Hier liegen sie aufgeschichtet. Tote und Verwundete untereinander. Letztere begrüßen die Sanitätspatrouille wie rettende Engel und flehen und schreien um Hilfe. Mit gebrochenen Stimmen, weinend, wimmernd, rufen sie nach Rettung, nach einem Schluck Wasser … Aber ach — die Vorräte sind fast erschöpft, und was können die wenigen Menschen thun? Ein Jeder müßte hundert Arme haben, um da retten zu können … doch Jeder thut, was er kann. Da erschallt der langgezogene Ton des Sanitätsrufes. Die Leute stutzen und halten in ihren Handreichungen inne. „Verlaßt uns nicht, verlaßt uns nicht!“ flehen die Unglücklichen; doch wieder und wieder ruft das Hornsignal, welches, von allem andern Getöse unterscheidbar, deutlich in die Weite dringt. Da kommt auch noch ein Adjutant herangesprengt: „Mannschaft von der Sanität?“ „Zu Befehl!“ erwidert der Korporal. „Mir nach.“ Offenbar ein verwundeter General … Da heißt es gehorchen und die Anderen verlassen … „Mut und Geduld, Kameraden, wir kommen wieder.“ Die es sagen und die es hören, sie wissen, daß das nicht wahr ist. Und wieder geht es weiter. Dem Adjutanten — der, voransprengend, die Richtung weist — im Eilschritt nach. Da gibt es unterwegs kein Aufhalten, ob auch von rechts und links die Weh- und Hilferufe ertönen, ob auch auf die Eilenden selber manche Kugel fällt und Einen oder den Anderen hinstreckt — nur weiter, nur vorüber. Vorüber an unter dem Schmerz ihrer Wunden sich krümmenden Menschen, welche von über sie hinjagenden Rossen zertreten, oder von über ihre Glieder fahrenden Geschützen zermalmt wurden und welche, die Rettungsmannschaft erblickend, in ihrer Verstümmelung sich ein letztesmal emporbäumen: vorüber, vorüber! 53. Viertes Buch. 1866. // 8. Abschnitt