Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! // Eine Lebensgeschichte 21. Zweites Buch. Friedenszeit. // 11. Abschnitt Als am folgenden Tage die bestimmte Stunde schlug, gab ich, wie anläßlich seines ersten Besuches, Befehl, niemand anderen als Tilling vorzulassen. Ich sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefühlen leidenschaftlichen Bangens, süßer Ungeduld und — einiger Verlegenheit entgegen. {Was} ich eigentlich ihm sagen wollte, das wußte ich nicht genau — darüber wollte ich gar nicht nachdenken … Wenn Tilling etwa die Frage an mich stellte: „Nun denn, Gräfin, was haben Sie mir mitzuteilen — was wünschen Sie von mir?“ so konnte ich doch nicht die Wahrheit antworten, nämlich: „Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß ich Sie liebe; ich wünsche, daß — Du bleibst.“ — Aber in so trockener Form würde er mich wohl nicht verhören und wir würden uns schon verstehen, ohne solche kategorische Fragen und Antworten. Die Hauptsache war: ihn noch einmal sehen — und wenn schon geschieden sein mußte, so doch nicht ohne vorher ein herzliches Wort gesprochen, ein inniges Lebewohl getauscht zu haben … Bei dem bloß {gedachten} Worte Lebewohl füllten sich meine Augen mit Thränen. — In diesem Augenblick trat der Erwartete ein. „Ich gehorche Ihrem Befehle, Gräfin und — Was ist Ihnen?“ unterbrach er sich. „Sie haben geweint? Sie weinen noch?“ „Ich? … nein … es war der Rauch — im Nebenzimmer, der Kamin … Setzen Sie sich, Tilling … Ich bin froh, daß Sie gekommen sind —“ „Und ich glücklich, daß Sie mir befohlen haben zu kommen — erinnern Sie sich? im Namen meiner Mutter befohlen … Auf das hin habe ich mir vorgenommen, Ihnen alles zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Ich —“ „Nun — warum halten Sie inne?“ „Das Sprechen wird mir schwerer noch, als ich glaubte.“ „Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen — in jener schmerzlichen Nacht, wo Sie an einem Sterbebette wachten. — Wie kommt es, daß Sie jetzt so alles Vertrauen wieder verloren haben?“ „In jener feierlichen Stunde war ich aus mir selber herausgetreten — seither hat mich wieder meine gewohnte Schüchternheit erfaßt. Ich sehe ein, daß ich damals mein Recht überschritten — und um es nicht wieder zu überschreiten, hatte ich Ihre Nähe geflohen.“ … „In der That ja: Sie scheinen mich zu meiden. Warum?“ „Warum? Weil — weil ich Sie anbete.“ Ich antwortete nichts, und um meine Bewegung zu verbergen, wandte ich den Kopf ab. Auch Tilling war verstummt. Endlich faßte ich mich wieder und brach das Schweigen: „Und warum wollen Sie Wien verlassen?“ fragte ich. „Aus demselben Grunde.“ „Können Sie Ihren Entschluß nicht mehr rückgängig machen?“ „Ich könnte wohl — noch ist die Versetzung nicht entschieden.“ „Dann bleiben Sie.“ Er faßte meine Hand — „Martha!“ Es war zum zweitenmale, daß er mich bei meinem Namen nannte. Diese beiden Silben hatten einen berauschenden Klang für mich … Darauf mußte ich etwas erwidern, was ihm ebenso süß klänge — auch zwei Silben, in welchen alles lag, was mir das Herz schwellte, und meinen Blick zu ihm erhebend, sagt’ ich leise: „Friedrich!“ In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und mein Vater kam herein. „Ah, da bist Du ja!“ Der Bediente sagte, Du wärest nicht zu Hause … ich aber antwortete, daß ich auf Dich warten wollte … Guten Tag, Tilling! Nach Ihrem gestrigen Abschied bin ich sehr überrascht, Sie hier zu finden —“ „Meine Abreise ist wieder aufgehoben, Excellenz, und da kam ich —“ „Meiner Tochter eine Antrittsvisite machen? Schön. Und jetzt wisse, was mich zu Dir führt, Martha. Es ist eine Familienangelegenheit …“ Tilling stand auf: „Dann störe ich vielleicht?“ „Meine Mitteilung hat ja keine solche Eile.“ — Ich wünschte Papa samt seiner Familienangelegenheit zu den Antipoden. Ungelegener hätte mir keine Unterbrechung kommen können. Tilling blieb jetzt nichts Anderes übrig, als zu gehen. Aber nach dem, was eben zwischen uns vorgefallen, bedeutete Entfernung keine Trennung: unsere Gedanken, unsere Herzen blieben bei einander. „Wann seh’ ich Sie wieder?