Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 3. Erstes Buch. 1859. // 3. Abschnitt An meinem achtzehnten Geburtstage wurde ich getraut, nachdem ich zuvor in die „Welt“ eingeführt und der Kaiserin „als Braut“ vorgestellt worden war. Nach unserer Hochzeit unternahmen wir eine Italienreise. Zu diesem Zweck hatte Arno einen längeren Urlaub genommen. Von einem Austritt aus dem Militärdienste war niemals die Rede gewesen. Zwar besaßen wir beide ziemlich ansehnliches Vermögen — aber mein Mann liebte seinen Stand und ich mit ihm. Ich war stolz auf meinen schmucken Husarenoffizier und sah mit Befriedigung der Zeit entgegen, da er zum Rittmeister — zum Obersten — und einst zum Generalgouverneur vorrücken würde…. Wer weiß, vielleicht war er zu noch höheren Geschicken bestimmt: vielleicht sollte er als großer Feldherr in der vaterländischen Ruhmesgeschichte glänzen…. Daß die roten Hefte gerade in der seligen Brautzeit und während der Flitterwochen eine Lücke aufweisen, thut mir jetzt sehr leid. Verflogen, verweht, in Nichts verflattert wären die Wonnen jener Tage freilich ebenso, wenn ich sie auch eingetragen hätte, aber wenigstens wäre ein Abglanz davon zwischen den Blättern festgebannt. Aber nein: für meinen Gram und meine Schmerzen fand ich nicht genug Klagen, Gedankenstriche und Ausrufungszeichen; die jammervollen Dinge mußten der Mit- und Nachwelt sorgfältig vorgeheult werden, aber die schönen Stunden, die habe ich schweigend genossen. — Ich war nicht stolz auf mein Glücklichsein und gab es daher niemand — nicht einmal mir selber im Tagebuche — kund und zu wissen! nur das Leiden und Sehnen empfand ich als eine Art Verdienst, daher das viele Großthun damit. Wie doch diese roten Hefte alle meine traurigen Lagen getreulich spiegeln, während zu frohen Zeiten die Blätter ganz unbeschrieben blieben. Zu dumm! Das ist, als sammelte Einer während eines Spazierganges — um Andenken daran nach Hause zu bringen — als sammelte er von den Dingen, die er auf dem Wege findet, nur das Häßliche; als füllte er seine Botanisierbüchse nur mit Dornen, Disteln, Würmern, Kröten und ließe alle Blumen und Falter weg. Dennoch, ich erinnere mich: es war eine herrliche Zeit. Eine Art Feenmärchentraum. Ich hatte ja alles, was ein junges Frauenherz nur begehren kann: Liebe, Reichtum, Rang, Vermögen — und das Meiste so neu, so überraschend, so staunenerregend! Wir liebten uns wahnsinnig, mein Arno und ich, mit dem ganzen Feuer unserer lebensstrotzenden, schönheitssicheren Jugend. Und zufällig war mein glänzender Husar nebenbei ein braver, herzensguter, edeldenkender Junge, mit weltmännischer Bildung und heiterem Humor (er hätte ja ebensogut — was bot der Marienbader Ball für eine Bürgschaft dagegen? — ein böser und ein roher Mensch sein können) und zufällig war auch ich ein leidlich gescheites und gemütliches Ding (er hätte auf besagtem Balle ebensogut in ein hübsches launenhaftes Gänschen sich verlieben können); so kam es denn, daß wir vollkommen glücklich waren und das infolgedessen das rotgebundene Lamento-Hauptbuch lange Zeit leer blieb. Halt: hier finde ich eine fröhliche Eintragung — Verzückungen über die neue Mutterwürde. Am ersten Januar 1859 (war {das} ein Neujahrsgeschenk!) ward uns ein Söhnchen geboren. Natürlich erweckte dieses Ereignis so sehr unser Staunen und unsern Stolz, als wären wir das erste Paar, dem so was passierte. Daher wohl auch die Wiederaufnahme des Tagebuchs. Von dieser Merkwürdigkeit, von dieser meiner Wichtigkeit mußte die Nachwelt doch unterrichtet werden. Ferner ist das Thema „junge Mutter“ so vorzüglich kunst- und litteraturfähig. Dasselbe gehört zu dem bestbesungenen und fleißig bemalten Vorwürfen; dabei läßt sich so gut mystisch und heilig gerührt und pathetisch, naiv und lieblich — kurz ungeheuer poetisch gestimmt sein. Zur Pflege dieser Stimmung tragen ja (sowie die Schulbücher zur Pflege der Kriegsbewunderung) alle möglichen Gedichtsammlungen, illustrierte Journale, Gemäldegalerien und landläufige Entzückungsphrasen unter der Rubrik „Mutterliebe“, „Mutterglück“, „Mutterstolz“ nach Kräften bei. Was zunächst der Heldenanbetung (siehe Carlyles [hero-worship]) im Vergötterungsfach Höchstes geleistet wird, das leisten die Leute in [baby-worship]. Natürlich blieb hierin auch ich nicht zurück. Mein kleiner herziger Ruru war mir das wichtigste Weltwunder. Ach, mein Sohn — mein erwachsener herrlicher Rudolf — was ich {für Dich} empfinde, dagegen verblaßt jene kindische Babybestaunung — dagegen ist jene blinde, affenmäßige, jungmütterliche Freßliebe so nichtig, wie ein Wickelkind ja selber gegen einen entfalteten Menschen nichtig ist…. Auch der junge Vater war nicht wenig stolz auf seinen Nachfolger und baute die schönsten Zukunftspläne auf ihn. „Was wird er werden?“ Diese eben noch nicht sehr dringende Frage wurde des öfteren über Rurus Wiege vorgelegt, und immer einstimmig entschieden: Soldat. Manchmal erwachte ein schwacher Protest von seiten der Mutter: „Wie aber, wenn er im Kriege verunglückt?“ „Ach bah“ ward dieser Einwurf weggeräumt — „es stirbt ja doch jeder nur dort und dann, wie es ihm bestimmt ist.“ Ruru würde ja auch nicht der einzige bleiben; von den folgenden Söhnen mochte in Gottes Namen einer zum Diplomaten, ein anderer zum Landwirt, ein dritter zum Geistlichen erzogen werden, aber der älteste, der mußte seines Vaters und Großvaters Beruf — den schönsten Beruf von allen — erwählen, der mußte Soldat werden. Und dabei ist’s geblieben. Ruru wurde schon mit zwei Monaten von uns zum Gefreiten befördert. Werden doch alle Kronprinzen gleich nach der Geburt zu Regimentsinhabern ernannt, warum sollten wir unsern Kleinen nicht auch mit einem imaginären Rang schmücken? Das war uns ein Hauptspaß, dieses Soldatenspielen mit einem Baby. Arno salutierte, so oft sein Bub auf den Armen der Amme ins Zimmer gebracht wurde. Letztere nannten wir die Marketenderin, und was bei dieser das Fouragemagazin hieß, lasse ich erraten; Rurus Geschrei ward Alarmsignal geheißen, und was „Ruru sitzt auf dem Exerzierplatz“ bedeutete, lasse ich abermals erraten sein. 4. Erstes Buch. 1859. // 4. Abschnitt