“ fragte er leise, als er mir zum Abschied die Hand küßte. „Morgen um neun Uhr früh im Prater, zu Pferd,“ antwortete ich rasch im selben Tone. Mein Vater grüßte den Fortgehenden ziemlich kalt, und nachdem sich die Thür hinter ihm geschlossen: „Was soll das bedeuten?“ fragte er mit strenger Miene. „Du lässest Dich verleugnen — und ich finde Dich in [tête-à-tête] mit diesem Herrn?“ Ich wurde rot — halb in Zorn, halb in Verlegenheit. „Was ist die Familienangelegenheit, welche Du —“ „{Das} ist sie. Ich wollte Deinen Courmacher nur entfernen, um Dir meine Meinung sagen zu können … Und ich betrachte es als eine für unsere Familie sehr wichtige Angelegenheit, daß Du, Gräfin Dotzky, geborene Althaus, Deinen Ruf nicht etwa verscherzest.“ „Lieber Vater, der sicherste Wächter meines Rufes und meiner Ehre ist mir in der Person des kleinen Rudolf Dotzky gegeben, und was die väterliche Autorität des Grafen Althaus anbelangt, so lasse mich in aller Ehrerbietung {Dich} erinnern, daß ich in meiner Eigenschaft als selbstständige Witwe derselben entwachsen bin. Ich beabsichtige nicht, mir einen Liebhaber zu nehmen, denn das ist’s, was Du zu vermuten scheinst; aber wenn ich mich entschließen wollte, wieder zu heiraten, so behalte ich mir vor, ganz frei nach meinem Herzen zu wählen.“ „Den Tilling heiraten? wo denkst Du hin? Das gäbe erst eine rechte Familienkalamität. Da wäre mir beinahe noch lieber … nein, das will ich nicht gesagt haben … aber ernstlich, Du führst doch keine solche Idee im Schilde?“ „Was wäre dagegen einzuwenden? Du hast mir erst neulich einen Oberlieutenant, einen Hauptmann und einen Major in Vorschlag gebracht — Tilling ist nun gar schon Oberstlieutenant —“ „Das ist das schlimmste an ihm. Wäre er Civilist, so könnte man ihm die Ansichten noch verzeihen, die er gestern vorgebracht hat; aber bei einem Militär grenzen dieselben hart an Verrat … Er möchte wohl gern seinen Abschied nehmen, um ja nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, einen Feldzug mitzumachen, dessen Strapazen und Leiden er offenbar fürchtet. Und da er kein Vermögen besitzt, so ist es eine ganz kluge Idee von ihm, eine reiche Heirat machen zu wollen. Ich hoffe aber zu Gott, daß sich zu diesem Zwecke keine Frau hergeben wird, welche die Tochter eines alten Soldaten ist, der in vier Kriegen gefochten hat, und bereit wäre, heute noch mit Begeisterung auszurücken — und die Witwe eines tapferen jungen Kriegers, welcher auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Tod gefunden.“ Mein Vater, welcher während des Sprechens mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging, war hochgerötet und seine Stimme zitterte vor Erregung. Auch ich war im Innersten erregt. Das Phrasenwerk, das hohle Wortgeklingel, in welche die Angriffe auf den Mann meiner Liebe eingekleidet waren, widerte mich an. Aber ich fand keine Entgegnung. Daß meine Verteidigung das bodenlose Unrecht, welches Tilling hier geschah, nicht aufheben konnte, das fühlte ich. Wenn mein Vater die gestern geäußerten Ansichten so falsch beurteilte, so lag das eben an einem gänzlichen Unverständnis. Gegen die Gesichtspunkte, welche Tilling vertreten hatte, war mein Vater einfach blind. Ich konnte ihn nicht sehend machen. Ich konnte ihn nicht lehren, einen anderen ethischen Maßstab — als den soldatischen, der ja in General Althaus’ Augen der höchste Maßstab war — an die Gesinnungen zu legen, welche jener als Mensch und Denker hegte. Aber während ich dem eben gehörten Ausfall gegenüber so stumm dastand, daß mein Vater wohl glauben mochte, er habe mich beschämt und meine Absichten im Keime erstickt, fühlte ich mich doppelt sehnsüchtig zu dem verkannten Manne hingezogen und in dem Entschluß bestärkt, die Seine zu werden. Ich war ja zum Glück frei. Des Vaters Mißbilligung konnte mich allerdings betrüben, allein mich von dem Zuge meines Herzens zurückhalten, das konnte sie nicht. Und auch zu großer Betrübnis war kein Raum in meiner Seele. Das wunderbare, das mächtige Glück, welches in der letzten Viertelstunde sich mir eröffnet hatte, war zu lebhaft, um daneben den Verdruß aufkommen zu lassen. 22. Zweites Buch. Friedenszeit. // 12. Abschnitt